BGH · IV ZR 237/62
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Ehemann der Klägerin kehrte aus Palästina nach Danzig zurück, um, wie die Klägerin angibt, sein Geschäft zu liquidieren und das Haus zu verkaufen» In Danzig wohnte er in derselben Wohnung wie früher» Als am 1, September 1939 die deutschen Truppen Danzig besetzten, flüchtete er nach Warschau» Dort wurde er 194o in das Ghetto verbracht» Hach den Feststellungen des Berufungsgerichts ist davon auszugehen, daß der Ehemann der Klägerin im Jahre 1942 durch nationalsozialistische Verfolgung ums Leben gekommen ist» beantragt, ihr wegen des Todes ihres Ehemannes eine Witwenrente zuzuerkennen* Mit dem Schreiben vom 1o0 Juli 1958 überreichte die URO, die die Klägerin vor der Entschädigungsbehörde vertrat., eine Erklärung der Antragstellerin, in der sie sich mit der Einstufung des Verfolgten in die vergleichbare Beamtengruppe des einfachen Dienstes einverstanden erklärte. Gegenstand des Rechtsstreits ist ein Entschädigungsanspruch der Klägerin wegen Schadens an Leben nach ihrem mit der Klage die Verurteilung des beklagten Landes verlangt? in eine höhere Beamtengruppe als im angefochtenen Bescheid zu zahlen, so entspricht der Klageantrag, wie auch das Berufungsgericht zutreffend angenommen hat, wegen seiner Urnbcstimmtheit nicht den swingenden Erfordernissen, die an eine rechtswirksame Klage zu stellen sind» Dem Berufungsgericht ist jedoch darin zuzustimmen, daß es aus diesem Grunde nicht der Zurück-vorwoisung der Sache an das Landgericht bedurfte0 Im Interesse der beschleunigten Abwicklung der Entschädigungsverfahren ist vielmehr, zu demal im Hinblick auf § 2o9 BEG, der nur eine sinngemäße Anwendung der Vorschriften der Zivilprozeßordnung vorschreibt, eine Sachentscheidung auch ira Revisionsrechtszug geboten, wenn, wie im vorliegenden Falle, die sachliche Prüfung ergibt, daß der verfolgte Anspruch nicht besteht (vgl0 BGH vom 80 Juni i960 - IV ZR 34/60 - RzW i960, 47o - )'. Io Bas Berufungsgericht geht bei seiner Entscheidung davon aus, daß dieKlägerin sich durch ihre im behördlichen Entschädigungsverfahren abgegebene Erklärung vom Io Juli 1958 mit der Zuerkennung der Mindestrente einverstanden erklärt habe» Biese Erklärung schliesse ihr Einverständnis mit der Einstufung ihres verstorbenen Ehemannes in den einfachen Bienst ein0 Sie enthalte den Verzicht auf eine höhere Einstufung» Ein solcher Verzicht sei im Entschädigungsverfahren zulässig und beachtliche Bin einseitiger Verzicht genüge im Bereich deq öffentlichen Rechts» Es bedürfe daher nicht, wie- im bürgerlichen Recht, dos Abschlusses eines Verzichtsvertrageso Die Klägerin müsse sich an diesem Verzicht festhalten lassen» Y/edor stehe ihr ein Anfechtungsrecht zur Seite, noch sei die Goschäftsgrundlage ihrer Erklärung nachträglich weg-gefallen» Auch ihr Vorbringen, daß sie hei Abgabe ihrer Verzichtserklärung von den damaligen Grundsätzen der Einstufung ausgegangen sei, daß diese Grundsätze sich aber nachträglich durch die am 25* Februar i960 erlassene 2» Verordnung zur Änderung der Ersten, Zweiten und Dritten VO zur Durchführung des Bundesentschädigungs-gesetzeo , (BGBl I, S» 13o) geändert hätten, ermöglich®,; es nicht, sie von der bindenden Wirkung ihrer Verzichtserklärung zu befreien» 2» ' Diese Ausführungen tragen das Urteil» Die Angriffe der Revision dringen