BGH · II ZR 258/90 vom 18.11.1991
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Bis zu dem Jahresende stieg der Verlust der Gemeinschuldnerin auf 420.430,29 DM, so daß sich am Jahresende ein Fehlbetrag aus den letzten beiden Geschäftsjahren von insgesamt 767.267,17 DM ergab. Der klagende Konkursverwalter ist der Ansicht, die Bürgschaften mit denen die Gesellschafter und damit auch der Beklagte die Kredite der Gemeinschuldnerin bei der Sparkasse abgesichert haben, seien eigenkapitalersetzend im Sinne von S 32 a GmbHG und begehrt deshalb von dem Beklagten Erstattung des durch die Verwertung der Sicherheiten aus dem Vermögen der Gemeinschuldnerin geleisteten Betrages von 41.895,85 DM. Das Berufungsgericht hat die Klage abgewiesen, weil nach seiner Ansicht nicht festgestellt werden kann, daß die Gemeinschuldnerin zu dem Zeitpunkt irgendeiner der mit den Bürgschaftserklärungen zusammenhängenden Darlehensgewährun-gen kreditunwürdig gewesen ist. Eine Umqualifizierung der Bürgschaften durch Stehenlassen der von dem Beklagten gewährten Sicherheiten für die Zeit danach verneint das Berufungsgericht teils wegen Fehlens der tatbestandlichen Voraussetzungen des S 775 Abs. 1 Nr. 1 BGB, teils wegen jedenfalls mangelnder Kenntnis des Beklagten von einer wirtschaftlichen Lage der Gemeinschuldnerin, welche das Verlangen nach Befreiung von der Bürgschaft hätte auslösen können und das Unterlassen dieser Forderung als Finanzierungsentscheidung im Sinne der Eigenkapitalersatzregeln qualifizieren könnte. Zutreffend geht auch das Berufungsgericht davon aus, daß aus der nach § 32 a Abs. 1 Satz 1 GmbHG maßgebenden Sicht eines ordentlichen Kaufmanns, die Zuführung von Eigenkapital jedenfalls dann geboten ist und dementsprechend eine statt dessen gegebene oder aufrechterhaltene Bürgschaft gemäß § 32 a Abs.3 GmbHG eigenkapitalersetzenden Charakter haben kann, wenn die Gesellschaft kreditunwürdig ist, d.h. den zur Fortführung ihres Geschäftsbetriebes notwendigen Kapitalbedarf in Ermangelung einer ausreichenden Vermögens-grundlage nicht durch entsprechende Kredite von dritter Seite zu marktüblichen Bedingungen decken kann und deshalb ohne die Finanzierungshilfe ihres Gesellschafters liquidiert werden müßte (st.Rspr., vgl. 1. a) Entgegen der Annahme des Berufungsgerichts deuten im vorliegenden Fall die von ihm festgestellten Tatsachen jedoch nachdrücklich darauf hin, daß dieser Zustand bereits im April 1985, wenn nicht sogar schon zu einem früheren Zeitpunkt, erreicht war. Hinzu kommt, daß die Gemeinschuldnerin das Geschäftsjahr 1984 mit einem Jahresfehlbetrag in Höhe des vielfachen (nahezu des siebenfachen) Betrages ihres Stammkapitals abgeschlossen hatte und sich schon im Frühjahr 1985 abzeichnete, daß sich ihre wirtschaftliche Entwicklung nicht verbessern, sondern im Gegenteil weiter verschlechtern würde, was die Gesellschafter veranlaßte, ihr mit weiteren Darlehen von je 30.000,— DM zu Hilfe zu kommen. Geht man von dieser auch vom Berufungsgericht zugrundegelegten wirtschaftlichen Lage der Gemeinschuldnerin aus, so erscheint es ausgeschlossen, daß sich ein wirtschaftlich vernünftig handelnder außenstehender Kreditgeber (zur Maßgeblichkeit dieses Maßstabs vgl. Der Umstand, daß sich die Sparkasse noch im April 1985 bereit gefunden haben soll, der GemeinSchuldnerin einen zusätzlichen befristeten Kredit von 100.000,— DM zu gewähren, vermag entgegen der Ansicht des Berufungsgerichts diesen objektiven Befund nicht in Frage zu stellen, weil