BGH · IV ZR 162/64 vom 09.06.1965
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Aul die von dem Kläger hiergegen erhobene Klage hat das Landgericht Berlin das beklagte Land verurteilt, an ihn wegen Freiheitsschadens für insgesamt 29 Monate den Betrag von 4 = 350,- DM zu zahlen. Die von dem beklagten Land gegen das Urteil des Landgerichts erhobene Berufung blieb in der Hauptsache erfolglos, nachdem der Kläger den Kiageanspruch auf 4=050,- DM ermäßigt hatte« 1 o Keine rechtlichen Bedenken bestehen gegen die Auffassung dos Berufungsgerichts, daß der Kläger wegen seiner politischen Überzeugung von den nationalsozialistischen Machthabern verfolgt worden und in der Zeit vom 9= April bis 13= Mai 1937, 13« Juni 1939 bis 15= August 1941 und 8. 2. Zutreffend geht das Berufungsgericht allerdings davon aus, daß der Anwendung des § 6 Abs, 1 Nr, 2 BUG im Bereich des Landes Berlin Art, 21 GG nicht entgegensteht, Rechtoausführungen hierzu erübrigen sich, da der erkennende Senat die rechtlich ausschlaggebenden Gesichtspunkte schon mehrfach dargelegt hat. Entgegen der Meinung des Berufungsgerichts kann der Kläger durch diese Betätigung auf politischem Gebiet die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik bekämpft haben» Zu a) In allen Organisationen mit einer größeren Zahl von Mitgliedern ist es für das Auftreten und Handeln der Organisation nach außen regelmäßig belanglos, welche Vorstellungen die Mitglieder von den Zielen der Organisation haben und ob sie diese Ziele billigen» Darauf kommt es jedenfalls nicht an, wenn die einzelnen Mitglieder keinen Einfluß auf die Willensbildung der Führungsgremien haben und deinen Entscheidung allein dafür ausschlaggebend ist, mit welchen Mitteln und auf welchen Wegen die Nah- und Fernziele der Organisation erreicht werden sollen» Keine Organisation, die die Zersetzung und - als letztes Ziel - die gewaltsame tJm-cchichtung der Gesellschaft nach dem Vorbild einer Diktatur des Proletariats im Auge hat, kann aber eine Wenn der Kläger nach seiner eigenen Darstellung, sei es auch mit einem anderen zusammen, Leiter einer solchen Betriebsgruppe ist, so ergibt sich aus dieser Stellung die Wichtigkeit der ihm innerhalb der Organisation der SED gestellten Aufgabe. Wenn er ferner die gleiche leitende Stellung in der Betriobsgruppe der GDSF bekleidet, die vom Bundesgerichtshof als eine Vereinigung angesehen worden ist, deren Zweck oder Tätigkeit sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik richtet (BGHSt 8, 162), so zeigt dies den Kläger als ein besonders aktives Mitglied der SED, dem von der Führung der Partei ein hohes Maß von Vertrauen entgegengebracht wird. Es ist allgemein bekannt, daß sie die herrschende politische Partei im sowjetischen Besatzungsgebiet Deutschlands und die Trägerin der dort errichteten Gev/altherrschaft ist* Sie unterscheidet sich weder in ihrem inneren organisatorischen Aufbau noch in ihren politischen Zielsetzungen noch in der diese Zielsetzungen bestimmenden Ideologie von der in der Bundesrepublik verbotenen KPD» Die Gründe, die nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 17« August 1956 (BVerfGE 5, 85 ff) für die Feststellung der Verfassungswidrigkeit der KPD maßgebend waren, treffen deshalb auch für die SED zu. Hach der ständigen Bechtsprechung des erkennenden Senats erfordert freilich auch bei einem Funktionär die Annahme, er bekämpfe durch seine Tätigkeit die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland, die Feststellung der Art und Weise dieser Tätigkeit» Die Ausführungen des Berufungsgerichts lassen jodoch nicht mit hinreichender Deutlichkeit erkennen, daß es sich der oben dai’gelegten allgemeinen politischen Bedeutung der dem Kläger mit der Leitung der unter a) erwähnten Be triebe gruppen übertragenen Aufgabe bewußt gewesen int. Zu b) Daß der Kläger Flugzettel mit dem oben wiedergegebenen Inhalt dadurch verteilt hat, daß er sie auf die Straße warf, ist vom Berufungsgericht unter Bezugnahme auf die Akten 2 P Js 412/54 = 2 P Js 622/57 der Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Berlin festgestellt worden» Entgegen der rechtlichen Würdigung des Vorderurteils kann der Kläger auch durch diese Betätigung den Ausschließungstatbestand des § 6 Abs, 2 Ziff.2 BEG erfüllt haben» Allerdings kann ein Bekämpfen der freiheitlichen Grundordnung nicht schon darin erblickt wer-den, daß das Flugblatt sich gegen die BrotPreiserhöhungen und den BYG-Vertrag wendet. Denn die Behauptung, daß Adenauer den Armen das Brot und den Müttern die Söhne raube, macht deutlich, daß es den Verfassern des Flugblattes nicht um sachliche Kritik, nicht um die Durchsetzung bestimmter politischer, wirtschaftlicher oder sozialer Forderungen im Rahmen der bestehenden Ordnung, sondern allein darum zu tun war, die politische Führung zu diffamieren, das Vertrauen des Volkes zu ihr zu erschüttern, die Bevölkerung gegen sie aufzuhetzen und damit den gewaltsamen Umsturz, ein Endziel der Politik der SBD, vorzubereiten und zu ermöglichen. 4» Zur Frage der subjektiven Voraussetzung des Bekämp-fens ist nach der ständigen Rechtsprechung des erkennenden Senats erforderlich, daß der Verfolgte die auf die Beseitigung der freiheitlichen Ordnung in der Bundesrepublik gerichtete Zielsetzung der kommunistischen Machthaber nicht nur erkannt oder gebilligt oder in Kauf genommen, sondern sich darüber hinaus von ihr zu der Übernahme und bei der Durchführung seiner Aufgaben hat bestimmen oder doch mitbestimmen lassen» Br muß also, wenn ihm das Bekämpfen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nach § 6 Abs« 2 Ziff.2 BEG zu dem Vorwurf gemacht werden soll, bewußt auch seinerseits das Ziel verfolgt haben, mit seiner Tätigkeit einen Beitrag zu dem Kampf gegen die freiheitliche Ordnung in der Bundesrepublik zu leisten« Bei .einem Anspruchsteller, der wegen einer innerhalb des Gebietes der Bundesrepublik oder Westberlins vorgenommenen Handlung von der Entschädigung ausgeschlossen werden soll, genügt es zura Nachweis dieser' Voraussetzungen in der Hegel, daß er seine Tätigkeit im Dienste der kommunistischen Gewaltherrschaft nicht unter dem von dieser ausgeübten Zwang, sondern aus eigenem Entschluß übernommen hat und ausübt« Denn in einem solchen Balle wird in aller Hegel eine tatsächliche Vermutung bestehen, daß beim Anspruchsteller die subjektiven Voraussetzungen des Bekämpfens gegeben waren. Hach alledem kann das Urteil des Berufungsgerichts keinen Bestand haben» Der Rechtsstreit muß vielmehr unter Aufhebung dieses Urteils zur anderv/eiten Verhandlung und Entscheidung an die Vorinstanz zurück-verv/iesen v/erden.