BGH · II ZR 150/64
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 20» März 1967 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Dr. Fischer und der Bundesrichter Dr» Nörr, Dr<> Bukov;, Dr» Schulze und Fleck für Recht erkannt: Die Klägerin ist die Witwe des 1959 verstorbenen Bäckermeisters Wilhelm Dieser hatte bei der Beklagten eine Jagdunfallversicherung für den Todesfall zugunsten der Erben über eine Versicherungsumme von XOoOOO DM abgeschlossen. Der Beweiserleichtorung liegt der Gedanke zugrunde, daß ohne besondere Anhaltspunkte im allgemeinen nicht anzunehmen ist, daß ein Mensch sich selbst freiwillig'körperliche Verletzungen oder den Tod zufügto Dieser auf dem menschlichen Selbsterhnltungs-trieb beleihende Erfahrungssatz ist dann nicht anwendbar, wenn begründeter Verdacht für einen Breitod besteht. Die gegen ihn erhobene Scheidungsklage habe FfllB bewegt, weil er sich nicht von seiner Familie habe trennen wollen» Sein nochmals am 29« Juni 1959 unternommener Versöhnungsversuch sei an der Klägerin gescheitort, die ihn aus dem Hause gewiesen habCo Für F^HP habe gloichv/ohl kein Anlaß bestanden, den auf den 6. Die dargelegten Umstände haben auch in ihrer Gesamtheit das Berufungsgericht nicht davon überzeugen können, daß FflIB seine Lage als verzweifelt und ausweglos angesehen und deshalb den Tod gesucht habe. Demgegenüber beanstandet die Revision das "laienhafte Unverständnis" des Berufungsgerichts, selbst beurteilen zu v/ollen, inwieweit äußere und innere Zwangslagen einen Entschluß zu dem Selbstmord erzeugen konntone Der von der Revision damit unternommene Versuch, dem Berufungsgericht die erforderliche Sachkunde zur Beurteilung der festgestellten Vorgänge abzusprechen, kann keinen Erfolg habeno Auf Grund einer umfangreichen Beweis-aufnahme war das Berufungsgericht ohne Anhörung eines Psychiaters durchaus in der Lage, sich ein ausreichendes Bild von PfllHP Persönlichkeit zu macheno Die Aussagen zahlreicher Zeugen, die durchweg dem Verstorbenen nahegestanden und ihn gut gekannt haben, tragen den im Berufungsurteil niedergelegten Eindruck, daß sei- ner Natur nach kein Sonderling, Einzelgänger oder schwer -mutiger Mensch, sondern als leidenschaftlicher Jäger naturverbunden und lebensbejahend gewesen sei und sich an dio.oer Grundhaltung bis zu seinem Tode nichts gelindert habCo Hiernach konnte das Gericht von einer zu dem Leben positiv eingestellten Persönlichkeit ausgehen, als es sich die Frage vorlegte, ob die hier gegebenen Verhältnisse und Umstände einen Menschen so erschüttern konnten, daß auf einen wahrscheinlichen Freitod des Verstorbenen zu schließen sei« Das alles hat das Berufungsgericht vollständig und fehlerfrei gewürdigt, ehe es die Bedenken und Zweifel der Beklagten hinsichtlich eines Unfalls nicht für ausreichend gehalten hat, um der Klägerin die erleichterte Beweisführung für einen unfreiwillig erlittenen Tod ihres Ehemannes zu versagen* IVc Das Berufungsgericht sieht den Beweis, der der Klägerin danach obliegt, als erbracht anc Es hat dazu ausgeführt: Nach der Art des Einund Ausschusses, den Verlauf des Schußkanals und der Lage des Toten seien Unfall-und Freitod in gleicher Weise mögliche Nach den Schießversuchen, die an einem ähnlichen Hochsitz unternommen worden Zu dem Unfall könne es dadurch gekommen sein, daß bei der Benutzung der Hochsitzleiter, beim Heraboder Aufsteigen, möglicherweise infolge eines unachtsamen Tritts, das umgehängte Gewehr sich festgehakt habe oder herabgeglitten sei» Sei das Gewehr in diesem Augenblick auf Stich gestellt und nicht gesichert gewesen, so habe es, wie die Schießversuche ergeben hätten, nur einer leichten Berührung des Abzughahns bedurft, um den tödlichen Schuß auszulösen» Auf eine solche Möglichkeit deute das seinerzeit frisch abgeopaltene Holzstück von einer morschen Leiterstrebe<> Eine gewisse Unachtsamkeit könne sich aus dem leichten Alkoholeinfluß (0,6^o Blutalkoholgehalt) erklären, unter dem gestanden hnbcc Über die Gleichwertigkeit beider Möglichkeiten hinaus hält das Berufungsgericht einen Unfalltod für wahrscheinlicher als einen Freitod, weil eine Reihe weiterer Umstände für die erste und gegen die zweite Möglichkeit sprächen» Hierzu rechnet das Berufungsgericht u.a« die frische Schürfwunde des Verstorbenen auf der linken Stirn-hälfte und die geordnete Kleidung des Toten, der in voller Jagdausrüstung mit dem Rucksack auf dem Rücken und umgehängtem Fernglas aufgefunden worden sei» Hiergegen macht die Revision geltend, die Beurteilung des Berufungsgerichts gründe sich nicht auf feststehende, sondern nur auf mögliche Tatsachen» So stehe nicht fest, daß das Gewehr als sich der Schuß gelöst habe, auf Stich gestellt gewesen soi. Y/eitor könne das Abspalten eines Holzotückes von der leiterstrebe dem tödlichen Schuß vorausgegangen, aber auch nachgefolgt sein, wenn sich auf der Leiter erschossen habe und dann herabgestürzt sei» Offen sei schließlich auch die Auswirkung des Alkoholgenusses; er könne die Aufmerksamkeit herabgesetzt und dadurch einen Unfall gefördert, aber ebensogut auch den Entschluß zu einem Freitod erleichtert haben» Dem Bemühen der Revision, die Beweiswürdigung des Berufungsgerichts zu erschüttern, ist kein Erfolg beschieden» Ist zweifelhaft, ob es sich um einen Unfalltod oder um einen Freitod handelt, so wird es selten Tatsachen geben, die eindeutig für die eine oder die andere Todesart sprechen» Die meisten Tatsachen werden, wenn auch mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit, für beide Möglichkeiten herangezogen werden können» Die Entscheidung bringt dann erst die notwendige Gesamtwürdigung; sie muß alle Tatsachen umfassen, auch diejenigen Tatsachen, die für sich allein genommen nicht nur für die eine, sondern auch für die andere Todesart bedeutsam sein können» Das soll aber die erleichterte Beweisführung dem Versicherungsnehmer ersparen» Auf dieser Grundlage ist das Berufungsgericht bei seiner Gesamtwürdigung ohne Rechtsirrtum und ohne Verfahrensverstoß zu der Überzeugung gelangt, daß ein Unfalltod hier wahrscheinlicher als ein Freitod ist» Das Beru-rufungsgericht hat sich nicht mit der Möglichkeit eines Unfalltodes begnügt, so daß die Rüge der Revision, eine bloße Möglichkeit reiche nicht aus, ins Leere geht»