BGH · IV ZB 1/69
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Am 13«, Dezember 1968 wurde vom Prozeßbevollmächtigten des Beklagten die Berufung eingelegt und gleichzeitig die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand wegen Versäumung der Berufungsfrist beantragt« Hierbei hatte der Prozeßbevollmächtigte des Beklagten irrtümlich angenommen«, daß ihm der das Armenrecht bewilligende Be-* Schluß an 29o November 1968 zugestellt worden sei«, Das Oberlandesgericht hat mit Beschluß vom 23o Dezember 1968 den Wiedereinsetzungsantrag als unbegründet zurückgewiesen und die Berufung des Beklagten als unzulässig verworfen» In der Begründung ist ausgeführt: Die Berufungseinlegung und der Wiedereinsetzungsantrag hätten innerhalb einer Prist von zwei Wochen seit Mitteilung der Armenrechtsbewilligung erfolgen müssen» Das sei nicht geschehen, denn die Zweiwochenfrist sei am 12» Dezember 1968 abgclaufen, die Berufungseinlegung und der Wiedereinsetzungsantrag seien aber erst am 13« Dezember 1968 eingegangen» Gegen die Versäumung der Wiedereinsetzungsfrist sei eine Wiedereinsetzung unzulässig» hat» Die Formel der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts lautet: “Der Beschluß des Bundesgerichtshofs vom *.,«,«, (in dem in einem gleichgelagerten Fall der Wiedereinsetzungsantrag als unzulässig verworfen war) verletzt das Grundrecht des Beschwerdeführers aus Art«, 3 Abs«, 1 des Grundgesetzes und wird daher aufgehoben«,11 Mit dieser Entscheidung hat das Bundesverfassungsgericht, wie sich bereits aus dem materiellen verfassungsrechtlichen Inhalt der Entscheidungsformel ergibt, ohne daß es zu deren Verständnis der Heranziehung der tragenden Entscheidungsgründe bedarf, einen konkreten Streit mit einer für jeden Fall gültigen Auslegung des Grundgesetzes beendet«, Der Bedeutung der Verfassungsgerichtsbarkeit aber entspricht es, daß es dann über die gleiche Frage keinen Streit mehr geben soll«, Deshalb greift hier die Regelung des § 31 Abs«, 1 BVerfGG durch, wonach die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts die Verfassungsorgane des Bundes und der Länder sowie alle Gerichte und Behörden binden (so auch das Bundesverwal-tungsgericht in NJW 1966, 1474, vgl«, ferner BVerfGE 19, 377, 391 ff und 20, 56, 87 ff). Sie habe dann jedoch infolge eines Versehens die Akten dem Prozeßbevollmächtigten erst am 13» Dezember 1968 vorgelegt o Die Bürovorsteherin, die damals in der Praxis schon 36 Jahre tätig gev;esen sei, werde regelmäßig kontrolliert, wobei ein ähnliches Versehen in der Zeit, in der sein Prozeßbevollmächtigter in der Praxis tätig sei, nämlich seit 1961, noch niemals vorgekommen seio Es bestehe auch im Büro die Anordnung, daß Vorlage-und Promptfristen entweder vorgelegt oder aber mit dem jeweiligen Sachbearbeiter besprochen werden* Der terrains- und Promptfristenkalender werde laufend durch Stichproben von den Sachbearbeitern kontrolliert« Die Bürovorsteherin habe sich stets äußerst korrekt und gewissenhaft bei der Ausübung ihrer Tätigkeit verhalten« Ihr Versehen führe die Bürovorsteherin darauf zurück, daß sie in damaliger Zeit infolge persönlicher Sorgen seelisch stark belastet gewesen sei, wovon sie ihre Vorgesetzten nicht unterrichtet habe« Danach hat aber ein unabwendbares Ereignis im Sinne des § 233 Abs« 1 ZPO den Prozeßbevollmächtigten daran gehindert, die Berufung verbunden mit dem Wieder-einsetzungsantrag vor dem 13« Dezember 1968 einzulegen« Denn ein Rechtsanwalt, der die erforderlichen Maßnahmen zur Sicherung der Einhaltung der Frist zur Einlegung der Berufung (Notierung im Fristenkalender - Auswahl und Überwachung des Büropersonals) getroffen hat, kann sich grundsätzlich auf die rechtzeitige Vorlage der Akten durch den den Fristenkalender überwachenden Büros-.. Auf die sofortige Beschwerde war daher der angefochtene Beschluß aufzuheben und dem Beklagten die Y/iedereinsetzung in den vorigen Stand wegen Versäumung der Berufungsfrist zu gewähren«