BGH · IV ZR 110/55 vom 05.10.1955
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Pie Klägerinnen sind der Auffassung, daß das Testament nichtig sei, weil es gegen die guten Sitten verstoße. Per Erblasser habe schon lange vor der Scheidung seiner Ehe mit der Beklagten in häuslicher Gemeinschaft gewohnt und zu ihr ein ehebrecherisches Verhältnis unterhalten. Sie hat ausgeführt, das Testament sei gültige Sie sei mit dem Erblasser ernstlich verlobt gewesen, Pie Eheschließung sei aus äußeren Gründen, und zwar in der Hauptsache deshalb aufgeschoben worden, weil der Erblasser sich einer lebensgefährlichen Operation habe unterziehen wollen. Es hat den den Klägerinnen obliegenden Beweis, daß der Erblasser nicht ernsthaft die Absicht gehabt habe, die Beklagte zu heiraten, als nicht erbracht angesehen. Pie Präge, ob die letztwillige Verfügung des Erblassers wegen Verstoßes gegen die guten Sitten nach § 158 Abs 1 BGB nichtig sei, ist eine Rechtsfrage, die durch das Revisionsgericht nachzuprüfen ist (RG 160, 52 /56/0 0 Jie ist näher dahin zu stellen, ob die Erbeinsetzung der Beklagten nach Zweck und Beweggrund bei Berücksichtigung aller Umstände des gegebenen Palles eine Verletzung der sittlichen Ordnung enthält, wie sie dem sittlichen Bewußtsein aller gerecht und billig Denkenden gegenwärtig ist» Die letztwillige Verfügung des Erblassers ist auch nicht deshalb unsittlich, weil er darin seine Kinder zugunsten der von ihm im Testament als seine Verlobte be-zeichneten Beklagten von der Erbfolge ausgeschlossen, die Eeklagte also seinen Kindern vorgezogen hat» Nach dem Inhalt des Testaments und dem sonstigen feststehenden Sachverhalt besteht zwar kein Zweifel, daß er die Beklagte mit Rücksicht auf das Liebesverhältnis, in welchem er zu ihr stand, zu seiner Alleinerbin eingesetzt hat. waren» Dieser Umstand vermag aber der Einsetzung der Beklagten zur alleinigen Erbin des Erblassers auch bei Berücksichtigung der dadurch begründeten rechtlichen und wirtschaftlichen Stellung der Klägerinnen und d,er sittlichen Verantwortung, die dem Erblasser ihnen gegenüber oblag, nicht den Charakter eines sittlich verwerflichen Rechtsgeschäftes zu geben, wenn zwischen dem Erblasser und der Beklagten zur Zeit der Errichtung des Testaments ein echtes Verlöbnis bestand, beide also die ernste Absicht hatten, demnächst die Ehe miteinander zu schließen» Ihrem Verhältnis mochte zwar auch unter dieser Voraussetzung insofern ein sittlicher Makel anhaften, als sie bereits seit längerer Zeit in geschlechtlicher Cremeinschaft miteinander lebten, ohne sich rechtlich durch die Ehe fest Wenn sie jedoch die ernste Absicht hatten5 diesen Uakel durch eine demnächstige Eheschließung zu beseitigen, so kann mindestens kein rechtlich erheblicher Verstoß gegen das allgemeine sittliche Empfinden darin erblickt werden, daß der Erblasser die Beklagte mit Rücksicht auf dieses Verlöbnis und auf die tatsächliche enge Verbundenheit, die zwischen ihm und der Beklagten auf Grund der seelischen, häuslichen und geschlechtlichen Gemeinschaft bereits bestand und nach ihrem beiderseitigen Willen demnächst durch eine eheliche Verbindung bekräftigt und in eine von Recht und Sitte anerkannte Form des Zusammenlebens übergeleitet werden sollte, zu seiner alleinigen Erbin berief.Eine andere sittliche Beurteilung des Sachverhalts wäre mit Rücksicht auf die Stellung und auf das Interesse der Klägerinnen möglicherweise geboten, wenn die Beklagte durch ihre nach ihrer Behauptung im Juli 1952 aufgenommenen Beziehungen zu dem Erblasser dessen Ehe zerstört hätte oder wenn sonstige erschwerende Umstände gegeben wären, durch die seine