BGH · IV ZR 1140/68 vom 12.07.1968
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der IVo Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 11„ November 1970 unter Mitwirkung der Bundesrichter Johannsen, Wüstenberg, Dr„ Pfretzschner, Dr„ Reinhardt und Dr0 Buchholz für Recht .erkannt: Mit Schriftsatz vom 7« Dezember 1967 hat der Kläger erneut Scheidungsklage erhoben, die er auf § 48 EheG gestützt hat» Er macht geltend, es habe zu keinem Zeitpunkt der Ehe eine v/irkliche eheliche Gemeinschaft gegebene Abgesehen davon, daß die sexuelle Seite der Ehe unharmonisch verlaufen sei, sei die Beklagte vom ersten Tag der Ehe an ihre eigenen Wege gegangen* Streitigkeiten soien an der Tagesordnung gev;esen„ Während seiner Erkrankung im Mai 1964 habe die Beklagte sich nicht um ihn gekümmert* Nach der von ihm vorgenommenen Trennung habe sie ihn empfindlich gekränkt und vor Dritten bloß-gestellt* Die nach § 547 AbSo 1 ZPO aF zulässige Revision ist begründete Das Berufungsgericht hat angenommen, daß die Voraussetzungen des § 48 Abs0 1 EheG vorliegen» Es hat jedoch den Widerspruch der Beklagten gegen die Scheidung nach § 48 Abs«, 2 EheG für zulässig und beachtlich angesehene Hierzu hat das Berufungsgericht ausgeführt, die während des Krieges geschlossene Ehe habe in der Kriegszeit darunter gelitten, daß der als Soldat einberufene Kläger nur kurze Urlaubszeiten in den;Jahren.1941, 1943 und 1944 bei der Beklagte verbringen konnte0 Hierbei sei es - möglicherweise mit Ausnahme des ersten Urlaubs -nicht zu dem ehelichen Verkehr gekommen» Aus welchen Gründen die Parteien schon in den ersten Ehejahren in geschlechtlicher Hinsicht nicht harmoniert hätten, habe nicht aufgeklärt werden können» Diese Disharmonie sei auch in den späteren Jahren nicht behoben worden; es sei zwischen den Parteien außer Streit, daß sie nur sehr selten und während der ganzen Ehe nicht häufiger als ein dutzend Mal ehelich verkehrt hätten» Daß dies an einem ablehnenden Verhalten der Beklagten gelegen habe, sei nicht bewiesen» Ohne Beweis geblieben seien auch die Behauptungen des Klägers, die Beklagte habe in der Zeit bis zur Trennung im Jahre 1964 Eheverfehlungen begangen, die eine Zerrüttung der ehelichen Verhältnisse bewirkt hätten» Insbesondere habe der Kläger nicht bewiesen, daß die Beklagte in den Jahren vor 1964 in zunehmendem Maße dazu übergegangen sei, ihn zu beleidigen und innerhalb der Verwandtschaft des Klägers Unfrieden zu stiften« Es sei auch nicht bewiesen, daß die Beklagte ihn während seiner mit hohem Fieber verbundenen Krankheit im Mai/Juni 1964 nicht ordentlich gepflegt habe» Die entscheidende Ursache für die Ehezerrüttung sei vielmehr darin zu sehen, daß der Kläger im Jahre 1964 die häusliche Gemeinschaft aufgehoben habe« Dadurch habe er sich ins Unrecht gesetzt« Daß die Ehe schon vorher zerrüttet gewesen wäre, könne nicht festgestellt werden« Die Verfehlungen, deren sich die Beklagte nach der Trennung, insbesondere in der zweiten Hälfte des Jahres 1964, habe zuschulden kommen lassen, insbesondere die Tatsache, daß sie den Kläger in dieser Zeit empfindlich gekränkt und möglicherv/eise auch vor Dritten bloßgestellt habe, hätten zwar zur Vertiefung der Zerrüttung beigetragen, könnten aber nicht als Hauptursache der Zerrüttung angesehen