IV. ZR 157/60 Verkündet am
23• November i960
Schorm, Justizangestellter als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle
Im Namen des Volkes
*
In dem Entschädigungsrechtsstreit
des Landes Nordrhein-Westfalen,
vertreten durch den Regierungspräsidenten in Köln,
Beklagten und Revisionsklägers,
- Prozeßbevollmächtigterr Rechtsanwalt Br,
Krille in Karlsruh
gegen
verw.
- Prozeßbevollmächtigters
Rechtsanwalt Br,
hat der IV, Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mUnd liehe Verhandlung vom 18, November i960 unter Mitwirkung
des Senatspräsidenten Ascher und der Bundesrichter Ymstenberg Maaß, Wilden und Br, Graf
für Recht erkannt:
Auf die Revision des beklagten Landes wird das
Ui’teil des 5« Zivilsenats (Entschädigungssenats)
des Obei'landesgerichts in Köln vom 17* März I960
aufgehoben.
Auf die Berufung des beklagten Landes wird das Urteil der 1, Entschädigungskammer des Landgerichts in Köln
vom 30, Januar 1959 geändert, Bie Klage wird abgewiesen.
Bie Entscheidung ergeht gebühren- und auslagenfrei;
die außergerlichtlichen Kosten des gesamten Rechtsstreits trägt die Klägerin,
Von Rechts wegen
Tatbestand;
Pie in T
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geborene Klägerin jüdischer Herkunft. Sie heiratete im Jahre 1927 den
ungarischen Hechtsanwalt Pr.
und folgte ihm nach
Budapest. Durch die Eheschließung verlor sie die tschecho slowakische Staatsangehörigkeit und erwarb die ungarische
Nach dem Tode ihres Ehemannes im April 1935 kehrte die
■
Klägerin aus Budapest nach
zurück und war seitdem al
Kassiererin im Textilgeschäft ihres Vaters tätig. Nach der Besetzung und Eingliederung des Sudetenlandes in das Beut
sehe Reich begab sich die
arin zunächst nach Prag.
Von dort flüchtete sie, um der Peportation zu entgehen
9
im Juli 1942 nach Budapest. Hier wurde sie nach dem Ein marsch der deutschen Truppen zunächst in einem Judenhaus
und später in einem Ghetto untergebracht. Im August 1945
kehrte die Klägerin nach
zurück. Von dort wanderte
sie im Jahre 1947 nach England aus. Seit dem Jahre 1953 be
sit
die Klägerin die britische Staatsangehörigkeit
c<
sie
ist als Vertriebene anerkannt
Pie Klägerin hat für den erlittenen Freiheitsschaden
eine Entschädigung erhalten
Pie
einer Entschä
a •
gung für Schaden im beruflichen Fortkommen hat der Regie
rungspräsident durch den Bescheid vom 11 lehnt, weil die Klägerin nicht vor der
sei
Juli
treibung in das
lehnenden Bescheid hat die
rin
1958 abge
inen Ver
Gegen den ab erhoben und be
antragt
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das beklagte Land zu verurteilen, an sie wegen Schadens im beruflichen Fortkommen eine Entschädigung von 10.000 PM zu zahlen.
3
«
♦
Das Landgericht hat das beklagte Land durch das Urteil vom 3o* Januar 1959 nach dein Klageantrag verurteilt Die Berufung des beklagten Landes blieb erfolglos»
Mit der vom Berufungsgericht zugelassenen Revision verfolgt das beklagte Land seinen Antrag, die Klage abzu-weisen, weiter*
die Revision
zurückzuweiseno
En t s che i dung sgründe:
Die Revision des beklagten Landes i
o
begründet
Der Klägerin steht ein Entschädigungsanspruch wegen Schadens ira beruflichen Fortkommen nicht zu0
o
Die Vorinstanzen gehen davon aus, daß die
rin
nicht nach § 4 BEG anspruchsberechtigt sei, da keiner der
Voraussetzungen, von denen die Anspruchsberechtigung ab
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im Falle der i(
erin gegeben
Gegen diese Auf
fassung bestehen keine rechtlichen Bedenken«
Das. Berufungsgericht ist jedoch in Übereinstimmung mit
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dem Landgericht der Meinung, daß der Klägerin der geltend gemachte .
