BGH · II ZR 26/56
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Kündigt der Versicherungsnehmer den Vertrag nach Eintritt des Versicherungsfälls vor Ablauf der Vertragszeit9 so ist noch die volle Prämie für die !bei Beendigung des Versicherungsverhältnisses laufende Versicherungsperiode zu zahlen«. Im Falle der Anfechtung des Versicherungsvertrages oder seiner Aufhebung wegen Verletzung einer Obliegenheit oder wegen Gefahrerhöhung gebührt dem Versicherer die Prämie bis zu dem Schluß lediglich der Versicherungsperiode, in der er von dem Anfechtungsoder Aufhebungsgrund Kenntnis erlangt hat» Wird die Kündigung erst in der folgenden Versicherungsperiode wirksam, so gebührt ihm die Prämie bis zur Beendigung des Versicherungsverhältnissesa Tritt der Versicherer nach § 38 Abs 1 VVG zurück, so kann er nur eine angemessene Geschäftsgebühr verlangen«, War die Prämie für mehrere Jahre vorausgezahlt, so wird der Betrag einbehalten, den der Versicherer bei Abschluß der Versicherung für die abgelaufene Zeit berechnet haben würde; der Mehrbetrag wird zurückerstattet, Während die Klägerinnen den Standpunkt vertreten, ihnen gebühlre nach Abs 1 dieser Klausel die volle Prämie für die gesamte bei Beendigung des Versicherungsverhältnisses am 5« Oktober 1954 noch laufende Versicherungsperiode, meint die Beklagte, nach Abs 2 Satz 2 sei mit dem Ende des Vertrages und damit des Versicherungsschutzes auch ihre Prämienzahlungspflicht erloschen, weil ihre Kündigung vom 5° Juli 1954 erst zu einem bereits in die neue Versicherungsperiode fallenden Zeitpunkt wirksam geworden sei, briken und gewerbliche Anlagen lediglich den Zeitpunkt, in dem bei einer aus Anlaß des eingetretenen Schadenfalles ausgesprochenen Kündigung das Versicherungsverhältnis endet« Dagegen regelt sich die Dauer der Prämienzahlungspflicht bei vorzeitiger Auflösung des Vertrages nicht nach dieser Bestimmung, sondern allein nach § 8 Ziff 4 AFB« Das bezweifelt auch die Bevision nicht« Richtig ist auch die vor allem auf grammatikalisch-logische Erwägungen gestützte Auffassung des Berufungsgerichts , daß die zwischen den Parteien streitige Präge, wie die letzte Prämie zu berechnen ist, wenn der Versicherungsnehmer nach Eintritt des Schadenfalles den Versicherungsvertrag kündigt, sich nicht nach Abs 2 Satz 2, sondern nach Abs 1 des § 8 Ziff 4 APB beantwortet, und daß die Beklagte demgemäß die volle Prämie für die bei Beendigung des Versicherimgsverhältnisses noch laufende Versicherungsperiode und nicht etwa nur die anteilige Prämie bis zu dem Vertragsende zu zahlen hat« In der Tat lassen sowohl der Wortlaut und äußere Aufbau dieser Klausel als auch ihr Sinngehalt eine andere Auslegung nicht zu« Ihre Gliederung in verschiedene Unterabsätze bringt klar und deutlich zu dem Ausdruck, daß die jeweils zu einem besonderen Absatz zu-samm engefaß teil Bestimmungen auch inhaltlich zusammen gehören und innerhalb des betreffenden Absatzes eine gedankliche Einheit bilden« Abs 1 stellt für den Pall, daß ein Versicherungsverhältnis vorzeitig endet, den allgemeinen Grundsatz der "Unteilbarkeit der Prämie" auf, der sondere auch nicht der Fäll des § 8 Ziff 4 Ahs 2 Satz 2o Wenn in dieser Bestimmung von einer "Kündigung* die Rede ist9 so kann damit nur die Kündigung aus einem der in Satz 1 genannten Gründe, also wegen Verletzung einer Obliegenheit (§7 AFB* § 6 Abs 1 WG) oder Gefahrerhöhung (§6 AFB, § 24 TO) gemeint sein, weil die beiden Sätze sprachlich und logisch zusammen gehören und durch die Absatzeinteilung von den übrigen Vorschriften deutlich abgehoben sind« Auf eine gemäß § 18 Ziff 2 AFB nach Eintritt des Schadens vom Versicherer ausgesprochene Kündigung kann sich die Bestimmung auch schon deswegen nicht beziehen, weil dieser Fall in § 8 Ziff 4/AFB besonders geregelt isto Zu Unrecht meint die Revision, es sei unlogisch und unbillig, wenn der Versicherungsnehmer bei einer' von ihm selbst erklärten, vertraglich zulässigen Kündigung stets noch die volle Prämie