BGH · IV ZR 153/63 vom 19.02.1964
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Auf die Revision der Klägerin wird das Urteil dos 15* Zivilsenats des Oberlandesgerichts Düsseldorf vom 19* Mär2 1963 aufgehoben* lungnahmen eingeholt0 Mit Bescheid vom 2o« Juli 1961 hat sie als verfolgungsbedingte Leiden anerkannt: ‘»Mäßige Psychasthenie und vegetative Dystonie im Sinne der wesentlichen Mitverursachung und geringe rezidivierende Polyarthritis im Sinne der abgrenzbaren Verschlimmerung«“ iür diese Leiden hat sie der Klägerin einen Anspruch auf Heilverfahren zugebilligt« Die verfolgungsbedingte Minderung der Erwerbsfähigkeit hat sie für die Zeit ab 10 Januar 1942 mit 25 und für die Zeit ab 1« November 1953 mit Io $ bewertet» Demgemäß hat sie der Klägerin unter Ablehnung v/eitergehender Ansprüche bei Einstufung in den mittleren Dienst und Zuerkennung eines HundertSatzes von 3o eine Kapitalentschädigung für die Zeit bis zu dem 31® Oktober 1953 in Höhe von 7*>o8198o DM zugebilligt® Das beklagte Land hat Klageabweisung beantragt und sich zur Begründung dieses Antrags auf das von Prof* Dr* erstattete Gutachten bezogen« Die Klägerin hat Berufung eingelegt und im Berufungsrechtszug beantragt;» das beklagte Land zu verurteilen, an sie für die Zeit ab 1« November 1953 eine monatliche Rente von 2oo DM zu zahlen« 1« Das Berufungsgericht hat seine Entscheidung damit begründet, daß die Klägerin bis zu dem 1« April 1958 keinen Antrag auf Entschädigung wegen Schadens an Körper und Gesundheit gestellt habe* Im Antragsformular habe sie die Präge nach “Schaden an Körper und Gesundheit“ ausdrücklich verneint und nur Entschädigung wegen “Schadens an Preiheit” &s könne dahinstehen, ob ein zunächst unmißverständlich nicht gestellter Antrag später überhaupt noch "nachgeschoben1* werden könne« Dies sei jedenfalls dann nicht möglich, wenn die Entschädigungsbehörde über den einzigen in der Anmeldung näher bezeichnet on Anspruch bereits entschieden habe« Die Versäumung der Antragsfrist sei von Amte wegen zu beachten« Die Bindung von Ansprüchen an die Anmeldung binnen einer bestimmten Frist habe sachlich-rechtliche Bedeutung« Es komme mithin nicht darauf an, ob das beklagte Land sich auf die FristVersäumnis berufen habe« Es habe zwar der Klägerin Wiedereinsetzung in den vorigen Stand nach § sich die Revision beruft * a usgesp ziehen * daß aus der irn Mantelbogen enthaltenen Erklärung eines Verfolgten* im Rahmen, seines Anträge nur Ansprüche aus einer bestimmten Schadensart zu haben* nicht geiolgert werden kann* er wolle den Antrag bewußt auf eine Entschädigung wegen dieser Schadensart beschränken und auf weitere Ansprüche wegen anderer Schadenstatbestände Vorsichten« Der Senat hat daher in dieser Entscheidung die Zulässigkeit der Ergänzung der Anmeldung durch Bezeichnung einzelner in der Anmeldung nicht erwähnter Schadensarten (sog« Nachschieben von Ansprüchen) auch nach Ablauf der Antragsfrist bejaht* es jedoch offengelassen* ob ein solches Nachschieben noch möglich ist* wenn die Entschädigungebehörde über den einzigen, in der Anmeldung erläuterten Anspruch bereits entschieden hat« b) Biese noch offene Frage hat der Senat in dem zur Veröffentlichung vorgesehenen Urteil vom 13« November 1963 - IV ZR 1oo/63 - entschieden« Er hat hier ausgesprochen* daß