154
BE
zustehe
Es niimt zunächst
an
j
daß die
?in Vertriebene nach
o
15o BEG sei,
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sie im Jahre 1947 im Zuge der allgemeinen Vertreibung nach
England ausgewandert sei und daher die Voraussetzungen
der Vorschrift des
Abs
BVFG erfülleo Auch die be
sonderen Voraussetzungen, von denen der Entschädigungs
anspruch wegen Be
V*
ufsschadens g
154 Abs. 1 Satz 2
abhängt, sieht das Berufungsgericht als erfüllt an« Denn die Klägerin sei, so führt das Berufungsgericht aus, vor der allgemeinen Vertreibung in das Ausland ausgewandertc Biese Anspruchsvoraussetzung ist nach der Auffassung des Berufungsgerichts dadurch erfüllt, daß die Klägerin im Jahre 1942 von Prag nach Budapest geflüchtet ist, Ungarn sei für die Klägerin 11 Ausland11 im Sinne der gesetzlichen Regelung gewesen* Zwar habe sie im Jahre 1927 durch die Eheschließung mit dem ungarischen Rechtsanwalt Br, Lacko die ungarische Staatsangehörigkeit erworben«, Biese Staats-
angehörigkeit habe sie jedoch wied
aufgegeben und ihre
ursprüngliche tschechoslowakische Staatsangehörigkeit
wieder erworben
al
sie im Jahre 1935 nach dem Tode ih
res Ehemannes in ihren Heimatort
im
udetenland
zurückgekehrt sei, um im Geschäft ihres Vaters tätig zu
sein
jfur aie
tstellung, ob ein Land als "Ausland
m
Sinne
aes
154 Abs
Satz
m
BEG anzusehen sei, sei es
ohne Belang, ob dieses Land zu
Vertreibungsgebieten
zähle oder nicht«, Möge es auch nicht möglich sein, eine
verfolgungsbedingte Auswanderung von einem Vertreibungs gebiet in ein anderes Vertreibungsgebiet schon einer Ver
treibung im Sinne des
Abs
gleichzustellen
9
so enülle eine derartige Auswanderung doch den Tatbestand
des § 154 Abs
Satz
BEG
Benn
Bestimmung
lan
o
nicht, daß die Auswanderung zugleich als Vertreibung im
Sinne des
Abs
Nr
BVFG
en müsse
o Bie gegen diese rechtliche Auffassung gerichteten An
griffe der Revision sind begründete Auch wenn man zu Gunsten
der
rin annimmt
9
daß
Berufungsgericht seine Fest
Stellung, sie habe nach ihrer Rückkehr aus Ungarn erneut
Staatsbürgerschaft erworben, ohne
die tschechoslowakische
Verletzung zwingender Verfahrensvorschriften getroffen
hat, und wenn man davon ausgeht, daß die Flucht der IQä
5
gerin von Prag nach Budapest eine Auswanderung in aas
Ausl
A
ana
im Sinne des §
154- Abs, 1 Satz 2 BEG gewesen
ist
9
kann die Klage keinen Erfolg haben* Soweit es sich
um die Entschädigung
Schaden an Körper und Gesundheit
und an Freiheit handelt, ist es nach den §§ 15o ff BEG
gleichgültig, nach welchem der in
1 3VFG umschriebenen
Tatbestände
Verfolgte zu den Vertriebenen zu rechnen
ist
Ans
prüche auf Entschädigung wegen der Entrichtung
von Sonderabgaben und wegen Schadens im beruflichen
Fortkommen stehen aber nur solchen Verfolgten zu
9
die
aus Gebieten mit einer Kollektivvertreibung der Deutschen
vor der allgemeinen Vertreibung in das Ausland
ausgewan
dert sind. Durch diese Fassung des Schadenstatbestandes
%
wird zugleich festgelegt, welcher Personenkreis Entschä
digung verlangen kann* Aus
154 BEG folgt daher, daß die
Klägerin die von ihr erstrebte ü;ntSchädigung nur bean
pruchen kann
enn sie zu den Vertriebenen
nach § 1
Abs
rs
Nr
1 BVFG gehört, Ein Anspruch w
Ct CTCS
Schadens
im beruflichen Fortkommen
u aer
daher ins
be
*sonaere
dann nicht zu, wenn sie Vertriebene als Um
