BGH · II ZR 56/56
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Gesetzs VVG § 22; BGB § 123 Rechtssatzs Auch bei der Anfechtung eines Versicherungsvertrages wegen arglistiger Täuschung hat der Versicherer die volle Beweislast dafür, daß der Versicherungsnehmer ihn in unlauterer Weise durch seine unrichtigen Angaben zur Annahme des Versicherungsvertrages bestimmen wollteo Es besteht kein allgemeiner Erfahrungssatz, daß ein Versicherungsnehmer, der Antragsfragen bewußt unrichtig beantwortet, regelmäßig auch mit- Arglist im Bezug‘-auf die V/illensbildung des Versicherers gehandelt hato Aktenzeichen? die Kläger zu 2) und 3) sind die Kinder des Bauunternehmers Werner Dieser hatte bei der Beklagten änstelle der gesetzlichen Handwerkerversicherung zugunsten der Klager, seiner Erben, eine Lebensversicherung über 20c000 DM abgeschlossen, die mit dem 1, Mai 1954 begann und sich bei Tod durch Unfall auf die doppelte Summe erhöhte» Der Vertrag kam ohne vertrauensärztliche Untersuchung zustande, nachdem 81111 ^5- März 1954 das Antragsformular mit der Erklärung der richtigen und vollständigen Beantwortung aller Eragen unterzeichnet und die Beklagte einen ärztlichen Bericht des Hausarztes Dr* in U^Ü^vom Die Kläger haben erwidert, der Verstorbene habe nach seiner Überzeugung die Antragsfragen richtig beantwortete Tatsächlich sei er gesund gewesen, wie ihm die Ärzte auch bestätigt hätten, Die von der Beklagten als Krankheit bezeiebneten Erscheinungen seien lediglich die Folgen .von häuslichem Ärger, Aufregungen und Überarbeitung gewesen und hätten die Lebenserwartung des Versicherungsnehmers nicht beeinträchtigt« Jedenfalls fehle es an einem ursächlichen'Zusammenhang zwischen der angeblichen Täuschung der Beklagten uhd der Annahme des Versicherungsantrages« Die Fachärzte habe nicht von sich aus zugezogen, er sei vielmehr durch seinen Hausarzt Dr« Sch an sie überwiesen worden«. Zum Rücktritt vom Vertrag sei die Beklagte deshalb nicht berechtigt gewesen, weil der Tod des Versicherungsnehmers ausschließlich eine Folge des Unfalls und nicht etwa auf irgendwelche körperlichen leiden zurückzuführen sei« Io N&ch § 8 AVB kann der Versicherer, dem der Versicherungsnehmer bei Vertragsabschluß einen gefahrerheblichen Umstand verschwiegen oder falsch angegeben hat, grundsätzlich innerhalb eines Monats nach Kenntnis dieses Umstandes vom Yevtjfök- zurücktretenj der Rücktritt ist jedoch ausgeschlossen^ wenn der Versicherte gestorben ist und der verschwiegene oder falsch angegebene Umstand keinen Einfluß auf den Eintritt des Versicherungsfalles gehabt hat (§8 Ziff 2 c AVB). Hierzu hat das Berufungsgericht bindend festgestellt, daß der fod des Versicherten und auch sein Verkehrsunfall nicht auf irgendwelche im Versicheru»<jpjMI^^' trag verschwiegenen Krankheiten ursächlich zurückzuführen sind« Die hiergegen gerichteten Revisionsangriffe sind offensichtlich unbegründet. einzelnen näher bezeichneten Krankheiten oder Beschwerden leide oder gelitten habe«, Denn jedenfalls hätte er die vegetative Bystonie, die Gastritis und den Bandscheibenvorfall und die dadurch hervorgerufenen Beschwerden angeben müssenc Die beiden zuerst genannten Krankheiten habe er jedoch nicht wissentlich verschwiegen» Da ihm