BGH · IV ZR 161/59 vom 18.12.1959
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“Auswanderung0 liegt auch vor, wenn jemand das deutsche Staats*-gebiet, in dem er einen gesetzlichen Wohnsitz hat, den er nicht aufzuheben vermag, unter Aufgabe seines inländischen Aufenthalts legal oder illegal in der Absicht verläöt, sich im Auslande ständig niederzulassen. Auch habe sie dem rassisch verfolgten Dr, G(HBBBHP nicht im Sinne ‘des § 1 Abs, 2 Ziff, 3 BEG "nahegestanden", da sie zu ihm ein ehewid-riges und damit von der Rechtsordnung mißbilligtes Verhältnis unterhalten habe. Zwar habe sie durch ihre Heirat unter Verstoß gegen die damaligen deutschen Gesetze nachträglich gewissermaßen den Status einer Emigrantin vor dem Nationalsozialismus erhalten} sie stehe aber trotzdem nicht denjenigen Angehörigen einer damals diskriminierten Gruppe gleich, die sich zunächst ohne Auawanderuhgsabsicht im Ausland aufgehalten und nach dem Machtantritt des Nationalsozialismus zur Aufgabe ihrer deutschen Heimat entschlossen hätten. Mit techt wird auch in dem angefochtenen Urteil ausgeführt, ihre hsieht habe die Klägerin bereits in diesem Zeitpunkt verwirk-■icht, obwohl sie gemäß § 10 Abs. 1 BOB a.F. ihren "Wohnsitz11 .n Königsberg Pr. bis zur rechtskräftigen Scheidung formal be~ ialten habe; denn "Auswanderung" sei etwas Tatsächliches und rerde nicht dadurch gehindert, daß derjenige, der seine Heimat tufgebe, kraft Gesetzes die juristische Beziehung des^Wohnsitzes" ;u seinem bisherigen Aufenthaltsort noch behalte« Der erkennende Senat hat zwar wiederholt ausgesprochen, daß eine "Auswandrung" im Sinne des § 141 BEO vorliegt, wenn jemand legal oder llegal das deutsche Staatsgebiet unter Aufgabe seines inlän-ischen Wohnsitzes in der Absicht verläßt, sich im Auslande Hierbei ist jedoch u beachten, daß die bisher vom Senat entschiedenen Fälle, in enen zu dem Begriff der "Auswanderung" Stellung zu nehmen war, inen gewillkürten Wohnsitz des Verfolgten zur Grundlage hatten, während für die Klägerin im vorliegenden Fall der gesetzliche Wohnsitz war, den sie nach dem damals geltenden bürgerlichen Recht auch mit Zustimmung ihres Ehemannes von sich aus nicht aufzuheben vermochte«» Daß der gesetzliche Wohnsitz trotz des Verlassen® der Heimat bestehen bleibt, kann der "Auswanderung" nicht entgegenstehen«. * tis jeweils ihre Aufenthaltserlaubnis für Litauen wieder erneuert worden war, steht der Annahme, sie sei damals bereits " ausgewandert,f gewesen, nicht entgegen; das gleiche gilt von dem in der Vorinstanz festgestellten Umstande, daß die Klägerin sich erst im Oktober 1935 in kHHHP Pr. polizeilich abgemeldet und dann durch Deutschland nach der Schweiz begeben hat. Ob und wie lange die Klägerin in Memel bleiben wollte, ist angesichts ihres feststehenden Willens, sich schließlich nach der Schweiz zu begeben, ohne rechtliche Bedeutung, so daß die in dieser Hinsicht erhobenen Verfahrensrügen der Revision neben der Sache liegen, 2>^ Dem Oberlandesgericht fällt auch kein Rechtsfehler zur Last, wenn es ausführt, die Auswanderung der Klägerin beruhe nicht auf den Verfolgungsgründen des § 1 BEG. im Sinne des $ 1 Abs» 2 Nr» 3 BEG- “nähegestanden“ hat oder ob es, wie das Oberlandesgericht meint; hieran deswegen fehlt, weil ihr Verhältnis zu ihm ehewidrig und daher von der Rechtsordnung mißbilligt war» Dies kann jedoch im vorliegenden Falle dahingestellt bleiben, weil die Klägerin nicht Verfolgt'* worden ist» ?) attsgesprochen hat, ist “Verfolgter1* im Sinne des § 141 BEO nicht schon derjenige, der mit der Möglichkeit einer Verfolgung rechnen mußte und wegen dieser abstrakten, wenn auch durch die spätere Bntwiclclung bestätigten Gefahr der Verfolgung ausgewandert ist, sondern nur derjenige, der bereits konkrete Verfolgungsmaßnahmen im Sinne der §§ 1, 2 EKG.hat hinnehmen müssen und aus diesen Verfolgungsgründen eich später dann zur Auswanderung entschlossen hat. Wie in diesem Urteil dargelegt wird, kann darüber, daß