BGH · II ZR 244/58 vom 12.06.1958
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Als der Wagen wieder einmal vor einem Haus hielt und der Kläger nach dem Verlassen eines anderen, auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegenden Hauses seinem Schwager winkte, damit er ihm beim Tragen eines Sackes mit Altmaterial helfe, öffnete die linke Tür des Wagens, um auszusteigen. S^||^^ gab bei dieser Vernehmung an, daß der Kläger den Wagen in Neckargemünd gefahren habe. An 20o August 1956 Unterzeichnete der Kläger dann ein ihm von der Beklagten übersandtes und von seinem Schwager ausgefülltes Schadenanzeige-Formular« In ihm sind die einschlägigen Fragen wie folgt beantwortet: Mit der vorliegenden Klage verlangt der Kläger die Feststellung, daß die Beklagte verpflichtet sei, ihm für die Haftpflichtfolgen aus dem Unfall Versicherungsschutz zu gewähren. Die Beklagte meint, daß der Kläger sie vorsätzlich und planmäßig über die Person des Fahrers getäuscht und dadurch den Versicherungsanspruch verwirkt habe. Nach § 7 V AKB, § 6 Abs.3 VVG ist hierfür Voraussetzung, daß der Versicherungsnehmer die Obliegenheit vorsätzlich oder grob fahrlässig verletzt hat, wobei aber der Versicherer bei grober Fahrlässigkeit insoweit zur Leistung verpflichtet bleibt, als die Verletzung weder Einfluß auf die Feststellung des Versicherungsfalles noch auf die Feststellung oder den Umfang der dem Versicherer obliegenden Leistung gehabt hat. Der Versicherungsnehmer kann den ihm hierbei obliegenden negativen Entlastungsbeweis praktisch nur in der Weise führen, daß er zunächst die sich aus dem Sachverhalt ergebenden Möglichkeiten einer Benachteiligung des Versicherers widerlegt und dann abwartet, v/elche Behauptungen der Versicherer über Art und Ausmaß der Kausalität aufstellt, die der Versicherungsnehmer dann ebenfalls zu v/iderlegen hat (BGH VersR 1956, 471; Prölss aaO § 6 Anm« 9; Fleck VersR 1956, 465)» Im vorliegenden Fall ergeben nun weder der unstreitige Sachverhalt noch der Vortrag der Beklagten einen Anhaltspunkt dafür, daß sich die dem Kläger vorgeworfenen unrichtigen Angaben über den Fahrer des Wagens vor dem Unfall irgendwie zu dem Nachteil der Beklagten ausgewirkt hätten« Die einzige Folge, die diese Angaben im Bereich der Beklagten auslösten, war die, daß diese dem Schmidt den Versicherungsschutz verweigerte und nunmehr nach Ablauf der ihm hierbei gesetzten Klagefrist von der ihr sonst obliegenden Leistungspflicht ihm gegenüber frei geworden ist« Da hiernach die unrichtigen Angaben des Klägers für die Beklagte nicht nur keine nachteiligen Folgen hatten, sondern sich im Gegenteil sogar zu ihrem Vorteil ausgev/irkt haben, könnte sie sich bei Annahme einer groben Fahrlässig- keit des Klägers ihm gegenüber nicht auf die Leistungsfreiheit berufen«, Infolgedessen bedarf es keiner Prüfung, ob der Kläger grob fahrlässig gehandelt hat» Es kommt bei dieser Sachlage lediglich darauf an, ob der von der Beklagten gegen ihn in erster Linie erhobene Vorwurf, er habe seine Auskunftspflicht vorsätzlich verletzt, gerechtfertigt ist« Y/äre das der Pall, so wäre die Beklagte nach § 7 Nr«, V AKB, § 6 Abs«, 3 VVG ohne Rücksicht darauf, welche Folgen hieraus entstanden sind, von ihrer Leistungspflicht frei (BGH VersR 1952, 428). 