BGH · IV ZR 223/61
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Es hat der Klägerin einen Anspruch auf Entschädigung für Schaden an Freiheit für die Zeit vom 23 * Juli 1942 bis zu dem 2. November 1942 zuerkannt., weil die Klägerin sich in dieser Zeit in einer von deutschen Behörden in der Slowakei veranlaßten Ghettohaft befunden habe* Einen Anspruch auf Entschädigung; für die* in Ungarn in der Zeit seit dem 5* November 1942 bis zu dem 18* März 1944 erlittene Freiheitsbeschränkung-und Freiheitsentziehung hat es verneint,] weil nicht erwiesen sei,, daß die Klägerin in der Illegalität (November 1942 bis Januar 1943) unter menschenunwürdigen Bedingungen gelebt habe und weil die sich anschliessende Ghetto-] haft eine nicht durch die nationalsozialistische deutsche Reichsroglorung veranlaßte Maßnahme der bis zu dem Einmarsch der deutschen Truppen in Ungarn am 19. Die Klägerin hat Berufung eingelegt und beantragt» das beklagte Land zu verurteilen,, ihr unter teilweiser Abänderung des angefochtenen Urteils für Schäden an Freiheit , eine weitere Entschädigung von £.550 DM zu zahlen. Das Berufungsgericht hat für erwiesen erachtet«, daß die Klägerin in der Zeit von November 1942 bis zu dem 18. Es hat für diese Zeit einen Anspruch der Klägerin auf Entschädigung wegen Schadens an Freiheit mit folgenden Erwägungen bejahtr Die Freiheitsbeschränkung bzwo - entZiehung sei eine adäquate Folge der nationalsozialistischen Uewaltmaßnahmen gewesen, denen die Klägerin in ihrer Heimat ausgesetzt gewesen sei. Der Bundesrat, auf dessen Initiative die in § 43 Abs. 1 Satz 2 BEG getroffene Regelung zurückgehe, habe die Entschädigungspflicht bei Freiheitsentziehung durch einen ausländischen Staat gegenüber der früheren Regelung nicht beschränken wollen« Eine solche Absicht würde der von der Bundesrepublik* im Vierten Teil des überleitungsvertrages (BGBl II 405) übernommenen Verpflichtung, die Anspruchsberechtigten nicht ungünstiger zu stellen, als dies nach den bisher geltenden Rechtsvorschriften der Fall gewesen sei, widersprochen haben. Auch die Bundesregierung und der Bundestag hätten in dem Vorschlag des Bundesrats keine Einengung, sondern eine Ausdehnung der in § 16 Abs. 1 BErgG umschriebenen Anspruchsgrundlage für Freiheitsschäden erplickt. 1o) Das Berufungsgericht hat sich mit seiner Rechts-auffasoung in Widerspruch gesetzt zu der ständigen Rechtsprechung des erkennenden Senats, nach der wegen einer Freiheitsentziehung, die ein ausländischer Staat vorgenommen hat, nur dann ein Anspruch auf Entschädigung wegen Schadens an Freiheit besteht, wenn die besonderen Voraussetzungen des § 43 Abs« 1 Satz 2 Nr« 1 oder 2 BBG vorliegen (LM Nr« 1, 2, 6, 7, 9, 10, 11 und 16 zu § 43 BBS = RzW 1957, 87 Nr« 33 und 236 Nr« 30; 1958, 70 Nr« 2? Es folgert aus dem Gebrauch der Worte “das gilt auch dann“ in Satz 2 des § 43 Abs« 1, daß damit keine einschränkende Anwendbarkeit, sondern eine Erweiterung des Anwendungsbereiches der Vorschrift des Satzes 1 zu dem Ausdruck kommen sollte« Bäh# sei, so meint das Berufungsgericht, die in § 43 Abs» 1 Satz 1 angeordnete Entschädigungspflicht für alle mit nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmen in adäquatem Kausalzusammenhang stehenden Freiheitsschäden nicht eingeschränkt worden» 2«) Der erkennende Senat hat diese Auffassung be- fl reits im Urteil vom 27« März 1957 ~ IV ZR 158/56 Rz\Y I957J 256 Nr«, 50 abgelehnto Es trifft zwar zu«, daß die Vorschrift I eine