BGH · IV ZR 169/54
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Gesetz* GG Art 3$ ZPO § 606 Rechtssatzg Pie Zuständigkeitsregelung des § 606 ZPO ist mit dem'mit Ablauf des 31 * März 1953 in Kraft getretenen Grundsatz der Gleichberechtigung von Mann und Frau vereinbar und deshalb nicht außer Kraft getreten* Beklagte und Revisionsbeklagtes hat der IV, Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 4* November 1954 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Schmidt, der Bundesrichter Ascher« Raske, Johannsen und Br,Kregel für Recht erkannt § Io Bern Kläger wird die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand für die Revision gegen das Urteil des 8« Zivilsenats des Oberlandesgerichts in Hamm (Westf„) vom 4. Das Landgericht hat die Klage abgewiesen, weil es für die Entscheidung nicht zuständig sei«, Die Berufung des Klägers war erfolglose Das Urteil des Oberlandesgerichts, in dem die Revision zugelassen wurde, ist dem Kläger am 2, Juni 1954 zugestellt worden0 Nachdem dieser am 24« Juni 1954 um Bewilligung des Armenrechts für die einzulegende Revision gebeten hat und dem Antrag durch Beschluß des Bundesge richtshofs vom 14« Juli 1954 stattgegeben worden war, hat der Kläger am 21 o Juli Revision eingelegt und gleich' zeitig Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Revisionsfrist beantragt, LIit der rechtzeitig begründeten Revision erstrebt der Kläger die Auf-' hebung der Unteile der Vorinstanzen und die Zurückver-Weisung des Rechtsstreits an das Landgericht zur sachlichen Entscheidung. Der Antrag auf Wiedereinsetzung ist rechtzeitig und formgerecht gestellt (§§ 234s 236 ZPO), dem Antrag war daher stattzugebenf soN daß über die auch sonst zulässige Revision sachlich ent-j-schieden werden kann. Da dort die Gerichtsbarkeit nicht mehr durch deutsche Gerichte ausgeübt wird, ist das für den vorliegen den Rechtsstreit zuständige Gericht nach § 606 Abs 1 Satz 2 ZPO zu bestimmen« Dies würde bei wörtlicher Anwendung dieser Vorschrift das Landgericht in Essen sein, da in dessen Bezirk der klagende Ehemann im Zeitpunkt der Klagerhebung seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte« Das Landgericht und das Oberlandesgericht sind jedoch der Ansicht, daß diese Vorschrift seit dem 1, April 1953 nicht mehr anwendbar sei, weil sie einseitig auf den Ehemann abstelle und deshalb nach Art 11? gesetzt sei« Nach den Ausführungen des Berufungsurteils sei nunmehr«, sofern für die Zuständigkeit nicht Satz 1 des § 6Q6 Abs 1 ZPO eingreife, das Gericht des gewöhnlichen Aufenthaltorts des beklagten Ehegatten entsprechend der in § 12 aaO getroffenen allgemeinen Zuständigkeitsregelung in Ehesachen zuständig, wenn es aber an einem solchen im Inland fehle, das Gericht des gewöhnlichen Aufenthaltsorts des klagenden Ehegatten. Januar 1954 - IV ZR 112/53 - die Auffassung vertreten, daß die Zuständigkeitsregelung des § 606 ZPO, bei der es sich im wesentlichen um eine Ordnungsvorschrift handele, dem mit Ablauf des 51- März 1953 in Kraft getretenen Grundsatz der Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht entgegenstehe. Er hat es unterlassen, diese Auffassung näher zu begründen und die Frage endgültig zu entscheiden, weil sie für jenen Rechtsstreit nicht entscheidungserheblich war«, Die in jenem Rechtsstreit vom Senat geäußerte Reohteansioht wird in der Rechtepreohung von dem - I aenat des OLG München in HJW 1954, 76)<> Denn dann wäre der Grundsatz der Einheitlichkeit auf gegeben«, Diesem entspricht es am meisten, das Gericht als örtlich zuständig zu bestimmen, in dessen Bezirk die Ehegatten den letzten gemeinsamen gewöhnlichen Aufenthalt hatten«, Kann aber aus irgendwelchen Gründen der so bestimmte Gerichtsstand nicht beibehalten werden, so bleibt dem Gesetzgeber, wenn man an dem Prinzip, wie es oben dargelegt ist, festhalten will, nichts anderes übrig, als die Zuständigkeit an den gegenwärtigen Aufenthaltsort eines der beiden Ehegatten anzuknüpfen« Welchen er wählt, muß seinem Ermessen überlassen bleiben, ein gewisser freier Spielraum, unter mehreren an und für sich gegebenen Möglichkeiten zu wählen, muß ihm gelassen werden„ Eine Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes des Art 3 Abs 2 GG liegt aber dann nicht vor, wenn die Entscheidung zugunsten des Ehemanns fällt«, Denn die Wahl des für seinen Aufenthaltsort zuständigen Gerichts beruht nicht auf der Bevorzugung seines Geschlechts, sondern auf der folgerichtigen Durchführung des für die Ordnung der Zuständigkeit in Ehesachen maßgebenden Prinzips, das als solches nicht im Widerspruch zu Art 3 Abs 2 GG stehto Sie ist keine einseitige Bevorzugung des Ehemanns, sondern bleibt notwendig durch die Ordnungsfunktion der durch § 606 Abs 1 ZPO getroffenen Ord-nund der Gerichtszuständigkeit in Ehesachen (Esser in JZ 1953, 524)o Aus diesen Gründen ist § 606 Abs 1 Satz 2 ZPO auch für die nach dem 31 * März 1S53 erhobenen Klagen in Ehesachen unverändert anzuwenden» Daraus ergibt sich, daß das Landgericht in Essen zur sachlichen Entscheidung über die vom Kläger erhobene Ehescheidungs- die Zuständigkeit dieses Gerichts nicht aus der ent*, sprechenden Anwendung des § 606 Abs 1 Satz 2 ZPO zu bejah; ist, wie es der Senat in einem ähnlich gelagerten Pall in': der in BGHZ 7, 218 abgedruckten Entscheidung getan hat, und sich mit den von dem Berufungsrichter gegen diese Entscheidung vorgebrachten Bedenken auseinanderzusetzen, Es war daher, wie geschehen, zu.