BGH · IV ZR 227/61
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Beklagten und Revisionsbeklagten, hat der IV«, Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 13» Juni 1962 unter Mitwirkung der Bundesrichter Baske, Johannsen, Wüstenberg, bilden und Br«, Loewenheim beschlossen: Die Klägerin ist die Alleinerbin des im Jahre 1889 geborenen, am 21o November 1961 in Lugano verstorbenen, wegen seiner jüdischen Abstammung unter der nationalsozia listischen Herrschaft verfolgten Georg Dieser war seit dem Ende des ersten Weltkrieges in Berlin freiberuflich als Verhandlung9Stenograf tätig* Auf Grund seiner besonderen beruflichen Fähigkeiten und seines darauf gegründeten Ansehens in den Kreisen seiner Auftraggeber (Rechtsanwälte, Unternehmer), erzielte er bis zu dem Jahre 1933 hohe Einkünfte« Diese versiegten mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft* Der Erblasser wanderte 1936 nach der Schweiz aus* Dort konnte er seinen Beruf nicht ausüben, er lebte von Unterstützungen* Während des letzten Krieges hielt er sich in Liechtenstein auf, wegen seiner Abstammung wurde er von der Presse der - nationalsozialistischen - "Volksdeutschen Bewegung" in Liechtenstein beschimpft und bedroht« Seit dem Ende des Krieges lebte er wieder in der Schweiz« Daneben hat er eine Entschädigung für den Schaden an seiner Gesundheit gefordert, mit der Begründung, durch die Verfolgungserlebnisse sei er derartig betroffen worden, daß er sich seitdem nicht mehr ausreichend konzentrieren und daher in seinem, höchste Konzentration-* erfordernden Berufe nichts mehr leisten könne* Die Klägerin hat den Hechtsstreit ausgenommen» Sie hat darauf hingewiesen, daß der Rechtsstreit in der Hauptsache erledigt sei, und beantragt, dem beklagten Lande die Kosten sämtlicher Rechtszüge auf-zuerlegen» Bas beklagte Land hat mitgeteilt, daß es gleichfalls die Hauptsache als erledigt betrachte und sich im Revisionsrechtszuge nicht vertreten lassen» Ba das die Erledigung der Hauptsache begründende Ereignis eingetreten ist, nachdem die Revision gegen das Urteil des Berufungsgerichts eingelegt worden war, so hat das Revisionsgericht auf Grund des bisherigen Sachund Streitstandes über die Kosten des Rechtsstreits nach billigem Ermessen zu entscheiden (§ 91 a ZPO, § 2o9 Abs» 1 BEG)o Es kommt also insoweit darauf an, ob und in welchem Umfange der Erblasser mit seinem Begehren, im Hinblick auf den von ihm vor dem Beginn der Verfolgung ausgeübten Beruf des freien Verhandlungs-Stenografen die Berechnung der Gesundheitsschaden-Rente nach einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von 80 $ vorzunehmen, Erfolg gehabt hätte. Das Berufungsgericht hat die für die Entscheidung des Rechtsstreits allein noch wesentliche Frage, ob der frühere Kläger durch die gesundheitlichen Schäden, die er durch die Verfolgung erlitten hat - Entwurzelungsdepressionen -mit Rücksicht auf seinen früheren Beruf in einem über die Minderung der Erwerbsfähigkeit hinausgehenden Umfang benachteiligt wurde (§ 33 Satz 2 BEG), nicht übersehen. Die se Begründung wird der angeführten Vorschrift des § 33 Satz 2 BEG nicht gerecht* Sie hat den Zweck zu verhüten, daß der Verfolgte der Gefahr des sozialen Abstiegs ausgesetzt ist, wenn bei der Bemessung des Grades der Erwerbsminderung die besonderen inneren Beziehungen zwischen der Eigenart seines früheren Berufes und der körperlichen und seelischen Schädi-gung durch Gewaltmaßnahznen nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt werden,, Dieser Gesichtspunkt, auf den der Senat im Einklang mit der Rechtsprechung dds Bundessozialgerichts zu § 3o BVG in der RzW 1961, Der Erblasser war durch seinen hohen Bildungsstand und durch sein überragendes fachliches Können zu außer-gewöhnlichen Leistungen auf seinem Arbeitsgebiet befähigt gewesen* Er hatte sich dadurch ein hohes soziales Ansehen wie auch ein hohes Einkommen verschaffen können* In einer solchen hervorgehobenen wirtschaftlichen und sozialen Stellung konnte er sich aber schon dann nicht mehr behaupten, wenn seine berufliche Leistungsfähigkeit infolge der erlittenen seelischen und körperlichen Schädigung nur so weit herabsank9 daß er den bisher an ihn gestellten und von ihm erfüllten außergewöhnlichen beruflichen Anforderungen nicht mehr gewachsen war, mochte auch die ihm verbliebene fachliche Leistungsfähigkeit noch als gut Bei Berücksichtigung dieses Umstandes hält der Senat in den ersten Jahren nach dem 1* Januar 1939 - der Erblasser stand damals im Alter von 5o Jahren -eine verfolgungsbedingte Minderung der Erwerbsfähigkeit von etwa 8o #, wie sie der Erblasser geltend gemacht hat, für sehr wahrscheinlich* Der Senat ist jedoch andererseits überzeugt, daß der Erblasser sich auf dem vor-bezeichneten hohen Stand seiner beruflichen Leistungsfähigkeit, die ihm zu Beginn dieses Zeitraums noch zu eigen war, nach Ablauf einiger Jahre infolge seines zunehmenden Alters und der \ei ihm festgestellten anlagebedingten Arteriosklerose und Herzmuskelschwäche auch ohne die Verfolgung nicht mehr hätte halten können, so daß von einem bestimmten Zeitpunkt an, dessen genaue Festlegung für die hier zu treffende Kostenentscheidung nicht erforderlich ist, die Bemessung der verfolgungsbedingten Minderung seiner Erwerbsfähigkeit auf unter 8o # bis zu 4o $ und darunter angemessen erscheint» Per Senat kommt also zu dem Ergebnis, daß dem Erblasser, wenn sich die Hauptsach nicht erledigt hätte, etwa für die Jahre 1939 bis 1955 eine wesentlich höhere Entschädigung hätte zagesprochen werden müssen, als sie ihm vom Landgeri ;ht und ^berlandesge-richt zuerkannt worden ist« Im Hinblick darauf und unter Berücksichtigung des weiieren Umstandes, daß da3 Landgericht dem Erblasser seine außergerichtlichen Kosten in voller Höhe auferlebt hat, obwohl er mit der Klage zu einem guten Teil Erfolg gehabt hatte, erschien es angemessen, das beklagte Land zu 3/5 an den außergerichtlichen Kosten des Erblassers, und zwar an den außergerichtlichen Kosten des gesamten Hechtsstreits, zu beteiligen.