BGH · III ZR 88/66 vom 02.12.1968
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 2, Dezember 1968 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Dr° Pagendarm sowie der Bundesrichtor Dr» Beyer, Dr° Hußla, Gähtgens und Keßler für Recht erkannt: Der Klager, der nach der Feststellung des Berufungsgerichts zu den ungeschicktesten und steifsten Schülern der Klasse gehörte und ein für sein Alter überdurchschnittliches Gewicht von 120 bis 140 Pfund aufwieo, blieb bei der Ausführung der Übung mit den Füßen an der Reckstange hängen, stürzte vornüber und schlug mit der Stirn auf die Matten auf, wobei sich seine lendenv/irbelsäule stark nach vorn durchbog, Nachdem er die ihn entstandenen Arzt- und Arzneinittelkosten von der Krankenkasse erstattet erhalten hat, macht er für seinen weiteren Schaden das beklagte land als Anotollungskörperschaft des Turnlehrers verantwortlich und verlangt, dieses zu verurteilen, an ihn 166,35 DM zu dem Ausgleich für notwendig gewordene Fahrkosten zu dem Arzt, zur Schule und zu dem ärztlich verordnten Schwimmen sowie ein in das Ermessen dos Gerichts gestelltes, mindestens 500 DM betragendes Schmerzensgeld, je mit 4 >6 Zinsen seit 1c Oktober 1963, zu zahlen; Diese Anträge hot er, nachdem er vor dem Landgericht unterlegen war, vor dem Oherlondesgericht im Wege der Berufung mit der Begründung verfolgt: Real-ochullehrer I'l^H hätte, da die aus gebückter Grundhaltung heraus auszuführende Übung als Planke über ein nur ein Drittel der Körperhöhe erreichendes Hindernis angesichts der, vom Körperschwerpunkt bei der Überwindung des Hindernisses aus gerechnet, mindestens 1,80 m betragenden, die Größe der Schüler übersteigenden Fallhöhe die Gefahr erheblicher Verletzungen in sich getragen habe, selbst Hilfestellung leisten müssen; dies um so mehr, als der Kläger, was der Turnlehrer gewußt habe oder wenigstens ohne weiteres hätte erkennen müssen, zu den steifsten Turnern gehört und für sein Alter ein besonders hohes Gewicht aufgewiesen habe» Die von dem Turnlehrer angeordnete Hilfeleistung durch Hitschüler sei aus mehreren Gründen, schon wegen der geringen Größe des Mitschülers von der, als der Kläger die Übung ausgeführt habe, allein zur Hilfestellung .bereitgestanden habe, unzureichend gewesen» Da3 Oberlandesgericht hat auf die Berufung des Klägers hin das beklagte Land zur Zahlung von 163,35 DM nebst 4 $» Zinsen, diese ab 26» Mai 1964 (Tag der Klage-zustcllung), sowie eines Schmerzensgeldes von 500 DM verurteilt und hat die erbetene Feststellung getroffen» Das dom Beklagten ungünstige Urteil des Berufungsgerichts haut auf der Überlegung auf: Die von den Schülern geübte Hockwende sei für konstitutionell durchschnittlich veranlagte und turnerisch zu demindest mittelmäßig begabte Schüler ohne irgendeine naheliegende Gefährdung zu bewältigen gewesen, sie habe aber für den Kläger wegen seines Gewichts und seiner beträchtlichen körperlichen Steifheit eine größere Gefahr mit sich gebrachto Diesen Umstand hätten die von den Turnlehrer zu ergreifenden Vorsichtsmaßnahmen angepaßt sein müssen* Wenn auch ein einziger Hilfestellungleistender, hier der Mitschüler von ScIHliH^V? Hs ist aber andererseits Pflicht der Schule und der Lehrkräfte, die Gefahr für die Schüler so niedrig wie den Umständen nach möglich und geboten zu halten (Urteile vom 3* Juni 1957 - III ZR 94/55 = VersR 1957, 552; 27= Januar 1958 - III ZR 90/56 = Bei der Bestimmung dieser Pflicht ist, wie das Berufungsgericht mit Recht angenommen hat, auf das Alter, die Einsicht und die Leistungsfähigkeit der nach ihrer Veranlagung