für die gesamte bei Eintritt der Kündigungswirkung laufende Versicherungsperiode entrichten solle, obschon er nach Vertragsende keinen Versicherungsschutz mehr genießt, während er in den Fällen des § 8 Ziff 4 Abs 2 AFB bei einer erst in der folgenden Versicherungsperiode wirksamen Kündigung des Versicherers sogar dann, wenn er sie verschuldet hat, nur die anteilige Prämie bis zu dem Erlöschen des Vertrages zu zahlen braucht« Dabei übersieht sie, daß auch das Gesetz in den §§ 40, 96 Abs 3 WG die Wirkungen einer vorzeitigen Vertragsauflösung verschieden regelt, je nachdem, ob es der Versicherungsnehmer oder der Versicherer ist, der sich vom Vertrag lossagt0 Soweit die hier allein interessierenden Folgen einer Kündigung in Betracht kommen, ist für diese unterschiedliche Regelung der Gedanke maßgebend, daß bei einer Kündigung des Versicherungsnehmers dem Versicherer die Prämie für die laufende Versicherungsperiode erhalten bleiben sollo Hingegen soll der Versicherer, wenn er selbst kündigt, die Prämie grundsätzlich nur bis zu dem Erlöschen seiner Haftung erhalten, es sei denn, daß der Abbruch der Vertragsbeziehungen auf einem vom Versicherungsnehmer zu vertretenden Umstand beruht; in diesem Fall gebührt ihm wiederum grundsätzlich die ungeteilte Prämie bis zu dem Schluß der Versicherungsperiode» allerdings mit den insoweit geltenden Einschränkungen des § 40 Abs 1 WO« Per Grund für diese durch die VO vom 19ol2ol939 (RGBl I, 2443) eingeführten Einschränkungen ist der» den Versicherungsnehmer davor zu schützen, daß der Versicherer seine Kündigungserklärung verzögert, um Über den Zeitpunkt hinaus, bis zu dem er die Gefahr trägt, !auch noch die Prämie für die nächste Periode zu gewinnen (Ehrenzweig, Peutsches (österr«,) VersVertrRecht 6 91, 104» 180j, 304) o Auf diese Regelung, von der nach § 42 WG nicht zu dem tfachteil des Versicherungsnehmers abgewichen werden kann, geht die heutige Fassung des § 8 Ziff 4 Abs 2 AFB zurück, diie zwar nicht wörtlich, wohl aber inhaltlich weitgehend mit § 40 Abs 1 WG übereinstimmt D zwingende Gesetzesbestimmung gehindert,für den Fall, daß der Versicherungsnehmer vor Ablauf der Vertragszeit kündigt, die "Unteilbarkeit* der Prämie vertraglich in der Weise zu bestimmen» daß die bei Eintritt der Kündigungswirkung laufende Versicherungsperiode maßgebend sein solle«, Auf diesen Fall ist der Schutzgedanke der §§ 40 Abs 1 WG, Sicherungsnehmer gegenüber dem vertragswidrig handelnden nicht benachteiligt werden dürfe| nur bei einer Kündigung des Versicherers sind die Auswirkungen auf den Främienan-spruch je nach dem Grund der Kündigung verschieden geregelt* Unbegründet ist auch das Bedenken der Revision, daß dem Versicherungsnehmer im Ergebnis das wichtige Kündigungsrecht nach § 18 Ziff 2 AFB entzogen werde, wenn er damit rechnen muß, noch die volle Prämie, für die neue Versiche-rungsperiode zahlen zu müssen, falls die Kündigung in der alten nicht mehr wirksam wird« Denn trotz dieses Nachteils ist die Kündigung vor allem bei langfristigen1 Verträgen für den Versicherungsnehmer keineswegs wertlos,- weil* er ja in keinem Fall über die bei Beendigung des Vertrages gerade laufende Periode hinaus Prämien zu entrichten brauchto Die Entscheidung des Berufungsgerichts wird somit nicht nur vom klaren Wortlaut des § 8 Ziff 4 Abs 1 AFB getragen, sie läßt sich auch durchaus mit der:Vernunft, der Interessenlage und der Billigkeit vereinbaren«, Für die von der Revision angezogene ^Unklarheitenregeln ist daher kein Raum« Biese Regel ist nicht anwendbar, wenn sich der Sinngehalt einer allgemeinen Vertragsklausel mit Hilfe der hier maßgebenden objektiven Auslegungsgrund-sätze klären läßt (BGH, VersR 1954, 557 = NJW 1954, 1846)«, Eine nicht zu beseitigende Unklarheit liegt aber keineswegs schon dann vor, wenn der Versicherungsnehmer eine andere Auslegung als die vertritt, welche sich bei unbefangener Betrachtung der betreffenden Klausel von selbst aufdrängt und auch zweckgerecht erscheint!