demgegenüber nicht durch» Wenn das Berufungsgericht die Erklärung der Klägerin vom 1» Juli 1958 dahin auslegt, daß sie sich durch diese Erklärung mit der Einstufung ihres verstorbenen Ehemannes in den einfachen Dienst einverstanden erklärt habe, sö läßt diese Auslegung einen rechtlichen Irrtum nicht erkennen« die Anträge dos Antragstellers den rechtlichen Umfang der Nachprüfung, Das entspricht der auch im Entschädigungcverfahrcn geltenden Verfügungsbefugnis des Antragstellers« Der Verzicht der Klägerin ist daher keine bloße sie nicht bindende Erklärung, Vielmehr muß die Klägerin sich an ihrem Verzicht, durch den sie auf ihren Anspruch im bestimmten Umfang verzichtet hat, fcsthalten lassen» Ohne Rcchtsirrtum vertritt das Berufungsgericht auch die Auffassung? kann nicht zweifelhaft sein und bedarf keiner weiteren Darlegung0 Wenn die Klägerin sich über die künftige Rechtsentwicklung im Bereiche der Entschädigung im Irrtum befunden und mit dem Erlaß der 2, KndVQ und den durch sic cröffneten Möglichkeiten einer besseren Einstufung des Verfolgten bei Abgabe ihrer Verzichtserklärung nicht gerechnet hat? was eine dahingehende Annahme rechtfertigen könntCo Auch aus den Akten ergibt sich nichts in dieser Richtung» Die Klägerin hat ihren Verzicht auf höhere Einstufung ihres verstorbenen Ehemannes nicht damit begründet, daß die bestehende Rechtslage einem solchen Verlangen entgegenstehe* Aus den Akten der Entschädigungsbehörde, die nach dem Tatbestand des Berufungsurteils Gegenstand der mündlichen Verhandlung waren 9 ergibt sich zweifelsfrei-., 4* Auf die durch die Vorschriften des BGB eröffneten Möglichkeiten beruft sich die Klägerin im Revisionsrechtszug auch nicht* Sie rügt vielmehr, daß das Berufungsgericht die Vorschrift des Art* IV der 2* ÄndVO zu ihren Gunsten nicht angewendet habe. Der Bescheid, durch den dem verstorbenen Ehemann der Klägerin die Mindestrente zugeoprochcn worden ist, war zur Zeit, dor Klagerhebung noch nicht unanfechtbar* Das hindert die Anwendung der Vorschrift "ten der 2* ÄndVO jedoch nicht* Denn der vorliegende Rechtsstreit ist auf Grund der im Zeitpunkt der Entscheidung geltenden materiell-rechtlichen Vorschriften zu entscheiden* Die Klägerin konnte daher den Bescheid der Entschädigungsbehörde vom 16c Dezember 1959 mit der Klage angreifen, um aa, durch die Anwendung der Bestimmungen der 20 ÄndVO vom 25o Februar I960 und eine höhere Einstufung ihres verstorbenen Ehemannes auf Grund dieser VO zu erreichen«, 5* Aber auch Art» IV der 2v ÄndVO kann der Revision nicht zu dem Erfolge verhelfen«, Nach dieser Bestimmung ist, ungeachtet der Rechtskraft einer ergangenen Entscheidung, eine neue Entscheidung auf Grund der VO zulässig«, Wie der erkennende Senat wiederholt betont hat, ist es der priirä.re Zweck der ÄndVO, alle Berechtigten in den Genuß der durch die VO bestimmten' höheren Rentenleistungen zu setzen, ohne daß die> EntschädigungsOrgane berechtigt wären, die materiellrechtliche Grundlage für die begehrte höhere Entschädigungsleistung zu prüfen (vgl«, BGH vom 26«, September 1962 - IV ZU 76/62 RzW 1963? 