BGH · II ZR 96/58
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Wetter ein aus dem Boot und zwei Längen bestehender Talschleppzug wegen zu kurzer Entfernung vor ihm befindlicher Fahrzeuge oder wegen nicht ausreichender Breite .des zur Verfügung stehenden Fahrwassers nicht aufdrehen, so kann es die nautische Sorg-faltspflicht des Schleppzugführers erfordern, daß er die Schiffsführer der zweiten Länge anweist, loszuwerfen und kopfvor auf ihren Ankern zu landen«. Juli 1959 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Dr0 Nastelski und der Bundesrichter Dr» Kuhn, Dr» Nörr, Liesecke und Dr» Reinicke für Recht erkannts Die Revision der Klägerin gegen das Urteil des 3o Zivilsenats des Oberlandesgerichts - Rheinschiffahrtsobergerichts - Karlsruhe vom 21» Februar 1958 wird auf Kosten der Klägerin zurückgewiesen0 Nachdem der "Ägir^Schleppzug etwa 15 - 20 Minuten vor Anker gelegen war, fuhr das mit zwei Anhanglängen.fahrende Motorgüterschiff "Rhenus 129" zwischen dem "Ägir"-Schleppzug und dem rechtsrheinischen Ufer zu Tal, wobei die zweite. Länge des "Rhenus"-Schleppzuges auf Höhe des "Ägir"-Schleppzuges köpfvor losmächte und sich auf ihren Ankern ländete» MS "Rhenus’129" drehte dann mit seiner ersten Länge unterhalb des "Ägir"-Schleppzuges über Steuerbord auf und machte sich am rechten Ufer ständig» Wiederum etwa 15 - 20 Minuten später kam der "Queyras"-Schleppzug talwärts mit verminderter Fahrt herab» Als er des vor ihm im Nebel auftauchenden "Ägir"-Schleppzuges ansichtig wurde, wich er diesem nach rechtsrheinisch aus, während das Boot "Ägir" versuchte, seinen Schleppzug' bei. .316 StGrB beim Bezirksschöffengericht in Darmstadt erhoben«, Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossene Die Klägerin als.Ausrüsterin des Motorschiffes »Queyras hat dem Eigentümer von Schiff und Ladung des Kahnes «Ulrich» sowie den Interessenten der ebenfalls beschädigten Kähne »Adwill« und »Ceylon» im November und Dezember 1935 die durch die Havarie entstandenen Schäden in Höhe von insgesamt 112a886;30 DM ersetzte Die Klägerin hat behauptet; die Beklagten als Schiffseigner und Schiffsführer des Bootes "Ägir" treffe ein überwiegendes, wenn nicht sogar ausschließliches Verschulden an dem Unfalla Der Beklagte zu 2 als Bühner des Bootes "Ägir" habe es pflichtwidrig unterlassen, hach seinem Aufdrehmanöver das Pahrwasser zu räumen, so daß es dem "Queyras Schleppzug nicht möglich gewesen sei, gefahrlos am MÄgirM vorbeizukommen0 Da der Beklagte zu 1 außer dem Boot MÄgirM» das einen Wert von 50o\Q00,- DM habe, über weiteres Vermögen nicht verfüge und der Beklagte zu 2 vermögenslos sei, beschränke sie sich darauf, von den Beklagten mit der Klage .einen Betrag von 5Q»00Ö DM nebst Zinsen zu fordern<> hat das Berufungsgericht rechtlich bedenkenfrei festgestellt * In Übereinstimmung mit dem Schiffahrtsgericht ist das Berufungsgericht zu der Überzeugung gelangt, daß "Ägir" nach dem Aufdrehen im Raum von km 460 etwa 130 m vom rechten Ufer entfernt am Rand des dort vorspringenden rechtsrheinischen Grundes gelegen hat * Damit habe, so führt das Schiffahrtsobergericht aus, der "Ägirf-Schleppzug im schiffbaren Fahrwasser festgemacht, weil der dort vorspringende rechtsrheinische Grund am Unfalltage seiner ganzen Breite nach für schwere.Schleppzüge befahrbar gewesen sei* § 80 RhSchpVO schränkt die Schiffahrt bei unsichtigem Wetter ein* Er schreibt insbesondere vor, unter welchen Voraussetzungen falfahrer und Bergfahrer anhalten müssen* Nach Nr* 4 dieser Vorschrift ist beim Anhalten das Fahrwasser so weit wie möglich freizu demachen* Das Berufungsgericht hat den Begriff des Fahrwassers im Sinne dieser Vorschrift, der auch beim Begegnen und Überholen (§ 37 Nr* 1) der gleiche ist zutreffend ausgelegt;« Bas Fahrwasser ist der für die durchgehende Schiffahrt bestimmte Teil des Stromes» Bie Breite