BGH · II ZR 78/68
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
a) Ein Gesellschafter, der einen außergesellachaftsrecht-lichen Anspruch gegen einen Mitgesellschafter hat, kann unter den Voraussetzungen des § 135 HGB wie ein anderer Privatgläubiger die Gesellschaft kundigen, sofern er nicht nach den Umständen des Einzelfalles wegen der gesellschaftlichen Treupflicht insoweit seine privaten Interessen zurückstellen muß» b) Beschließen nach Kündigung der Gesellschaft durch einen Privatgläubiger die unverschuldeten Gesellschafter, daß nur einer von ihnen das Geschäft ohne Liquidation mit Aktiven und Passiven übernehmen solle, so kann darin ein Beschluß zur Fortsetzung der Gesellschaft im Sinne des Auf die Revision der Klägerin wird - unter Zurückweisung ihres weitergehenden Rechtsmittels -das Urteil des 9» Zivilsenats des Oberlandesgerichts Celle vom 6» Mars 1968 aufgehoben, soweit das Berufungsgericht die Klage auf Peststellung, daß die Beklagten aus der Kommanditgesellschaft B^PB1| & ausgeschieden seien, abgewiesen, die Anschlußberufung der Klägerin zurückgewiesen und über die Kosten des Rechtsstreits entschieden hat o Die Berufung der Beklagten gegen das Urteil der 4» Zivilkammer des Landgerichts Böttingen vom 12o Juli 1967 wird zurückgewiesen, soweit sie sich gegen die Feststellung ihres Ausscheidens aus der Gesellschaft und gegen die Kostenentscheidung des Landgerichts richtet» Die Parteien und der Verleger UiMIKMI hatten im Jahre 1958 zu dem Betrieb einer Druckerei und eines Zeitungsverlages eine Kommanditgesellschaft gegründete Die Klägerin und die Beklagte zu 2 wurden Kommanditisten, ihre Mutter, die Beklagte zu 1, und CMM persönlich haftende Gesellschafter, Anläßlich einer Betriebsprüfung in den Jahren 1963/64 stellte das Finanzamt fest, daß die Beklagte zu 1 Einnahmen in Höhe von 222,200 DM nicht verbucht und privat für sich entnommen hatte. Im Zusammenhang damit erhob OfHHHHl gegen die Beklagte zu 1 und ihre Töchter1 Klage auf Auflösung der Gesellschaft; diese erhöhen ihrerseits Auf-“ lösungswiderklage, Der Rechtsstreit wurde am 29« März 1965 durch einen Prozeßvergleich mit folgendem auszugsweise wiedergegebenen Inhalt beendet; Bis zu diesem Zeitpunkt wird die Geschäftsführung und Ver-tretungsbefugnio vom Kläger und der Beklagten zu 1 gemäß Nr. 9 dieses Vergleichs ausgeübt. Außerdem verzichtete er ihr gegenüber auf seine Rechte aus den Pfändungsund Überweisungsbeschlüssen,, Daraufhin erklärte die Klägerin OflHHHHI gegenüber mit Schreiben vom 12. Januar 1967 das Gesellschaftsunternehmen ohne Liquidation mit Aktiven und Passiven übernähme; gleichzeitig unterrichtete sie die Beklagten davon, daß sie zu dem 31» Dezember 1966 aus der Gesellschaft ausschieden. Die Klägerin erhob daraufhin im Frühjahr 1967 Klage mit dem Antrag festzustellen, daß die Beklagten zu 1 und 2 mit Wirkung vom 31= Dezember 1966 ausgeschieden seien und das Geschäft ohne Liquidation mit Aktiven und Passiven von ihr, der Klägerin, mit Wirkung vom 1. Das Berufungsgericht hat die einseitige Erklärung der Klägerin, mit Wirkung vom 1. Januar 1967 das Geschäft ohne Liquidation mit Aktiven und Passiven allein übernehmen zu wollen, für unwirksam gehalten, weil außer ihr und den Beklagten der Verleger G01 der Gesellschaft noch angehöre. schaft bleibe so lange mit in dessen Hand, bis seine Mitgesellschafter verschiedene Sicherheiten gestellt und seine Entlassung aus bestimmten Gesellschaftsverbindlichkeiten herbeigeführt