es nicht auf das Verhalten einer konkreten Bank ankommt, sondern darauf, wie sich ein wirtschaftlich vernünftig denkender Kreditgeber verhalten hätte. Im übrigen erklärt sich der bezeichnete Umstand unschwer aus der nicht unbeträchtlichen Übersicherung, die die Sparkasse aufgrund der von den Gesellschaftern gestellten Sicherheiten besaß, die jedoch bei Prüfung der Frage, ob die Gemeinschuldnerin in diesem Zeitpunkt noch aus eigener Kraft ohne die Finanzierungshilfen ihrer Gesellschafter hätte überleben können, gerade außer Betracht zu bleiben haben. Eine andere rechtliche Bewertung könnte bei dieser Sachlage nur dann angebracht sein, wenn die Gemeinschuldnerin in diesem Zeitpunkt noch in der Lage gewesen wäre, für den zur Abdeckung ihres Kapitalbedarfs notwendigen Kredit ausreichende Sicherheiten aus eigenem Vermögen zu stellen, die ein außenstehender Geldgeber auch unter Bewertung ihrer künftigen Verwertbarkeit als Kreditgrundlage akzeptiert hätte (vgl. November 1984 - II ZR 84/84, WM 1985, 115), Über solche Sicherheiten soll die Gemeinschuldnerin zwar in Gestalt ihres Anlagevermögens und der darin angeblich enthaltenen stillen Reserven verfügt haben, das sie der Sparkasse wiederholt vergeblich an-geboten und das bei seiner Verwertung im Juli 1986 einen Erlös von rund 450.000,— DM erbracht haben soll. Ausführungen, die GerneinSchuldnerin habe noch im Januar 1985 ihren Kredit mit eigenen Sicherheiten voll abdecken können, fehlt mithin, soweit sie sich überhaupt - was nicht erkennbar ist - auf dieses Vorbringen beziehen sollten, die notwendige Tatsachengrundlage. Ebensowenig enthält das ange-fochtene Urteil Feststellungen zu dem Stand der Kreditverbindlichkeiten der Gemeinschuldnerin im April 1985, die durch eine SicherungsÜbereignung des dafür zur Verfügung stehenden Anlagevermögens hätten gesichert werden müssen. b) Schließlich kann dem Berufungsgericht auch nicht gefolgt werden, wenn es mit der bisher von ihm gegebenen Begründung eine Kreditunwürdigkeit der Gemeinschuldnerin selbst für den folgenden Zeitraum bis zu dem Zusammenbruch der Gemeinschuldnerin Ende 1985/Anfang 1986 verneint. Dies kommt auch darin zu dem Ausdruck, daß es die Gesellschafter für geboten hielten, im September 1985 zur Vermeidung einer Überschuldung der Gemeinschuldnerin einen Rangrücktritt mit sämtlichen Gesellschafterdarlehen, darunter auch den erst im Frühjahr gewährten weiteren Angesichts der damit gegebenen schlechten wirtschaftlichen Lage der Gesellschaft muß es auf der Grundlage der bisherigen Feststellungen des Berufungsgerichts durchgreifenden rechtlichen Bedenken begegnen, wenn das Berufungsgericht meint, die Gemeinschuldnerin hätte auch in dieser Situation den zur Fortführung des Geschäftsbetriebs unabdingbar benötigten Kredit ohne die von den Gesellschaftern gestellten Sicherheiten aus eigener Kraft zu marktüblichen Bedingungen am Kapitalmarkt erhalten können. Vielmehr sprechen angesichts der bezeichneten Verhältnisse die vom Berufungsgericht festgestellten Tatsachen nachdrücklich dafür, daß diese Sicherheiten spätestens in dem genannten Zeitraum für die Fortsetzung des Geschäftsbetriebs der Gemeinschuldnerin unentbehrlich geworden waren. Es kommt mithin darauf an, ob ein außenstehender Kreditgeber auch im Spätjahr 1985 noch bereit gewesen wäre, das zu diesem Zweck verfügbare Anlagevermögen der Gemeinschuldnerin als ausreichende Sicherheit für ihren zu diesem Zeitpunkt bestehenden Kreditbedarf zu akzeptieren. der