BGH · IV ZR 233/55
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BEG § 21 Rechtssatz: Eine Zahlung, die ohne Rechtsgrund einem Verfolgten von einer Dienststelle der NSDAP auferlegt wurde, ist eine Sonderabgabe im Sinne des § 21 BEG* Gesetz: ZPO § 308 Rechtssatzs Hat das Gericht des ersten Rechtszuges einem Kläger mehr zugesprochen, als dieser im ersten Rechtszug verlangt hat, so wird ein darin liegender Verstoß gegenstandslos, wenn der Kläger im Berufungsrechtszuge den Antrag auf Zurückweisung der Berufung stellt * Dezember 1937 aufgehalten hat und nur in ihrem dort belegenen Vermögen geschädigt worden ist« Ebenso ist § 22 BEG nicht anwendbar, da die 3000,- RM nicht auf Grund einer Verurteilung der Klägerin gezahlt oder beigetrieben worden sind« Für eine Entschädigung kann somit nur die Bestimmung des § 21 BEG in Betracht kommen. Nach dieser Bestimmung hat ein Verfolgter Anspruch auf Entschädigung für entrichtete Sondernbgaben, die ihm durch Verfolgungsmaßnahraen oder durch Rechtsvorschriften« die aus Verfolgungsgründen erlassen wurden, auferlegt worden sind« Es begründet dies damit, daß es sich bei der Zahlung der 3000,- RH um eine Buße gehandelt habe, die von einer mit Obrigkeitsgewalt ausgestatteten Parteistelle aus Verfolgungsgründen verlangt worden sei. Eine Zahlung, die einem Staatsbürger von einem Träger der öffentlichen Gewalt ohne gesetzliche Grundlage oder unter Mißbrauch der Amtsbefugnisse aus einem besonderen Anlaß abverlangt würde, sei keine Abgabe, § 21 Abs 1 BEG erfasse einmal nur solche Abgaben, die durch Rechtsvorschriften auferlegt worden seien, die aus Verfolgungsgründen erlassen wurden, wie z.B. die Judenvermögens-, die Sozialausgleichs- und die Auswandererabgabe und sodann nur Abgaben, zu deren Entrichtung sämtliche Staatsbürger verpflichtet gewesen wären, auf die der generell geregelte Tatbestand zugetroffen habe, die aber im Einzelfall nur deshalb erhoben worden seien, weil der Verfolgte infolge der Verfolgung den gesetzlichen Tatbestand erfüllte, wie zPB„ bei der Reichsfluchtsteuer* La nicht ersichtlich ist, daß der Gesetzgeber des BEG den Xreis der zu entschädigenden Sonderabgaben enger als das US-EG hat ziehen wollen, im Gegenteil auf Grund des mit dem Staate Israel geschlossenen Abkommens und auf Grund des Vertrages zur Regelung aus Krieg und Besatzung entstandener Prägen anzunehmen ist, daß die Rechtslage nicht ungünstiger gestaltet werden sollte, als wie sie nach dem US-EG war, kann nicht angenommen werden, daß § 21 BEG nur Sonderabgaben erfassen will, die auf Grund einer gesetzlichen Vorsöhrift erhoben wurden. Es würde auch unverständlich sein, einen Verfolgten für Sonderabgaben', die auf Grund einer gesetzlichen Bestimmung erhoben wurden, zu entschädigen, ihm aber eine Entschädigung zu versagen, wenn die Sonderafegabe ohne eine solche Bestimmung erpreßt worden ist» Es kann sich daher nur fragen, ob eine Zahlung, wie sie die Kreisleitung der HSDAP von der Klägerin verlangt hat, als eine "Abgabe” im Sinne des § 21 Abs 1 BEG anzusehen ist» Schon nach dem Begriff der Abgabe, wie er sich in der Rechtslehre entwickelt hat, und nach dem hierunter alle Leistungen des einzelnen Staatsbürgers zu verstehen sind, die diesem zur Erzielung von Einkünften für eine mit Öffentlichen Hoheitsbefugnissen ausgestattete Körperschaft auferlegt werden, ohne daß sie in einem echten Verhältnis von Leistung zu Gegenleistung stehen (vgl hierzu Wrzeszinski im Handwörterbuch der Rechtswissenschaft Bd I S 9 f sowie Blessin-Wilden S 186 Anm 1 und 5 zu § 21 BEG), wird man die Leistung der Klägerin als Abgabe ansehen können, Denn eine Buße im Sinne des Strafrechts, die etwa nicht zur Erzielung von Einkünften auferlegt sein könnte, liegt nicht vor, da der Kreisleitung der Klägerin gegenüber eine Strafgewalt nicht zustand, Vor allem ist aber bei der Auslegung des § 21 BEG und des dort verwendeten Eegriffs der Sonderabgabe, der, wie erwähnt, aus § 19 US-EG entnommen ist, der Zweck zu berücksichtigen, der mit den Bestimmungen der § 21 und 22 BEG verfolgt wird» Dieser geht dahin, den Verfolgten für finanzielle Sonderopfer zu entschädigen, die ihm aus Verfolgungsgründen durch Maßnahmen solcher Personen oder Stellen auferlegt worden sind, die mit Hoheitsbefugnissen ausgestattet waren* Um ein solches Sonderopfer hat es sich aber nach den PestStellungen des Berufungsgerichts bei der Zahlung der Klägerin gehandelt o Die Tatsachengerichte haben daher zutreffend der Klägerin eine Entschädigung auf Grund des § 21 BEG zugebilligt* III* Die Revision glaubt ferner, die Höhe der der Klägerin zugesproehenen Summe beanstanden zu können, weil die Klägerin im ersten Rechtszug lediglich die Zahlung eines Betrages von 300,- DM verlangt, das Landgericht ihr jedoch einen Betrag von 600,- DM zugesprochen habe* Damit habe es gegen den § 308 ZPO verstoßen, ein Verstoß, der von Amts wegen zu berücksichtigen sei* Es kann dahinstehen, ob das Landgericht den § 308 ZPO verletzt hat* Denn auf jeden Pall ist ein etwaiger Verstoß dadurch gegenstandslos geworden, daß die Klägerin in der Berufungsinstanz den Antrag gestellt hat, die Berufung des Beklagten zurückzuweisen* Damit hat sie eine Verurteilung des Beklagten zur Zahlung von 600,- DM begehrt, so daß das Berufungsgericht zu Recht über diesen Betrag entschieden hat (vgl hierzu auch RGZ 157, 23 sowie Stein-Jonas~Schönke Anm I 1 c zu § 308 ZPO und Rosenberg Lehrbuch des Zivilprozeßrechts S 600 zu § 129 I 2)*