BGH · IV ZR 243/62
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Kläger und Revisionsbeklagten, Rechtsanwalt hat der IVo Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 22« Februar 1963 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Ascher und der Bundesrichter Johannsen, Maaß» Dr. Loewenheimund Dr0 Graf für Recht erkannt: Port habe er, so behauptet er, auf Anordnung der deutschen Besatzungsbehörden den Judenstern tragen raussen und sei seit dem 9« Oktober 1939 zu Zwangsarbeiten für die deutsche Wehrmacht herangezogen worden-."Im April 1940 sei er in seinem Wohnort in ein kaserniertes Zwangsarbeitslager eingewiesen worden und von dort im September 1941 in das Örtliche Ghetto verbracht worden. Mit der Klage verfolgt der Kläger seinen Anspruch auf Entschädigung für die Zeit vom 1» Mai 1945 bis Ende März 1945 weiter* Er macht geltend, die besonderen Umstände, unter denen die Juden in der Illegalität hätten leben müssen, vor allem die ständige Angst vor dem ihnen im Palle der Entdeckung mit Sicherheit bevorstehenden furchtbaren Ende, habe ihr Leben menschenunwürdig gemacht* Er sei an seiner Aussprache für die "arischen” Polen leicht erkennbar gewesen und habe sich daher weitgehende Beschränkungen im Umgang mit seiner Umgebung auferlegen müssen* Außerdem habe er einem polnischen "Capo", der ihn als Juden verdächtigt habe, einen Großteil seiner Ernährung überlassen müssen, um dessen Stillschweigen zu erreichen* Um nicht aufzufallen, habe er seine religiösen Bräuche nicht ausüben können, habe vielmehr in Duisburg mit den katholischen Polen den Gottesdienst besuchen müssen. Der Kläger hat Berufung eingelegt und beantragt, unter Aufhebung des angefochtenen Urteils das beklagte Land zu verurteilen, an ihn wegen eines Preiheits-schadens von 23 Monaten eine Kapitalentschädigung von 3 450 DM zu zahlen* Zwangsarbeit habe leisten müssen« Der Kläger könne jedoch für die Zeit seines Arbeitseinsatzes in Deutschland eine Entschädigung nach § 47 BEö veriangen, weil er während dieser Zeit unter menschenunwürdigen Bedingungen in der Illegalität gelebt habe* Seine Behauptung, er sei im August 1944 nach Deutschland zu dem Arbeitseinsatz gebracht worden und habe in den Lagern unter dem falschen Namen Jozef als Pole nichtjüdischer Abstammung gelebt, seine wahre Persönlichkeit also verborgen gehalten, sei glaubhaft» Nicht bewiesen und auch nicht ohne weiteres glaubhaft sei allerdings die Darstellung des Klägers, er habe einem polnischen "Capo" einen Teil seiner ohnehin kärglichen Verpflegung abgeben müssen, damit dieser ihn nicht als Juden anzeige, er habe ein durch die überschwere Arbeit entstandenes Bruchleiden nicht behandeln lassen können, er sei als Jude an der Sprache für jeden Polen leicht erkennbar gewesen und er habe, um nicht aufzufallen, mit den anderen Polen den christlichen Gottesdienst besuchen müssen. das Dasein in der dauernden Angst, im Palle der Entdeckung mit dem Abtransport nach dem Osten oder in ein Konzentrationslager und dort mit dem sicheren Tode, möglicherweise nach langem, qualvollen Leidensweg, rechnen zu müssen« Davon abgesehen seien die Bedingungen, unter denen die Fremdarbeiter aus Polen und den übrigen Ostgebieten in Deutschland hätten arbeiten müssen, schon an und für sich nicht als menschenwürdig zu bezeichnen gewesen« Das beklagte Land könne sich demgegenüber nicht darauf berufen, daß diese Lebensund Arbeitsbedingungen in gleicher Weise alle polnischen Zivilarbeiter getroffen hätten und daß daher kein Kausalzusammenhang zwischen der rassischen Verfolgung des Klägers und seiner Verbringung in das Reich und seinem Leben unter den genannten Bedingungen bestehe. 1« Dem Oberlandesgerieht kann nicht gefolgt werden* wenn es sich gegen die ständige Rechtsprechung des erkennenden Senats wendet, daß die seelische Belastung* der ein in der Illegalität lebender Jude durch die ständige Furcht vor der Entdeckung und ihren Folgen ausgesetzt war* nicht ausreiche, um das gesetzliche Erfordernis eines Lebens unter menschenunwürdigen Bedingungen als erfüllt anzusehen» Es besteht auch nach erneuter Überprüfung keine Veranlassung* von der bisherigen Hechtspreehung zu dieser Frage abzugehen * Auf die dazu in den früheren Entscheidungen gegebene Begründung kann verwiesen werden (vgl» Entscheidungen vom 11• Juli 1956 - IV ZR 85/56 -, IM Nr. 3 zu § 47 BEG 1956 * RzW 1956* 534 Nr» 35; vom 9c Januar 1957 - IV ZR 229/56 LM Nr» 1 zu § 47 BEG 1956 * RzW 1957* 88 Nr» 34; vom 15. 