Eignung des Anlagevermögens als Kreditgrundlage durch einen potentiellen Kreditgeber im Zeitpunkt der Kreditgewährung ankommt und andererseits nicht erkennbar wird, worauf es zurückzuführen ist, daß sich bereits rund drei Wochen später zu dem Zeitpunkt der Konkurseröffnung allein der Darlehens rück Zahlungsanspruch der Sparkasse schon auf 761.384,16 DM belief.Auch dazu enthält das Berufungsurteil ebensowenig Feststellungen wie zur Entwicklung der KreditInanspruchnahme der GemeinSchuldnerin im Laufe des Spätjahres 1985. c) Sollte das Berufungsgericht aufgrund seiner ergänzenden Feststellungen zu dem Ergebnis gelangen, daß die Gemeinschuldnerin noch etwa bis zu dem Jahresende 1985 über ein eigenes Vermögen verfügte, das ein außenstehender Kreditgeber als ausreichende Sicherheit für den von ihr bis dahin in Anspruch genommenen Kredit akzeptiert hätte, und eine Kre-ditunwürdigkeit der Gemeinschuldnerin erst für die Zeit danach festzustellen ist, so würde dies allerdings zu einer Umwidmung der von dem Beklagten zugunsten der Gemeinschuldnerin abgegebenen Bürgschaften in Eigenkapitalersatz voraussichtlich nicht ausreichen, weil dem Gesellschafter eine angemessene Zeitspanne für die ihm abverlangte Entscheidung, ob er die Gesellschaft unter Weitergewährung seiner Kredithilfen fortsetzen oder sie liquidieren will, zu belassen ist (vgl. die GerneinSchuldnerin ihren ständig steigenden Kreditbedarf irgendwann im Laufe des Jahres 1985 nicht mehr aus eigener Kraft hätte decken können, so daß die von ihren Gesellschaftern gestellten Sicherheiten, insbesondere die von ihnen übernommenen Bürgschaften für die Kredite der Gemeinschuldnerin bei der Sparkasse damit für die Fort- Besondere Umstände, die im vorliegenden Fall gegen die Anwendung dieser Regeln auf den Beklagten, der nicht nur Gesellschafter der Gemeinschuldnerin, sondern zugleich ihr alleinvertretungsberechtigter Geschäftsführer war, sprechen könnten, hat der Beklagte nicht vorgetragen. b) Des weiteren ist es zur Anwendung dieser Regeln, wie der Senat schon wiederholt ausgesprochen hat, nicht erforderlich, daß das Stehenlassen einer noch zur Zeit der Gesundheit der Gesellschaft gewährten Gesellschafterhilfe bei Eintritt der Krise auf einer Stundungsabrede mit der Gesellschaft beruht. Es reicht vielmehr aus, daß der Gesellschafter in dieser Situation nicht von einer ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeit Gebrauch macht, seine Hilfe zurückzuziehen oder unmittelbar die Liquidation der Gesellschaft einzuleiten (vgl. Wenn der Beklagte die Bürgschaften zugunsten der Gemeinschuldnerin noch zu einem Zeitpunkt abgegeben hat, in dem diese noch kreditwürdig war, so dokumentiert der Eintritt der Kreditunwürdigkeit im allgemeinen ohne weiteres eine wesentliche Verschlechterung ihrer Vermögensverhältnisse, die ihn zur Ausübung seines Rechts aus S 775 Abs. 1 Nr. 1 BGB berechtigt hätte. Eintritt der Krise an und nicht erst durch die Nichtausübung des Rechts aus § 775 Abs. 1 Nr. 1 BGB wie eine haftende Kapitaleinlage zu behandeln wären ,{st. Aus den vorstehenden Gründen ist die Sache unter Aufhebung des angefochtenen Urteils an das Berufungsgericht zurückzuverweisen, damit es in der damit erforderlichen neuen mündlichen Verhandlung Gelegenheit erhält, die Sache auch unter den bezeichneten Gesichtspunkten mit den Parteien zu erörtern, die bisher fehlenden tatsächlichen Feststellungen nachzuholen und den StreitStoff auf ihrer Grundlage erneut tatrichterlich zu würdigen.