BGH · IV ZR 210/65
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der IVo Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 21 <, Dezember 1966 unter Mitwirkung der Bundesrichter Johannsen, Wüstenberg, Wilden, Dr. Graf und von der Mühlen für Recht erkannt s Die ihr vom Kläger vorgeworfenen ehewidrigen Handlungen hat die Beklagte in Abrede gestellt» Der Kläger habe die Zerrüttung der Ehe durch seine Trunksucht und Treulosigkeit verschuldet» Frau PflHHHHI habe inzwischen ein von ihm erzeugtes Kind geboren. In dem angefochtenen Urteil wird ausgeführt, das auf § 43 EheG gestützte Scheidungsbegehren des Klägers sei nicht begründet« Weiter heißt es, die ehelichen Bindungen der Parteien seien durch tiefgreifende Zerwürfnisse so weitgehend zerstört, daß mit einer Wiederherstellung des ehelichen Verhältnisses kaum mehr gerechnet werden könne. Diese Feststellungen reichen auch in Verbindung mit denjenigen, die das Berufungsgericht bei der Behandlung des auf § 43 EheG gestützten Scheidungsbe-gehrens des Klägers getroffen hat, nicht aus, um die Die Revision beanstandet mit Recht, daß das Berufungsgericht den Zeitpunkt des Eintritts der unheilbaren Ehezerrüttung nicht festgestellt hato Diese Feststellung ist unter den gegebenen Umständen für die Entscheidung darüber, ob die unheilbare Zerrüttung überwiegend auf das Verschulden des Klägers zurück geht, von besonderer Bedeutung« Wie das angefochtene Urteil ergibt, hatte es, bevor der Kläger durch die schriftliche Aufforderung des Bevollmächtigten der Beklagten vom 7« November 1961 veranlaßt wurde, die eheliche Y/ohnung zu verlassen, zv/ischen den Parteien jahrelang Auseinandersetzungen gegeben, die die Beklagte unter Einschaltung ihres Bevollmächtigten führte« Vom des Wahres 1956 an bis kurz vor dem of.ginn vorliegenden vom Kläger einge- leiteten Rechtsstreits war eine von der Beklagten erhobene, aber nicht betriebene Scheidungsklage anhängig, die die Beklagte auen nicht zurücknahm, als es im Sommer I960 zu einer Annäherung der Parteien kam, und die sie, wie das Berufungsgericht ihr geglaubt hat, als Druckmittel benutzte, um aen Kläger vor einem endgültigen Abgleiten zu bewahren« Aus dem angefochtenen Urteil geht ferner hervor, daß die Beklagte den Kläger bereits im Jahre 1958 zu dem Verlassen der Yiohnung veranlaßt hatte, sowie ferner, daß er sich ihrer Forderung, das eheliche Schlafzimmer zu räumen und ein abgelegenes Zimmer zu beziehen, widerstrebend gefügt hatte« Es ist möglich, daß dieses Verhalten der Beklagten, insbesondere die Hinausweisung des Klagers aus der Wohnung im November 1961, bei ihm zu dem Verlust seiner ehelichen Gesinnung geführt hat«, Die Feststellungen des angefochtenen Urteils schließen es nicht aus, daß die Beziehungen des Klägers zu Frau PflHHHII^^e?st nach der im November 196" vollzogenen (Trennung der Parteien ehewidrig wurden, und daß, nachdem die Ehe voi'ber den aufgetretenen Belastungen doch noch standgehalten hatte, die von der Beklagten veranlaßte Trennung die Ehe zu dem Scheitern gebracht hat« Es wäre erheblich, wenn die Beklagte die Trennung durchsetzte, obwohl sie sich dessen bewußt war, daß damit ihr Ehemann der Gefahr ausgesetzt wurde, in Auswirkung einer ihr bekannten gewissen Haltlosigkeit einer Neigung zu dem Alkoholmißbrauch in größerem Umfang als vorher nachzugeben oder Beziehungen zu anceien Frauen zu vertiefen, und daß deshalb durch die neibeiführung der Trennung der Fortbestand der Ehe in hohem Maße gefährdet wurde« ig*r v«.--halten des Klägei's, durch das die Beklagte zu ihrej nandlungsweise veranlaßt worden ist und das diese ausgelöst hat, die entscheidende Bedeutung für die Zerrüttung der Ehe der Parteien zukommto Das könnte vor allem dann der Fall sein, wenn die Beklagte wegen des andauernden und weiterhin zu erwartenden schuldhaften Verhaltens des Klägers von einem ihr nach § 1353 Abs0 2 Satz 1, 2 BGB zustehenden Hecht zu dem Getrenntleben Gebrauch gemacht hat, wobei aber die bloße Tatsache als solche, daß ihr in dem von ihr angestrengten, aber jahrelang nicht betriebenen Scheidungsprozeß das Getrenntleben gerichtlich gestattet worden war, ohne Bedeutung ist* Es wäre dann anders als in den Fällen, in denen der beklagte Ehegatte von einem Fwecht zu dem Getrenntleben trotz echter Versöhnungsbereitschaft und Umkehr des Klägers Gebrauch macht; dort kann diese Tatsache und nicht die frühere Verfehlung des Klägers die entscheidende Zerrüttungs-ursache bilden* Eine Abwägung der verschiedenen Serruttungsursachen entsprechend ihrem Gewicht für den schließlich eingetretenen Zerfall der Ehe ist jedoch nur möglich, wenn der Verlauf