BGH · II ZR 71/57
Originalentscheidung als PDF
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HGB § 142| BGB § 242 Hechtssatz: Kündigt der eine Gesellschafter einer offenen Handelsgesellschaft das Gesellschaftsverhältnis und steht dem anderen Gesellschafter für diesen Fall nach dem Gesellschaftsvertrag ein Übernahmerecht zu, so ist die Geltendmachung des Übernahmerechts rechtsmißbräuchlich, wenn es nicht der Erhaltung und Fortführung des Unternehmens, sondern dazu dienen soll, dem Übernehmenden bei der Durchführung der wirtschaftlich ohnehin notwendig gewordenen Liquidierung des Unternehmens einen besonderen Liquidationsgewinn zu verschaffen« Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil des 6» Zivilsenats des Oberlandesgerichts in Düsseldorf • vom 14« Februar 1957 aufgehoben, soweit es der Klage stattgegeben und einen feil der Kosten des Verfahrens der Beklagten auferlegt hat0 In dieser Hinsicht sind zwei Behauptungen der Beklagten von wesentlicher Bedeutung, Wie die Beklagte in ihrem Schriftsatz vom 15» November 1956 S.5 (Bl>59 GA) unter Bezugnahme auf ein Schreiben ihres Steuerberaters vom 19» Oktober 1954 vorgetragen hat? Schriftsatz (S, 8} Bio62 GA) hat die Beklagte weiterhin vox’getragen, daß der Kläger vor dem 25« Oktober 1955 erfahren hatte, daß er für die Stillegung des Betriebes eine Abfindung von etwa 100«000 DM vom Bundesfinanzministerium erhalten werde* Dieser Vortrag der Beklagten legt, wie die Revision mit Recht ausführt, den Schluß nahe, daß der Kläger von seinem Übernahmerecht nicht zu dem Zweck der Fortführung, sondern zu dem Zweck der Liquidierung des Betriebes Gebrauch gemacht hat, um auf diese Weise die Abfindungssumme allein zu erhalten. Ein solcher Gebrauch wird von dem Inhalt und Sinngehalt des Übernahmerechts nicht mehr gedeckto Die gesellschaftsvertragliche Zubilligung eines Übernahmerechts dient der Erhaltung des Unternehmens und soll zugunsten des Übernahmeberechtigten die Versilberung des Unternehmens durch die Abwicklung verhindern* Diese wirtschaftlich sinnvolle Bedeutung des Übernahmerechts bei Kündigung des Gesellschaftsvertrages durch den anderen Gesellschafter ist für die Ausübung des Übernahmerechts entscheidende Liegen in einem Einzelfall die tatsächlichen Verhältnisse so, daß das Übernahmerecht nicht zu dem Zweck einer Erhaltung und Fortführung des Unternehmens ausgeübt werde, sondern dazu dienen soll, dem Übernehmenden bei der Durchführung der wirtschaftlich ohnehin notwendig gewordenen Liquidierung des Unternehmens einen besonderen Liquidationsgewinn zu verschaffen, so wird das von dem Inhalt des Übernahmerechts nicht mehr gedeckt; die Ausübung des Übernahmerechts stellt sich dann als eine unzulässige Rechtsausübung dar* Eine solche Ausübung läßt sich namentlich nicht mit den das Gesellschaftsverhältnis beherrschenden Grundsätzen von Treu und Glauben vereinbaren und würde dem übernehmenden Gesellschafter - hier dem Kläger - einen durch nichts gerechtfertigten wirtschaftlichen Vorteil zu Lasten seines Mitgesellschafters - hier der Beklagten - verschaffen« Da das Berufungsgericht den Sachverhalt und namentlich den Vortrag der Beklagten nicht unter dem angezeigten rechtlichen Gesichtspunkt geprüft hat, wozu es auch ohne einen besonderen rechtlichen Hinweis der Beklagten von Amts wegen verpflichtet war, muß das Berufungsurteil, soweit es der Klage stattgegeben hat, aufgehoben werden, damit diese Prüfung noch nachgeholt werden kann* Dabei wird das Berufungsgericht sein Augenmerk auch noch darauf zu richten haben, warum der Kläger nach der Kündigung des Gesellschaftsvertrages durch die Beklagte erst verhältnismäßig spät von seinem Übernahmerecht Gebrauch gemacht hat» Es erscheint nicht ausgeschlossen, daß diese Verspätung damit zusammenhängt, daß sich der Kläger erst Gewißheit über die Zubilligung der Entschädigungssumme seitens des Finanzministeriums verschaffen wollte« In diesem Fall würde der Vortrag der Beklagten über den eigentlichen Zweck des vom Kläger geltend gemachten Übernahmerechts dadurch eine Bestätigung erfahren«