2o Die Aufklärungspflicht verpflichtet den Versicherungsnehmer, die Fragen des Versicherers vollständig und wahrheitsgemäß zu beantworten und darüber hinaus alle Angaben zu machen, die für die Frage der Leistungspflicht des Versicherers von Bedeutung sein können» Bas Berufungsgericht meint, daß der Kläger gegen die Aufklärungspflicht nicht einmal objektiv verstoßen habe» Es kann dahingestellt bleiben, ob diese von der Revision bekämpfte Auffassung rechtlich einwandfrei ist. Jedenfalls ist die weitere Feststellung des Berufungsgerichts, der Kläger habe hierbei auch nicht vorsätzlich gehandelt, rechtlich nicht angreifbar» § 6 An. 28)» Ber Kläger müßte also, wenn er vorsätzlich gehandelt haben sollte, gewußt haben, daß er mit seinen Angaben seine Aufklärungspflicht verletzte und er müßte diese Verletzung gewollt haben» Bas verneint das Berufungsgericht mit der Feststellung, der Kläger sei sich nicht dessen bewußt gewesen, daß die Frage, wer den Yfagen vor dem Unfall gefahren habe, für die Leistungspflicht der Beklagten von Bedeutung sein könnte, weil er von der Üborlc- Auch bei der Beantwortung der Fragen des Formulars über die Schadenanzeige sei er unter dem Einfluß seines Schwagera der Auffassung gewesen, die Fragen zu Nr. 4 seien auf Unfälle während des Fahrens eines Fahrzeugs abgestellt und paßten nicht auf den vorliegenden Fall, bei dem das Fahrzeug zur Zeit des Unfalls von niemanden gefahren worden sei. Das Berufungsgericht hat hierbei in subjektiver Hinsicht gewürdigt, daß der Kläger | nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme und dem persönlichen Eindruck von bescheidener Intelligenz sei und in seiner Jugend, die er unter fahrenden Leuten verbracht habe, nicht Lesen und Schreiben gelernt habe. Die Feststellung des Berufungsgerichts, daß der Kläger die Frage, wer den Wagen vor dem Unfall zuletzt gefahren habe, als für die Leistungspflicht der Beklagten bedeutungslos und die in dem Schadeiianzeigeformular unter Nr. 4 nicht hinreichend präzise gestellten Fragen als auf den J Unfall nicht passend ansah, verstößt entgegen der Revision weder gegen Denkgesetze noch gegen allgemeine Erfahrungssätze o Einem juristisch nicht vorgebildeten Laien ist nicht notwendig und ohne weiteres erkennbar, daß die Frage nach dem Fahrer des Wagens für die Haftpflicht und die Leistungspflicht des Haftpflichtversicherers auch dann von Bedeutung ist, wenn sich der Unfall nicht während des Fahrens des Fahrzeugs ereignet hat. Die Revision rügt auch zu Unrecht, daß das Berufungsgericht die verschiedenen Angaben des Klägers bei seiner polizeilichen Vernehmung und dann in der Folgezeit gegenüber der Beklagten selbst nicht im Zusammenhang gewürdigt habe» Das Berufungsgericht hat diesen Zusammenhang darin gesehen, daß der Kläger mit seiner bewußt unrichtigen Angabe vor der Polizei, er selbst habe den Wagen zuletzt gefahren, seinen Schwager, der seinen Führerschein damals nicht bei sich hatte, vor Unannehmlichkeiten bei der Polizei schützen wollte (was auch dem eigenen Vortrag der Beklagten in ihren Schriftsätzen vom 10o Oktober 1957 und 11o November 1957 entspricht), und daß er dann mit der neutralen Ausdrucksweise bei seinen Angaben gegenüber der Beklagten selbst einen Widerspruch zu der Darstellung bei der Polizei vermeiden wollte«, Aus diesem in der Tat auch sehr naheliegenden Zusammenhang kann aber entgegen der Auffassung der Revision nicht ohne weiteres auf eine bewußte und planmäßige Täuschung der Beklagten geschlossen werden«, Das wäre nur dann der Fall, wenn sich der Kläger hierbei auch dessen beußt gewesen wäre, daß er mit seinen in dieser Form gemachten Angaben seine Verpflichtung, die Beklagte über alle für ihre Leistungspflicht bedeutsamen Fragen zu unterrichten, verletze„ Gerade das hat aber das Berufungsgericht mit seiner Feststellung, daß der Kläger die Frage, wer den Wagen vor dem Unfall zuletzt gefahren hat, als für die Leistungspflicht der Beklagten bedeutungslos angesehen hat, rechtlich einwandfrei verneint»