BGH · IV ZR 152/63 vom 14.02.1964
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Tatbestands Die im Jahre 19o5 in Rumänien geborene Jüdische Klägerin begehrt Entschädigung für Schaden im beruflichen Fortkommen und für Auswanderungen sten« Nach dem Besuch der Grundschule und oiner Haushaltungsechule zog sie im Mal 1925 zu Verwandten nach Efl^« Ab Oktober 1926 war sie Hausangestellte und Verkäuferin im Abzahlungsgeschäft der Frau Cilly in Mitte 1932 lernte eie ihren Jetzigen Ehemann kennen« Dieser war polnischer Staatsangehöriger und betrieb seit 1929 in in Holland ein Teilzahlungsgeschäft in Textilien« Konfektion und Kleinmöbeln« Am 2* Juni 1932 erteilte der Polizeipräsident in R^p der Klägerin zwecks Verheiratung eine Bescheinigung über ihren Aufenthalt in E^0« Im Mai 1933 wurde der Klägerin die Stellung gekündigt« Cilly Mab ihr Geschäft in SflBB im Juni oder Juli 1933 infolge Boykotts auf« Die Klägerin schloß mit ihrem Ehemann am 3o» Mai 1933 vor dem Standesbeamten in He^mi die £he5 nachdem sie bereits Ende 1932 zu heiraten beschlossen hatten» Am 2. Zur Entschädigung wegen Schedens im beruflichen Fortkommen hat das Berufungsgericht ausgeführt, entgegen der Vermutung des § 64 Abs« 2 BEG sei die Klägerin im Mai 1935 nicht aus Gründen der Rasse, sondern deshalb entlassen worden, weil Frau als Jüdin alsbald nach dieser Zeit ihr Geschäft habe äufgeben müssen« Aus § 87 Abs« 1 BEG könno daher die Klägerin einen Entschädigungsanspruch nicht herleiten« Anspruch auf Entschädigung 4 BEG sei nicht anv/endbar, da die Klägerin sich nicht um die Erlangung eines Arbeitsplatzes oder um die Vermittlung in Arbeit bemüht, sondern zusammen mit ihrem Ehemann in E^|^ ein Geschäft habe eröffnen wollen« Auch § 88 Kr« 5 BEG entfalle als Anspruchsgrundlago9 da zwar Frau ihr Geschäft aus Verfolgungsgründen aufge- Soweit die Klägerin darauf, daß sie diese Existenz habe gründen wollen und daran durch die gegen die Juden ersetzenden Gewaltmaßnahmsn gehindert worden sei, einen Anspruch stutze, handele es sich um einen nicht entschädigungsfähigen Schaden« Denn sie habe nur zusammen mit ihrem Ehemann - gleichgültig, ob als dessen Teilhaborin oder Angestellte - die Gründung eines Geschäfts in boabaiühtigtc Dieser Schaden sei aber aus zwei Gründen nicht entsehädigungsfähig* Einmal beruhe die 'Tatsache, daß der in Holland lebende Ehemann der Klägerin wegen der nach 1933 ersetzenden Verhältnisse das angeblich geplante Geschäft in Deutschland nicht mehr habe eröffnen können, nicht auf einer im Altreichsgebiet 64 Abs» 1 Satz 1 BEG) begonnenen Verfolgung des Ehemannes« Zweitens sei die Klägerin mangels gegen sie gerichteter Zur Entschädigung wegen Schadens an Vermögen (Auswanderungskosten) hat das Berufungsgericht ausgeführt,, die an eich auch für §57 BEG geltende Vermutung des § 56 Abs«. 1o Der Revisionsantrag der Klägerin geht dahin, das angofochtene Urteil aufzuheben und dio Sache zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurückeuverweisen« Dieaex Antrag ist jedoch aus der ihm beigegebenen EevisionobegrUndung auszulegen» Die-so Auslegung führt zu der Annohmo, daß die Revision nur insoweit eingelegt ist, als die Klägerin Entschädigung wegen Schadens im beruflichen Fortkommen begehrt« Nur hierüber sind in der Revisionsbegx ündung Ausführungen Zu Unrecht verneint es zunächst, daß die Voraussetzungen des § 87 Abs» 1 BEO nicht erfüllt seien« Da die Klägerin als Jüdin zu einem Feraonenkreis gehörte, den in seinor Gesamtheit die nationalsozialistische deutsche Regierung und die NSDAP vom kulturellen und wix-t-schaftliehen Leben Deutschlands auazusohließen beabsichtigten, gilt für sie gemäß § 64 Aba« 2 BEO