BGH · IV ZR 254/57
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Rechtssatzs Aus dem Inhalt der Anweisung des Reichssicherheits-hauptamts vom 22« Juli 1941 an die Kriminalpolizei in Königsberg ist nichts dafür zu entnehmen* daß mit diesem Erlaß die davon betroffenen Zigeuner wegen ihrer Rasse verfolgt werden sollten« Zur Annahme einer rassischen Verfolgung auf Grund des Erlasses vom 6« Juli 1942 bedarf es grundsätzlich einer Feststellung des Y/ortlauts oder zu demindest des Inhalts dieses Erlasses; die Bemerkung in den sogenannten Auschwitz-Erlaß, daß jener Erlaß eine "ähnliche” Regelung enthalte, reicht für sich allein grundsätzlich noch nicht aus« Juli 1941 an die Kriminalpolizei in Königsberg über die Abschiebung der ostpreuöischen Zigeuner erklären« Diese Anweisung führe im einleitenden Absatz im ersten Orbz unzweideutig die Rassenfrage ein* Denn es heiße dorts "Sine allgemeine und endgültige Lösung der Zigeu-nerfrage kann im Augenblick nicht erfolgen*" Sie lasse mit ihrem zweiten Satzs "Dagegen steht einer vorläufigen Sonderregelung für Ostpx’euöen nichts im »tege", ebenfalls keinen Zweifel daran* daß sie die Behandlung der Zigeuner als solcher im Auge habe* folgerichtig empfehle die Anweisung im dritten Satz? Dezember 1942 über die Einweisung der Zigeuner in Konzentrationslager sei zu dem Schluß nach Ziff* 13 gesagts "Ähnliche Regelungen sind getroffen für Zigeuner des ehemaligen Burgenlandes durch Zrla^ vom . ; Zigeuner Ostpreußens durch Erlaß des Reichssicherheitsh&uptamts - V A 2 Nr. 281/III/42 vom 6*7* 19425 Zigeuner aus den Alpen-und Donaureichsgauen •»...**"» Obwohl den Berufungsgericht der Erlaß für Ostpreußen xnit seinen einzelnen Bestimmungen nicht Vorgelegen hat. keine Bedenken anzunehmen, daß er Maßnahmen gegen die Zigeuner wegen ihrer Rasse enthalte* daß er ihre Festnahme und übex’führung in Konzentrationslager angeordnet und ebenfalls den Zweck verfolgt habe, die Vernichtung der in Ostpreußen lebenden Zigeuner vorzubereiten und durchzuführen* Bas will das Berufungsgericht daraus schließen, daß die Ausführungsanordnung vom 29« Januar 1943 den Erlaß vom 6* Juli 1942 als einen Erlaß mit einer "ähnlichen Regelung" bezeichne und daß der Auschwitz-Erlaß zweifellos eine rassische Verfolgung der Zigeuner zun Gegenstand habe. Sodann lasse sich dies aus der Anweisung vom 22o Juli 19^1 entnehmen, aus der sich ergehe, daß man an der verantwortlichen Stelle im Reichssicherheitshaupt-amt geglaubt habe, in Ostpreußen schon eher als in anderen Teilen des Reiches die Zigeunerfrage von der rassischen Seite her lösen zu können» Zumindest wäre daher mit dem Erlaß vom 6» Juli 1942, der vermutlich Anfang August 1942 durchgeführt worden sei, die Einleitung einer rassischen Verfolgung der in Ostpreußen befindlichen Zigeuner zu erblicken, so daß jedenfalls für die Zeit vom 1. August 1942 bis 28* Februar 1943«, also für weitere 7 Monate, eine HaftentSchädigung mit insgesamt 1*050,— DM der Klägerin zuzubilligen sei» Von Nachforschungen nach den Inhalt und nach der Bedeutung und der Art der Durchführung der Anweisung vom 22, Juli 1941 hat das Berufungsgericht nach anfänglichen Ermittlungsversuchcn abgesehen, da die Erlasse sich ausschließlich an die Polizei-stellen in Ostpreußen gerichtet haben, dort die Unterlagen größtenteils vernichtet und soweit etwa noch vorhanden, nicht zugänglich seien, III* Soweit die Revision Verfahrensrugen gegen die Beurteilung der Erlasse vom 22» Juli 1941 und 6, Juli 