BGH · IV ZR 175/51
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
- Prozeßbevollmächtigter: Rechtsanwalt Br, hat der IV, Zivilsenat des.Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 19« Mai 1952 unter Mitwirkung der Bundesrichter Ascher, Raskef Br, Kregel, Dr,v.Werner und Scheffler für Recht erkannt: Des Berufungsgericht geht zutreffend davon, aus, daß eine Ehe wegen Ehebruchs gemäß § 42 EheG nur geschieden werden kann, wenn den Ehegatten, der deswegen auf Scheidung verklagt wird, ein schuldhaftes Verhalten vorzuwerfen ist« Von einen solchen kann dann nicht gesprochen werden, wenn der Ehebruch unter besonderen Umständen begangen ist, die nach den §§ 51, 52, 54 u 59 StGB bei der strafrechtlichen Beurteilung einer Handlung als SchuldausschließungsgrUnde gewertet werden müßten« Das hat der Senat in Übereinstimmung mit dem Obersten Gerichtshof für die Britische Zone (QGEZ 1, 122) bereits in seinen Urteil von 9« Juli 1951 - IV SE 94/50 - lindenmaier-IIöhring !7r 1 zu § 42 EheG - ausgesprochen« Bes Berufungsgericht stellt nun fest, daß die Beklagte im vorliegenden Palle den Ehebruch in einem unverschuldeten, auf andere '»Veiso nicht zu beseitigenden Notstand begangen habe, um sich und ihre Kinder aus einer gegenwärtigen Gefahr für leib und Leben zu retten„ im Schriftsatz vom 3* Oktober 1950 vorgetragen, die Beklagte würde, wenn sie gewußt hätte, daß der Kläger noch lebte, trotz ihrer schweren Lebensverhältnisse damals noch den Opfermut aufgebracht haben, um sich mit den Kindern bis zur Wiedervereinigung mit dem Kläger durchzuschlagen« Damit, so meint die Revision, habe die Beklagte selbst zugegeben, daß eine unausweichliche Notlage für sie nicht bestanden habe* Der Ehebruch, aus dem das am 1. Die angeblich erste Nachricht vom Kläger seit 1945 habe die Beklagte am 6» Mai 1948 erhalten« Wenn sie sich und die Kinder von dieser Zeit an ohne ehebrecherische Hingabe an den Polen habe durchbringen können, so sei * ihr dies, wie sie ja auch selbst zugestanden habe, auch vorher,, wenn auch unter Aufbringung eines größeren Opfermuts, möglich gewesen« Wenn das Berufungsgericht unter Außerachtlassung dieser Erklärungen der Beklagten zu einer gegenteiligen Feststellung gekommen sei, so beruhe das auf« einer Verletzung des § 286 ZPO« Diese Rüge könnte nur dann zur Aufhebung des Berufungsurteils führen, wenn anzunehmen wäre, daß das Berufungsgericht in der Tat die obigen schriftsätzlichen Erklärungen der Beklagten bei der Würdigung des Inhalts der Verhandlung und ihrer Briefe nicht berücksichtigt hätte« Für diese Annahme besteht jedoch * obwohl das Berufungsgericht sich mit den oben erwähnten schriftsätzlichen Angaben der Beklagten in den Entscheidungsgründen nicht ausdrücklich auseinandergesetzt hat, kein ausreichender Anhalt» Im Tatbestand des Berufungsurteils (S 2 unten) ist der Parteivortrag der Beklagten dahin wiedergegeben 9 daß sie den Ehebruch nur in Ungewißheit darüber, ob der Häger noch am Leben sei und aus Not begangen habe« Das entspricht im wesentlichen dem Inhalt des Schriftsatzes vom 1. Juli 1950» Im übrigen ist im Tatbestand des Berufungsurteils ausdrücklich vermerkt, daß der Inhalt der Schriftsätze der Parteien vorgetragen sei» Es muß deshalb angenommen werden, daß er dem Berufungsgericht auch gegenwärtig gewesen ist, als es sich seine endgültige Überzeugung Über die tatsächlichen