BGH · IV ZR 250/60 vom 08.02.1961
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Die Klägerin ist die Witwe des am 26- März 1900 gebognen Dro Reinhard Dieser gehörte zu dem Kreis der aus rassischen Gründen verfolgten Personen« Der Erblasser promovierte im Jahre 1928 an der Philosophischen Fakultät l in Hamburgo Er eröffnete im Jahre 1932 in Berlin ein Institut für psychologische Beratung und hielt Kurse bei Firmen ab« Nach seinen Angaben verdiente er jährlich etwa 15°000 oder 20•000 RM. Durch den Bescheid vom 27» Oktober 1959 hat das Entschädigungsamt der Klägerin unter Einreihung des Erblassers in die vergleichbare Beamtengruppe des höheren Dienstes und unter Zugrundelegung seinessAlters bei Beginn der Schädigung - ab» 1» Februar 1936 - von 35 Jahren eine Kapitalentschädigung in Höhe von 27»083 DM zugebilligt, ihre weitergehenden Ansprüche dagegen abgelehnt» Das Entschädigungsamt ist bei seiner Entscheidung davon ausgegangen,,daß der Erblasser eine ausreichende Lebensgrundlage im Sinne der §§ 75 Abs» 1 und 2 BEG, 12 der 3= DV-BEG am 31° März 1949 erreicht habe« Am 1» April 1949 habe sein Einkommen die Tabellensätze der Anlage 1 zur 3o DV-BEG überschritten» Das Einkommen sei auch nachhaltig gewesen» Die Verringerung seiner Einnahmen für die Dauer von 9 Monaten im Jahre 1951 sei vermutlich auf seine Übersiedlung nach Hamburg zurückzuführen• In Deutschland habe er von Anfang an ein Einkommen erzielt, das die Tabellen-Sätze erheblich überschritten habe» b) eine lebenslängliche Rente für die Zeit vom Io Juli 1956 bis zu dem 31« März 1959 in Höhe von monatlich 360 DM, ab 1» April 1959 in Höhe von monatlich 378 DM zu zahlen, abzüglich der durch den angefochtenen Bescheid gewährten Kapitalentschädigung, hilfsweisde den Beklagten zu verurteilen, an die Klägerin eine weitere KapiialentSchädigung in Höhe von 12 o917 DM zu zahlen. 1o ln erster Linie wendet sich die Klägerin dagegen, daß das Berufungsgericht ihren Rentenanspruch deshalb als unbegründet angesehen habe, weil ihr verstorbener Ehemann im Zeitpunkt seines Todes eine Erwerbstätigkeit ausgeübt habe, die ihm eine ausreichende Lebensgrundlage geboten habe* Nach dem vom Berufungsgericht festgestellten Sachverhalt ist die Klägerin ihrem verstorbenen Ehemann in die Emigration nach Norwegen und England gefolgt» Allein auf Grund dieser Tatsache liegt die Annahme nahe, daß sie von der gegen ihren Ehemann gerichteten Verfolgung betroffen worden ist» Einer abschließenden Entscheidung dieser Drage bedarf es jedoch nicht» In jedem Dalle hat das Berufungsgericht mit Recht einen Rentenanspruch der Klägerin nach § 86 Abs* 2 Satz 1 BEG deshalb nicht für begründet erachtet, weil vor dem Tode des Ehemannes die Voraussetzungen für die Ausübung des Wahlrechte für ihn nicht gegeben waren* Das Wahlrecht hängt nach § 86 Abs* 2 Satz 1 in Verbindung mit § 82 BEG davon ab, daß der Verfolgte im Zeitpunkt seines Todes keine Erwerbstätigkeit ausgeübt hat, die ihm eine ausreichende Lebensgrundlage bot und daß ihm auch die Aufnahme einer solchen Tätigkeit nicht zuzu demuten war* Der Erblasser der Klägerin hatte aber nach den Reststellungen des Berufungsgerichts eine solche sein Wahlrecht ausschließende Tätigkeit ausgeübt* Denn er hatte vor seinem Tode nachhaltig Einnahmen, die die aus der An- 2o Das Berufungsgericht hat auch zutreffend auf den für die Beurteilung der Frage der Erreichung einer ausreichenden Lebensgrundlage entscheidenden Zeitpunkt abgestellt» Nach dem eindeutigen Wortlaut des § 86 Abs» 2 BEG kommt es darauf an, daß die Voraussetzungen für die Ausübung des Wahlrechts des Berechtigten ’’vor seinem Tode’! Vorlagen» Der den Tod verursachende Verkehrsunfall des Erblassers der Klägerin muß daher für die Entscheidung der Frage des nach § 86 Abs«, 2 BEG maßgebenden Zeitpunkts außer Betracht bleiben» Entscheidend sind allein die tatsächlichen Verhältnisse, die