BGH · II ZR 27/65
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
so kann nach den, Grundsätzen über das Fehlen der Geschäfts- , grandläge eine Anpassung des Vertrags an die wirkliche Rechtslage in der Weise geboten sein, daß eine auf bestimmte Zeit eingegangene stille Gesellschaft angenommen wird 0 hach dem Tod Heinrich W|pWB schlugen seine Rechtsnachfolger j die damals noch minderjährigen und durch ihren Vater vertretenen Kläger, der Beklagten vor, das Unternehmen solle unter Eintritt ihres Vaters als persönlich haftenden Gesellschafters in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt? die Einlage der Beklagten erhöht und ihr Gewinnanteil auf einen bestimmten Betrag festgesetzt v/erden * Als die Verhandlungen hierüber ergebnislos blieben, kündigten sie mit Schreiben vom 18e Januar 1982 die stille Gesellschaft zu dem Jahresende„ Die Kläger haben mit ihrer Klage auf PestStellung, daß die Kündigung zu dem 31° Dezember 1962 wirksam sei, geltend gemacht, ihnen stehe ein ordentliches Kündigungsrecht nach den §§ 339? Sie hat den Standpunkt vertreten, nach dem Sinn und Zweck des Vergleichs von 1945 habe durch ihn keine stille Gesellschaft, sondern ein partiarisches Rechtsverhältnis eigener Art begründet werden sollen, in dessen Vordergrund ein Leibrentenversprechen stehe» Heinrich WtffPM und die Beklagte eine stille Gesellschaft errichtet * Das entnimmt das Berufungsgericht rechtlich fehlerfrei dem Wortlaut des Vertrags, bei dessen Abschluß auf beiden Seiten Rechtsanwälte mitgewirkt haben und der ausdrücklich auf das Recht der stillen Gesellschaft (§§ 335 ff HGB) verweist, der Einräumung von Kontrollrechten (§§ 4, 5)j. einer Gewinnbeteiligung -(§ 6) und sogar eines Übernahmerechts (§ 10 Abs• 2) für die Beklagte, sowie vor allem der Tatsache, daß die Vertragspartner zuvor schon als Gesellschafter einer offenen Handelsgesellschaft miteinander verbunden gewesen waren„ Allerdings hat der Vertrag nach Ansicht des Berufungsgerichts insofern Versorgungscharakter, als er - neben seiner Amsrich*-tung auf einen gemeinschaftlichen Geschäftszweck -zugleich der Beklagten-in Abgeltung ihrer früheren und gegenwärtigen Leistungen ein Existenzminimum auf Lebens-*, zeit habe sichern sollen» Nach den §§ 3395 134 HGB steht eine auf Lebenszeit eines Gesellschafters eingegangene stille Gesellschaft einer für unbestimmte Zeit eingegangenen Gesellschaft im Sinne der §§ 132, 133 HGB gleich» Wie das Berufungsgericht im Einklang mit der Rechtsprechung des erkennenden Senats (BGHZ 23* 10) zutreffend annimmt,, kann bei einer solchen Gesellschaft die ordentliche Kündigung nach der zwingenden Vorschrift des § 723 Abs« 3 BGB nicht wirksam ausgeschlossen werden, j Es knüpft an ihn lediglich die Rechtsfolge, daß die Gesellschaft ebenso gekündigt werden kann wie eine auf unbestimmte Seit eingegangene Gesellschaft, Biese gesetzliche Umdeutung der vereinbarten lebenslangen Bauer in eine unbestimmte Vertragszeit mit der Folge des ordentlichen Kündigungsrechts schließt es grundsätzlich aus, auf einen solchen Gesellschaftsvertrag die allgemeinen Regeln über die 1eilnichtigkeit (§ 139 BGB) anzuwenden0 Bie Hi1fserwägungen des Berufungsgerichts zu § 139 BGB sind daher für die