der Ehe bis zu dem Zeitpunkt, in dem die Zerrüttung unheilbar wurde, nachgezeichnet wird* Vor allem kommt es darauf an, daß die Verfehlungen des Klägers nach ihrer 3edeutung und Schwer« näher festgestellt werden, aus denen die Beklagte ca3 Hecht zur Trennung glaubte hex’leiten zu können, und die sie veranlaßten, möglicherweise den Fortbestand der Ehe aufs Spiel zu setzen* Was darüber in dem angefochtenen Urteil gesagt wird, genügt im nahmen der Prüfung, ob der Kläger die Zerrüttung überwiegend verschuldet hat, nicht * Die Vorwürfe, die von dom Bevollmächtigten der Beklagten in den vorgelegten an den Kläger gerichteten Briefen erhoben worden sind, können der Entscheidung nicht ohne weiteres als berechtigt zugrunde gelegt werden, vielmehr bedarf es insoweit nä hei'or Feststellungen, die freilich auch unter Berück sichtigung dieser Briefe und der vom Kläger auf sie gegebenen Antworten sowie in Würdigung der von den Parteien in dem Rechtsstreit abgegebenen Erklärungen getroffen werden können. Wenn zahlreiche frühere Verletzungen der ehe-liehen Treupflicht durch den Kläger, von denen das Berufungsgericht eindeutig nur ein im Jahre 1958 unterhaltenes ehebrecherisches Verhältnis festgestellt hat, mitursachlich dafür waren, daß die Beklagte ihn, als er sich einer neuen Bekanntschaft mit einer Frau berühmt hatte, aus der Wohnung wies, so ist es unerläßlich, zu klären, inwieweit dem Kläger derartige Treupflichtverletzungen nachge~ wiesen sind, wie sie auf aas eheliche Verhältnis fort« wirkten, und in welcher Gesinnung und Haltung der Kläger der Beklagten die Mitteilung von seiner neuen Bekanntschaft machte* Erst dann läßt sich beurteilen, wie die Hinausweisung öw Klägers als Reaktion auf die Mitteilung zu ceweroen ist* Da die Beklagte sien vor allem daraui beruft, daß der Kläger irir eine Fortsetzung der häuslichen Gemeinschaft durch unmäßiges Trinken sowie dadurch, daß er sie bes« Impft und bedroht habe, unmöglich gemacht nabe, ist es ferner erforderlich, festzustellen, ob und wie aie Ehe durch ein solches schuldhaftes Verhalten des Klägers belastet worden ist* l)em Kläger muß der Umfang seiner Verfehlungen auch in dieser Hinsicht nachgewiesen werden* Hur dann läßt sich ein Urteil darüber gewinnen, ob den dem Kläger zur Last zu legenden schuldhaft ehewidrigen Handlungen für die Zerrüttung der Ehe eine größere Bedeutung zukommt als dem Verhalten der Beklagten oder etwaigen anderen von keiner Partei zu vertretenden Umständen, die sich auf die Zerrüttung der Ehe ausgewirkt haben» Bas Berufungsgericht hält es für möglich, daß die Beklagte das Ausmaß des Alkoholgenusses des Klägers höher, als es tatsächlich der Fall war, einschätzte und sich durch eine solche Fehleinschätzung zur Burchführung der Trennung be«» wegen ließ» Bann aber kommt insoweit gegenüber der Herbeiführung der Trennung durch die Beklagte ein schuldhaftes Verhalten des Klägers als maßgebliche Zerrüttungsursache nur in Betracht, sofern der Klä-ger sich auf dem in Rede stehenden Gebiet früher erweislich in so erheblichem Umfange verfehlt hatte, daß aus diesem Grunde die übersteigerte Empfindlichkeit der Beklagten und ihre einschneidende Reaktion auch auf ein möglicherweise verhältnismäßig unbedeutendes Entgleisen ve.'»ländlich erscheinen kann* I>as schuldhafte Verhalten des Klägers wird aber dann nicht als überwiegende Zerrüttungsursache gelten können, wenn es der Beklagten ungeachtet eines etwa dadurch für sie begründeten Rechts zu dem Getrenntleben nach den ganzen Umständen hätte angesonnen werden können, weiterhin die Ehe aufrechtzuerhalten und jedenfalls Handlungen zu vermeiden, die den Fortbestand der Ehe außerordentlich gefährden mußten und außerdem zu einem moralischen Abgleiten des charakterlich labilen Ehepartners führen konnten« Hur eine sorgfältige Klärung des Verlaufs der Ehe und eine eingehende Prüfung des Sachverhalts, bei der die nach § 43 EheG maßgebenden Erwägungen gar usscheiden, kann bei einer derartigen Sacnlagf.zu dem richtigen Ergebnis führen. die Trennung zu einer endgültigen Abwendung des Klägers von ihr oder zu seinem moralischen Niedergang führen würde, so könnte das gegen die Bindung an die Ehe sprechen«, Anders könnte ihre Handlungsweise zu beurteilen sein, wenn sie den Kläger zu einer Änderung seiner Haltung und Gesinnung veranlassen wollte, oder wenn sie die Trennung nur im eigenen Interesse und im Interesse der Kinder für notv^endig hielt, solange der Kläger sich nicht geändert hatte, ohne daß sie damit ihre eheliche Gesinnung vollends aufgegeben hatte* tarauf, ob sie zu dem Getrenntleben berechtigt war, kommt es dabei nicht an.