BGH · IV ZR 139/63
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
- Prozeßbevollmächtigter: Rechtsanwalt Dr, in gegen das Land Nordrhein-Westfalen, vertreten durch den Regierungspräsidenten in Düsseldorf, Beklagten und Revisionsbeklagten, hat der IV, Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 19* Februar 1964 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Ascher und der Bundesrichtor Raslce, Wilden, Dr, Loewenheim und Br, Graf für Recht erkannt: Die Klägerin behauptet, diese neue Wohnung sei kleiner gewesen als die frühere, so daß ihre filtern nicht einmal alle ihre eigenen Sachen dorthin hätten mitnehmen können. Mit der Behauptung, sie habe die oben aufgeführten Sachen - und einen nicht mehr im Streit befindlichen, bei ihrer Schwiegermutter zurückgelassenen Brillantring - bei ihrer verfolgungsbedingten Auswanderung im Stich lassen müssen, beansprucht die Klägerin Entschädigung wegen Schodens an Eigentum« Sie hat den Wert oller Sachen, die ihr abhanden gekommen seien, also einschließlich des Brillantrings, zunächst mit 15*000 IE! Bas Berufungsgericht hat es aber dahingestellt sein lassen, ob die Klägerin schon aus diesem Grunde mit ihrem Anspruch nicht durchdringen könnte; es hält ihn jedenfalls deshalb für unbegründet, weil die Klägerin die hier noch umstrittenen Sachen nach dem von ihr vorgetragenen Sachverhalt nicht im Stich gelassen habe, wie es die Bestimmung des § 51 Abs* 3 BEG, auf die die Klägerin den Anspruch stütze und allein stützen könne, verlange* Bas Berufungsgericht hat dazu ausgeführt, daß die von der Klägorin in der Wohnung ihrer Eltern zurUckgolassenen Sachen dort ebensowenig dem unkontrollierbaren Zugriff Britter ausgesetzt gewesen seien wie die Sachen;«, die noch im Hai 1939 in einem Lift versandt worden seien* Bonn die Klägerin habe diese Sachen vertrauenswürdigen Personen, nämlich ihren Eltern überlassen, bei denen eine wirksame Cbhut gewährleistet gewesen sei» Zwar könno die Rechtslage anders sein, wenn ein Verfolgter seine Sachen einer selbst verfolgten und später deportierten Person anvertraut habe, weil von einer solchen Person kein wirksamer Schutz habe erwartet werden können* Im konkreten Pall könne aber gleichwohl von ‘Imstichlassen” im Sinne dos § 51 Abs.3 BEG nicht die Rede sein» Bie Eltern der Klägerin hätten nämlich bis Juni 1941 noch in der Wohnung Jägerstraße 9 gewohnt» Y/ie sich aus der Mitteilung des Nachmieters Oswald ergebe, hätten sich bei dessen Einzug in die Wohnung am 1* August 1941 dort keine Gegenstände mehr befunden* Es könne dahingestellt bleiben, ob die Eltern der Klägerin, wie diese behaupte, bei ihrem Umzug in die B|^^^3traße nicht einmal mehr alle eigenen Sachen hätten mitnehmen können* Bis zu dem Juni 1941 hätten sie jedenfalls die Sachen in ihrer Obhut gehabt* Es könne deshalb nicht darauf abgestellt werden, daß die Eltern der Klägerin schließlich im April 1942 selbst deportiert worden soien; denn fiir einen vorübergehenden Schutz ihror Habe habe die Klägerin im Zeitpunkt ihrer Auswanderung Ende 1938 Sorge tragen können* J)a die Obhut der Eltern dor Klägerin so weit gegangen sei, daß sie noch fast ein halbes Jahr nach der Kristallnacht die Aussteuer der Klägerin hätten versenden und daß sie darüber hinaus noch bis mindestens Juni 1941 an den übrigen Sachen wirksamen Schutz hätten ausüben können, fehleres am Tatbestand des MImstlchlsssens" im Sinne des § 51 Abs* 3 BEG* Wie der Senat dort ausgesprochen hat, hat ein Verfolgter, der wegen der Gefahr der rassischen Verfolgung auswandern mußte, seine Sachen auch dann ohne hinreichende Aufsicht zurückgolassen, wenn diese von Juden in Verwahrung genommen wurden, sei es, daß der Auswandornde sie mit der Beaufsichtigung seines Eigentums beauftragt hatte, oder daß sie verwandtschaftliche odor sonstige menschliche Erwägungen versnlaßtcn, sich um die Habe dea Auswandernden zu kümmern* Ben Judon im Machtbereich der NS-Gewaltherrscbaft war cs, wie es spätestens durch die Ereignisse der Kristallnacht offenbar wurdo, nicht mehr möglich, ihr Eigentum und etwaige ihrer Obhut anvertraute Sachen für die Dauer zu sichern« Sic mußten jederzeit gewärtig sein, daß ihnen der Besitz an diesen Sachen gewaltsam entzogen wurde« Gegen derartige Maßnahmen konnten sie sich nicht wehren, weil sie rechtlos waren und die ihnen nach der bürgerlichen Rechtsordnung zustehenden Rechte nicht mehr ausüben, insbesondere weder ihr Eigentum wirksam schützen noch die ihnen als Betreuern fremden Eigentums zustehenden Rochte wahrnehmen konnten« In dieser aus ihrer völligen Rechtlosigkeit sich ergebenden Lage befanden sie sich während der ganzen Verfolgungszeit, so daß es nicht darauf ankommen kann, wie lange ihnen während dieser Zeit im Einzelfall der Besitz ihrer oder der ihrer Obhut anvertrauten Habe tatsächlich noch verbliebo Die erste der beiden begrifflichen Voraussetzungen des "Imstichlassenstt, daß der Verfolgte durch seine Auswanderung außerstande gesetzt wurde, eine geeignete Vorsorge für die Obhut seiner zurückgelasscnen Sachen zu treffen, ist danach im Palle der Klägerin nach den bisherigen Feststellungen des Berufungsgerichts gegeben, auch wenn die Eltern der Klägerin deren Sachen tatsächlich noch bis Juni 1938 oder bis zu ihrer Deportierung im April 1942 in Verwahrung behalten konnten«