Entscheidung nicht erheblich, Ber Vertrag über die Errichtung einer $tillen Gesellschaft ist hier kraft Gesetzes als jederzeit gemäß § 132 HGB kündbarer Vertrag wirksam zustandegekommen „ Kläger zur Zeit nicht für berechtigt, die stille Gesellschaft zu kündigen, und es sieht deshalb die zu dem 310 Bezember 1962 ausgesprochene Kündigung als unwirksam aru Bas begründet es folgendermaßen: Bei Abschluß des Vergleichs im Jahre 1943 seien die Vertragsparteien mit der damaligen höchstrichterlichen Rechtsprechung (RGZ 156$ 129) davon ausgegangen, bei einer stillen*Gesellschaft könne, wie hier beabsichtigt, das ordentliche Kündigungsrecht auf Lebenszeit ausgeschlossen werden, Bieser beiderseitige Rechtsirrtum und seine spätere Berichtigung durch den Bundesgerichtshof rechtfertigten es, auf den Vergleich die Regeln über den Wegfall der Gesshaftsgrundlage anzuwenden, Denn mit Rücksicht auf den Versorgungszweck des Vertrags hätten die Parteien bei Kenntnis der wahren Rechtslage keine stille Gesellschaft auf Lebenszeit, sondern eine solche auf bestimmte Zeit unkündbar errichtet und es auf diese Weise der damals .. Hierbei ist entscheidend,, daß die Beklagte ihre 50$>ige Beteiligung an einer offenen Handelsgesellschaft zugunsten einer stillen Beteiligung in der Erwartung aufgegeben hat, durch die ihr zugesagten Bezüge auf Lebenszeit wirtschaftlich gesichert zu sein,, Biese von ihrem Vertragspartner erkannte und gebilligte Erwartung gründete sich auf die beiderseitige, trotz der Übereinstimmung mit der damaligen Rechtsprechung objektiv unrichtige Vorstellung, es sei rechtlich möglich, den Sicherung sz vre ck durch die Umwandlung der AußengeSeilschaft in' eine auf Lebenszeit der Beklagten und ihrer Eltern unkündbare stille Gesellschaft zu;erreichen0 Der gemeinschaftliche Irrtum über die Rechtslage berührte somit wesentlich die Grundlagen des Geschäfts e Biese besonderen Umstände rechtfertigen eine Umgestaltung’des Vertrags wegen Fehlens der Geschäftsgrundläge gemäß § 242 BGB auch noch nach 20 jähriger Bauer„ Hiergegen kann die Revision nicht-geltend; machen, gerade die Kläger seien es, die sich hier Cim Gegensatz zu dem in BGHZ 25, 390 behandelten Pall) auf die "wirkliche Rechtslage" beriefen, indem sie nach der Aufklärung des beiderseitigen Rechtsirrtums den Vorteil des ordentlichen Kündigungsrechts für sich beanspruchten; das könne entgegen der Ansicht des Berufungsgerichts niemals treuwidrig sein« Bie wahre, von den Vertragsparteien seinerzeit verkannte Rechtslage ist die, daß sich die Absicht, der Beklagten durch einen nicht frei kündbaren Vertrag eine Mindestversorgung zu!sichern, gesellschaftsrechtlich nur durch die Vereinbarung einer bestimmten Vertragszeit verwirklichen ließ» Dieser Rechtslage hat das Berufungs-gericht den Gesellschaftsvertrag so angepaßt, wie es unter Berücksichtigung der Vorstellungen der Vertragschließenden den Grundsätzen von Treu und Glauben ent- , und wirtschaftlichen Bewegungsfreiheit unerträglich beschränkt sein könnte, wenn er auf unabsehbare Zeit an die Gesellschaft gefesselt wäre (BGH LM HGB § 132 Hr* 2) „ Dieser Zweckgedanke erfordert es jedoch nicht, den Gesellschaftern eine Vertragsgestaltung aufzuzwingen, die sie unter keinen