BGH · IV ZR 186/59
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
- Prozeßbevollmächtigter Beklagten und Revisionsbeklagten, Rechtsanwalt Dr«, in hat der 17* Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 2o0 Januar i960 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Ascher und der Bundesrichter Johannsen, Pr, v„ Werner, Wilden und Br« Graf für Recht erkannt* Das beklagte Land hat eine solche Wiedergutmachung abgelehnt, weil der Kläger infolge einer Tätigkeit als Blockhelfer oder Blockleiter mehr als ein lediglich nominelles Mitglied der NSDAP gewesen sei. Unstreitig ist der Kläger Mitglied der NSDAP gewesene Infolgedessen ist er grundsätzlich nach § 8 Absa 1 Nr* 1 BWGöD von einer Wiedergutmachung ausgeschlossen* Der Klager will jedoch die in § 8 Abs* 1 Satz 2 BWGöD vorgesehene Ausnahme in Anspruch nehmen* Br hat behauptet, daß er die Mitgliedschaft bei der NSDAP nur infolge eines unabwendbaren Zwanges erworben und ebenso auch die ihm zur Last gelegte Tätigkeit, die nur im gelegentlichen Einkassieren von Beiträgen und einer einmaligen Sammlung von Kleidern bestanden habe, unter Zwang und Druck gegen seinen Willen und trotz schriftlicher Gegenvorstellungen habe ausüben müssen* Im Balle der Verweigerung einer Beitrittserklärung oder der von ihm verlangten Tätigkeit wäre seine Existenz und Freiheit bedroht gewesen* Bür eine Anwendung des § 8 Abs. 1 Satz 2 BWGöD genüge nach seiner Ansicht nicht, daß der Kläger eine existenzgefährdende bedrohliche I»age angenommen habe, erforderlich sei vielmehr, daß die Aufforderung zu dem Beitritt tatsächlich mit weitgehend unmittelbar bevorstehenden Drohungen der nationalsozialistischen Amtsträger verbunden gewesen sei« Etwas derartiges sei aber nicht festzustellen.. Dieser Ansicht des Berufungsgerichts kann nicht zugestimmt werden; denn entscheidend ist nicht, ob objektiv der Nichtbeitritt zur NSDAP Freiheit, Leben oder wirtschaftliche Existenz des Klägers gefährdet hätte« § 8 Abs.i Satz 2 BWGöD verlangt vielmehr nur, daß die Mitgliedschaft durch vorangegangene nationalsozialistische Verfolgungs- oder Unter- Es genügt, wenn ein verfolgter Beamter auf Grund vorausgegangener oder, was dem gleichsteht, unmittelbar bevorstehender nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen mit einer das ertragbare oder zu demutbare Maß überschreitenden Schädigung sich zu einem Beitritt zur Partei entschlossen hat (vgl, RzW 1959^ 188^)« Diese Voraussetzungen können im Palle des Klägers vorliegen. Denn nach den Feststellungen oder Unterstellungen des Berufungsgerichts wurde der Kläger aus seiner Heimat strafweise in eine geringere Tätigkeit mit niedrigerem 2ndgrundgehalt nach Tilsit als ein äußerst gehässiger Gegner der NSDAP, der dem politischen Katholizismus verschrieben sei, versetzt, außerdem war der Oberfinanzpräsident in Ostpreußen ihm be-besonders mißgünstig und sah ihn als scharfen Gegner der NSDAP an. Dazu kommt, daß der Kläger nach einem Vermerk in seinen Personalakten endgültig für eine Beförderung aus-scheiden sollte, obwohl er sehr gut beurteilt war, und daß er ständig ein überzeugter Gegner der nationalsozialistischen Herrschaft geblieben ist« Die Entscheidungen des erkennenden Senats in RzUlf 1958, 692^ und 99^, auf die sich das Berufungsgericht zur Stützung seiner gegenteiligen Auffassung bezogen hat, stehen dem nicht entgegen, denn sie beziehen sich nur auf eine Anwendung des § 6 BEG, der eine von § 8 BWGöD abweichende Regelung trifft. Der Kläger will sich aber auch in dieser Hinsicht auf eine seine Freiheit und Existenz bedrohende Zwangslage berufen* Hätte diese tatsächlich hinsichtlich seiner Tätigkeit für die Partei Vorgelegen und wäre diese Tätigkeit auf das geringst mögliche Maß beschränkt gewesen, so könnte es, ähnlich wie dies hinsichtlich der Frage einer Mitgliedschaft im Sinne des § 6 B2G vom erkennenden Senat entschieden ist, gerechtfertigt sein, eine solche nur aus einem derartigen Grunde ausgeübte Tätigkeit als unschädlich für die Bejahung einer nur nominellen Mitgliedschaft anzusehen* weil rechtsgrundsätzlich niemand ein Verhalten zur Last gelegt werden darf* zu dem er sich in einer unzu demutbaren Zwangslage bereit gefunden hat. Denn das Berufungsgericht hat dies nicht übersehen, es hat vielmehr nicht als erwiesen angesehen, daß der Kläger unter einem solchen Zwang Tätigkeiten für die NSDAP übernommen habe.