BGH · IV ZR 194/65 vom 12.10.1966
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Über den Wiedergutmachungsanspruch des Klägers, der durch Erlaß des Preußischen Justizministeriums vom 7« August 1933 auf Grund von § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums mit sofortiger 'Wirkung ohne Ruhegehalt aus seiner Stellung als Amts- und Landgerichtsrat entlassen worden war, ist durch Bescheid vom 3» November 1954 / Diesen Antrag hat er auf § 9 Abs. 2 BY/GöD in der Passung des 6o Änderungsgesetzes BWGöD gestützt mit der Begründung, die Entschädigungsbehörde habe seine Dienstlaufbahn nur bis zu dem 8. Das Oberlandesgericht hat das Urteil des Landgerichts geändert und das beklagte Land verurteilt, dem Kläger die Versorgung zu gewähren, die er erhalten hätte, wenn er Das beklagte Land hat Revision eingelegt mit dem Antrag, das angerochtene Urteil aufzuhc-ben und die Berufung des Klägers gegen das Urteil des Landgerichts zurückzuweisen. Durch diesen Bescheid sind dem Kläger nur die Versorgungsbezüge eines Landgerichtsrats zuerkannt worden» Seinem Antrag, ihm die Versorgungsbezüge eines Oberlandesgerichtsrats zu gewähren, hat die Behörde nicht entsprochen» In den Gründen des Bescheides heißt es dazu: "Im Hinblick auf die geringe Anzahl von Beförderungsstellen und die große Zahl der Bewerber könne nicht mit ausreichender Sicherheit festgestellt werden, daß eine Beförderung vor dem 8» Mai 1945 erfolgt wäre*” Die Ansicht des Klägers, es sei noch nicht darüber entschieden und müsse noch entschieden werden, ob er die Stelle eines Oberlandesgerichtsrats oder Landgerichtsdirektors voraussichtlich bis zu dem 31* März 1951 erlangt hätte, ist irrig» In dem Wiedergutmachungsverfahren war und ist darüber entschieden worden, welche Versorgungsbezüge der Kläger auf Grund der erlittenen Verfolgung zu beanspruchen hatte* Darüber ist durch den Bescheid abschließend entschieden worden* Ziel des Verfahrens war, dem Kläger diejenige Wiedergutmachung zuzuerkennen, die ihm nach dem festgestellten Sachverhalt auf Grund der geltenden Gesetze zustand (LM BWGöD § 24 Nr* 2)* Der Bescheid erfaßte, da sich aus seinem Inhalt nichts Gegenteiliges ergab, den gesamten Wiedergutmachungsanspruch des Klägers* Dieser kann daher, soweit ihm das Gesetz es nicht gestattet, keine weitergehenden Ansprüche mehr geltend machen (LM BV/GöD § 26 Nr* 4)* Das Landgericht hat zutreffend angenommen, daß Art* V des 6* Gesetzes zur Änderung des BWGöD vom 18» August 1961 (BGBl I, 1349) dem Kläger nicht das Recht einräumt, über die in dem Wiedergutmachungsbescheid vom 3* November 1954 festgesetzte Wiedergutmachung hinausgehende Rechte zu beanspruchen* Nach Art* V Abs» 2 Satz 1 dieses Gesetzes kann ein Geschädigter die Änderung eines früher ergangenen unanfechtbaren Bescheides insoweit verlangen, als ihm durch das Änderungsgesetz Ansprüche zugebilligt worden sind, die nach dem früheren Recht nicht bestanden und die daher durch den früheren Bescheid auch nicht zugesprochen werden konnten» hie Ansicht des Klägers, daß diese Bestimmung das Recht weitergehende Ansprüche geltend zu machen allen Verfolgten einräume, denen durch einen unanfechtbaren Bescheid oder ein rechtskräftiges Ui’teil eine Wiedergutmachung gewährt worden ist, die hinter dem zurückbleibt, was sie nach dem BWGöB in der Fassung des 6» Änderungsgesetzes zu beanspruchen haben, ist irrig» Bas Gesetz gibt dieses Recht nur denjenigen Verfolgten, für die durch das 6» Änderungsgesetz weitergehende Ansprüche begründet worden sind» Es stellt also nach seinem Wortlaut und seinem Sinn klar und zweifelsfrei darauf ab, ob für den Verfolgten durch das Änderungsgesetz ein Anspruch begründet worden ist, der ihm nach dem bis dahin geltenden