die Vermutung, daß ihr Schaden im beruflichen Fortkommen durch nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen verursacht worden ist« Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts ist diese Vermutung nicht dadurch v/iderlegt, daß Frau BflU der Klägerin im Mai 1933 gekündigt hat, weil sie selbst als Jüdin alebald nach dieaer Zeit aus Gründen der Rasse ihr Geschäft aufgeben müßte« Ist ein jüdischer Arbeitnehmer von einem jüdischen Unternehmen infolge der Auswirkungen dos Boykotts entlassen worden, so ist er nach der Rechtsprechung des erkennenden Senats (Urteil vom 24« Oktober 1962 - IV ZR 131/62 Rz\? die sich für den einzelnen schon aus seiner Zugehörigkeit zu einer als solche verfolgten Bevölkerungsgruppe ergeben, auch wenn er von einer gegen ihn im besonderen, gerichteten Maßnahme nicht betroffen war« Dieser aus § 25 Abs« 1 Satz 1 BErgG und dem entsprechenden § 64 Abs« 1 Satz 1 BEG abgeleitete Grundsatz findet seine innere Rechtfertigung darin, daß die nationalsozialistischen Gewalthaber mit ihren Maß-* nahmen, die auf dio Ausschaltung der Juden aus dem Erwerbsund Wirtschaftsleben gerichtet waren, den ganzen jüdischen Bevölkerungsteil und jeden einzelnen Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppe, gleichgültig ob er selbständig oder unselbständig erwerbstätig war, schädigen wollten« Deshalb sind entgegen der Ansicht des Berufungsgerichts die Voraussetzungen des § 87 Abs« 1 BEG erfüllt« Ob die Klägerin daneben ihren Anspruch auf § 88 flr» 4 oder 5 BEG stützen könnte, kann dahin-stehon* Dem Berufungsgericht ist auch nicht darin beizutreten, wenn es meint, der Klägerin sei durch die von Frau ausgesprochene Kündigung nur ein gering- lichen Existenz bildete» Da sie aus dieser Tätigkeit verdrängt wordon ist (§§ 92 Abs«* 1, 76 Abs» 1 BEG)« kann der durch den Verlust des Arbeitsplatzes der Klägerin erwachsene Schaden nur dann geringfügig sein, wenn sie nur vorübergehend aus verfolgungsbedingten Gründen aus dom Arbeitsprozeß ausgeschaltet worden ist« tätige Frau durch Eheschließung nachhaltig in Verhältnisse gelangt ist, in denen eine Ehefrau in der Regel einer beruflichen Tätigkeit nicht mehr nachgeht^oder in dem eie die Möglichkeit zu der für eine Ehefrau üblichen Erwerbstätigkeit hat« Es kommt daher nicht darauf an, wie das Berufungs-gericht meint, ob die von dem Ehemann beabsichtigte Begründung eines Geschäfts in durch Verfolgungsmaß- nahmen im Sinne des § 64 Abs« 1 Satz 1 BEG vereitelt worden ist« Entscheidend ist nur, ob die Klägerin durch ihre Verheiratung eine Position erlangt hat, die den Entschädigungs-Zeitraum beendet hat« Unter diesem Gesichtspunkt hat das Berufungsgericht den von der Klägerin erhobenen Anspruch nioht geprüft« Hierbei wird zu beachten sein, daß die wirtschaftliche Situation der Juden in Deutschland bereits seit Beginn der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft stark erschüttert war, so daß der Entschädigungs-zcitraum nioht ohne weiteres auch dann als beendet anzu-schon ist, wenn eine Verfolgto durch die Eheschließung in anscheinend günstige Verhältnisse kommt, in denen eine Ehefrau in der Regel nioht mehr mitarbeitet» Denn dann fehlt os gegebenenfalls für die Beendigung des Entschädigungszeitraums daran, daß diese günstige wirtschaftliche Stellung nachhaltig war (Urteil des Senats vom 15» Januar 1964 Aus diesen Gründen ist das angefochtene Urteil, soweit es den Entschädigungsanspruch wegen Schadens im beruflichen Fortkommen betrifft, aufzuheben und die Sache zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung, auch über die außergerichtlichen Koe ten der Revision, an das Berufungsgericht zurückzuverweisen«