BGH · IV ZR 241/56
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
1) Eine Freiheitsentziehung durch einen ausländischen Staat löst nur dann einen Entschädigungs-anspruch wegen Freiheitsentziehung aus, wenn die besonderen tatbestandsmäßigen Voraussetzungen des Satz 2 des Abs 1 dieser Vorschrift vor-liegen, Nachdem das Landesamt für die Wiedergutmachung in ^ Tübingen durch Teilbescheid vom 4» November 1953 den HaftentSchädigungsanspruch abgelehnt hatte, hat der Kläger Klage erhoben und beantragt, das beklagte Land zu verurteilen, ihm eine Haftentschädigung für eine erlittene Haftzeit von 24 Monaten in Höhe von 3.600,- DM zu zahlen. Februar 1955 zugestellte Urteil hat das Landgericht der Klage in Höhe von 450,- DM (für die Internierung in den Lagern Martigny und Bühren) stattgegeben, im übrigen aber den Klageanspruch als unbegründet abgewiesen. Das Gericht führt aus, der Anspruch sei dem Grunde nach zu bejahen, Zwischen der durch rassische Verfolgungsmaßnahmen erzwungenen Auswanderung des Klägers und seiner Internierung in den Schweizer Lagern bestehe ein adäquater Kausalzusammenhang. Las beklagte Land hat das Urteil des Oberlandesgerichts mit der Revision angegriffen und beantragt, die Klage in vollem Umfang abzuweisen. Eie Revision des beklagten Landes, das allein das Urteil des Oberlandesgerichts angegriffen hat, ist begründet, lo Eie Präge, ob dem Kläger für seinen Aufenthalt in den Lagern Martigny und Bühren ein Anspruch auf eine HaftentSchädigung wegen Freiheitsentziehung zusteht, ist ausschließlich nach den Vorschriften des Bundesentschädigungsgesetzes vom 29. § 16 Abs 1 Bundesergänzungs-ges'etz hatte der Verfolgte einen Anspruch auf Entschädigung für Freiheitsentziehung, gleichgültig, ob diese innerhalb oder außerhalb des Geltungsbereichs des Gesetzes stattgefunden hatte« Eie Frage, ob und gegebenenfalls unter welchen Voraussetzungen auch eine Inhaftierung auf Grund von Anordnungen ausländischer Staaten den Inhaftierten berechtigte, Ansprüche auf eine Haftentschädigung nach dem BErgG geltend zu machen, war im Gesetz nicht ausdrücklich geregelt. Nunmehr enthält § 43 Abs 1 Satz 2 HEG eine ausdrückliche Regelung« Banach besteht der Anspruch dann, wenn ein ausländischer Staat unter Mißachtung rechtsstaatlicher Grundsätze die Freiheit entzogen hat und Die Frage des Bestehens eines Anspruchs auf eine HaftentSchädigung wegen einer Freiheitsentziehung infolge von Maßnahmen ausländischer Staaten wurde in Rechtsprechung und Schrifttum verschieden beantwortet, da der Sinn und die Tragweite des § 16 BEG nicht zweifelsfrei war. Der Bundesgerichtshof hat in ständiger Rechtsprechung die Auffassung vertreten, daß in Fällen von Gewaltmaßnahmen selbständiger ausländischer' Staaten ein Haftentschädigungsanspruch nur dann zu bejahen sei, wenn zwischen der Verhaftung des Ver-* Aus diesen Gründen bedeutet die Begrenzung des Haftentschädigungsanspruchs in den Fällen, in denen die Freiheitsentziehung auf Maßnahmen eines ausländischen Staates beruht, keine Schlechterstellung der Verfolgten gegenüber dem bisherigen Rechtszustand, sondern ausschließlich eine im Interesse der Rechtssicherheit und Rechtseinheitlichkeit erfolgte Klarstellung. 3. Sinn und Bedeutung der Vorschrift des § 43 BEG gehen dahin, daß eine Freiheitsentziehung durch einen ausländischen Staat nur dann einen Haftentschädigungs- Andererseits bedarf es keiner Prüfung mehr; ob zwischen der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahme und der Inhafthaltung durch den ausländischen Staat ein adäquater Kausalzusammenhang besteht» Per Anspruch des Verfolgten wegen einer Freiheitsentziehung durch Maßnahmen eines ausländischen Staates besteht vielmehr immer bereits dann, wenn die Freiheitsentziehung dadurch ermöglicht worden ist, daß der Verfolgte die deutsche Staatsangehörigkeit oder den Schutz des Deutschen Reiches verloren hat oder die Regierung des ausländischen Staates von der nationalsozialistischen deutschen Regierung zu der Freiheitsentziehung veranlaßt worden ist, vorausgesetzt nur, daß der ausländische Staat bei der Inhaftnahme oder dem Vollzug der Haft rechtsstaatliche Grundsätze verletzt hat» Paß die Internierung als solche, zu demaOj während des Krieges keine Mißachtung rechtsstaatlicher Grundsätze darstellt, folgt, wie der erkennende Senat in seiner Entscheidung vom 2» Mai 1956 - RzW 1956, 216^ - und vom 14, Juli 1956 -.IV ZR 106/56 - ausgeführt hat, schon daraus, daß die von deutscher Seite gegen die Juden ergriffenen Gewaltmaßnahmen eine verstärkte illegale Flucht der von diesen Maßnahmen Betroffenen zur Folge haben mußten» Aus diesem Grunde mußten die von einer verstärkten ungeregelten Einwanderung betroffenen Länder diese Flüchtlinge nach ihrem Grenzübertritt nicht selten schon aus Gründen der eigenen Ordnung und Sicherheit festnehmen und in Verwahrung halten» Weise der Internierung gegen rechtsstaatliche Grundsätze verstoßen habe, ergibt der.festgestellte Sachverhalt nichts» Ler Kläger selbst hat, wie das Oberlandesgericht in den Gründen seiner Entscheidung ausführt, nicht behauptet, daß Umstände Vorgelegen hätten, die dem Lageraufenthalt einen menschenunwürdigen Charakter verliehen hätten, wie z»B völlig unzureichende Unterbringung und Verpflegung, besonders demütigende Behandlung oder Mangel an ;jeder ärztlichen Versorgung» Wenn ferner auch nach dem In--halt der Akten und der angefochtenen Entscheidung nichts dafür spricht, daß solche Umstände Vorgelegen hätten, so kann bereits hieraus die sichere Schlußfolgerung gezogen werden, daß der Schweizer Staat die Freiheit des Klägers nichtunter solchen Umständen entzogen hat, die eine Verletzung rechtsstaatlicher Grundsätze bedeutet hätten» Darüber hinaus spricht auch die Ordnung des Schweizer Gemeinwesens und die Beachtung der Grundsätze des.internationalen Rechts durch den Schweizer Staat entscheidend gegen eine solche Annahme» Sind aber die besonderen Voraussetzungen, von denen § 45 Abs 1 Satz 2 BEG das Bestehen eines Entschädigungsanspruchs wegen einer durch Maßnahmen eines ausländischen Staates herbei- geführten Freiheitsentziehung abhängig macht, nicht gegeben, so ist der Anspruch des Klägers unbegründet, ohne daß es einer weiteren Prüfung der Frage bedurft hätte, ob die weiteren in den Nummern 1 und 2 des § 43 Abs 1 Satz 2 BEG normierten Anspruchsvoraussetzungen Vorgelegen hätten-