Nachschlagewerk: ja
Amtliche Sammlung; nein
BKG § 180
Rechtsvorschriften im Sinne des § 180 BES sind nicht
nur deutsche, sondern auch ausländische Rechtsvorschriften,
wenn die Feststellung des Zeitpunkts des Todes eines
Verfolgten auf ihnen Beruht und nach den Vorschriften des deutschen internationalen Privatrechts oder anderen Rechtsvorschriften in Deutschland anzuerkennen ist.
BGH, Ürt. vo 9. November i960 - IV ZR 139/60 - OLG Hamburg
LG Hamburg
Verkündet am 9« November I960
Klett, Justizobersekretär
als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle
Im Namen des Volkes
der Freien und Hansestadt H a m b u r g ,
gesetzlich vertreten durch die Sozialbehörde, Amt für Wieder-gutmachung, Hamburg 36, Drehbahn 54,
Beklagten und Revisionsklägerin,
- Prozeßbevollmächtigter: Rechtsanwalt Dr. Wieczorek in
Karlsruhe
gegen
- Prozeßhevollmächtigter:
Klägerinnen und Revisionsbeklagten-Rechtsanwalt Dr. dHBH) in
hat der IVo Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 2. November I960 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Ascher und der Bundesrichter Raske,
Dr«, v, Werner, Y/ilden und Dr. Graf
für Recht erkannt:
Das Urteil des 9* Zivilsenats des Hanseatischen Oberlandesgerichts zu Hamburg vom 30* März I960 wird aufgehoben. Der Rechtsstreit wird zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung, auch über die außergerichtlichen Kosten der Revision, an das Berufungsgericht zurückverwiesen. Die Entscheidung ist frei von gerichtlichen Gebühren und Auslagen.
Von Rechts wegen
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Tatbestand:
Die Klägerinnen, Mutter und Schwester des im Jahre
1918 geborenen Max Moses
verlangen al3 dessen Erben bzw. Erbeserben die Zahlung einer Haftentschädigung
war polnischer Staatsangehöriger jüdischer
Abstammung. Nachdem er im Jahre 1933 aus Deutschland nach
Frankreich ausgewandert war, wurde er am 15* Oktober 1942 in Paris verhaftet und nach kurzem Aufenthalt in einen
französischen Lager am 4. November 1942 nach Auschwitz transportiert. Seit diesem Zeitpunkt ist er verschollen
Das Tribunal civil de la Se
hat ihn am
Juli 1954
mit Wirkung vom
November 1942 für tot erklärt
Auf
Grund dieser Todeserklärung hat das Amtsgericht Hambu einen Erbschein dahin ausgestellt,
daß
von
seinen Eltern je zur Hälfte beerbt worden ist und auf
Grund einer auf den
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Dezembe
1948 ausgestellten Ster
beurkunde seines Vaters einen zweiten Erbschein dahin daß die Klägerin zu zu 5/4 dessen Erben geworden sind
9
zu l/4 und die Klägerin zu
Die Entschädigungsbehörde hat eine Haftentschädigung
nur für die Zeit bis zu dem 4* November 1942 zugebilligt*
Der hiergegen erhobenen Klage, mit der die Klägerinnen
eine Entschädigung auch für die Zeit vom 4. November 1942 bis zu dem 80 Mai 1945 verlangen, haben die Entschädigungsgerichte stattgegeben* Mit der vom Berufungsgericht zugelassenen Revision erstrebt die Beklagte eine Abweisung der Klage*
Die Klägerinnen bitten, die Revision zurückzuweisen*
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Die Revision ist begründete
Rach
180 BEG ist zwar grundsätzlich zu vermuten
daß ein Verfolgter, der seinen letzten bekannten Aufent halt in einem vom Deutschen Reich besetzten Gebiet ge
habt hat und dessen Aufenthalt seit dem
Mai 1945 unbekannt!