Erweiterung der Entschädigungsfähigkeit insoweit bedeu- 1 tot«, als nach früherem Recht ein Entschädigungsanspruch in 1 denjenigen Fällen verneint wurde«, in denen eine Person„ die 1 sich niemals in deutschem Machtbereich befunden hatte 9 durch j einen selbständigen ausländischen Staat auf Anregung der na- 1 tionalsozialistischen deutschen Regierung der Freiheit be- 9 raubt worden war« Darauf hat der erkennende Senat in seinem vorerwähnten Urteil vom 5« Dezember 1958 hingewiesen« Im übrigen folgt jedoch aus dem Gebrauch der Worte "das gilt auch dann" nicht notwendig;, daß damit ausschließlich und ein-soitig eine Erweiterung der Entschädigungsfähigkeit zu dem Ausdruck kommen sollte« Dies ergibt sich aus folgenden Erwägungen: Es ist dem Berufungsgericht einzuräumen* daß die Worte "j "das gilt auch dann» oder ähnliche Ausdrücke gesetzestech- . tivc des Satzes 2.In den von ihr erfaßten Fällen kann die für die Freiheitsentziehung ursächliche nationalsozialistische Gev/altmaßnahme in der an eine ausländische Regierung gerichteten Aufforderung zur Festnahme rassisch Verfemter erblickt werden* Die Regierungen der ausländischen Staaten können hier als die Erfüllungsgehilfen der nationalsozialistischen Machthaber angesehen werden«. Satz 2 enthält sonach eine Reihe von Fällen«, die«, wenn die Ansicht des Berufungsgerichts richtig wäre«, schon nach Satz 1 zu behandeln und zu entschädigen wären«, so daß für Satz 2 kaum noch entschädigungsfähige Tatbestände übrig bleiben würden* es sei denn diejenigen Falle9 die eindeutig nicht unter das Gesetz fallen* Für Satz 2 würde sich dann kaum eine Notwendigkeit ergeben« Die Auslegung«, dio das Berufungsgericht der Vorschrift des § 43 Abs« 1 Satz 1 und 2 BEG unter Hinweis auf ihren Wortlaut gegeben hat9 kann daher nicht richtig sein* darf daher nicht nur vom Wortlaut dieser Bestimmung ausgegangen werden«, es muß auch der sinn und Zweck des Gesetzes berücksichtigt werden«, wie er sich aus dessen Entstehungsgeschichte ergibt. 3« ) In einer solchen abschließenden, sowohl erweiternden wie auch klarstellenden Sonderregelung kann, entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts» eine Verletzung de im Vierten Teil des Vertrages zur Regelung aus Krieg und Besatzung entstandener Fragen (Uberleitungsvertrag, BGBl 1955 II, So 405, 431) von der Bundesrepublik übernommenen Verpflichtungen nicht erblickt werden«, * Die Bundesregierung hat in diesem Vertrag die Verpflichtung übernommen, in Zukunft die einschlägigen Vorschriften im Bundesgebiet für die Anspruchsberechtigten nicht ungünstiger zu gestalten als die gegenwärtig geltenden Rechtsvorschriften (2 a). wäre nicht nur entbehrlich gewesen* sondern hätte dem § 15 US-EG widersprochen* wenn dieser über die Fälle einer Verhaftung durch deutsche Stollen hinaus jede in einem adäquaten Kausalzusammenhang mit einer nationalsozialistischen Gewaltmaßnahme stehende Freiheitsentziehung hatte entschädigen wollen* Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts ist daher die Vorschrift des § 15 dahin auszulegen* daß nur eine von einer deutschen Stelle angeordnete Freiheitsentziehung entschädigt werden sollte« 4«) Hat ein ausländischer Staat einem Verfolgten die Freiheit entzogen* so liegt insoweit an sich keine nationalsozialistische Gewaltmaßnahme im Sinne des § 2 BEG Vor. Der ausländische Staat ist daher an sich für seine Handlungsweise und deren Folgen selbst verantwortlich« Heben dem von dem fremden Staat begangenen