BGH · IV ZR 140/69 vom 24.06.1970
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Die Beklagte hat dem Kläger den Versicherungsschutz entzogen, v/eil er durch die Entfernung von der Unfallstelle seine. Der Kläger begehrt von der Beklagten, ihm Versicherungsschutz zu gewähren» Außerdem bittet er um Feststellung, daß die Beklagte nicht berechtigt sei, wegen ihrer Aufwendungen aus Anlaß des Unfalls Rückgriff zu nehmen 0 Io Der Kläger hatte nach §71 2/2 der Allgemeinen Bedingungen für die Kraftverkehrsversicherung (AKB), die dem Versicherungsverhältnis der Parteien zugrunde liegen, alles zu tunp was zur Aufklärung des Tatbestandes und zur Minderung des Schadens dienlich sein konnte 0 Diese Obliegenheit hat der Kläger durch die Entfernung von der Unfallstelle objektiv verletzt« Wegen dieser Verletzung wird der Versicherer gemäß § 7 V AKB von der Verpflichtung zur Leistung frei, es sei denn, daß die Verletzung weder auf Vorsatz noch auf grober Fahrlässigkeit beruht « IIo Das Berufungsgericht hält den dem Kläger obliegenden Beweis9 seine Aufklärungspflicht nicht vorsätzlich verletzt zu haben, nicht für geführt« Es hat dazu ausgeführt: Im Strafverfahren sei der Kläger von der Anklage der Unfallflucht freigesprochen worden, weil bei ihm die Voraussetzungen des § 51 Abs«. 1 StGB ^ vor gelegen hätten« Hieraus könne der Kläger jedoch für seine zivil-rechtliche Zurechnungsfähigkeit nichts herleiten, da diese allein nach den §§ 276, 827 BGB zu beurteilen sei« Während der Fahrt von der Unfallstelle bis zu seiner Wohnung habe der Kläger sich nicht in einem die freie Willensbestimmung aus schließenden Zustand seiner Geistes tätigkeit befundene Sein Blutalkoholgehalt liege: mit 191 - 1P2 %o für den Zeitpunkt des Unfalls erheblich unter dem Prozentsatz, der nach der Rechtsprechung die freie Yfillensbestimmung ausschließe 0 Bei Entnahme der Blutprobe um 2*30 Uhr habe der Kläger sich nach Angabe des Arztes in einem Schockzustand befunden; er habe aber keine Umstände oder Anzeichen dargetan? Zutreffend ist das Berufungsgericht davon ausgegangen, daß ein die Schuldfähigkeit ausschließender Unfallschock nur unter außergewöhnlichen äußeren und inneren Bedingungen beim Vorliegen entsprechender Anzeichen anzunehmen ist und regelmäßig sehr schnell abklingt p Bas Berufungsgericht hält deshalb die Voraussetzungen eines Unfallschocks nicht für gegeben« Biese tatrichterliche Würdigung wird von der Revision beanstandet , weil das Berufungsgericht zu dor im vorliegenden Falle zweifelhaften Frage der Zurechnungsfähigkeit des Klägers keinen medizinischen Sachverständigen gehört habe, Die Rüge ist begründet. Durch den Unfall war der Kläger mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe gestoßen; diese wurde dabei zertrümmerto Der Kläger hatte dadurch mehrere Schnittwunden am Kopf erlitten, was die Polizei voran-laßte, ihn in ein Krankenhaus zu überführen. Demgegenüber bezweifelt das Berufungsgericht, daß der Kläger überhaupt eine Gehirnerschütterung erlitten habe7 weil er nicht behauptet habe , sich nach dem Unfall erbrochen zu haben , und die Ausheilung einer Gehirnerschütterung erfahrungsgemäß einen Krankenhausaufenthalt von mindestens drei Wochen Dauer erfordert hätte. Auch einen Unfallschock hält das Berufungsgericht nicht für vorliegend, v/eil der Kläger nach dem Unfall noch bis zu seiner Wohnung gefahren sei und nach der Antwort, die er den Polizeibeamten - 1/4 Stunde nach dem Unfall - gegeben habe "Das war eine klassische Unfallflucht 11 ,. daß es für das vorsätzliche Handeln des Klägers auf den Zeitpunkt, in dem er die Unfallstelle verlassen hat, ankommt, und die Besonderheit eines vorsatzaus-schließenden Unfallschocks gerade darin besteht, daß er unter Umständen schon nach wenigen Minuten abklingt und sich danach allenfalls die Frage einer schuldhaft unterlassenen Rückkehr zur Unfallstelle stellte Rechtliche Bedenken bestehen auch, bb’das Berufungsgericht die erforderliche Sachkunde besessen hat, um entgegen den ärztlichen Feststellungen bei der Blutentnahme und während des Krankenhausaufenthaltes des Klägers bezweifeln zu'können, daß dieser überhaupt eine Gehirnerschütterung erlitten habe» Diese Beurteilung war ohne fachkundige Hilfe um so fragwürdiger, als der medizinische Sachverständige im Strafverfahren, Medizinaldirektor Dr» Vf|, sich uneingeschränkt dahin geäußert hatte, daß vom Unfallgeschehen bis zu dem Eintreffen des Angeklagten vor seiner Wohnung die Voraussetzungen des § 51 Abs» 1 StGB Vorgelegen hätten» Dieser gutachtlichen Äußerung des Sachverständigen hatte sich die Strafkammer angeschlossen und den Kläger von der Anklage der Ünfallflucht freigesprochen „ Es ist zwar richtig, daß dieser Freispruch das Zivilgericht nicht bindet» Wegen der unterschiedlichen Beweisanforderungen im Zivilund Strafverfahren ist die zivilrechtliche Verantwortlichkeit für die Entfernung von der Unfallstelle selbständig und unabhängig von der Beurteilung des Strafrichters zu prüfen und zu entscheiden» Mur mit diesem Hinweis konnte aber die sehr eindeutige Feststellung des Sachverständigen im Strafverfahren nicht abgetan werden» Eine sachliche Auseinandersetzung damit war zu demindest dann geboten, wenn das Berufungsgericht auf Grund eigener Sachkunde meinte, an der Zurechnungsfähigkeit des Klägers gebe es keinen Zweifel» folgende Leistungsfreiheit wegen vorsätzlicher Verletzung der Aufklärungspflicht nur berufen, wenn der Verstoß geeignet war, die berechtigten Interessen des Versicherers in ernster Weise zu gefährden, .um dem Versicherungsnehmer ein erhebliches Verschulden, das nicht nur vermutet wird, sondern festgestellt ist, zur Last fällt. Hingegen wird zu prüfen sein, ob dem Kläger in vorliegendem Fall ein e r h e ,b 1 i c h e s Verschulden, das den Verlust des Anspruchs auf Versicherungsschutz rechtfertigt, zur Last fällt. Das schließt aber eine Berücksichtigung verminderter Zurechnungsfähigkeit;, soweit sie auf einer Gehirnerschütterung oder einem Unfallschock beruht, gerade dann nicht aus, wenn dem Versicherungsnehmer wegen vorsätzlicher Obliegenheitsverletzung, ohne daß dem Versicherer •dadurch konkrete Nachteile entstanden sind, die Strafe eines weitreichenden, möglicherweise existenzgefährdenden Rechtsverlustes droht. dann kann der Versicherer sich auf seine Leistungsfreiheit aus § 7 V AKB nicht berufen0 Auch das wird bei einer erneuten Verhandlung und Entscheidung der Sache zu beachten seinc Br, Hauß Johannsen Wüstenberg Dr, Reinhardt Dr„ Bukow