BGH · IV ZB 637/64
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
2» Das Berufungsgericht hat nicht als erwiesen angesehen, daß die Klägerin im Jahre 1932 eine von ihr betriebene Gastwirtschaft aus Verfolgungsgründen aufgegeben habe» Zutreffend hat es angenommen, daß für diese Zeit die Vermutung des § 64 Abs» 2 BEG nicht eingreife (Urteil des Senats RzW 1962, 168 Nr» 17)o Über grundsätzliche Rechtsfragen, die einer Klärung bedürfen, ist in diesem Zusammenhang nicht zu entscheiden» Die von der sofortigen Beschwerde aufgeworfene Frage, ob das Gericht verpflichtet sei, sich mit eidesstattlichen Erklärungen von Personen auseinanderzusetzen, die im sowjetzonalen Machtbereich wohnen und deshalb nicht als Zeugen vernommen werden können, stellt sich nicht? 3o Das Berufungsgericht hat ferner dem Vortrag der Klägerin, sie sei nach der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus aus rassischen Gründen daran gehindert worden, eine Schankwirtschaft zu eröffnen, keine Bedeutung beigemesseno Damit sei die Klägerin, die sich zahlreiche Verstöße gegen die Wahrheitspflicht habe zuschulden kommen lassen, erst in der SchlußVerhandlung des Berufungsrechtszuges hervorgetreten, ohne konkrete Einzelheiten anzugeben« Die sofortige Beschwerde weist darauf hin, daß.die Klägerin mit dem Vorbringen, sie hätte 1933 wieder einen Restaurationsbetrieb eröffnet, wenn nicht die Nationalsozialisten an die Macht gekommen wären, nicht erst in der letzten Verhandlung des Berufungsgerichts, sondern schon früher hervorgetreten sei« Eine Verletzung der Wahrheitspflicht habe das Berufungsgericht nur annehmen dürfen, wenn die objektive Unrichtigkeit des Vortrages der Klägerin sov/ie vorsätzliches oder grob fahrlässiges Verhalten festgestellt sei« Das Berufungsgericht habe ferner nicht beachtet, daß die Übernahme einer Gastwirtschaft nach dem Gaststättengesetz konzessionspflichtig gewesen und die persönliche Zuverlässigkeit bei Anträgen von Juden durchweg verneint worden sei, sowie daß die Kenntnis der Zustände unter der Herrschaft des Nationalsozialismus es einem Juden verboten habe, eine Gaststätte neu;2ü "'eröffnen« Das Gesetz sieht für einen derartigen Sachverhalt eine Entschädigung nur unter den Voraussetzungen des § 114 BEG vor, also dann, wenn der Verfolgte seine Berufsausbildung noch hatte zu dem Abschluß bringen können und nunmehr gehindert wurde, einen ihr entsprechenden Beruf zu ergreifen« Dieser Tatbestand trifft auf die Klägerin nicht zu« Im übrigen kommt eine entsprechende Anwendung des § 66 BEG, wenn der Verfolgte einen Beruf erst aufzunehmen beabsichtigte, nur in besonders liegenden Ausnahmefällen in Betracht (Urteile des Senats RzW 1959, 597 Nr« 41, stische Gewaltmaßnahmen an der Verwirklichung dieser Absicht gehindert wurde» Feststellungen, die die Grundlage für einen derartigen Entschädigungsanspruch bilden, können aber nur getroffen werden, wenn der Verfolgte einen dahingehenden Sachverhalt eingehend vorgetragencund im einzelnen unter Angabe konkreter Tatsachen dargelegt hat, was ihn zu der Einstellung seiner Erwerbstätigkeit bewogen hat und vor allem, inwiefern es sich von vornherein nur üm eine vorübergehende Berufsaufgabe handeln sollte0 Bas vom Berufungsgericht nicht für erwiesen gehaltene Vorbringen der Klägerin, sie sei durch nationalsozialistische Boykottmaßnahmen zur Aufgabe der Gastwirtschaft veranlaßt worden, und ihr weiteres Vorbringen, sie hätte wieder einen Restaurationsbetrieb an anderer Stelle eröffnet, wenn nicht eine nationalsozialistische Regierung zur Macht gekommen wäre, die Aufgabe des Gastwirtschaftsbetriebs sei nur vorübergehend gewesen und sie habe nicht den Entschluß gefaßt, nie mehr als Gastwirtin tätig zu sein, reicht nicht aus» Auch die Vermutung des § 64 Abs» 2 BEG kann die Klägerin insoweit mangels eines hinreichend substantiierten Vortrages nicht für sich in Anspruch nehmen* Bas Berufungsgericht brauchte die Klägerin unter den gegebenen Umständen auch nicht zur Ergänzung ihres Vortrages aufzufordern, Bie Rechtslage ist durch die Rechtsprechung des Senats hinreichend geklärt0