nämlich auf Grund des negativen Ergebnisses der wiederholten Untersuchungen mehrfach' gesagt worden sei; daß er nicht an einer organischen Krankheit leide und die geäußerten Beschwerden ihren Grund in Überarbeitung und familiären Sorgen hätten, erscheine es glaubhaft, daß er auch seinen früheren Gesundheitszustand für gut gehalten habe. Im übrigen fehle es insoweit auch an einem ursächlichen Zusammenhang zwischen Täuschung und Vertragsabschluß, weil die Beklagte schon vor der Annahme des Versicherungsantrages von der vegetativen Dystonie erfahren habe» Zweifelhaft sei hingegen, ob der Versicherungsnehmer nicht bei der Frage nach früheren Leiden die von Dr, fest ge st eil- te Erkrankung der unteren Lendenwirbelsäule wissentlich verschwiegen habe« Es sei aber jedenfalls nicht erwiesen, daß er auch mit der Möglichkeit gerechnet habe, die Beklagte könne durch diese unrichtige Antwort in ihrer Entscheidung über die Annahme oder Ablehnung des Versicherungs antrages beeinflußt werden» Dagegen spreche wiederum die Aussage des Dr» Sch^[^7 der dem Bandscheibenvorfall als . einer ausgesprochenen Modekrankheit kein Gewicht beigemessen und es deswegen auch nisht für notwendig gehalten habe, ihn in seinem Bericht vom 7» Mai 1954- überhaupt zu erwähnen» Hinzu komme, daß der Antragsteller in seiner Arbeitsfähigkeit nicht beeinträchtigt gewesen sei und die ihm verordneten Heilmittel nicht angewandt habe, und daß ihm Dr» Sch^|^ wiederholt versichert habe, er leide an keiner organischen Krankheit., Eine unrichtige Beantwortung des Antragsfragebogens liege schließlich darin, daß der Versicherungsnehmer die Frage, ob er in den letzten zwei Jahren oder schon früher Ärzte zu Hate gezogen habe? verneint und neben seinem Hausarzt Dr, 3ch^|^ nicht auch die Fachärzte Dr0 Dr«, und Dr> H^^^ benannt habe, Jedoch könne auch hier nicht festgestellt werdendaß der Antragsteller sich der Ursächlichkeit seines Verhaltens für die Entschließung der Beklagten bewußt gewesen sei, Denn er sei offensichtlich davon ausgegangen, daß die von Dr, och^|^ züge-zogenen Fachärzte nichts anderes festgestellt hätten und angeben könnten, als wa.s ihm sein Hausarzt' bereits mitgeteilt habe, daß er nämlich organisch gesund sei und sich nur vor Überarbeitung und Aufregungen hüten müsset Auch habe er damit rechnen können, daß Dr, Sch^flP auf Befragen der Beklagten die Hamen der anderen Ärzte von sich aus nennen werde. Gegen diese Ausführungen wendet sich die Hevision wiederum mit einer Reihe von Rügen, die jedoch ebenfalls nicht durchgreifenc lo) Die Ausführungen der Hevision, mit denen sie unter Hinweis auf § 16 Abs 1 Satz 3 VVß- die-objektive Erheblichkeit der vom Versicherungsnehmer verschwiegenen Tatsachen für das Zustandekommen des Versicherungsvertrages dartun will, sind gegenstandslos, weil das Berufungsgericht zur Frage des ursächlichen Zusammenhangs gar nicht abschließend Stellung genommen hat, Angesichts seiner Feststellung, daß jedenfalls die subjektiven Voraussetzungen der arglistigen Täuschung nicht erwiesen seien, durfte'es diese Frage auch dahingestellt sein lassen, in subjektiver Hinsicht überspannte Sie beruft sich dabei insbesondere auf die Ausführungen von Prölss (WG 10: Aufl § 22 Anm 2) und Süss (VersR 1952, 