BGH · IV ZR 116/63
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
dem Zeitpunkt des Inkrafttretens des Erlasses über die Gliederung und Verwaltung der Ostgebiete vom 8» Oktober 1939 (RGBl Ii2o42j) - nicht .mehr Bewohner dieser Gebiete gewesen, so ist eine von ihm in Rußland erlittene Freiheitsentziehung nicht durch den Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit oder des Schutzes des Deutschen Reiches gemäß § 43 Abs.-. Die Revision des Klägers gegen das Urteil des 1o Zivilsenats des Oberlandesgerichts in Neustadt an der Weinstraße vom 12«, Oktober 1962 wird zurückgewiesen* 1t a) Im ersten Revisionsurteil hat der,erkennende Senat die mit seiner ständigen Rechtsprechung in Einklang stehende Auffassung dos Berufungsgerichts gebilligt, daß der Kläger für die in der Sowjetunion erlittene Freiheitsentziehung nur unter den Voraussetzungen des § 43 Abs, 1 Satz 2 BEG eine Entschädigung beanspruchen kann» An dieser Auslegung des § 43 Abs» 1 Satz 2 BEG hält der Senat auch weiterhin festo Die Ausführungen von y/olfaohn (RzW 1963» 25o), auf die sich die Revision bezieht, geben dem Senat keinen Anlaß zu einer Änderung seiner ständigen Rechtsprechung» Diese Ausführungen lassen außer acht, daß nach dem Gesetzesvor-schlag des Bundesrats die Grenzen zwischen eigenem und fremdem Staatsunrecht genau abgesteckt werden sollten, diese Abgrenzung aber nur bewirkt werden konnte, wenn die Voraussetzungen» unter denen eine Auslandshaft zu entschädigen ist, abschließend geregelt wurden (vgl« Urteil des erkennenden Senats vom 13» Februar 1965 - IV ZR 199/62 RsW 1963, 368 ITr» 48). c) Der Senat hat jedoch im ersten Revisionsurteil auf die von der Revision erhobene Verfahrensrüge die Annahme des Berufungsgerichtsj der Kläger 3ei von den Maßnahmen der nationalsozialistischen Reichsregierung zur Verleihung, der deutschen Staatsangehörigkeit an die Bewohner der eingegliederten Ostgebiete nicht mehr erfaßt worden, als der hinreichen den tatsächlichen Feststellung entbehrend bezeichnet und demgemäß den Rechtsstreit zur Nachholung der danach erforderlichen Feststellungen an das Berufungsgericht zurückverwiesen. Dieses hat in dem angegriffenen Urteil die Frage, ob die Freiheitsentziehung des Klägers durch den Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit oder des Schutzes des Deutschen Reiches ermöglicht worden ist, erneut verneint. Nach seinen Feststellungen ist der Kläger Mitte Oktober 7939 von Krakau aus in Richtung Lemberg geflohen und hat zu dieser Zeit in Anbetracht der Beendigung des Polenfeldzuges und der zwischen Deutschland und Rußland getroffenen Vereinbarung mit Sicherheit erkannt, daß mit einer Rückkehr in seine Heimat in absehbarer Zeit nicht mehr zu rechnen sei. Der Kläger war sonach bis zu seiner Flucht Bewohner eines in das Deutsche Reich eingegliederten Ostgebietes, Für die Bewohner deutschen oder artverwandten 31utes der eingegliederten Gebiete sah § 6 Abs, des vorerwähnten Erlasses den Erwerb der deutschen Staatsange hörigkeit nach Maßgabe näherer Vorschriften vor. Diese Voraus' Setzungen bestimmte, unter dem Vorbehalt einer abschließenden gesetzlichen Regelung, der Runderlaß des RMdl vom 25., Noveiaber 1939 (RHB1 iV Sp, 2385), Nach Abs0 2 Ziff, 2 dieses Runder« lasses wurden deutsche Staatsangehörige diejenigen deutschen Volkssugehörigen, die bis zu dem 26, Oktober 1939 die polnische • Staatsangehörigkeit besessen und in diesem Zeitpunkt zu den Bewohnern des Deutschen Reiches einschließlich der eingegliedcr ten Ostgebiete gehört haben* Oktober 1939 gemäß weiterem Erlaß vom 2o0 Oktober 1939 (BGBl I 2o57) am 26, Oktober 1939 in Kruft getreten ist« Das Berufungsgericht hat daher ohne Rechtsirrtum diesen Stichtag als maßgeblich angesehen« Hieran war es, entgegen der Meinung der Revision, durch das frühere Revisionsurteil nicht gehindert« Denn in diesem Urteil ist die Frage nach dem maßgeblichen Stichtag nicht entschieden« b) Rechtlich