BGH · IV ZR 238/55
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
gegen die Freie Hansestadt Bremen, gesetzlich vertreten durch den Senator für Arbeit, Beklagte und Revisionsbeklagte, - Prozeßbevollmächtigter: Rechtsanwalt Br«^^^^ in hat der IV0 Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 19» September 1956 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Schmidt, der Bundesrichter Ascher, BroV*Werner, Wüstenberg und Br„Spreng für Recht erkannt: Das Berufungsgericht hat als erwiesen angesehen, daß der Ehemann der Klägerin als kommunistischer Funktionär eine gegen den Nationalsozialismus gerichtete politische Überzeugung besessen hat und wegen dieser durch nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen verfolgt worden ist« Auch seine Einberufung zur Einheit *999 hat es als eine Gewalt-maßnahme angesehen, weil er ohne die Zuchthausstrafe zu einer anderen Einheit eingezogen worden wäre« Es hat aber verneint, daß der Dienst in dieser wie dem Festungs-Inf« Btl. Xll/999 eine Freiheitsentziehung gewesen sei« Ferner hat es für erwiesen erachtet, daß der Ehemann der Klägerin nicht infolge nationalsozialistischer Gewaltmaßnahmen, sondern durch Feindeinwirkung im normalen Kriegseinsatz gefallen sei« Aus diesen Gründen hat es der Klägerin die von ihr verlangte Witwenrente versagt« Die Angriffe der Revision gegen das Berufungsurteil sind nicht begründet« Zwar ist nach §*45 Abs 3 des nach Erlaß des Berufungsurteils in Kraft getretenen Bundeserit-Schädigungsgesetzes vom 29« Juni 1956 die Zugehörigkeit zu einer Bewährungseinheit der Wehrmacht, zu denen auch die Formationen der Brigade 999 gehörten, einer Freiheitsentziehung gleichzuachten« Dies hat jedoch lediglich zur Folge, daß nunmehr die Vermutung des § 15 Abs 2 BEG zu gelten hat, nämlich daß der Tod des'Verfolgten auf eine nationalsozialistische Gewaltmaßnahme zurückzuführen ist. Auf Grund der Aussagen eines Kameraden des Ehemanns, der auch dem Festungs-Inf«Btl. XIl/999 angehört hat, und der Auskunft der -Dienststelle für die Benachrichtigung, der-nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht, hat das Berufungsgericht für bewiesen gehalten, daß die Angehörigen dieser Einheit November 1944 auf dem Balkan im allgemeinen Partisaneneinsatz durch ein feindliches Infanteriegeschoß gefallen ist» Damit ist aber die Vermutung des § 15 Abs 2 BEG widerlegt und auf Grund einer solchen Feststellung kann der Tod des Ehemanns' nicht mehr als eine nationalsozialistische Verfolgungsmaßnahme angesehen werden (vgl auch die Ausführungen des Dr.Greve anläßlich der Beratung des Änderungsgesetzes vom 6. Daß der Ehemann der Klägerin sich nicht freiwillig zu dem Dienst bei den Einheiten der Brigade 999 gemeldet bat, sondern zu dieser Einheit eingezogen worden ist, macht seinen Tod genau so wenig zu einer nationalsozialistischen Gewaltmaßnahme, wie dies der Tod sonstiger zur Wehrmacht einberufener Soldaten anläßlich eines militärischen Einsatzes ist« Es besteht auch kein allgemeiner Erfahrungssatz, daß ein Mann im Alter von 40 Jahren, wie es der Ehemann der Klägerin bei seiner Einberufung war, ohne seine Wehrunwürdigkeit niemals zu einer Kampftruppe beordert worden wäre, ganz abgesehen davon, ob ein Festungs-Inf*Btl0, das in Griechenland, also nicht an der eigentlichen Kampffront eingesetzt wurde, nicht eine Formation war, die vom Jahre 1945 ab für Jahrgänge wie die des Ehemanns allgemein in Frage kam.