Recht nicht zustande Es ist unerheblich, ob ihm die schon nach dem früheren Recht begründeten Ansprüche zuerkannt oder infolge rechtsirriger Anwendung des Gesetzes nicht zuerkannt worden sind» Auch das 6» Änderungsgesetz bekennt sich zu dem das gesamte Recht beherrschenden Grundsatz, daß Ansprüche über die durch einen unanfechtbarcgewordenen Bescheid oder durch rechtskräftiges Urteil entschieden worden ist, nicht erneut geltend gemacht werden können mit dem Ziel, eine günstigere Entscheidung zu erlangen» Es ist nicht der Zweck der genannten Gesetzesbestimmung einem Geschädigten zu ermöglichen, Ansprüche, die durch einen früher ergangenen unanfechtbar gewordenen Bescheid zu Unrecht aberkannt worden sind, jetzt erneut geltend zu machen, wie es das Berufungsgericht unter Hinweis auf sein früher ergangenes RzW 1964, 563 Sr. 32 veröffentlichtes Urteil und das Oberverwaltungsgericht Münster (RzW 1965, 471 Kr. 24) angenommen haben. Änderungsgesetz sind für den Kläger keine Ansprüche begründet worden, die ihm nicht schon zu der Zeit zustanden, als der Bescheid vom 3« Hovember Für diejenigen Geschädigten, die ihren Arbeitsplatz im Geltungsbereich des BWGöD gehabt hatten, war dagegen bereits nach dem früheren geltenden Recht festzustellen, welche Stellung sie bis zu dem 1. Danach hätte der Kläger, wenn er den Bescheid vom 3« November 1954 nicht hingenommen hätte, bereits vor dem Inkrafttreten des 6. Änderungsgesetzes kann auf Fälle der hier zu entscheidenden Art auch nicht deswegen über seinen Wortlaut hinausdehnend ausgelegt werden, weil einzelne Entschädigungsbehörden und auch einzelne Oberlandesgerichte für das vor Erlaß des Gesetzes geltende Recht abweichend von dem Rechtsstandpunkt des Bundesgerichtshofs und des bundesverwaltungs- gerichts der Meinung waren, es könne stets nur geprüft werden, welche Stellung der Geschädigte ohne die Verfolgung bis zu dem 80 Mai 1945 erlangt haben würde, Wollte man das Gesetz in dieser Weise ausdehnend auslegen, wie es der 8, Zivilsenat des Oberlandesge-richts Frankfurt und das Oberverwaltungsgericht Münster in den eben genannten Entscheidungen getan haben, dann würde der das gesamte Recht beherrschende Grundsatz, daß ein unanfechtbarer Bescheid oder ein rechtskräftiges Urteil abschließend und endgültig über die durch sie beschiedenen Ansprüche entschieden haben, in einer die Rechtssicherheit erheblich gefährdenden Weise durchbrochen, Wenn ein Rechtsgebiet, wie das V/iedergutmachungs-und 'Entschädigungsrecht erstmals geregelt wird, wird es häufig Vorkommen, daß in den ersten Jahren Unklarheiten über den Inhalt einzelner Rechtssätze besteht und daß das höchste Gericht erst nach längerer Zeit Gelegenheit hat, diese Zweifel zu klären. Es ist allein Aufgabe des Gesetzgebers darüber zu entscheiden, ob diese Unterschiede im Hinblick auf das Gebot, Gerechtigkeit walten zu lassen und das materielle Recht in möglichst weitem Umfang zu verwirklichen, nicht hin-genömmen werden sollen und ob und wie weit deswegen ein Eingriff in die materielle Rechtskraft früherer Ent Scheidungen zuzulassen ist. In den Gesetzen und Verordnungen zur Änderung des Entschädigungs- u und V/iedergutmachungsrechts ist dieser Einbruch in die Rechtskraft früherer gerichtlicher Entscheidungen oder in die rechtskraftähnliche Wirkung von Bescheiden der Entschädigungsbehörden nur in engem Rahmen zugelassen worden. August 1961 ist dieser Einbruch grundsätzlich nur insoweit für zulässig erklärt worden, als das neue Recht dem Verfolgten Ansprüche zubilligt, die ihm nach dem bisherigen Recht noch nicht zustanden. Eine dem Art. IV des BEG-Schlußgesetzes vergleichbare Bestimmung gibt es für das Recht der Wiedergutmachung jedenfalls zur Zeit noch nicht.