BGH · II ZR 149/67
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Kläger ist Alleinerbe seiner während des Rechts Streits verstorbenen Mutter» Sie war Gesellschafterin der l^m~Werk OHHIHP GmbH» Das Vermögen der Mutter darunter die Geschäftsanteile an der GmbH, wurde 1941 durch Verfügung der Staatspolizeistelle in Koblenz beschlagnahmt und 1942 durch Verfügung des Regierungspräsidenten in Köln eingezogen, nachdem der Reichsminister des Innern die Einziehung angeordnet hatte» Die Mutter klagte zunächst im Restitutionsprozeß auf Rückerstattung der ihr entzogenen Vermögenswerte» Ihre Klage war-* de rechtskräftig abgewiesen mit der Begründung, sie habe den Beweis nicht erbracht, daß ihr das Vermögen aus diskriminierenden politischen Gesichtspunkten oder wegen ihrer französischen Staatsangehörigkeit entzogen worden ist» Die Mutter des Klägers hat von dem beklagten Band die Wiedereinräumung ihrer Gesellschafterstellung verlangt mit der Begründung, Beschlagnahme und Einziehung ihres Vermögens seien als reine Willkürmaßnahmen nichtig. Mit ihrer zunächst beim Verwaltungsgericht erhobenen und von dort an das Landgericht verv/iesenen Klage hat sie beantragt festzustellen, daß die Anordnung des Reichsministers des Innern vom 6, Juni 1941 betreffend Einziehung ihres Vermögens, die staatspolizeiliche Verfügung der Staatspolizeistelle in Koblenz vom 16, Juni 1941 über die Beschlagnahme ihres Vermögens und die Verfügung des Regierungspräsidenten in Köln vom 24, August 1942 über die Einziehung ihres Vermögens nichtig seien, sowie das beklagte Land zu verurteilen, die Geschäftsanteile an der KÜBP-V/erk an sie zurückzuübertragen, Das Landgericht hat die Klage als unzulässig abgewiesen, Auf die Berufung dos inzwischen in den Rechtsstreit eingetretenen Klägers hat das Oberlandesgericht das Urteil des Landgerichts aufgehoben und die Sache zur anderweitigen Verhandlung und Bitscheidung an das Landgericht zurückverwiesen. Io Sov/eit der Kläger beantragt, das beklagte Land zu verurteilen, die Geschäftsanteile an der KBB®-Werk OflHBVGmbH auf ihn zu übertragen, liegt eine bürgerliche Rechtsstreitigkoit im Sinne von § 13 GVG vor, wie auch die Revision nicht bezweifelt« 2, Die Zuständigkeit der ordentlichen Gerichte kann nicht in Zweifel gezogen werden, soweit der Kläger um Peststellung -bittet, daß die Anordnung des Reichsministers des Innern vom 6» Juni 1941, die Verfügung der Staatspolizeistelle in Koblenz vom 16« Juni 1941 und die Verfügung des Regierungspräsidenten in Köln vom 24« August 1942 nichtig seien» Die Rechtsvorgängerin des Klägers hatte die Klage mit diesen Anträgen vor dem Verwaltungsgericht erhoben« Das Verwaltungsgericht hat durch Urteil vom 3« April 1962 den Rechtsweg zu den allgemeinen Verwaitungsgerichten für unzulässig erklärt, den Rechtsstreit nach § 41 Abs« 3 VwGO an das Landgericht verwiesen und ausgeführt, auch die Richtigkeitsfeststellungs-klage sei bürgerlich-rechtlicher Natur, obwohl sie den Bestand von Verwaltungsakten betreffe« Die Klägerin wolle damit keineswegs das Bestehen oder Nichtbestehen eines Öffentlichen Rechtsverhältnisses zur gerichtlichen Entscheidung stellen, sondern lediglich einem etwaigen derivativen Erwerb der GmbH-Anteile durch das beklagte Land den Boden entziehen und daran weitere zivilrechtliche Polgen knüpfen, etwa den Anspruch auf Auskunft und Rechnungslegung, auf Herausgabe von Nutzungen oder Erstattung entgangenen Gewinns• Die zu diesem Zweck be- II» Der Klage kann nicht entgegengehalten werden, daß die Sache bereits rechtskräftig entschieden sei« Die Hutter des Klägers hat allerdings die von ihm vre it er verfolgten Anträge bereits in dem Rückerstattungsprozeß gegen das beklagte Land gestellt. Die Revision wendet sich ferner gegen die Zulässigkeit der Peststellungsanträge mit der Begründung, es fehle am Rechtsschutzbedürfnis für die erbetene Pest-Stellung der Nichtigkeit, Das eigentliche Ziel der Klage sei die Einräumung der Gesellschafterstellung, Dem Anliegen des Klägers wäre daher entsprochen, wenn nur seinem Deistungsantrag stattgegoben werden würde, Das Rechtsschutzbedürfnis könne mit dem Berufungsgericht auch nicht damit begründet werden, daß bei festgestellter Nichtigkeit der Verwaltungsakte noch weitere Ansprüche für den Kläger bestehen könnten, wie zu dem Bei-spiel ein Anspruch auf Auskunftserteilung oder auf Rechnungslegung, Denn auch bei Geltendmachung eines Aus-kunfts- oder Recbnungslegungsanspruchs wäre die Rechts-Wirksamkeit der Verwa11ungoakte als Vorfrage zu prüfen, sind jedenfalls nach § 280 ZPO zulässig. IV* Die Revision meint, das Berufungsgericht hätte die Klage, wenn es sie für zulässig hielt, als unbegründet abweisen müssen, statt die Sache zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung an das Landgericht zurückzuver-weisen* Das