Umständen gewollt haben und die sie deshalb im Rahmen des gesetzlich Zulässigen vermieden hätten, wenn sie die Rechtslage sogleich richtig beurteilt hätten* Erweist sich daher, wie hier, eine freie Kündbarkeit der. 1682) » Biese Lösung’ kann auch darin zu finden sein, daß die Gesellschaft auf eine bestimmte Zeit eingegangen und für diese Zeit die ordentliche.Kündigung ausgeschlossen sein soll, wobei für die Bemessung des Zeitraums dem Gesellschaftszweck eine wesentliche Bedeutung zukommt (vgl„ BGHZ '10, 91, 98; BGB-RGRK 11= Aufl* § 723 Aruru 13* * Die gesetzliche Regelung steht dein deshalb nicht entgegen, weil sie nur eine zeitlich unbegrenzte und deshalb unübersehbare Bindung eines Gesellschafters verhindern will (Fischer zu LM HGB § 132 1; Koenigs, Die stille Gesellschaft 4* ln tatsächlicher Hinsicht bemängelt die Revision erfolglos die Feststellung des Berufungsgerichts, mit der Bestimmung der Vertragsdauer' auf Lebzeiten der Beklagten hätten die Vertragschließenden für diesen Zeitraum zugleich die ordentliche Kündigung ausschließen wollen» Richtig ist zwar, daß eine im Gesellschaftsvertrag vereinbarte Laufzeit nicht unbedingt einen entsprechend langen Ausschluß der ordentlichen Kündigung bedeuten muß, wenn dies auch in der Regel der Fall sein wird» Sie kann auch lediglich als Höchstdauer gemeint sein, wobei eine frühere Kündigung zulässig sein soll (Hueck, Bas' Recht der OHG, 3* Aufl* 247, 261)„ Fine solche Auslegung scheidet hier aber nach den Feststellungen des Berufungsgerichts schon deswegen aus, weil der Gesellschaftsvertrag die Versorgung der Beklagten sichern sollte und diesen Zweck verfehlt hätte, wenn er der Beklagten gegenüber jederzeit hätte gekündigt werden können« Die Ansicht der Revision, eipe zeitliche Begrenzung des Kündigungsrechts müsse ausdrücklich vereinbart werden, trifft nicht zu (BGHZ 10, 91» 98; BGB-RGRK § 723 Arnn„ 4, 5» Rechtlich fehlerfrei ist auch die Besteteilung des Berufungsgerichts, die Vertragschließenden seien bei dem , Vergleich übereinstimmend von der irrigen Vorstellung ausgegangen, bei einer stillen Gesellschaft könne die ordentliche Kündigung auf Lebenszeit ausgeschlossen werden, und sie hätten dies als eine wesentliche Vertragsgrundlage be^~ trachtet» Biese Überzeugung hat das Berufungsgericht aus dem Inhalt und Zweck des Vertrags und den Aussagen der bei seinem Abschluß beteiligten Rechtsanwälte gewonnen* Seine ausdrückliche Beststellung, beide Vertragspartner hätten die ünkündbarkeit der auf Lebenszeit eingegangenen stillen Gesellschaft als selbstverständlich angesehen, enthält das von der Revision vermißte Merkmal eines gemeinsamen Irrtums» Biese in eingehender Beweiswürdigung getroffene tatrichterliche Feststellung kann die Revision nicht dadurch ausräumenj daß sie ihr einen aus dem Zusammenhang gerissenen einzelnen Satz aus der Aussage des Rechtsanwalts Br» WaÜÄäi? Las Berufungsgericht hat lediglich von der an sich möglichen genauen Bestimmung des Endzeitpunkts deshalb abgesehen, weil es auf ihn für die Entscheidung dieses Rechtsstreits nicht ankommt, Freilich hätte eine solche genaue Festlegung der Rechtsklarheit und dem Rechtsfrieden unter den Parteien in diesem Fall besser* gedient , Hierbei wäre etwa