für die eigentlichen Entschädigungsansprüche grundsätzlich als “Verfolgter“ nur derjenige angesehen werden kann, gegen den Verfolgungsmaßnahmen gerichtet waren, nach der Rechtsprechung des Senats kein Zweifel bestehen* Dabei ist auch zu beachten, daß die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind, wenn solche Maßnahmen unmittelbar bevorstanden und wenn es sich nicht um Einzelmaßnahmen gegen bestimmte Personen, sondern um solche gegen ganze Bevölkerungsgruppen handelte» Sowohl der Wortlaut, wie auch der Sinn und Zweck des Gesetzes geben keinen Anlaß, davon abzuweichen und auch denjenigen im Sinne des § 141 BEO als “Verfolgten“ anzusehen, gegen den seitens der nationalsozialistischen Gewalthaber vor der Auswanderung keine derartigen Verfolgüngsmaßnahmen ergriffen worden sind» Nach den Feststellungen des angefochtenen Urteils ist die Klägerin nicht in der läge, irgendwelche nationalsozialistischen Gewaltraaßnahmen anzuführen, die von einer Dienststelle oder einem Amtsträger der in § 2 BEG genannten Körperschaften gegen sie ergriffen oder auch nur geplant gewesen seien* Im einzelnen hat das Oberlandeegerieht hierzu ausgeführt: Ob der Blockleiter PSBfe, der die Beziehungen der Klägerin zu Dr. GSBBHD gekannt habe, ein “Amtsträger" in diesem Sinne gewesen sei, könne zweifelhaft sein* Jedenfalls sei es nicht erweislich, daß er ernsthaft gegen die Klägerin habe Vorgehen wollen* Er habe ihr sogar dazu ver-holfen, in die Schweiz auszureisen, indem er den polizeilichen Abmeldeschein vom 10» Oktober 1935 als Vertreter des Hausherrn unterschrieben habe* Da hierin Bern als Ziel der Klägerin genannt gewesen sei, habe er sich denken müssen, daß die Klägerin zu Dr. GMSHBH) ziehen wolle. tens in dem Augenblick, als ihm der Abmeldeschein vorgelegt worden sei, etwas unternehmen müssen, um die Fortsetzung dieses Verhältnisses zu verhindern* Daß er dieses nicht getan habe, schließe auch für die vorhergehende Zeit die Annahme aus, daß die Klägerin beim Verbleiben in K^HBW Fr. von seiner Seite etwas zu befürchten gehabt hätte.-Diese Ausführungen enthalten keinen Rechtsfehler* Unbegründet sind auch die in diesem Zusammenhänge erhobenen Verfah-rensrügenj denn die Revision weist selbst darauf hin, daß die Beweisantritte der Klägerin, deren Übergebung durch das Oberlandesgericht sie rügt, für Behauptungen in der Richtung angeboten worden seien, daß und die Ange- “Nürnberger Gesetze“ vom 15* September 1935 nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen dar* denn der Begriff der “konkreten** Verfolgungamaßnahmem darf nicht zu eng gefaßt werden, so daß zu den Gewaltmaßnahmen gegen Verfolgte auch der Erlaß von {judenfeindlichen) Gesetzen und Anordnungen zu rechnen ist (LM Nr. 27 zu § 1 BEG. Wenn das Oberlandesgericht in diesem Zusammenhänge ausführt, die Klägerin habe auf Grund ihrer späteren - unter Verstoß gegen die obigen gesetzlichen Vorschriften im Auslande vollzogenen - Eheschließung bei einer Rückkehr nach Deutschland Verfolgung zu erwarten gehabt und auf diese Weise gewissermaßen nachträglich den Status einer Emigrantin vor dem Nationalsozialismus erhalten, so kann auch unter diesem Gesichtspunkt der Klägerin kein Soforthilfeanspruch erwachsen, wie in dem Berufungeurteil zutreffend dar-gelegt wird. Denn damals waren die Verfolgten nur auf Reisen-gegangen, hatten Deutschland also in der-Absioht der Rückkehr verlassen und brachten nun* als sie sich im Auslands entschlossen, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren, zu dem Ausdruck, daß sie jetzt den Willen hatten, ihren inländischen Wohnsitz auf zugeben und sich im Aus lande ständig niederzulassen. Vielmehr hat bereits das Oberlandesgericht rechtlich zutreffend darauf hingewiesen, § 141 BEG verlange die Feststellung, daß der Auawanderungsentachluß aus den Ver-folgungagründen des § 1 BED gefaßt worden sei* Aus diesen Gründen i&t die Revision der Klägerin mit der sich aus den §§ 209 AW£ 1, 22$ Abs. 1 BEG,.