Verhältnisse bildete, unter denen die Beklagte zu dem Ehebruch gekommen ist» Es lag aber für das Berufungsgericht besonders nahe, sich dabei in erster Linie unmittelbar an die eigenen brieflichen Erklärungen der Beklagten zu halten, weil auch der Prozeßbevollmächtigte der Beklagten keinerlei Gelegenheit gehabt hatte, sich durch diese mündlich über den Sachverhalt unterrichten zu lassen, sondern sich darauf beschränken mußte, ihre schriftlichen Mitteilungen schriftsätzlich zu verarbeiten o Ob er dabei $eren Inhalt in allen Punkten richtig wiedergegeben hat, steht dahin» In jedem Palle war das Berufungsgericht nach der ausdrücklichen Vorschrift des § 617 ZPO nicht gehalten, die in dieser. Vi geschrieben, daß sie der Not hätte standhalten können, wenn sie gewußt hätte, daß der Kläger noch lebe, s:n-dern erklärt, daß sie dann bereit gewesen sei, mit ihren Kindern lieber in der Hot zu sterben, als einen Ehebruch zu begehen« Daß das Berufungsgericht dieser Darstellung der Beklagten Glauben geschenkt hat, ist.aus Hechtsgründen nicht zu beanstanden« Nun hat allerdings die Beklagte die in ihrem Schriftsatz vom 1.« Juli 1950 enthaltene Behauptung, sie habe sich nach Empfang des ersten nach 1945 an.sie gerichteten Briefs des Klägers (also nach dem 6«5«1948 - Bl 70) nicht mehr vergangen, in ihren vom Berufungsgericht erörterten Briefen nicht widerrufen« Das Berufungsgericht mußte deshalb davon ausgehen, daß die Beklagte und ihre Kinder sich seit dieser Zeit nicht mehr in einer gegenwärtigen Gefahr für leib oder Leben befunden haben, aus der sie nur durch »eitere geschleciic-liche Hingabe der Beklagten an den Polen hätten gerettet werden können« Das steht aber mit der Feststellung des Berufungsgerichts, daß.zur Zeit ihrer früheren Eingabe (bis etwa März/April 1948) diese Notlage bestanden habe, nicht in Widerspruch*' Die Beklagte hatte vorgetragen (Schriftsatz vom 3.10«1950) , daß sie auf Grund ihrer Schwangerschaft und im Hinblick auf ihre Krankheit (Krampfadern an den Füssen) einen Gemeindezuschuß und die nötigen Lebensmittel erhalten habe, so daß nunmehr die Ernährung ihrer Kinder gesichert gewesen sei« Diese ihre Angaben waren vom Kläger nicht bestritten worden« Danach war aber die Annahme berechtigt, daß tatsächlich um diese Zeit in der Versorgungslage der Beklagten und Wenn die Revision schließlich vorträgt, es fehle in den Angaben der Beklagten und in den Ausführungen des Berufungsgerichts an einer eindeutigen Feststellung dariiber, daß der Pole ohne Gewährung des geschlechtlichen Verkehrs nicht bereit gewesen wäre, die Beklagte und ihre Kinder zu unterstützen, so ist dem entgegenzuhalten, daß sowohl die Beklagte als auch das Berufungsgericht offenbar von dieser Annahme ausgegangen sind„ Wenn die Beklagte erklärt, sie hätte es bei Kenntnis des Umstandes, daß ihr Mann noch am Leben sei, vorgezogen, mit den Kindern zu sterben, anstatt sich dem Po-lefc hinzugeben, so kann das nur so verstanden werden und ist das auch vom Berufungsgericht so verstanden worden, daß die Beklagte ihren und der Kinder Untergang vor Augen hatte für den Pall, daß sie dem Polen die Hingabe verweigerte« Das bedeutet, daß sie bei Begehung des Ehebruchs mindestens in dem Glauben gehandelt hat, der Pole werde ihr keine Unterstützung gewähren, oder die bereits begonnene Unterstützung wieder einstellen, wenn sie sich ihm versagen würde.