daran zu denken gewesen, daß im allgemeinen eine Bindung der Gesellschafter bis zu 30 Jahren als unbedenklich angesehen, werden kann (vgl* BGB-RGRK § 7:23 Anim 13; Fischer zu LM HGB § 339 Hro l)o Lie weitere RügÖ, bas Berufungsgericht habe die Aussage des früheren Bevollmächtigten der Beklagten übersehen, er hätte bei Voraussicht der späteren Rechtsprechung über die Kündbarkeit der stillen Gesellschaft von dem Vergleich überhaupt abgeraten, ist ebenfalls unbegründet„ Mit dieser Rüge verkennt die Revision den Unterschied zwischen einer Umdeutung nach § 140 BGB, bei der das Willensmoment eine maßge'bendö Rolle Spielt (BGHZ. 132 HGR als gültig zu betrachten ist, können sich die Kläger seiner nach Aufklärung des beider- , seifigen Rechtsirrtums gebotenen Anpassung an die Wirklichkeit nicht durch den Hinweis entziehen, die Beklagte selbst hätte sich seinerzeit auf einen nur., bestimmte Seit laufenden Vertrag - und damit auf eine stille Gesellschaft überhaupt - nicht eingelassen, wenn sie die wahre Rechtslage. IVo Das Hilfsvorbringen der Kläger, die Kündigung.der stillen Gesellschaft sei zu demindest aus wichtigem Grund nach § 339 AbSo 1 Satz 2 HGB, § 723 BGB gerechtfertigt, war vor allem darauf gestützt, gegenüber den Verhältnissen bei Abschluß des Vergleichs im Jahr 1945 sei infolge der allgemeinen Geschäftsentwicklung der Kapitalbedarf : des Unternehmens ganz erheblich ’gestiegen«,. Berufungsgericht für eine vorzeitige Kündigung der Gesellschaft nicht als ausreichend angesehen, weil die Gewinngeetaltung eine Folge der wirtschaftlichen Entwicklung sei und entsprechend auch den Klägern zugute komme» Zudem habe die Beklagte ihren Gewinn ■ nur sum Teil... Ob diese von der Revision angegriffene Begründung in allen Punkten durchgreift, kann auf sich beruhen« Im , Ergebnis hat das Berufungsgericht ein außerordentliches Kündigungsrecht der Kläger mit Recht verneint« Sollten■ eich die wirtschaftlichen Verhältnisse des Unternehmens seit dem Abschluß des Vergleichs in nicht voraussehbarer Weise so wesentlich geändert haben» daß die Interessen .. einer Vertragsänderung bedarf, und wie diese aussehen müßte, um beiden Seiten gerecht zu werden, läßt sich nur auf Grund einer umfassenden Kenntnis und Prüfung der gesamten Verhältnisse beurteilen« Hierbei wäre von der läge und von den Vorstellungen, .Erwartungen und Absichten;der Vertragsparteien bei VergleichsabSchluß auszugehen und auf dieser Grundlage die Entwicklung des Unternehmens bis heute unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, inwieweit und durch welche Ursachen sich das bei Vergleichsabschluß vorausgesetzte Verhältnis der gesellschaftlichen Leistungen zu lasten des Geschäftsinhabers verschoben hat, insbesondere auch, welcher Anteil an der erheblichen Ausweitung des Geschäfts dem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung, dem Einsatz schon vorhanden gewesener Betriebsmittel oder aber den besonderen Leistungen des Inhabers zuzuschreiben ist« Zugunsten der Beklagten wäre andererseits in Betracht zu ziehen, daß die zeitliche Begrenzung des Vertrags entgegen den ursprünglichen Vorstellungen der Vertragschließenden für sie ohnehin schon eine wirtschaftliche Verschlechterung bedeutet«