BGH · IV ZR 200/61 vom 14.02.1962
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Wegen der jüdischen Abstammung seiner Ehefrau ganz nach Paris zu gehen, um so einer eventuellen Kündigung aus rassischen Gründen zuvorzukommen o Aus diesem Grunde, so trägt der Kläger vor, habe er seine Stellung bei der GmbH in Berlin gekündigt und von dieser die Anteile des Pariser Zweigbetriebes erworben, dessen alleiniger Inhaber er dann bis 1937 gewesen sei* Der Kläger räumt ein, daß die jüdischen Eltern seiner Ehefrau evangelisch getauft gewesen seien, so daß an sich von der jüdischen Abstammung seiner Ehefrau bis zur Mitte des Krieges nichts bekannt gewesen sei und die deutschen Behörden sie für rtariachM gehalten hätten. Der Kläger sieht eine berufliche Schädigung darin, daß er im Februar 1934 seine sichere Stellung bei der GmbH in Berlin äufgegeben habe, um zu erwartenden rassischen Verfolgungen zu entgehen, und daß er hierdurch auf Gedeih und Verderb mit der französischen verbunden worden sei, die schließlich aus vielerlei Gründen habe scheitern müssen» In der Folgezeit habe er, so trägt der Kläger vor, in Frankreich keine gleichwertige Stellung mehr finden, wegen drohender Verfolgung aber auch nicht nach Deutschland zurückkohren können» Das Entschädigungsamt hat den vom Kläger auf Grund dieses Sachverhalts erhobenen Anspruch auf Gewährung einer KapitalentSchädigung wegen Berufsschadens abgelehnt, weil dieser Schaden in Frankreich eingetreten sei, die Voraussetzung des § 64 B2G daher nicht vorliege» Das Landgericht, vor dem der Kläger seinen Anspruch weiter verfolgte, hat ihn mit der Klage abgewiesen» Der Kläger hat Berufung eingelegt mit dem Antrag, den Beklagten zu verurteilen, ihm Kapitalentschädigung für seinen Schaden im beruflichen Fortkommen durch Verdrängung aus unselbständiger Tätigkeit unter Einstufung in die vergleichbare Beamtengruppe des gehobenen Dienstes seit dem 26» Februar 1934 zu gewähren» Entscheidungsgründes Der Kläger hat nach seiner Behauptung im Februar 1934 seine Stellung als Prokurist bei der in Berlin aufgegeben, um sich rassischen Verfolgungsmaßnahmen, mit denen unter dem Eindruck der politischen Ereignisse 6) hat dazu ausgeführt, daß der Kläger damals (1933/34) nicht unter Verfolgungsdruck gestanden und daß ihm persönlich keine Verfolgung gedroht habe« Es hat aber offenbar die Behauptung des Klägers, daß er Verfolgungsmaßnahmen befürchtet und daß diese Furcht für seinen Entschluß bestimmend gewesen sei, seine Stellung als Prokurist bei der Berliner Der Kläger ist der Auffassung, daß dieser Schaden mit der Aufgabe seiner Stellung als Prokurist bei der Berliner Gesellschaft in ursächlichem Zusammenhang stehe• Bis zu dem Augenblick, von welchem an er das Unternehmen in Paris übernommen habe, nämlich bis Februar 1934, sei er als Gehaltsempfänger der Berliner Gesellschaft sorgenfrei gewesen, da ihn bis zu diesem Zeitpunkt Kapitalschwierigkeiten der französischen Gesellschaft nicht persönlich berührt hätten (Bl* 34 GA)* Bei diesem Zustand aber wäre es ohne die verfolgungsbedingte Aufgabe seiner Stellung in Berlin verblieben; denn ohne diesen Schritt habe er, wenn ihm keine Verfolgungsmaßnahmen gedroht hätten, jederzeit seine Tätigkeit in Berlin wieder aufnehmen können, was bei Gründung der Pariser Zweigstelle auch beabsichtigt gewesen sei* Das Berufungsgericht hat dagegen einen solchen Kausalzusammenhang nicht für bewiesen angesehen» i-s hat dazu ausgeführti Soweit in Paris eine finanzielle und damit eine Schädigung im beruflichen Fortkommen eingetreten sei, sei sie nicht vorhersehbar und nicht einer etwaigen Verfolgung eigentümlich gewesen» Pie Gründe für sie hätten nämlich, wie der Kläger selbst vortrage und wie in der eidesstattlichen Versicherung der Paulette F^^^vom 5o Oktober 195o bestätigt sei, in erster Pinie in Intrigen persönlicher Art, sodann in steuerlichen Schwierigkeiten, in der wachsenden Zahl der Konkurrenzunternehmen und den dadurch bedingten Mindereinnahmen, schließlich auch in der wirtschaftlichen Situation Frankreichs gelegen» Selbst wenn letztere in den fraglichen Jahren als notorisch schlecht bekannt, ihre Verschlechterung also zu erwarten gewesen soi, habe jedenfalls niemand 1933/34 voraussehen können, daß die anderen Momente einmal die in Paris soweit ersichtlich, nicht beachtet, daß der Kläger als Ehemann einer Jüdin zu dem Personenkreis gehört, den in