BGH · II ZR 105/55
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
- Prozeßbevollmächtigter Beklagte, Widerklägerin und Revisionsbeklagte, Rechtsanwalt hat der II« Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 18« Oktober 1956 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Br. Canter und der Bundesrichter Br. Fischer, Artl, Br« NÖrr und Br. Haager für Recht erkannt? Bie Revision der Klägerin gegen das Teilurteil des 6« Zivilsenats des Oberlandesgerichtw in München, an Verkündungsstatt zugestellt am 15« und 16«Februar 1955, wird insoweit zurückgewiesen, als sie sich gegen die Abweisung des Hauptantrages der Klage richtet. Die Klägerin erhöhte jedoch ihre Preise mehrfach gemäß den jeweils geltenden Preisbestimmungen und schließlich in Anwendung der vertraglichen Preisklausel auf Grund der Verordnung Pr 18/52 über Preise für elektrischen Strom, Gas und Wasser vom 26« März 1952, Diese bestimmt in § 1, daß Preisänderungsklauseln in Verträgen mit einer Laufzeit von mindestens 6 Monaten mit Sonder-abnehmerh angewandt und vereinbart werden dürfen, sofern sie die Preise von Änderungen der Kohlenpreise oder von Änderungen der Kohlenpreise und der Löhne abhängig machen und nicht nur zugunsten einer Partei wirken« Die Parteien streiten darüber, ob die Preisänderungsklausel des StromlieferungsVertrages die Voraussetzung erfüllt, daß sie nicht nur zugunsten einer'Partei wirkt- Die Klägerin ist der Ansicht, die Beklagte könne mangels dieser Voraussetzung ihre Preiserhöhungen nicht auf die VO Pr 18/52 stützen« Eie verlangt daher mit dem Hauptantrage festzustellen, daß der Stromlieferungsvertrag durch die VO PR 18/52 vom 26- März 1952 nicht berührt werde und die Beklagte auf Grund dieser VO keinen gegenüber dem Preisstand im Zeitpunkt des Erlasses der VO abweichenden Strompreis verlangen könne« Auf die Berufung der Beklagten wies das Berufungsgericht dagegen den Hauptantrag der Klage durch Teilurteil ab und traf die mit der Widerklage begehrte positive Feststellung. März 1952 (BAnz Nr 62/52)der Stromversorgungsvertrag vom 5«/ll.Dezember 1948 nicht berührt wird und die Beklagte'auf Grund dieser VO keinen gegenüber dem Preisstand im Zeitpunkt des Erlasses der Verordnung abweichenden Strompreis verlangen kann. mit einer Mindestlaufzeit von 6 Monaten, die die Preise für elektrischen Strom von Änderungen der Kohlenpreise abhängig machen, angewandt werden, sofern sie nicht nur zugunsten einer Vertragspartei wirken« Per Streit der Parteien geht also darum, ob eine solche beiderseitige Wirkung der Preisänderungsklausel des § 3 Ziff 2 des StromversoigungsVertrages anzunehmen oder, wie die Klägerin meint, zu verneinen ist« Per Klageantrag hat nicht eine abstrakte Rechtsfrage zu dem Gegenstand, sondern bezweckt die Feststellung, daß der Beklagten keine Ansprüche zustehen, die sich bei einer Anwendung der Preisänderungsklausel für sie ergeben würden, und daß sie zu weiteren Preiserhöhungen in Anwendung der VO Pr 18/52 nicht berechtigt sei. Zu dieser Frage kann dem Berufungsgericht jedenfalls im Ergebnis, und zwar dahin beigetreten werden, daß die Beklagte nach Treu und Glauben die Verpflichtung trifft, auch bei Senkungen der Kohlenpreise oberhalb der Berechnungsgrundlage von PM 28 je Tonne eine entsprechende Herabsetzung der Strompreise vorzunehmen, wobei die Preisänderung gemäß der Vereinbarung unter Ziffer 3 des § 3 des Vertrages erst für den folgenden Monat zu berücksichtigen wäre. Gegen eine solche Auslegung des Vertrages bestehen keine grundsätzlichen Bedenken» Der erkennende Senat hat zwar in seiner Entscheidung vom 3, Oktober 1953 - II ZR 216/52 (JZ 54» 356 RBeilElWirtsch 1954» 59)» hei der die Auslegung einer Kaufpreisklausel zu beurteilen war, ausgesprochen, daß eine Preisklausel, die den Verkäufer berechtige, bei steigenden Gestehungskosten eine entsprechende Preiserhöhung zu beanspruchen,.nicht gleichzeitig dahin auszulegen sei, daß auch der Käufer bei sinkenden Wiederbeschaffungspreisen zu einem Preisabschlag berechtigt sei, und hat dies als die in Lehre und Rechtsprechung herrschende Meinung bezeichnet« In dem der Entscheidung zugrunde liegenden Palle hatte sich der Verkäufer eines Postens Garn, das ersb mehrere Monate nach Abschluß des Kaufvertrages geliefert werden sollte, für den Pall des Eintritts kostensteigernder