zutreffend hat das Berufungsgericht die Frage, ob der Kläger nach entschädigungsrechtlichen Grundsätzen als deutscher Staatsangehöriger zu behandeln ist, allein darauf abgestallt, ob der Kläger am 26« Oktober 1939 noch Bewohner von l'r^HHiP war« War dies der Fall, so hat der Kläger die deutsche Staatsangehörigkeit nur wegen seiner Zugehörigkeit zu dem Judentum, also aus diskriminatorischen Gründen, nicht erlangt« Die Revision meint zwar, es sei unbeachtlich, ob der Kläger an diesem Tag noch Bewohner von Tr^HHB gewesen sei; denn ein etwaiger Verlust des Wohnsitzes sei nur auf die rassische Verfolgung zurückzufUhren und könne daher dem Kläger nicht entgegen gehalten werden« Dieser Auffassung der Revision kann nicht gefolgt worden«, Der Erwerb ,der deutschen Staatsangehörigkeit war davon abhängig, daß die in Betracht kommenden deutschen Volkszugehörigen zu einem bestimmten Stichtag Bewohner des Deutschen Reiches oder der eingegliederten Ostgebiete waren« Ohne diese Voraussetzung sind sie von der gesetzlichen Regelung nicht ergriffen worden« Die Einführung eines Stichtages ist als solche keine diskriminatorische Maßnahme« Denn ausnahmslos alle Personen, die dieses Gebiet bereits vor dem Stichtag, gleichgültig, aus welchen Gründen, verlassen hatten* kamen für den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit nicht in Betracht» Folglich kann es darauf«, ob dor Kläger wegen der befürchteten Rassischen Verfolgung seinen V/ohnort verlassen and demgemäß die Stichtagsvoraus-Setzung nicht erfüllt hat, nicht ankoromen» Hat der Kläger sich aas dem eingegliederten Gebiet schon za einer Zeit entfernt, als noch für keinen deutschen Volkszugehörigen die Möglichkeit eines Erwerbs der deutschen Staatsangehörigkeit bestand, so kann nicht gesagt werden, daß ihm eine bereits gegebene Möglichkeit, deutscher Staatsangehöriger zu werden; aus Vcrfolgungsgründen nicht offen stand* Anders ist die Rechtslage bei denjenigen Verfolgten zu beurteilen, die as Stichtag noch Bewohner der in Frage kommenden Gebiete waren* Biese erfüllten die Stichtagsvoraussetzungen und erwarben damit eine Anwartschaft auf die Verleihung der deutschen Staatsangehörigkeit, wurden aber gleichwohla und zwar ausschließlich wegen ihrer Zugehörigkeit zu dem Judentum, nicht deutsche Staatsangehörige, Rach allem ist ein früher in den eingegliederten Ostgebieten ansässig gewesener Verfolgter deutscher Volkszugehörigkeit nur dann nach entschädigungsrechtlich?. if*-Sätzen wie ein deutscher Staatsangehöriger zu behandeln, v;eöfl er im Zeitpunkt des Inkrafttretens des Erlasses vom 8, Gktober '1939s nämlich am 26« Oktober 1939, noch Bewohner dieser Gebiete war» Hat er diese Gebiete schon vorher verlassen* so kann er nicht wie ein deutscher Staatsangehöriger angesehen werden,, Eine von ihm erlittene Auslandshaft ist daher nicht durch den Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit und daniii; des Schutzes des Deutschen Reiches im Sinne des § 43 Abs» " Satz 2 Kr» 1 BEG ermöglicht worden» Biese Auffassung liegt bereits den beiden vorerwähnten Senatgurteilen vom 22,, April 1959 und vom 13® April i960 zugrunde» Der Kläger erfüllte diese Voraussetzungen nicht, da er nach den Feststellungen des Berufungsgerichts ira Zeitpunkt seiner Flucht von Krakau nach Lemberg - Mitte Oktober ^939 -nicht mehr mit einer Rückkehr nach TrfBH^ i*1 absehbarer Zeit rechnete, 3omit nicht nur vorübergehend abwesend war«* Darauf, ob sich der Kläger lediglich unter dem Druck der Ereignisse entschlossen hat, seinem früheren Wohnort bis auf weiteres fernzubleiben, kommt es nicht an. Nach allem hat das Berufungsgericht mit Recht die Frage, ob die Freiheitsentziehung des Klägers durch den Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit und dadurch des Schutzes des Deutschen Reiches ermöglicht worden ist (§43 Abs» 1 Satz 2 Nr. 1 BEG) verneint und demgemäß das klageabweisende Urteil des Landgerichts bestätigt»