BGH · II ZB 5/58
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Zivilsenat des Bundesgerichtshofs in der Sitzung vom 5o Mai 1958 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Dro Nastelslci und der Bundesrichter Dr, Haidinger, Dr, Kuhn, Dr, Haager und Dr, Reinicke beschlosseng Auf die sofortigen Beschwerden des Klägers werden die Beschlüsse des 4» Zivilsenats des Oberlandesge-richts München mit dem Sitz in Augsburg vom 21o Januar 1958 und vom 1«» Februar 1958 aufgehobene Dem Kläger wird gegen die Versäumung der Prist zur Einlegung der Berufung gegen das Urteil des Landgerichts in Memmingen vom 13« November 1957 Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gewährt. Die Entscheidung über die Kosten der sofortigen Beschwerde gegen den Beschluß vom 1, Februar 1958 bleibt dem Berufungsgericht überlassen» Der Klüger hat unter Glaubhaftmachung seiner Behauptungen Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Berufungsfrist mit der Begründung begehrt, bei Aufgabe des Telegramms sei ihm versichert worden, das Telegramm werde am nächsten Tag, also am letzten Tag der Berufungsfrist, morgens ankorcmen. Januar 1958 die Wiedereinsetzung mit der Begründung versagt, der Kläger habe kurz nach Einreichung des Armenrechts eine Beschäftigung gefunden, die es ihm ermöglicht habe, die Kosten des Berufungsverfahrens zu bestrei- ten«, 3r hätte deshalb den Ausgang des Anaenr edits Verfahrens nicht abwarten dürfen, sondern rechtzeitig Auftrag zur Durchführung der Berufung auf eigene Kosten erteilen müssen« Zudem sei die Verzögerung - offensichtlich in der Übermittlung des ablehnenden Armenrechtsbescheides - für den Kläger voraussehbar gewesen, so daß er sie in seine Entschließungen habe cinreclmen müssen« Hit Beschluß vom 1. Die Begründung des Oberlandesgorichts, der Kläger habe eine Oeschäftigung gefunden, die es ihm geraume Zeit vor Ablauf der Berufungsfrist, allerdings erst nach Einreichung dos Aruenrechtsgesuchs, ermöglicht habe, die Berufung auf eigene Kosten durchzuführen, erscheint schon deshalb bedenklich, v/cil nähere Angaben über die Einkünfte dos Klägers fehlen und weil daraus insbesondere nicht zu entnehmen ist, ob der Kläger, der auch nach der.Ansicht des Oberlandesgerichts noch am 29- ilovenber 1957 als arm im Sinne des § 114 Abs« 1 ZPO anzusehen war, sich im späteren laufe des Verfahrens in der Tat nicht mehr für arm halten konnte und daher auch nicht durch die wenigstens subjektiv berechtigte Annahme der Armut an der rechtzeitigen Einlegung der Berufung verhindert war (vgl« BGH IM ZPO § 236 Kr« 4). Bs braucht jedoch darauf nicht näher eingegangen zu werden, weil die Wiedereinsetzung auch dann zu gewähren ist, wenn der Kläger während des Laufs des Armen-rechtsgesuclis infolge seiner veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse zu der Überzeugung hätte kommen müssen, daß er die Berufung auf eigene Kosten durchführen könne und müsse« Er durfte - v/ie jeder Rechtsmittelkläger - auch in Die trotzdem eingetretene Verzögerung bildet daher ein für den Kläger unabwendbares Ereignis, so daß ihm die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Frist zur Einlegung der Berufung zu gewähren ist (§ 253 ZPO).