hätten; erat dann habe er die Ge-achäftsführung niederzulegen und sein Ausscheiden mm Handelsregister anzu demelden» Daraus folge, daß sich, zunächst an seiner Zugehörigkeit zur Gesellschaft nichts geändert habe» Die Bedeutung von Nr» 1 des Vergleichs erschöpfe sich sinngemäß darin, den Stichtag für die Auseinandersetzung mit ihm sowie den Zeitpunkt festzulegen, seit dem er am Gewinn und Verlust der Gesellschaft nicht mehr beteiligt werde» GMBBBBh sei auch in der nachfolgenden Zeit nicht ausgeschieden,■ weil die Mitgesellschafter den Verpflichtungen, von deren Erfüllung man sein Ausscheiden abhängig gemacht habe., nicht nachgekommen seien» Unter diesen Umständen hätte gemäß §§ 135, 141 HGB allenfalls ein gemeinsamer Beschluß MMi und der Klägerin, die Gesellschaft fortzuführen, oder eine gemeinschaftliche Ausschließungsklage gemäß § 140 Abs» 1 HGB das Ausscheiden der Beklagten aus der Gesellschaft bewirken können» Mit dem alleinigen einseitigen Vorgehen der Klägerin sei dagegen dieses Ziel nicht zu erreichen gewesen» Gegen die in diesen Ausführungen enthaltene Vertragsauslegung und die daraus gezogene Folgerung, GgHHM habe der Gesellschaft Uber den Prozeßvergleich hinaus weiter angehört, läßt sich aus Rechtsgründen nichts einwenden; in dieser Hinsicht greifen die Bedenken der Revision nicht durch» Die Peststellimgsklage ist aber dennoch begründet, soweit die Klägerin geltend macht, die Beklagten seien zu dem Jahresende 1966 aus der Gesellschaft ausgeschieden» Io Die vom Berufungsgericht offengelassene Präge, ob d-urch seine Erklärung vom 11 „ Juni 1965 die Gesellschaft rechtswirksam als "Privatgläubiger1' gemäß § 155 HGB gekündigt hat, ist zu bejahen» Durch den Prozeß-vergleich haben die Beteiligten die Gesellschaft von allen Abfindungsansprüchen G^»'/i#o freigestellt und statt dessen entsprechende Privatschulden der Mitgesellschafter begründet» Damit haben sie die wirtschaftliche Bereinigung der innergesellschaftlichen Streitigkeiten und die übrige vermögensrechtliche Auseinandersetzung vom Gesellschaftsverhältnis gelöst und rechtlich auf eine neue;, außergesellschaftsrechtliche Grundlage gestellt» lfMHBl war fortan durch den Prozeßvergloich gehindert, Ansprüche auf einen Ausgleich der Verluste, die ihm durch die unzulässigen Privatentnahmen der Beklagten zu 1 entstanden waren, sowie Ansprüche, die ihm wegen des vereinbarten Ausscheidens zustanden, ira innergesellschaftlichen Rechtsverhältnis und gegen die Gesellschaft geltend zu machen» Damit stand er einem Nichtgesellschafter gleich, der - ohne Gesellschaftsgläubiger zu sein - Ansprüche gegen einen Gesellschafter hat» Wie diesem stand ihm als "Privatgläubiger" die durch § 155 HGB gegebene Möglichkeit offen, das Vermögen seiner Schuldner, soweit das in ihrer Beteiligung an der Gesellschaft bestand, durch Pfändung und Überweisung ihrer Auseinandersetzungsansprüche und Kündigung der Gesellschaft zu dem Zwecke seiner Befriedigung freizustellen» Hiervon Gebrauch zu machen, war auch nicht deshalb verwehrt, weil er selbst noch Gesellschafter war» Ein Gesellschafter kann zwar unter Umstanden mit Rücksicht auf die gesellschaftliche freupflicht gehalten sein, insoweit seine privaten Interessen zurückzustellen und von einer Kündigung der Gesellschaft abzusehen» Solche Umstände liegen aber hier nicht vor, nachdem G(|^ bereits durch den Prozeßvergleich auf die Auflösung .der Gesellschaft verzichtet' und seinen .Mitgesellschaftern ohne Erfolg die Möglichkeit gegeben hatte, seine Ansprüche zu befriedigen und so die Gesellschaft zu erhalten» .,■■■■■.