2» Die Entscheidung des Oberlandesgerichts wird auch nicht von der Hilfsbegründung des Berufungsurteils getragen* die Bedingungen, unter denen die Fremdarbeiter aus Polen und den übrigen besetzten Ostgebieten in Deutschland hätten loben und arbeiten müssen, seien schon an und für sich nicht als menschenwürdig zu bezeichnen gewesen. Nach ständiger Rechtsprechung des erkennenden Senats (Urteil vom 11o Juli 1956* aaO) sind "menschenunwürdige Bedingungen“ im Sinne des § 47 BEG solche* denen der Verfolgte infolge des Lebens in der Illegalität unterworfen war und die sein Leben auf oder unter die Stufe des Lebens eines Häftlings brachten» Diese Voraussetzungen hat das Oberlandesgerieht darin orblickt, auch die Polen seien* ebenso wie die Juden* der or~ dentliehen Gerichtsbarkeit entzogen und rechtlos der Willkür der Gestapo ausgeliefert gewesen* Auf Grund einer Vereinbarung des Reichsführers SS mit dem Reichsjustizminister sei die Kriminalität unter den polnischen Zivilarbeitern grundsät2*, lieh durch die Polizei bekämpft worden« Ein gerichtliches Strafverfahren habe nur auf besonderen Wunsch der Polizei stattgefunden« Pie Stapo-Steilen hätten die anfallenden Strafsachen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Zwangsmitteln zu erledigen gehabt» erforderlichenfalls durch Beantragung einer Sonderbehandlung, d« h««Tod durch Strang, beim Reichssicherheitshauptamt« Die Gestapo habe auch wegen geringfügiger Vergehen und Ordnungswidrigkeiten unverhältnismäßig harte Strafen verhängt« Sogenannte Arbeitsvertragsbrüche, Arbeitsverweigerung, unerlaubtes Verlassen des Arbeitsplatzes usw« seien z« B« mit Einweisung in ein Arbeitserziehungslager oder Konzentrationslager geahndet worden, Geschlechtsverkehr oder auch bloße unsittliche Handlungen mit deutschen Frauen seien auf Grund von Geheimerlassen des Reichsführers SS mindestens mit Einweisung in ein Konzentrationslager auf Kriegsdauer, in der Regel aber mit dem Tode durch Erhängen (Sonderbehandlung) bestraft worden, ohne daß für diese Maßnahmen eine Grundlage in einem Gesetz oder einer ordnungsgemäß verkündeten Verordnung bestanden habe« Zur Aufrechterhaltung straffer Arbeitsdisziplin unter den polnischen Zivilarbeitern seien die Örtlichen Gendarmerieposten befugt gewesen, "mit körperlicher Züchtigung vorzugehen" und unbotmäßiges Verhalten "durch Verabreichung einer angemessenen Zahl von Stockhieben, die nach Möglichkeit von Polen selbst vollzogen werden solle", zu ahnden« Außerdem seien Ernährung und Unterbringung der polnischen Fremdarbeiter schlechter als diejenige deutscher Arbeiter oder von Fremdarbeitern aus dem Westen gewesen. § 47 BEG, Anm» 3 h So 271) kommt es aber für die Frage, ob der Kläger - durch seine Illegalität bedingt “Unter menschenunwürdigen Bedingungen hat leben müssen, auf eine Gesamtwürdigung der konkreten Lebensumstände an, denen er in den Lagern Luisburg, Mannheim, Geldern und Emmerich tatsächlich unterworfen war» Nur diese Auffassung trägt dem Umstande Rechnung, daß, außer dem Tragen des Judensterns,nicht schlechthin das Leben in der Illegalität zur Entschädigung wegen' Freiheitsbeschränkung berechtigt, sondern daß der Gesetzgeber darüber hinaus verlangt, daß der illegal lebende Verfolgte weiter unter besonderen Bedingungen hat leben müssen, die für sich gesehen, menschenunwürdig waren. Ob der Verfolgte unter solchen menschenunwürdigen Bedingungen gelebt hat, kann nur von Pall zu Fall nach dem Milieu, in dem der betreffende Verfolgte sich befunden hat, entschieden werden* Nach § 47 BEO kann diese Frage nicht ohne Rücksicht auf die sonstigen konkreten damaligen Lebensverhältnisse des Verfolgten allein deswegen bejaht werden, weil er, wie zu dem Beispiel die Bolen und insbesondere auch die polnischen Zwangsarbeiter in Deutschland, unter einem menschenunwürdigen Ausnahmerecht stand, durch das er letztlich außerhalb der Rechtsordnung gestellt und der der Willkür/nationalsozialistischen Gewalthaber besonders preisgegeben wurde« Personen, die in dieser Weise außerhalb der Rechtsordnung gestellt waren, wurden damit allerdings menschenunwürdig behandelt. Dur einen Verfolgten, der als polnischer Zwangsarbeitor in Deutschland gearbeitet hat, kommt es daher auch auf die konkreten Umstände an, unter denen er lebte, insbesondere darauf, wie er gelebt hat und welche Behandlung ihm zuteil geworden ist.