des Fahrwassers wechselt je nach dem Wasserstand, sie ist bei niedrigem Wassferstand geringer und bei Hoch-wasser größer als bei normalem Wasserstand (Kählitz, Ver-kehrsrecht auf Binnenwasserstraßen, RhSchPVO § 37 Anm» 2)„ Gerade bei unsichtigem Wetter besteht das vom Gesetzgeber zur Pflicht erhobene Bedürfnis, das in diesem Sinn bestimmte Fahrwasser‘freizu demacheno Bas ergibt sich Einmal' daraus, daß Bergfahrer. Talfahrer nach Möglichkeit verhütet werden müssen» Bin Schiffsführer, der im Fahrwasser liegen bleibt, obwohl, ihm ein weiteres Bei-gehen zu dem Ufer möglich ist, kann also nicht mit der Entschuldigung gehört werden, er habe geglaubt, die Schiffahrt sei wegen des unsichtigen Wetters1 vorübergehend völlig eingestellt.» Bas Berufungsgericht hat in’tatrichterlicher Würdigung festgestellt, der nÄgir”~Schieppzug habe dicht an das rechts rheinische Ufer herangeführt werden können» Die Beklagten hatten gemeint, dies sei nicht möglich gewesen» Die Möglichkeit , das Fahrwasser freizu demachen, kann entfallen, wenn der Tiefgang des Fahrzeuges oder der Schiffe des Schleppzugs ein weiteres Beigehen zu dem Ufer nicht zuläßt oder wenn durch plötzlich eintretende SichtBehinderung das Beigehen die Gefahr des Zusammenstoßes mit in der Nähe Befindlichen Schiffen herBeiführen würde0 Beides hat das Berufungsgericht rechtsfehlerfrei verneinto Zutreffend hat es ferner die Entschuldigung des Beklagten zu 2 zurückgewiesen, nach seiner Kenntnis der Stromverhältnisse habe er geglaubt , sich mit seinem Schleppzug außerhalb des Fahrwassers zu Befinden; denn der Schiffsführer muß mit den Fahrwasserverhältnissen der Schiffahrtsstraße vertraut sein (vgl0 Kählitz aaO)o Mit Hecht hat das Berufungsgericht den Beklagten auch ihr Schutzvorbringen nicht abgenommen, das Beigehen des an unzulässiger Stelle liegenden Schleppzuges hätte eine Zeitspanne von .30 Minuten in Anspruch genommene In gefahrvoller Bage gehört Jeder Mann des Schleppzuges an seinen Platzo Schon während des Biegens bei Nebel hätte der Beklagte zu 2 die Schiffsführungen der Anhangkähne darauf hinweisen müssen, daß er, sobald die Sichtverhältnisse es. Bann hätte das Manöver bei der vorübergehend eingetretenen Besserung der Sicht in kürzester Zeit durchgeführt werden können0 Auch das Vorbringen der Beklagten, ein weiteres Beigeheh zu dem rechten Ufer hätte die Gefahr des Zusammenstoßes mit einem weiter.rechtsrheinisch fahrenden Talzug herbeiführen können, entlastet sie nicht 1 Gewiß wäre eine solche Gefahr nicht ausgeschlossen gewesen«» Die Gefahr des Zusammenstoßes war aber viel größer, Je näher der MÄgirM-Schleppzug zur Pahrwassermitte lag» Dazu kommt, daß der bei der Durchführung des Manövers fahrende Schleppzug noch eher hätte ausweichen können als der vor Anker liegendeo Im angefochtenen Urteil ist ausgeführtt Oberhalb des linksrheinisch vor Anker gegangenen Schleppzuges "Rosen-blumendelle" (der seinerseits oberhalb von "Ägir" lag), hätten bereits vier Einzelfahrer festgemacht, während rechtsrheinisch in Höhe des Schleppzuges "Rosenblumendelle" das Boot "Braunkohle IX" vor Anker gelegen seio Selbst wenn der "Queyras"-Schleppzug weiter oberhalb von einem Einzelfahrer überholt worden sei, der in Höhe des Schleppzuges "Rosenblumendelle" über Backbord aufgedreht habe, so hätte die Führung von "Queyras", als sie in einer Entfernung von 500 m oberhalb des "Rosenblumendelle"-Schleppzuges gesehen habe, daß'unterhalb eine Nebelwand gestanden sei, ein Hineinfahren in diese Nebelwand doch unter allen Umständen verhindern müssen«. dieses Manövers mit dem Risiko der Weiterfahrt zu dem Aufdrehen unterhalb des ”Rosenblumende11e"-Schleppzuge s abzuwägen gehabt habe; denn ein Aufdrehen dieses schweren Schleppzu-ges in der kurz unterhalb des "Rosenblumendelle^-Schlepp- ) zuges stehenden Nebelwand habe sich von selbst verbotene Ein "echtes