Anordnung als sittlich verwerflich erscheinen müßte (RG 142, 410 /?157? Die Ausschließung seiner ehelichen Kinder von der Erbfolge und ihre Beschränkung auf den Pflichtteil zugunsten seiner Verlobten mag zwar auf einen gewissen Mangel des Erblassers an fürsorglicher und verantwortungsbewußter väterlicher Gesinnung gegenüber seinen Kindern hindeuten, zu demal da er keine Vorsorge getroffen: hat, daß der Nachlaß wenigstens nach dem Tode seiner Erbin an seine Kinder falle. zu demal da die Klägerinnen nicht vorgetragen haben, daß ihre Versorgung für die Zukunft nicht gesichert sei oder daß der Erblasser an ihnen eine besondere Schuld wiedergut-suraachen gehabt habe. Die Klägerin zu 1 war zur Zeit der Errichtung des Testaments bereits in Kanada verheiratet, ihre Schwester, die Klägerin zu 2, war von dem jetzigen Ehemann ihrer Butter adoptiert. Ersichtlich waren die inneren, und äußeren Bande zwischen dem Erblasser und seinen Kindern, die schon während des Getrenntlebens ihrer Eltern bei der Mutter gewohnt hatten, nicht uner- ' he blich gelockert , mochten auch die Kinder an dieser Entwicklung schuldlos sein. Die für die dargelegte sittliche Beurteilung entscheidende Feststellung, daß zwischen dem Erblasser und der Beklagten ein ernstliches Verlöbnis bestanden habe, hat das Berufungsgericht in eingehender Würdigung des Sachverhalts getroffen. Bezug auf die Feststellung, daß die frühere Ehe des Erblassers nicht durch dessen Verhältnis zu der Beklagten zerstört worden sei« Biese Küge ist jedoch nicht begründet, V/ie das Berufungsgericht ausdrücklich feststellt, haben die Klägerinnen selbst nicht behauptet, daß die Beklagte bei der Jcheidung der Ehe ihrer Eltern eine Rolle gespielt habe, Biese tatbestandliche Feststellung des Berufungsurteils (s 3 und 9) hätten die Klägerinnen nur durch eine von ihnen erwirkte Berichtigung des Tatbestandes ausräumen können (§§ 314, 320 ZPO)* Tatsächlich steht sie aber weder mit dem Inhalt der Klageschrift,noch mit dem sonstigen vor dem Berufungsgericht vorgetragenen Akteninhalt in Widerspruch, Wenn die Klägerinnen, wie die revision bemerkt, in der Klageschrift vorgetragen hatten, der Erblasser habe schon lange vor der Scheidung seiner Ehe mit der Beklagten in häuslicher Gemeinschaft gelebt und zu ihr in einem ehebrecherischen Verhältnis gestanden, so war damit nicht behauptet, daß diese Beziehungen für die Zerrüttung der Ehe des Erblassers ursächlich gewesen seien, Biese Behauptung konnte das Berufungsgericht daraus umsoweniger entnehmen, als die Klägerinnen, wie es darlegt, in späteren Schriftsätzen (Bl 10/11 und Bl 53 d.A,) im Gegensatz zu ihrem obigen Vortrag in der Klageschrift ausgeführt hatten, der Erblasser habe zur Zeit des Ehescheidungsrechtsstreits Beziehungen zu der Zeugin Ra^|^|(geschiedene Frau unterhalten, während Beziehungen zu der Beklagten damals überhaupt noch nicht bestanden hätten, und er habe sich scheiden lassen, um die Zeugin Ka(BHMu heiraten. Zwar hatte die'Beklagte, wie das Berufungsgericht darlegt, demgegenüber ihrerseits behauptet, daß sie den Erblasser bereits seit Juli 1952 gekannt und daß dessen im Scheidungsverfahren geäußerte Absicht, wieder zu heiraten, sich auf sie bezogen habe, Bie Klägerinnen haben sich Im übrigen würde sich daraus auch, wie bereits dar gelegt, nicht ergeben, daß die Beklagte durch ihre Beziehungen zu dem Erblasser dessen Ehe mit der Llutter der Klägerinnen'!,.gesprengt” ha De B Nach allem hat das Berufungsgericht das Peststellungs-begehren der Klägerinnen und auch den auf ihr vermeintliches Erbrecht gestützten Auskunftsanspruch ohne Hechtsirrtum als unbegründet zurückgewiesen.