185 /T867)0 Während PrÖlss den vom Versicherer zu führenden Beweis der arglistigen Täuschung schon mit der Pest Stellung«, daß der Versicherungsnehmer Antragsfragen wissentlich falsch beantwortet hat, auf Grund der Lebenserfahrung als erbracht ansehen und dem Antragsteller den Gegenbeweis dafür auferlegen will, daß er ohne Arglist, d,h- ohne das Bewußtsein der Erheblichkeit seines Verhaltens oder jedenfalls nicht in unlauterer Gesinnung gehandelt habe (ebenso im Ergebnis KG. JRPV 1933, 337; 1934, 45, 46; OLG Düsseldorf JRPV 1933, 304; OLG Naumburg JRPV 1937, 281; OLG Stuttgart VersR 1952, 548; Franke VersR 1953, 75; w,Nachw»bei Prölss aaO)> geht Süss noch einen Schritt weiters Er will im \7ege des An- • scheinsbeweises schon aus einer objektiv falschen Antwort des Versicherungsnehmers auf dessen betrügerische Absichten schließen« Beide Auffassungen sind abzulehneno Pestzuhalten ist vielmehr an der ständigen Rechtsprechung des Reichsgerichts, dem sich das Berufungsgericht mit Recht angeschlossen hat- Danach setzt der Begriff der arglistigen Willensbestimmung in § 125 BGB subjektiv mehr voraus als bloßen Täuschungsvorsatz, d,he» als das Bewußtsein und den Willen, durch das Vorspiegeln oder Verschweigen von Tatsachen im Erklärungsgegner einen Irrtum zu erregen« verträgen gilt nichts anderes, da § 22 VVG keinen besonderen versicherungsrechtlichen Begriff der arglistigen Täuschung aufstellt, sondern den allgemeinen Tatbestand des § 123 BGB voraussetzt» Der Versicherer kann demnach nur dann anfechten, wenn der Versicherungsnehmer ihn in un- lauterer Weise gerade durch die Täuschung zu seiner Erklärung bestimmen wollte, wenn er sich also gesagt hat, der Versicherer werde hei Kenntnis des wahren Sachverhalts den Antrag möglicherweise nicht oder nur zu erschwerten Bedin- ' gungen annehmen„ Hierfür wie für alle Voraussetzungen des § 123 BGB hat der Anfechtende die volle Beweislast (RGZ 81, 13, RG SeuffArch 97? Die Grundsätze vom Bev/eis des ersten Anscheins scheiden schon deswegen aus, weil sie nur für typische Geschehensabläufe geltenr Lie Präge, aus welcher inneren Einstellung ein Mensch gehandelt hat-, laßt sich aber bei der Vielfalt, Verschiedenartigkeit und Unberechenbarkeit der menschlichen Anlagen, Charaktereigenschaften und Überlegungen* der sittlichen Auffassungen und der inneren und äußeren Antriebe in aller Regel nur auf Grund der besonderen Umstände des Einzelfalles beurteilen (BGH LindMöhr ZPO § -286 ßj Hr 115 VersR 1956, Bas schließt natürlich nicht aus/ daß der Tatrich-ter im einzelnen Pall auf Grund seiner Lebenserfahrung aiis bestimmten Indizien, z,B, aus Art, Umfang und Bedeutung der falschen Angaben, aus dem Persönl'ichkeitsbild des Versicherungsnehmers oder aus seinen Äußerungen gegenüber dritten Personen, die volle Überzeugung gewinnt, daß der Versicherungsnehmer tatsächlich die Vorstellung gehabt hat,-in unlauterer Weise auf den Erklärungswillen des Versicherers einzuwirken* Auf einer solchen freien ta,trich-terlichen Beweiswürdigung und nicht etwa auf einer Umkehr der Beweislas-t beruhen zahlreiche Gerichtsentscheidungen, die Proiss aaO zu Unrecht als Beleg für seine Auffassung anführtDamit erledigt sich zugleich der Einwand von Frölss, das Reichsgericht bürde