seiner Gesamtheit die nationalsozialistische deutsche Begierung und die NSDAP vom kulturellen und wirtschaftlichen Leben Deutschlands auszuschließen beabsichtigte, so daß für ihn die Vermutung gilt, daß der Schaden im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen durch nationalsozialistische Gewaltraaßnahmen verursacht worden ist* Daß auch den jüdischversippten Personen diese Vermutung zur Seite steht, hat der Senat in seiner IM Nr* 5 zu § 64 BEG = BzW 1958, 11o Nr. 27 abgedruckten Entscheidung ausgesprochen, auf deren nähere Begründung hier verwiesen werden kann* Demgemäß kann der Kläger sich auf die Vermutung berufen, daß der Schaden im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen, den er erlitten hat, durch NS-Gewaltmaßnahmen verursacht worden ist* Voraussetzung für das Eingreifen dieser Vermutung ist bei einem Angehörigen des in § 64 Abs. 2 BEG bezeichneten Personenkreises lediglich, daß er einen Schaden dieser Art erlitten hat. Juni 1957 - IV ZK 94/57 LM Nr. 3 zu § 64 BEG = HzW 1957, 329 Nr. 29)- Sofern also feststeht, daß der Kläger den von ihm behaupteten Schaden it erlitten hat, wird nicht nur vermutet, daß dieser Schaden mit der Aufgabe seiner Stellung in der Berliner in ursächlichem Zusammenhang steht, die Vermutung geht auch dahin, daß die Aufgabe dieser Stellung auf NS-Verfolgungsmaßnahmen beruht, Biese letztere Vermutung hat sogar, wie der Senat in seinem Urteil vom 6, Juni 1956 - Ul Nr, 2 zu § 25 BErgG - und in der bereits erwähnten Entscheidung vom 23, Oktober 1957 - RzW 1958, 11o - ausgesprochen hat, eine Bedeutung, die Uber ihren eigentlichen Inhalt, nämlich die Aufstellung einer Vermutung für konkrete Gewaltmaßnahmen hinausgeht, Biese Bedeutung geht dahin, daß Angehörige der kollektivverfolgten Bersonengruppen Entschädigung dann verlangen können, wenn sie in ihrem beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen dadurch benachteiligt worden sind, daß sie mit Rücksicht auf die Kollektivverfolgung und die darin für sie selbst liegende Bedrohung ihr Arbeitsverhältnis aufgelöst haben und ausgewandert sind. Die Vermutung wäre ferner widerlegt, wenn das Berufungsgericht positiv feststellen würde, daß der Kläger nach Aufgabe seiner Stellung in Berlin in der selbständigen Erwerbstätigkeit, die er als nunmehriger Inhaber der Pariser auf genommen habe, einen angemes- Wie der Senat in seiner bei LM Er. 1 zu § 88 BEG und RzW 1957, 86 veröffentlichten Entscheidung vom 23« Januar 1957 - IV ZR.281/56 - ausgeführt hat, setzt ein auf die Vorschriften der §§87, 88 BEG gestützter Entschädigungsanspruch voraus, daß der Verfolgte durch die verfolgungsbedingte Änderung in seinem privaten Arbeitsverhältnis geschädigt worden ist. Zu ihrer Widerlegung würde das beklagte Land im vorliegenden Falle zu beweisen haben, daß die neue Erwerbsstellung des Klägers in Paris nach der Lösung seines Dienstverhältnisses bei der Berliner Gesellschaft dem Kläger eine nachhaltige Lebensgrundlage im Sinne der §§ 92i 75 Abs. 2 BEG gewährt habe. Voraussetzung für den vom Kläger geltend gemachten Anspruch ist schließlich, daß er von der Verfolgung, die zu seiner Schädigung im beruflichen oder wirtschaftlichen Fortkommen geführt hat, in Deutschland und nicht im Ausland erfaßt worden ist. B. nicht gegeben, wenn eine deutsche Firma im Ausland einen selbständigen, dort ansässigen Vertreter hatte und zu ihm unter dem Einfluß der Judengesetzgebung des Dritten Eeiches die Beziehungen löste (RzW 1957» 329)• Der Fall des Klägers würde jedoch, wenn er seine Stellung in Berlin aus Verfolgungsgründen aufgegeben und nach dieser Aufgabe in Baris keine, in dem oben dargelegten Sinne gleichwertige Erwerbamöglich-keit gefunden hat, anders liegen* Seine Schädigung wäre dann bereits in dem Wechsel seiner Stellung ein-getreten, auch wenn die damit verbundene Verschlechterung seiner wirtschaftlichen Lage erst später in Erscheinung getreten wäre* Diese Schädigung aber hätte den Kläger in Bezug auf ein Dienstverhältnis getroffen, das für ihn seinen wirtschaftlichen Schwerpunkt im Inland hatte, weil er von seiner hier ansässigen Arbeitgeberin seine Dienstbozüge erhielt. Erst unter dem Eindruck der bereits im Jahre 1933 gegen die Juden durchgeführten Aktionen habe er sich entschlossen, sein Vertragsverhältnis mit der Berliner dahin umzugestalten, daß er nicht mehr in Berlin zu arbeiten brauchte, sondern nur noch in Baris.