dann* v/enn das Verfahren über rechtzeitig angemeldeto Entschädigungsansprüche endgültig abgeschlossen und die Frist dos § 189 Abs« 1 BEG abgelaufen ist* weitere Entschädigungsansprüche nicht mehr angemeldet werden können* sofern nicht die Voraussetzungen für eine Wiedereinsetzung gegen die FristVersäumnis vorliegen« Biese Entscheidung hat der Senat wie folgt begründet: "Bio in der Entscheidung RzW 1962* 323 Kr« 37* offengelossene Frage* ob ein Verfolgter die eine andere Schadensart betreffenden Angaben noch nachholen kann* wenn die Entschädigungsbehörde Uber den einzigen in der Anmeldung erläuterten Anspruch bereits entschieden hat* muß jedoch dahin beantwortet werden* daß nach dem Abschluß des durch die Anmeldung eingeleiteten Verfahrens, also wenn die in ihm ergangenen Entscheidungen unanfechtbar oder rechtskräftig geworden sind* keine Möglichkeit mehr besteht* Ansprüche nachzuschieben« Es würde dein Sinn der in § 189 BEG getroffenen Regelung, durch die dem Bund und den Ländern ein Überblick Uber die von ihnen aufzubringenden Entschädigungsleistungen verschallt werden soll, widersprechen, wenn etwa noch Jahre oder Jahrzehnte nach der Beendigung dieses Verfahrens neue Ansprüche erhoben werden könnten» Sollten erst nach diesem Zeitpunkt Schädigungsfolgen aufgetreten sein, die vorher nicht erkennbar waren, so mag dem Verfolgten unter Umständen die Wiedereinsetzung gegen die Versäumung der Antragsfrist zu erteilen sein,“ c) Ein verspätetes und daher unzulässiges Nachschieben im Sinne dieser Rechtsprechung ist jedoch bei dom hier besonders gelagerten Sachverhalt nicht gegeben* Es mag dahingestellt bleiben, ob nicht in der Vorlage des Attes-tos des Dr» 0(HHB^VOul Dezember 1938 in Verbindung mit dem in der eidesstattlichen Versicherung vom 12. Dezember 1937 enthaltenen Hinweis uuf die besonderen gesundheitlichen Belastungen Klägerin während des Lebens in der Illegalität ein Antrag auf Entschädigung wegen Schadens an Körper und Gesundheit zu erblicken ist, weil an die Erklärungen der Verfolgten keine hohen Anforderungen gestellt werden dürfen* Denn von einem endgültigen Abschluß dos Entschädigung©verfahrene kann nur dann gesprochen werden, wenn nach der Auffassung der EntSchädigung©behörde kein Anspruch aus irgendeiner Schadensart mehr offensteht. Eine solche Auffassung ist im allgemeinen zu unterstellen, wenn die Entschödigungsbehörde über die einzelnen, in der Anmeldung oder in der Folgezeit erläuterten Ansprüche entscheidet, ohne irgendwelche Vorbehalte zu machen und ohne zu erkennen zu geben, daß sie noch Ansprüche als nicht erledigt betrachtet» Hier hat aber die Entschädigungsbehörde dadurch, daß sie mit einem Schreiben, das das gleiche Datum wie der Bescheid über die Zubilligung einer Entschädigung für Freiheit®-schaden trägt, die Akten der Landeerentenbehörde übersandt hat, unmißverständlich zu dem Ausdruck gebracht, daß sie das Entschädigungs-Verfahren der Klägerin nicht als abgeschlossen ansaho Sie hat vielmehr zu erkennen gegeben, daß sie einen Antrag auf Entschädigung wegen Schadens an Körper und Gesundheit als gestellt und als noch nicht erledigt betrachtete» liegen aber die Dinge so, dann kann das Entschädigungsverfahren nicht als endgültig abgeschlossen im Sinne des vorerwähnten Senatsurteils angesehen werden.