■ Unter den Parteien ist unstreitig, daß die Zwangsvollstreckung, die im April 1965 in das bewegliche Vermögen der Beklagten durchzuführen versucht hatte, erfolglos geblieben war. So liegen aber hier die Dinge nicht, war mit dem Verhalten der Klägerin einverstanden» Seine "offensichtliche Billigung" ihres Vorgehens hat das Berufungsgericht in anderem Zusammenhang angenommen» Die Übereinstimmungen GfMMMtls und der Klägerin hinsichtlich der zukünf- tigen Gestaltung des Gesellschaftsverhältnisses läßt sich auch ohne weiteres dem Sinn des von ihnen abgeschlossenen Erlaßvertrages, der Aufhebung des gegen die Klägerin erwirkten Pfändungsund Überweisungsbeschlusses und der widerspruchslosen Hinnahme der ''Übernahmeerklärung” der Klägerin durch entnehmen» Aus alldem folgt, daß Guttzeit gerade nicht auf der Auflösung der Gesellschaft bestanden hat, sondern mit der Geschäftsübernahme durch die Klägerin einverstanden und selbst auszuscheiden bereit v/ar. Das Ziel, gleichzeitig mit den Beklagten auszuscheiden, wäre allerdings, durch eine bloße Vereinbarung mit der Klägerin nicht zu erreichen gewesen» Hierzu hätte es, weil es sich insoweit um eine Änderung des Gesellschaftsvertrages gehandelt hätte, der Zustimmung aller Gesellschafter, also auch der Beklagten bedurft; ihre Rechtsstellung wäre trotz ihres bevorstehenden Ausscheidens nicht nur formal, sondern insofern beeinträchtigt worden, als ihnen bei gleichzeitigem Ausscheiden die persönliche Haftung für ihre Abfindungsansprüche verlorengegangen wäre» Für die Annahme, dflHMl Könnte es darauf an gekommen sein, sich durch die Aufgabe seiner Mitgliedschaft in der Gesellschaft dieser Haftung zu entziehen, gibt es keinen Anhaltspunkt, zu demal er selbst gegen die Beklagten erhebliche Gegenansprüche hatte. Januar 1967 (unmittelbar nach dem Ausscheiden der Beklagten) und -'was damit zwangsläufig verbunden ist ™ .schlüssig .auf einen Gesellschaft erbeochluß geeinigt haben, (bis dahin) die Gesellschaft fortzusetzeno Eine solche Vereinbarung und Beschlußfassung war rechtlich möglich und wirksam. der Liquidation zu verzichten» Las ist hier durch schlüssiges Verhalten aller Beteiligten geschehen, da sie zunächst noch Verständigungsversuche zur Fortführung des Unternehmens unternommen und die Abwicklung der Gesellschaft nicht eingeleitet haben» ln einem solchen lall kann die Fortsetzung der Gesellschaft, ohne daß die berechtigten Interessen der übrigen Beteiligten beeinträchtigt würden, mit der Wirkung des § 141 Abs. 1 Satz 2 HGB auch dann noch erklärt werden, wenn die Verständigungsversuche scheitern und die Liquidation noch nicht begonnen hat. Wach alledem ist der Hauptantrag begründet, soweit die Klägerin die Feststellung verlangt hat, daß die Beklagten mit Ablauf des 31» Dezember 1966 aus der Gesellschaft ausgeschieden seien» In diesem Punkt ist auf die Revision das landgerichtliche Urteil wiederherzustellen» Dagegen bleibt es bei der klagabweisenden Entscheidung des Berufungsgerichts, soweit die Klägerin gegenüber den Beklagten auch die Feststellung betreibt, daß sie das Gesellschaftsunternehmen allein übernommen habe. Die Zurückweisung der Anschlußberufung, die vom Standpunkt des Berufungsgerichts folgerichtig war, ist gegenstandslos und aufzuheben; sie betraf den Hilfsantrag der Klägerin, über den nicht mehr zu entscheiden ist, nachdem dem Hauptantrag im wesentlichen stattzugeben war»