ist nicht richtig* wie die Einverständniserklärung der Hechtsvorgängerin des Klägers, die diese am 25 o Juni 1941 zu Protokoll der Gestapo-Stelle in Koblenz erklärt habe, zu werten und unter v/elchen Umständen die Erklärung zustande gekommen sei» Erheblich sei ferner, welchen Inhalt die von dem beklagten land behaupteten Abtretungen hätten und ob diese sich überhaupt auf den in diesem Rechtsstreit verfolgten Leistungsanspruch bezögen« Im Hinblick auf den Umfang und die Bedeutung des Rechtsstreits für beide Teile sei es nicht sachdienlich, wenn den Parteien eine Tatsacheninstanz verloren ginge« b) Der Anspruch des Klägers ist nicht nach dem Allge meinen Kriegsfolgengesetz (AKG) vom 5o November 1957 (BGBl I So 1747) erloschene Das Berufungsgericht hat hier zu unter Berufung auf das Urteil des VIIo Zivilsenats des Bundesgerichtshofs vom 18» September 1961 (BGHZ 35? 350 = WM 1961, 1217) ausgeführt, der Geschäftsanteil einer GmbH sei ein dem Eigentum vergleichbares Recht» Sofern die Vermögensentziehung gegenüber der Rechtsvorgängerin des Klägers nichtig sei, habe das beklagte Band etwa die Stellung des nichtrechtmäßigen Besitzers einer beweglichen Sache» Bei dem Anspruch des Klägers handele es sich somit um einen dem Herausgabeanspruch des Eigentümers gleichstehenden Anspruch, der durch das AKG nicht ausgeschlossen werde» Derartige Ansprüche seien vielmehr nach § 19 Abs» 1 und 3 AKG zu erfüllen» An einem Geschäftsanteil, der keine Sache sei, könne kein Eigentum bestehen; er könne nicht in einer Urkunde verkörpert werden« Von dem Erlöschen der Ansprüche nach §§ 1, 2 AKG seien nur bestimmte, in dem Katalog der §§ 4 ff AKG bezeichnete Ansprüche ausgenommen, darunter “Ansprüche aus dem Eigentum oder anderen Rechten an einer Sache auf Herausgabe der Sache“ und “sonstige Ansprüche aus dem Eigentum oder anderen Rechten an einer Sache oder an einem Recht“ (§ 19 Abs« 1 und 3 AKG)« Biese AusnahmeVorschrift beziehe sich aber nur auf die im “Sachenrecht“ des BGB geregelten Rechte und sei einer erweiternden Auslegung nicht zugängliche Auf die Bedenken der Revision zu § 19 AKG kommt es nicht an, denn das AKG ist auf den vom Kläger verfolgten Anspruch nicht anwendbare Auf Herausgabeansprüche des Eigentümers gegen den nicht rechtmäßigen Besitzer bezieht sich dieses Gesetz grundsätzlich nichto Es trifft in § 2 Hr« 2 lediglich für Grundstücke eine besondere Regelung« Dingliche Ansprüche auf Herausgabe beweglicher Sachen fallen nicht unter das Gesetz (BGH aaO)o Solche Ansprüche richten sich gegen den jeweiligen Besitzer, der selbst den Eigentumsanspruch solange verletzt, wie er dem Eigentümer den Besitz vorenthält« Der sich aus dem jetzigen Verhalten des Besitzers ergebende Anspruch kann nicht unter Hinweis auf das AKG abgewehrt werden« Allerdings handelt es sich, wie die Revision zutreffend bemerkt, nicht um Eigentum im Sinne des Sachenrechts«, Auch kann der Geschäftsanteil nicht in einer Urkunde verkörpert werden, etwa ausgegebene Anteilscheine sind nur Beweisurkunden0 Das alles ist aber für die hier zu beurteilende Interessenlage nicht entscheidende Es kommt nicht darauf an, daß der Inhaber des Geschäftsanteils daran oder an einem ihn verkörpernden Wertpapier sachenrechtliches Eigentum haben müßte» Vielmehr ist der Eigentumsbegriff des Enteignungsrechts heranzuziehen, unter den der GmbH-Geschäftsanteil zweifelsfrei fällto Die Zugrundelegung dieses Eigentumsbegriffs führt zu einer sachgemäßen Abgrenzung zwischen Ansprüchen, die vom AKG betroffen werden, und solchen, die davon nicht betroffen werden» Es ist kein Grund dafür ersichtlich, daß zwar der Eigentümer die ihm gehörende bewegliche Sache herausverlangen kann, aber der Inhaber eines GmbH-Geschäftsanteils, dem der Anteil vorenthalten wird, rechtlos sein sollte» So kann das AKG nicht ausgelegt werden«, Vielmehr ist die Inhaberschaft an einem Geschäftsanteil insofern dem Eigentum an einer beweglichen Sache gleichzuachten» Da insoweit keine Vorschriften des AKG den Anspruch ausschließen, ist der rechtmäßige Gesellschafter nicht gehindert, die Einräumung der Gesellschafterstellung von demjenigen zu verlangen, der sie ihm vorenthälto d) Die Revision meint, wenn auch das Gesetz vom 14o Juli 1933, auf das sich die Einziehung stützte, nach dem Inkrafttreten des Grundgesetzes nicht mehr gelte, so habe es doch zuvor als Rechtsnorm bestanden. Es braucht nicht entschieden zu werden, ob ein rechts fehlerhafter Gebrauch des dem Berufungsgericht nach § 540 ZPO eingeräumten Ermessens überhaupt in Betracht kommen kann, wenn nur nach weiterer Aufklärung des Sachverhalts entschieden werden kann und das Berufungsgericht die Sache an das Landgericht zurückverwiesen hat» Jedenfalls tragen die vom Berufungsgericht angegebenen Gründe die von ihm insoweit getroffene Entscheidung»