Anrecht können aber auch Gewaltmaßnahmen des nationalsozialistischen Staates die Freiheitsentziehung mit bewirkt haben« Wie bei einem solchen Zusammenwirken eigenen und fremden Staatsünrechts die Entschädigunge-pflicht zu beurteilen ist, war umstritten« Der Gesetzesvorschlag des Bundosrats beabsichtigte daher* die Grenzen zwisehet eigenem und fremden Staatsunrecht genau abzustecken und die Voraussetzungen festzulegen«, unter denen eine Freiheitsentziehung durch einen ausländischen Staat dem Deutschen Reich als Unrecht anzurechnen und daher als Ausfluß einer nationalsozialistischen Gewaltmaßnahme zu entschädigen ist«. "Es soll klargestellt werden, daß Freiheitsentziehung durch einen ausländischen Staat entschädigt wird, wenn dieser Staat als verlängerter Arm des nationalsozialistischen deutschen Staates anzusehen ist«" Damit ist gesagt, daß der Gesetzesvorschlag die Voraussetzungen festlegt, unter denen das in einer Freiheitsentziehung liegende Unrecht eines fremden Staates dom Deutschen Reich zuzurechnen und folglich zu entschädigen ist« Daß nach der Vorstellung des Bundesrats nicht schon ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen einer nationalsozialistischen Gewaltmaßnahme und einer Freiheitsentziehung durch einen ausländischen Staat genügen sollte,' ergibt sich aus dem in der Begründung weiterhin enthaltenen Satz: "Ausgeschlossen sind dagegen Freiheitsentziehungen durch neutrale oder mit Deutschland kriegführende Staaten«" (Der erkennende Senat hat in seinem Urteil vom 2« Mai 1956 295 Nr. 53 - mit der Erwägung bejaht worden» daß es für den Anspruch auf Entschädigung wegen Schadens an Freiheit genüge» wenn zwischen der Verfolgungsmaßnahme und der Freiheitsentziehung ein sog* adäquater Kausalzusammenhang bestehe. Nach den in dieser Entscheidung getroffenen Feststellungen war den in Shanghai internierten Juden der konsularische Schutz versagt oder entzogen worden, ln diesem Entzug des konsularischen Schutzes wie in der Ausbürgerung hatte das Oberlandesgericht die für eine Freiheitsentziehung adäquat ursächliche Verfolgungs-raaßnahme erblickt. wenn nach der Auffassung des Bundesrats ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen einer Verfolgungsmaßnahme und einer Freiheitsentziehung durch einen ausländischen Staat für das Bestehen eines Entschädigungsanspruchs in jedem Falle genügen sollte o Darm wäre die vom Bundesrat vorgeschlagene Ergänzung nicht erforderlich gewesen? hervor* In dieser Stellungnahme hat die Bundesregierung die Einführung dor Bestimmung über die Entschädigungspflicht in den Fallen, in denen dem Verfolgten die deutsche Staatsangehörigkeit oder der Schutz des Deutschen Reiches entzogen worden war, mit dem Hinweis begründet, daß die von der Regierung eines souveränen ausländischen Staates begangene rechtswidrige Handlung in diesem Fall durch Maßnahmen dor nationalsozialistischen deutschen Regierung adäquat verursacht worden sei« Da die Bundesregierung gerade für solche Fälle die Entschädigungspflicht damit gerechtfertigt hat, daß in ihnen ein adäquater Zusammenhang mit einer nationalsozialistischen Gewaltmaßnahme bestehe, ist die /Annahme ausgeschlossen, die Vorschrift habe nach der Absicht ihrer Verfasser nur dann eingreifen sollen, wenn dieser Kausalzusammenhang fehle oder zweifelhaft seio Dies hätte zur Folge, daß die durch den Entzug der deutschen Staatsangehörigkeit oder den Schutz des Deutschen Reiches ermöglichte Freiheitsentziehung in