Faktoren bis zu dem Tage der Lieferung eine Preiserhöhung des vereinbarten Kaufpreises entsprechend der Kostensteigerung Vorbehalten» Die Auslegung solcher Klauseln erfolgt, sofern nicht ein Handelsbrauch hierfür maßgebend ist, jedenfalls unter weitgehender Berücksichtigung der Interessen der Beteiligten des Güterum- und absatzes. Unter diesen Umständen können die Gründe, die für den kurzfristigen oder langfristigen Warenverkehr dazu geführt haben,Preisklauseln, in denen der Verkäufer sich eine Preiserhöhung für den Fall von Kostensteigerungen vorbehält, eng zugunsten des Verkäufers und grundsätzlich nur diesen einseitig begünstigend auszulegen, nicht in gleicher Weise für die Auslegung von Preisänderungsklauseln in Stromlieferungsverträgen mit Sonderabnehmern zur Geltung kommen. Es kann daher nicht anerkannt werden, daß allgemeine Auslegungsgrundsätze oder ErfahrungsSätze verletzt werden, wenn die vereinbarte Preisänderungsklausel dahin gedeutet wird, daß sie die Beklagte verpflichtet, ihre Strompreise auch im Falle von Preissenkungen zu senken, die sich oberhalb des vertraglich als Berechnungsmaßstab festgelegten Kohlegrundpreises bewegen. Ordnung sollte, wie es in den Richtlinien des Bundeswirtschaftsminis bers an die Breishildungsstellen vom 28- April 1952 heißt, das Energie- und Wasserrecht vereinfachen und die Energie- und Wasserwirtschaft zu einem erheblichen Teil von den bisherigen Preisbindungen befreien« Zu diesem Zweck wurden Preisänderungsklauseln der in § 1 genannten Art freigegeben, jedoch sollen sich die Preise für elektrischen Strom, &as und, Wasser unter Aufsicht der Preisbehörden bilden, die nach § 3 der Verordnung befugt bleiben, auf Grund des § 2 des Preisgesetzes Prei.se festzusetzen« Wenn § 1 der VO als Voraussetzung für die preisrechtliche Freigabe und Anwendbarkeit einer Preisänderungsklausel verlangt, daß sie nicht nur zugunsten einer Vertragspartei wirke, so ist schon nach dem Wortlaut nicht verlangt, daß auch eine Herabsetzung des Kohlepreises unter den Ausgangspreis zu Änderungen des Preises, führen müsse« Wenn, wie hier im Wege der Vertragsauslegung anzunehmen ist, die Wirkung der Preisänderungsklausel zugunsten beider Vertragsparteien jedenfalls in dem Rahmen besteht, in dem eine Erhöhung der Kohlenpreise über den Ausgangspreis .eine Preiserhöhung zur Folge haben soll, so wirkt die Klausel, wie schon oben ausgeführt ist, nicht nur zugunsten einer Partei« Nach Sinn und Zweck der Bestimmung des § 1 der Verordnung, Sonderäbnehmer von Preisbindungen zu befreien, kann damit die Voraussetzung als gegeben angesehen werden, die das Gesetz für die Anwendung der Preisänderungsklausel fordert; denn es kann in diesem Zusammenhang außer Betracht bleiben, daß die Klausel für einen Fall, mit dem beim Vertragsabschluß nicht zu rechnen war, eine Begünstigung der Klägerin nicht vorsieht« Baß diese Auslegung, der Verordnung auch das von ihr verfolgte öffentliche Interesse an der Preisentwicklung kraft Vereinbarung wahrt, ergibt sich aus dem Schreiben des Bundesmini-.sters für Wirtschaft an den Verband der Energieabnehmer von Rheinland/westfalen und Niedersachsen vom 29- Juli 1952, das den Preisbildungsstellen nachrichtlich bekanntgegeben worden Aus diesen Gründen ist dem Berufungsgericht im Ergebnis darin beizutreten, daß auf Grund der Verordnung Pr 18/52 keine preisrechtlichen Bedenken gegen die Anwendung der Preisänderungsklausel bestehen» Es hat daher den Hauptantrag der Peststellungsklage in Abänderung des landgerichtlichen Urteils mit Recht abgewiesen» Daraus ergibt sich, daß ein Rechtsschutzinteresse der Beklagten an der Widerklage nicht besteht» Ihre Rechte werden durch die Verteidigung gegenüber der negativen Peststellungsklage ausreichend gewahrt» Bei Abweisung des Hauptantrages steht fest, daß die Beklagte sich darauf berufen kann, daß die Preisänderungsklausel nicht nur zu ihren Gunsten wirke und deshalb diese Voraussetzung des § 1 der• Das ist unrichtig* Die Beklagte hat vielmehr in ihrem Widerklageantrag die Preisänderungsklausel ausdrücklich in Beziehung zu § 1 der VO Pr 18/52 gesetzt und erstrebt erkennbar nur den dem Klageantrag entgegengesetzten Erfolg» Die Frage, ob die mit der Widerklage erstrebte Auslegung des Vertrages zutrifft, wird bereits durch eine Entscheidung über den Haupt-