Dilemma” habe also für den Führer von "Queyras" nicht Vorgelegen« meint, es sei auch darum gegangen, auf eine Entfernung von |n 200 m den "Queyras"-Schleppzug zu dem Halten zu bringen; die Möglichkeit des Gelingens dieses Manövers sei aber höchst ^ fraglich gewesen, da die Gefahr des Querfaliens vor dem f. Die Revision hat das angefochtene Urteil mißverstanden« Ras Berufungsgericht macht dem Führer von "Queyras" nicht zu dem Vorwurf,- daß er nach Insichtkommen des "Ägir"-Schlepp-zuges auf eine Entfernung von 200 m seinen Zug nicht köpfvor gelandet habe, sondern hat von ihm verlangt, daß er dieses Manöver 500'm oberhalb des ’!Rosenblumendelle"-Schleppzuges hätte ausführen müssen. §’ 254 BOB (letzteres hinsichtlich der Schadensersatzpflicht des Beklagten zu 2) von Erheblichkeit sein könnte* Aus anderen Gründen muß es aper dennoch dabei verbleiben, daß dem Führer von "Queyras” - ' ein schwerer Schuldvorwurf zu machen ist* Hierbei mag dahinstehen, ob die Sichtsverhältnisse bei Beginn des Überholmanövers des Einzelfahrers nicht schon so gewesen waren, daß der Führer von "Queyras*1 das Überholen hätte untersagen müssen.(§42 Nr* 2)* Unter allen Umständen aber hätte der Führer von "Queyras” als verantwortlicher Schleppzugführer (§ 2 Nr* 4) spätestens an der vom Berufungsgericht angegebenen Stelle (500 m oberhalb des "Eosen-blumendelle"-Schleppzuges) nicht nur, wie schon vorher geschehen, seine Fahrt vermindern, sondern die Schiffsführer seiner zweiten Länge anweisen müssen, loszuwerfen und köpfvor ständig zu machen*.'Senn nach seinen eigenen Angaben im Ermittlungsverfahren sah er, nachdem er unterhalb Hamm (1cm 458,5) gekommen war,* plötzlich.,einen Teil der ihm vorausfahrenden Schiffahrt aufdrehen und auch einige Fahrzeuge vor Anker legen* Sies mußte ihm zur Warnung dienen und namentlich auch vor Augen führen, daß eine Fortsetzung der Fahrt mit seinem langen Schleppzug bei der offensichtlich zu erwartenden SichtVerschlechterung erheblichen Schwierige keilen wegen der weiter unterhalb zu erwartenden Ansammlung von Schiffen führen könnte* Sas Abwerfen seines zweiten Anhangs wäre ohne Gefahr möglich gewesen, da die Stromgeschwindigkeit gering (1 m / sec*, 'Gutachten. Mit seinem wendigen und leistungsstarken Boot hätte der Führer von ’’Queyras” gefahr-los vor dem ’’Rosenblumendelle’’-Schleppzug aufdrehen können, wenn er damit unmittelbar nach der Vorbeifahrt des Einzel- fahrers begonnen hätte» Denn nach dem eigenen Vortrag der Klägerin in ihrer Berufungsbegründung S» 13 betrug nach dem Überholen die Längs ent fern ung bis zu dem Boot ’’Rosenblumendelle” ca» 250 m; auch war das Fahrwasser breit genug, da nach den Angaben des Führers yoh ’’Queyras” im Verklarungsverfahren (Bl» 39) in dieser Höhe lediglich linksrheinisch drei Ein-zelfahrer an Land in einem Abstand von etwa 40 m lagen, während rechtsrheinisch das Revier frei war» Abe,r selbst wenn der Fahrer von ’’Queyras” nach Loswerfen der zweiten Länge nicht aufgedreht hätte, sondern weitergefahren wäre, wäre ein Zusammenstoß mit dem Kahn ’’Ulrich” entweder überhaupt vermieden worden, da dann das Boot seinen nur noch aus einer Länge bestehenden Anhang weiter nach Steuerbord hätte ziehen können, oder es wären nur geringfügige Schäden entstanden; denn die Hauptschäden und das. Sinken des Kahnes ’’Ulrich” wurden erst durch den Stoß des Kahnes ”Adwill”,der auf 2» Länge' Backbord fuhr, herbeigeführt» Es ist auch nicht richtig,.daß die zu treffenden Maßnahmen einen schnellen Entschluß der Schiffsführung von ’’Queyras” erforderten und ihr nur kurze Zeit zur Überlegung geblieben sei» Auch hier übersieht die Revision, daß es sich bei dem vom Führer des "Queyras ’’-Schleppzuges schuldhafterweise unterlassenen Maßnahmen nicht um.solche handelt, die erst im Augenblick des Insichtkommens des ”Igir’’-Schleppzuges hätten getroffen werden müssen»