ist
*
am
Mai 1945 verstorben ist* Eine Ausnahme gil
4-
0
aber, wenn nach aem Verschollenheitsgesetz oder nach an deren Rechtsvorsehriften bereits ein anderer Zeitpunkt des Todes festgestellt ist oder wenn in Ermangelung einer
solchen Feststellung nach den Umständen des Einzelfalles
1
ohne daß es weiterer Ermittlungen bedarf, ein anderer Zeitpunkt des Todes wahrscheinlich ist
.Das Berufungsgericht ist der Ansicht, die Todeser
lclärung des Mo
durch das Tribunal
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la Seine und der darin festgestellte TodesZeitpunkt seien für die Entschädigungsorgane nicht beachtlich, weil die
Todeserklärung und die Todeszeitfeststellung auf auslän dischen Vorschriften beruhe und unter Rechtsvorschriften
im Sinne des
180 Abs
BEG nur deutsche Rechtsvor
Schriften verstanden werden können* Ausländische Rechts Vorschriften gehörten hierzu nicht, selbst wenn sie die rechtliche Grundlage für Todeserklärungen durch auslän dische Gerichte oder Behörden bilden, die nach den Grund sätzen des deutschen internationalen Privatrechts oder sonstiger in der Bundesrepublik Deutschland anzuwendender
Vorschriften von deutschen Behörden unduGerichten anzuer
« ^ I —■
kennen seien (vgl. hierzu BGB-RGRK 11. Aufl
Bd.
12
VerschG Anm
auf
78)
Dieser Auffassung kann
nicht gefolgt werden. Als
Rechtsvorschriften im Sinne des
180 BfiG müssen viel
mehr alle Vorschriften angesehen werden, auf Grund de ren die Feststellung des Zeitpunkts eines Todes in
Deutschland anzuerkennen ist* Letzteres ist aber
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ög
licherweise in einem Falle wie dem hier vorliegenden
zu bejahen* Denn wie sich aus
12 VerschG ergibt
9
ist
grundsätzlich für die Todeserklärung eines Verschollenen
dessen Heimatreeht maßgebend und eine Todeserklärung
f
die nach diesem Recht erfolgt, ist daher auch in Deutschland anzuerkennen. Hierbei können auch Todeser
klärungen in einem dritten Staat anerkannt werden
9
so
fern das Heimatrecht des Verschollenen solche als ver
bindlich ansieht (vgl
Raape
7
Internationales Privat
recht
9
Aufl.
187 sowie Arnold, Verschollenheits
ge
aeiz Anm. 15 zu §
o
12)
Dabei ist es grundsätzlich
unerheblich, ob und inwieweit dieses Recht sich von
deutschem Recht unterscheidet, insbesondere ob als maß
gebender Zeitpunkt der des Vermißtseins oder das Ende eines bestimmten Jahres (z* B. bei Verschollenheits
fällen aus Anlaß des letzten Krieges nach Art
n
II 5 2
Abs .
des Gesetzes zur Änderung der Vorschriften des
Verschollenheitsrechts, das Jahr 1949
nicht 1945
9
wie das Berufungsgericht annimmt
bestimmt wird und
ferner, ob die Möglichkeit oder sogar die Wahrschein lichkeit besteht, daß der Erblasser nicht in dem vom ausländischen Besetz bestimmten Zeitpunkt ums Leben gekommen ist
Ein anderer Standpunkt müßte sonst zu schwer lös baren Schwierigkeiten in den Fällen führen, in denen im
Zeitpunkt des für ein Erbscheinverfahren bindend fest
gestellten Zeitpunkts andere Personen als Erben in Be
5
tracht kommen als die, die Erben wären, wenn der Verfolgte in dem nach § 180 Aba- 1 BEG maßgebenden Zeitpunkt verstorben wäre-
Heimatrecht des Erblassers ist das polnische
Hecht. Entscheidend ist daher, ob dieses eine Todes
erklärung, wie sie hier erfolgt ist, anerkennt
Fest
Stellungen in dieser Hinsicht hat das Berufungsgericht nicht getroffen. Sie ergeben sich auch nicht aus dem von der Revision angefühzYten Art. 6 des polnischen Gesetzes
vom 2. August 1926, da dieses Gesetz nur Bestimmungen über aas in Polen geltende interiokäielS^ Privatrecht trifft. Entgegen der von den Klägerinnen in der münd liehen Verhandlung vertretenen Auffassung erübrigen sich derartige Feststellungen nicht. Denn abgesehen von der Frage, ob dem Berufungsurteil entnommen werden kann, daß das Gericht einen Gegenbeweis gegen den im Verschollenheitsverfahren festgestellten Zeitpunkt des Todes des Erblassers als geführt angesehen hat, würde die Wirkung der Feststellung und die Zulässigkeit eines
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Gegenbeweises nach dem Heiraatrecht bzw. dem französischen Recht zu beurteilen sein. Hierzu hat aber das Berufungs
gericht keine Feststellungen getroffen
*
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Aus all diesen Gründen ist das Berufungsurteil aufzuheben und gemäß § 565 Abs. 4 ZPO der [Rechtsstreit zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung an das
Berufungsgericht zurückzuverweisen.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 225 BEG.
Ascher Raske v.Werner Wilden Dr. Graf