150)o Dies gilt jedoch nicht, wenn die Entscheidung auf Grund eines Verzichts des Antragstellers ergangen ist«, Da im Entschädigungsverfahren der Umfang der Entschädigung von den Anträgen des Verfolgten abhängt, gehört der Verzicht zur Grundlage der ergangenen Entscheidung« Die Entschädigungshehörde hat den Verzicht ihrer Entscheidung zugrundegelogt, ohne daß sie geprüft hätte, in welche vergleichbare Beamtengruppe der Ehemann der Klägerin nach seiner wirtschaftlichen Stellung gemäß § 18 Abs1 BEG einzustufen sein würöCo Nicht die bestehende Rechtslage hat daher im vorliegenden Fall die Entscheidung bestimmt, sondern die Verzichtserklärung der Klägerin, die auch ihrerseits zu diesem Verzicht nicht durch die zur Zeit der Abgabe der Erklärung geltenden Vorschriften des BEG bestimmt worden ist« Pas BEG hatte das Entschädigungsrecht gegenüber den Vorschriften des BBrgG auf eine neue Grundlage gestellt«, Pas BEG hatte sich nicht darauf beschränkt, die Entschädigungsleistungen zu erhöhen, sondern es hatte vor allem den Kreis der Entschädigungsberechtigten und den Umfang der zur Entschädigung berechtigenden Schadenstatbestände grundsätzlich erweitert. Aus diesem Grunde hatte Nr« 9 dos Art» III des £ndG dom Antragsteller nicht nur die Möglichkeit eröffnet, im Falle der Ablehnung seines Antrags oder der Festsetzung der Entschädigung in geringerer Höhe als nach dem BEG, ungeachtet rder Unanfechtbarkeit des erlassenen Bescheides odor der Rechtskraft der ergangenen Entscheidung, einen neuen Entschädigungsantrag zu stellen, sondern er hatte auch nach Pr. 11 aaO dem Antragsteller das Recht zugesprochen, im Falle der Regelung der Entschädigung durch Vergleich, Verzicht oder Abfindung diese Regelung durch Erklärung gegenüber der Entschädigungsbehörde anzufeehteno Biese gesetzliche Regelung wurde auch der Rechtslage und den berechtigten Interessen beider Parteien gerecht. Penn auch die Entschädigungsbehörde und das Entschädigungsgericht wurden auf Grund der Anfechtung der ergangenen Regelung in ihrer Entscheidung frei. IV ZR 106/62 - ausdrücklich betont* Wenn daher, wie im vorliegenden Rail, der Versieht der Klägerin die Grundlage der Entscheidung bildet, so eröffnet-die 2* ÄndVO die Möglichkeit, eine höhere Entschädigung zu verlangen, nicht, da die Entcchädigungsörgane nur prüfen können, ob der Antragsteller mit Recht auf Grund der VO eine höhere Entschädigung verlangt, ohne jedoch ihrerseits zu einer Prüfung berechtigt zu sein, ob der Entschädigungsanspruch nach der materiellen Rechtslage überhaupt begründet ist, obwohl vielfach gerade der Verzicht des Antragstellers auf eine höhere Entschädigung für die positive Entscheidung maßgebend war« 6, Art* IV' Abs* 3 der 2* ÄndVO rechtfertigt keine andere Entscheidung* Wenn hier bestimmt wird, daß; es zugunsten der Berechtigten sein Bewenden behält, soweit vor Verkündung der Verordnung Ansprüche von Berechtigten durch Bescheid oder durch rechtskräftige gerichtliche Entscheidung vorbehaltlos festgesetzt worden sind und dies in gleicher Weise gilt, soweit die Ansprüche vor Verkündung der VO durch unanfachtbaren Vergleich geregelt worden sind, so wird durch diese Regelung nur der Besitzstand des Antragstellers aufrecht erhalten, ohne daß die Vorschrift etwa3 darüber besagen würde, ob der Antragsteller auf Grund der Verordnung in einem spichen Fall eine höhere Entschädigung verlangen kann oder nicht» Hach alledem ist die Klägerin nicht berechtigt, auf Grund der 20 ÄndVO eine höhere Einstufung ihres verstorbenen Ehemannes und damit eine höhere Entschädiungs-leistung wegen Schadens an leben zu verlangen.