der Regel ohne Rücksicht darauf zu entschädigen wäre, ob der ausländische Staat entgegen rechtsstaatlichen Grundsätzen gehandelt hat, während doch der Wortlaut der Nr«. Diese sich auf Grund der Äußerung der Bundesregierung aufdrängende Schlußfolgerung kann nicht, wie dies das Berufungsgericht getan hat, mit dem Hinweis entkräftet werden, daß sich bin ursächlicher Zusammenhang zwischen der Entziehung der deutschen Staatsangehörigkeit oder des Schutzes des Deutschen Reiches und der hierdurch ermöglichten rechtsstaatswidrigen Freiheitsentziehung nur selten fest;stellen lasse0 Ein derartiges Verhalten aus- ländischer Staaten gegenüber illegalen Einwanderern* namentlich während des Krieges«» war für die NS-Machthaber voraussehbare Nach allem sollte* wie der erkennende Senat im Urteil vom 22« April 1959 - XV ZK 305/58 -* LM Nr. 12 zu § 43 BEG 1956 = EzW 1959* 396 Nr» 39 nochmals ausgeführt hat* der Gesetzesvorschlag des Bundesrats bewirken., daß Auslandshaft nur unter den in ihm aufgestellten besonderen Voraussetzungen entschädigt würde» Da in dieser Hinsicht der Vorschlag des Bundesrats im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens nicht ge ändert worden ist* und da im Bericht des Bf-Ausschusses für Fragen der Wiedergutmachung die neue Vorschrift über die Ent schädigungspflieht bei Freiheitsentziehungen durch ausländische Staaten ausdrücklich auf die Anregungen des Bundesrats zurückgeführt wird (BT-Druoks. Aus diesen Gründen hält der Senat an seiner Hecht« sprechung fest, daß eine Freiheitsentziehung durch einen ausländischen Staat einen Entschädigungsanspruch wegen Schadens an Freiheit nur dann auslöst, wenn die besonderen tatbestandsmäßigen Voraussetzungen des § 43 Abs* 1 Satz 2 BEG vorliegen. Ebenso steht einem Verfolgten, der im Ausland unter menschenunwürdigen Bedingungen in der Illegalität gelebt hat, eine Entschädigung nach § 47 BEG grundsätzlich nur zu, wenn hinsichtlich dieser Freiheitsbeschränkung die Voraussetzungen des § 43 Abs. 1 Satz 2 BEG gegeben sind (Urteil des erkennenden Senats vom 24« Februar I960 - IV ZB 224/59 -, Aus diesen Gründen muß das angefochtene Erteil aufgehoben und der Rechtsstreit an das Berufungsgericht zur tatrichterlichen Prüfung, ob die von der Klägerin geltend gemachte FreiheitsentZiehung und Freiheitsbeschränkung die Voraussetzungen des § 43 Abs, 1 Satz 2 BEG erfüllt, zurückverwiesen werden, Bas Berufungsurteil enthält hierüber keine Gegebenenfalls wird das Berufungsgericht auch zu prüfen haben» ob die Klägerin» die keine der in § 4 BEG genannten Anspruchsvoraussetzungen erfüllt» nach den Bestimmungen der §§ 149 ff BEG anspruchsberechtigt ist« Der Senat weist außerdem noch darauf hin» daß dem Berufungsgericht bei der Formulierung des Entscheidungssatzes ein Fehler unterlaufen ist« Hach der Auffassung des Berufungsgerichts hat die Klägerin Anspruch auf Entschädigung wegen Schadens an Freiheit für 33 Monate«. Da der Klägerin durch den im Entscheidungssatz des Berufungsurteils aufgeführten Bescheid vom 9« Juli 1957 Entschädigung für 13 Monate = 1«950 DM zugebilligt worden ist und das Berufungsgericht über den gesamten Rechtsanspruch entscheiden wollte» hätte der Entscheidungssatz richtig dahin lauten müssen» daß das beklagte Land zur Zahlung von weiteren 3*000 DM (Entschädigung für weitere 20 Monate) statt nur zu 2«550 DM verurteilt wurde* Das Berufungsgericht wird daher in der neuen Entscheidung über den gesamten Betrag neu zu befinden haben.