dem Versicherer einen Beweis auf, den er gar nicht führen könne* Die Beweisführung ist für den Versicherer nicht schwieriger als für jeden anderen arglistig Getäuschten auch- llüßte umgelcehrt der Versicherungsnehmer oder nach seinem Tod der nunmehr Anspruchsberechtigte das Pehlen der Arglist beweisen, so stünde er vor jedenfalls nicht geringeren Beweisschwierigkeiten, Bcve lir/fe-.in den zahlreichen Pallen, in denen dieser Entlastungsbeweis nicL.w geführt werden kann, darauf hinaus, daß die Anfechtung allein auf Grund der Kennt-nis des Versicherungsnehmers von der Unrichtigkeit seiner Angaben durchschlüge* ’Damit wäre der gesetzliche Begriff der arglistigen Täuschung praktisch ausgehöhlt (KG VersH 1955? vom Vertrag zurück-zutreteno Jedoch kann er sich nach § 21 VVG durch den Rücktritt seiner Leistungspflicht für einen bereits eingetretenen Versicherungsfall dann nicht entziehen? das Berufungsgericht habe bei der Frage nach dem guten Glauben des Versicherungsnehmers wiederum wesentliche Umstände übersehen? rücksichtigt, daß der YerSicherungsnehmer seit 1951 wegen mannigfacher Beschwerden,, u„a<> auch wegen Herzklopfens hei Arger und Aufregungen, wiederholt seinen Hausarzt zu Rate gezogen hat und von ihm und den Fachärzten daraufhin unter- • sucht worden istc Es hat aber aus den übereinstimmenden Angaben dieser Ärzte, denen es mit vollem Recht den Vorzug gegeben hat vor der Meinungsäußerung eines nicht sachkundigen Polizeibeamten, rechtsirrtumsfrei entnommen, daß jene Beschwerden nur die Folge vegetativer Nervenstörungen und nicht einer organischen Herzkrankheit gewesen seien und der Versicherungsnehmer mit Rücksicht auf die dementsprechenden Auskünfte der Ärzte jedenfalls im Zeitpunkt der Antragstellung habe annehmen können, es handle sich dabei ebenso wie' bei dem Bandscheibenschaden nicht um wirkliche, für den Vertragswillen der Beklagten bedeutsame Krankheitserscheinungen» Hierin liegt auch die von der Revision vermißte Erklärung dafür, welchen anderen Grund als den, die Vertragsbereitschaft der Beklagten zu fördern, der Versicherungsnehmer für das Verschweigen dieser Vorfälle gehabt haben könnte» Die A.nnahme des Berufungsgerichts, daß er siechen für unwichtig gehalten habe, ist mit der Lebenserfahrung durchaus vereinbar» Sie steht auch nicht im Widerspruch zur Feststellung des Berufungsgerichts, der Antragsteller habe zu demindest bei einigen seiner Antworten im Fragebogen möglicherweise gewußt, daß sie unrichtig waren,. Richtig ist allerdings die Auffassung der Revision, daß eine absichtliche, d»h» zweckbestimmte Einwirkung auf den Willen des anderen für § 123 BGB nicht unbedingt erforderlich ist. Es genügt vielmehr, wenn der Täuschende, wenigstens mit der Möglichkeit einer Willensbeeinflußsung gerechnet und sie in Kauf genommen hat» Aus dem ganzen Zusammenhang der Entscheidungsgründe ergibt sich aber, daß das Berufungsgericht auch einen solchen bedingten Vorsatz des Versicherungsnehmers nicht als erwiesen angesehen hato Im übrigen erschöpfen sich die Ausführungen der Revision in unbeachtlichen Angriffen gegen die alle wesentlichen Umstände einbeziehende und in keiner Richtung gegen die Denkgesetze oder Erfahrungsregeln verstoßende Beweiswürdigung des Tatrichters»