1942 erhebt, sind sie begründet» Zwar handelt es sich hei der Frage, oh die Klägerin aus rassischen Gründen verhaftet worden ist, grundsätzlich um eine Tatfrage, ihi*e Beurteilung unterliegt auch, soweit sie auf Würdigung historischer Vorgänge beruht, nicht, wie ales die Revision meint, der freien Beurteilung des Revisionsgerichts. als Verwaltungsakt auch im Revisionsverfahren ausgelegt werden; aus ihr läßt sich jedoch nichts über eine rassische Verfolgung entnehmen* Im Gregenteil ergibt sich nur, daß man die Zigeuner, die ja auch schon vor der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus als asozial galten, zu dem Arbeitseinsatz bringen wollte; eine allgemeine und endgültige Lösung der Zigeu nerfrage sollte nach dem Erlaß vom 22, Juli 1941 noch nicht er folgen und sie ist auch, wie dies bereits in der Entscheidung des erkennenden Senats - obgedruckt in RzW 56, 113 ausgeführt ist, vor dem Auschwitz-Erlaß noch nicht in einer Vernichtung der Zigeuner aus rassischen Gründen gesehen worden* Die erst annähernd 1 Jahr später herausgegebene Ausführung des Ober kommandos der Wehrmacht über den Ausschluß der Zigeuner vom V/ehrdienst läßt sich für die Auslegung eines Erlasses über den Arbeitseinsatz der Zigeuner im Jahre 1941 nicht verwerten. In diesem Zusammenhang kann auch die wiederholte Straffälligkeit der Klägerin,’ die verhältnismäßig kurz vor ihrer Verhaftung lag, nicht ohne Bedeutung sein» Vielmehr kann ihre Verbringung in ein Lager auch auf den Erlaß des Preußischen Ministers des Innern vom 14« Dezember 1937 und dem Schnellbrief des Reichskriminalpolizeiamts vom 1. Da sonst rassische Gründe für die Verhaftung der Klägerin bisher nicht festgestellt sind, kann es sich im übrigen nur fragen, ob etwa die weitere Inhaftierung der Klägerin auf Grund des Erlasses vom 6, Juli 1942 aus Rassegründen erfolgt ist, ähnlich wie dies nach dom oben angeführten urteil hinsichtlich der Zigeuner für die Zeit ab 1* März 1943 naheliegt, Las Berufungsgericht hat dies angenommen, weil in der Ausführungsverordnung vom 29- Januar 1943 zu dem nahme rechtfertigen lassen, daß bereits dieser Erlaß Anordnungen enthalter habe, wie sie mit dem Auschwitz-Brlaß und der Ausführungsanordnung zu diesem getroffen worden sind«, Es kann aber nicht anerkannt werden, daß das Berufungsgericht in dieser Hinsicht der in § 176 BBC- normierten Pflicht, von Amts wegen alle für die Entscheidung erheblichen Tatsachen zu ermitteln, nachgckomnen ist«, Es ist bekannt, daß das Institut für Zeitgeschichte in München, das Institut für Strafrecht an * der Universität Gottingen und das Institut für Kriminologie w und Strafvollcugskunde an der Universität Freiburg/Brsg, in Besitz von Unterlagen über die Behandlung der Zigeuner während der Herrschaft des Nationalsozialismus sind oder Uber diese Präge besondere Kenntnisse besitzen- Von der Möglichkeit, durch diese stellen Material über die Behandlung der Zigeuner in Ostpreußen, insbesondere auf Grund des Erlasses vom 6« Juli 1942 zu erlangen, hätte daher das Berufungsgericht Gebrauch machen müssen (vgl, auch die Entscheidung des erkennenden Senats RzW 57, 202^), Sod8iin ware es angebracht gewesen, auch Ermittlungen nach dem Inhalt der übrigen in Ziff- 13 der Ausfuhrungsanordnung des Reichssicherheitshauptants vom 29- Januar 1943 erwähnten Erlasse anzustellen, da aus /ihnen, wenn der Erlaß für Ost- *»\ preußen nicht zu ermitteln wäre, ein Schluß auf seinen Inhalt wohl besser gezogen werden könnte.