vor dem tödlichen Unfall des Verfolgten bestanden» Wollte man anders entscheiden, so würde in jedem Falle ein Ren-tenwahlreeht des Verfolgten zu bejahen sein, da er im Zeitpunkt seines Todes naturgemäß eine Tätigkeit, die ihm eine ausreichende Lebensgrundlage gewährleistet, nicht mehr ausüben kann» Der Hinweis des § 86 Abs» 2 BEG auf die in § 82 Abs» 2 BEG genannten Voraussetzungen für die Ausübung des Wahlrechts würde dann eines materiellen Inhalts entbehren und praktisch gegenstandslos sein» Denn die Voraussetzungen für die Ausübung des Wahlrechts würden bei dieser Auslegung des Gesetzes in jedem Palle vorliegen und einer Prüfung dieser Voraussetzungen, die der Gesetzgeber offensichtlich verlangen wollte, würde es nicht mehr bedürfen» Entscheidend ist daher allein, ob der Berechtigte vor seinem Tode eine ausreichende Lebensgrundlage gehabt hat., Die Frage, ob die Rechtslage anders ist, wenn der Verfolgte eine Krankheit oder einen Unfall erleidet, an deren Folgen er erst einige Zeit später verstirbt, kann dahingestellt bleibeno Wenn dem Verfolgten eine solche Erkrankung oder ein solcher Unfall die Ausübung seiner beruflichen Tätigkeit längere Zeit hindurch unmöglich machen, kann allerdings ein Wahlrecht der Witwe nach § 86 Abs» 2 BEG in Erwägung gezogen werden» Ein solcher Fall liegt hier jedoch nicht vor, da der Unfall unmittelbar zu dem Tode des Erblassers geführt hat und die Voraussetzungen für die Ausübung des Wahlrechts zu einem vor seinem Tode liegenden Zeitpunkt nicht gegeben waren» Mit Recht hat daher das Berufungsgericht einen Anspruch der Klägerin auf Zubilligung einer Rente wegen des Berufsschadens ihres verstorbenen Ehemannes als unbegründet angesehen» 3« Auch ein Anspruch auf eine höhere Kapitalentscha-digung als sie ihr vom Berufungsgericht zugesprochen worden ist, steht der Klägerin nicht zu» Zu dieser Frage hat das Berufungsgericht tatsächlich festgestellt, daß der Erblasser bereits ab 1. Diese tatsächlichen Feststellungen greift die Klägerin vergebens mit dem Hinweis an, das Berufungsgericht habe bei der Prüfung der Frage, von welchem Zeitpunkt an der Erblasser der Klägerin erstmalig eine ausreichende Lebensgrundlage erlangt habe, nicht beachtet, daß die Durchschnittseinkommen für drei Jahre beim Vergleich des Einkommens des Erblassers der Klägerin mit den Tabellensätzen der Anlage 1 der 3«DV-BEG in Vergleich gesetzt werden mußten und nicht die einzelnen Jahre« Die gegenteilige Berechnungsmethode ist richtig« Soll ermittelt werden, ob der Verfolgte nachhaltig eine ausreichende Lebensgrundlage erzielt hat, so müssen für den in Frage stehenden Zeitraum die in jedem Jahr erzielten Einnahmen mit den Vergleichseinkommen der VO in Vergleich gesetzt werden« Das hat das Berufungsgericht getan« Wenn es auf Grund dieser Berechnungsmethode zu der tatsächlichen Feststellung gelangt, daß der Erblasser bereits in den Steuerjahren 1949/50 und 1950/51 (das Steuerjahr jeweils vom 1«4« - 31 <>3° gerechnet) Beträge verdient habe, die über den Vergleichszahlen gelegen hätten, so ist dies nicht zu beanstanden« Die Würdigung des Berufungsgerichts, daß das Einkommen des Erblassers bereits im Jahre 1949 nachhaltig gewesen sei, da es einem optimalen Beobachter schon zu der damaligen Zeit erkennbar gewesen sei, daß der Erblasser der Klägerin auch in Zukunft Einnahmen in dieser Höhe erzielen würde, gibt zu rechtlichen Bedenken ebenfalls keine Veranlassung« Das gilt auch von der Annahme, daß das auf besonderen Umständen (Aufgabe der Tätigkeit in England, Vorbereitung der Übersiedlung nach Deutschland) beruhende Absinken der Einnahmen im Jahre 1952 die Annahme der Nachhaltigkeit der erreichten Lebensgrundlage nicht entgegenstehe 0 Y/enn die Klägerin im ^Revisionsverfahren Zahlen über die Höhe der Einnahmen ihres verstorbenen Ehemannes vorbringt, die mit den Feststellungen des Berufungsgerichts