Siedlerin oder als Aussiedlerin im Sinne
aes
1 Ab«
O o
No:
2 und
BVFG
Es kommt also darauf an. ob die
9
rin dem Kreise der Vertriebenen nach
i! Abs
2
Nr
1
zuzurechnen
Die
der Vorschrift scheitert im vorlie
genden F
daran
9
die Klägerin von der- Kollektiv
Verfolgung der Deutschen in ihrer
■
nicht
iffen
worden wäre, wenn sie sich nicht im Jahre 1942 nach üh
garn begeben hätte. aach der Vorschrift des 9 Nr,
f
ÄOS
BVFG zählen diejenigen deutschen
atsangenongen
deutschen Volkszugehörigen zu den Vertriebenen, die das
Vertreibungsgebiet vor der allgemeinen Vertreibung ver-
lassen haben, weil Verfolgungsmaßnahmen
sie verübt
or*. # ■
wurden oder ihnen drohten» Nach dem Sinn der gesetzlichen Regelung gehören sie daher nur dann zu den Vertriebenen,
wenn sie beim Verbleiben in ihrer Heimat von den all
B
ieinen Vertreibungsmaßnahmen erfaßt worden wären (Werber/
Eode/Shrenforth, Bundesvertriebenengesetz
9
Anm
10 zu
9
Blessin/Wilden, Bundesentschädigungsgesetze, 3* Aufl
Anm
12 zu § 150; van Dam/Loos, Bundesentschädigungsgesetz
Anm
zu
150)
Auf dieser im Schrifttum allgemein ge
billigten Meinung beruht die Entscheidung des erkennenden
Senats vom 21. Oktober 1959 - IV ZE 1o6/59 * RzW i960
9
35
9
in der
zinn
Ausdruck gebracht worden ist, daß Vertriebene
im Sinne des
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4
Hb
Nr
nur dann zu den in
§ 15o Abs
*
BEG bezeichneten Entschädigungsberechtigten
gehörten, wenn sie bei ihrem Verbleiben im Vertreibungs
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ebiet, also ohne die durch NS-Maßnahmen bedingte Auswan
aerung, tatsächlich vertrieben worden wären» Ebensowenig
*
fallen nach der Entscheidung des erkennenden Senats vom
3o
Oktober 1959 - IV ZR 72/59 * ßzW i960
9
85
9
an der
ungeachtet der Kritik von Stranz
RssW-1960,
219
m der
Entscheidung vom 13« Juli i960 - IV ZR 64/60 - ausdrücklich festgehalten worden ist, diejenigen Verfolgten unter die genannte Vorschrift, die vor der Vertreibungszeit verstor ben sind, gleichgültig ob der Tod sie noch im Vertreibungs
gebiet oder erst nach ihrer
Auswanderung im
Aufnahmeland
getroffen hat
Die Anwendung dieses Grundsatzes auf den im vorliegen den Pall vom Berufungsgericht festgestellten Sachverhalt er
gibt
9
daß die
nicht nach den §§ 15o
9
154
an
spruchsberechtigt ist
Nach
Feststellungen ist di'e
*
Klägerin bereits im August 1945 von Budapest nach Prag
zurückgekeh
Sie wurde von der dann folgenden allgemeinen
Ausweisung der Deutschen nicht betroffen, wie sich schon
7
darau
e>
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9
daß sie erst im Jahre 1947 nach Engl
ausgev/andert
IS V »
Daß die Klägerin auf Grund eines eigenen
Schlusses ihre Heimat verlassen hat, folgt aus ihre] klärung in der Klageschrift vom
Er
September 1958, Danach
gelang es ihr, erst im Jahre 1947 eine Einreisebewilligung nach England zu erreichen, wo sich ihre Schwester auf
hielto Für die vom Berufungsgericht ohne eigene Prüfung
der Entsehei*
übernommene Annahme des Landgerichts (Bl, dungsgründe des Urteils des Berufungsgerichts), daß die
Klägerin im Jahre 1947 im Zuge der allgemeinen Vertrei
bung nach England ausgewandert sei, ergibt der Sachver halt nichts.
Die Kostenentscheidung beruht auf den
91
ZPO
9
225
Abs. 1 BEG
Ascher Wüstenberg Maaß Wilden Dr.Graf
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