werden« gen des erkennenden Senats in NJW 1970, 805, 896 und 1315)o Ebensowenig würde die Annahme der Lebenserfahrung entsprechen, daß ein Ehegatte einen so entscheidenden Schritt, v/ie ihn die Aufhebung der häuslichen Gemeinschaft darstellt, grundlos vollzogen hat, Dieser Schritt ist vielmehr in aller Hegel die Folge von Umständen, die sich über einen mehr oder weniger langen Zeitraum ehezerrüttond ausgewirkt haben<, Um die Frage, ob die Zerrüttung Überwiegend von dem Kläger verschuldet worden ist, zutreffend beurteilen zu können, war es daher erforderlich, den möglichen Ursachen der Zerrüttung nachzugehen, insbesondere den Umständen, die vor der Aufhebung der häuslichen Gemeinschaft liegen und diese verursacht haben könnten« allmählichen, langjährigen Entfremdung der Ehegatten war, die ihren Grund in schicksalshaften Umständen hatte, insbesondere in der Disharmonie in geschlechtlicher Hinsicht, möglicherweise auch in solchen Charakterverschiedenheiten, die es den Ehegatten auf die Dauer nicht ermöglichten, ein harmonisches Eheleben zu führen» Die Feststellung, es sei in der Ehe der Parteien schon zu Anfang nur sehr selten zu dem ehelichen Verkehr gekommen und diese Disharmonie sei auch in den späteren Jahren nicht behoben worden, erscheint kaum vereinbar mit der Annahme, es habe vor der Aufhebung der häuslichen Gemeinschaft keine Zerrüttung der Ehe gegeben» Soweit sich das Berufungsgericht für diese Annahme darauf bezogen hat, daß die Parteien nach ihren im früheren Ehescheidungsprozeß abgegebenen Erklärungen den geschlechtlichen Dingen in ihrer Ehe nicht die ausschlaggebende Bedeutung beigemessen hätten, fehlt es an einer erschöpfenden Würdigung des Prozeßstoffes»1 Der Kläger hatte bei seiner Vernehmung vor dem Berufungsgericht des Vorprozesses am 21» März 1967 nur erklärt, er habe den ehelichen Verkehr nicht allein für das Ausschlaggebende angesehen, und er hatte vorher bei seiner Vernehmung vor dem Landgericht am 17» Januar 1966 ausgesagt, die mangelnde Harmonie und die häßlichen Szenen beim Bheverkehr seien einer der Hauptgründe für die Spannungen in der Ehe gewesen, die schließlich die Atmosphäre vergiftet hätten» Das spricht dagegen, daß die Differenzen der Ehegatten auf dem geschlechtlichen Gebiet für die Zerrüttung der Ehe ohne Bedeutung gewesen wären» Läßt sich unter Berücksichtigung der Behauptungen des Klägers nicht eindeutig feststellen, daß der Kläger die Zerrüttung der Ehe überwiegend verschuldet hat, hat der Kläger sein Vorbringen aber in tatsächlicher Hinsicht hinreichend substantiiert und spricht auch eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sein Vorbringen in dem Sinne, daß der Richter zu der Annahme gelangen kann, es könnte sich in der Ehe so 2ugetragen haben, wie es der Kläger dargestellt hat, dann muß der Widerspruch der Beklagten als unzulässig angesehen wer den {BGHZ 32, körperlichen Veranlagung der Parteien und einer sich daraus ergebenden Disharmonie und allmählichen Entfremdung zerrüttet worden ist, und bleibt ungeklärt, ob dem Kläger mehr als der Beklagten zu dem Vorv/urf zu machen ist, nicht genug zur Überwindung dieser Entfremdung getan zu haben, dann ist die Feststellung nicht gerechtfertigt, daB den Kläger ein überwiegendes Verschulden an der Zerrüttung der Ehe trifft«