am ehesten gefährdeten Schüler, um deren Sicherheit es geht, Rücksicht zu nehmen (vglo Urteil vom 13. Rechtsfehlor auf die Notwendigkeit geschlossen, im Falle des Klägers, für den die Übung nicht leicht war, besondere Vorkehrungen zu treffen und ihm eine besondere Hilfestellung angedeihen zu lassen, wie sic das Berufungsgericht im einzelnen beschreibt» Wenn es diese Notwendigkeit nicht mit der von ihm gewürdigten, von der Revision aufgegriffenen Tatsache für ausgeräumt hielt, daß dem Kläger einmal die Übung gelungen war, so hat es damit einen Rechtsfehler nicht begangen» Daß einem - unbegabten - Turner bei einen Turnen die Übung einmal gelingt, bietet noch keine ausreichende Gewähr dafür, er werde die Übung künftig ohne in Gefahr zu geraten bewältigen» Das müßte sich auch Turnlehrer sagen, hinsichtlich dessen Verschulden das angefochtene Urteil in seinen dieses bejahenden Ausführungen einen Verstoß gegen § 27ß RGB ebenfalls nicht ersehen läßt» Wenn die Revision meint, der Kläger, den der hierfür bestimmte Schüler ordnungsgemäß am Arm festgehalten habe, sei offensichtlich in einer besonders ungeschickten Lage oder Haltung zu Fall gekommen, der Fall habe sich mit Sicherheit durch keine Hilfestellung vermeiden lassen, da nach der Art der Übung und der Hilfestellung eine Drehbewegung des Körpers habe in Kauf genommen werden müssen, so will! sie, soweit sie auf eine besonders unglückliche Stellung abhebt, gegenüber dem angefochtenen Urteil einen neuen tatsächlichen Umstand ins Spiel bringen, was im Revisionsrechtszug jedoch nicht möglich ist, und muß sie sich in übrigen entgegenhalten lassen: Ob die Hilfestellung so hätte beschaffen sein müssen, daß nach menschlichem Ermessen Unfallfolgen, wie sie ■beim Kläger aufgetreten sind, verhindert worden wären, was die Revision an anderer Stelle als ein zu weit gehendes Erfordernis rügt, mag offenbleibeno Jedenfalls war 3ie so einzurichten, daß Folgen wie die "beim Kläger eingetretenen tunlichst vermieden würden» Es war daher Bedacht darauf zu nehmen, daß ein Sturz wenn nicht verhindert, so doch im wesentlichen Ausmaß abgeschwächt werde, was sich nach Auffassung des Berufungsgerichts auch hätte erreichen lassen» Ohne Erfolg macht die Revision geltend, der Fall des Klägers hätte sich mit Sicherheit durch keine Hilfestellung vermeiden lassen, das Berufungsgericht habe das Erfordernis des ursächlichen Zusammenhangs zwischen ungenügender Hilfestellung und Schadenseintritt nicht richtig gewürdigt» Bas Berufungsgericht hat vielmehr mit seinen Ausführungen, die durch den Schüler von geleistete Hilfestellung hätte den Sturz des Klägers und die dadurch eingetretenen Unfallfolgen nicht verhindern können, ec hätten dem Turnlehrer aber andere Hilfsmittel zur Verfügung gestanden, um die Gefahr von den Kläger obzuwonden, dartun wollen und auch in rechtlich nicht zu beanstandender Weise dargetan, daß der Kläger zu demindest von einem so schweren Sturz, wie er ihn tatsächlich erlitt, hätte bewahrt werden können, und daß Unfallfolgen nicht so wie hier geschehen aufgetreten wären» Bies näher darzulegen, hatte der Vortrag des Beklagten in den Vorinstanzen keinen Anlaß gegeben» Bio Annahme des Berufungsgerichts, bei Hilfestellung durch einen anderen, hierzu insbesondere coiner Größe nach geeigneten Schüler oder durch den Turnlehrer selbst wäre der Unfall des Klägers nicht so schwer verlaufen, widerspricht entgegen der Ansicht der Revision nicht der Lebenserfahrung» Wäre übrigens der Unfall des Klägers mit den Unfallfolgen durch keine noch so geartete Hilfestellung abzuwenden gewesen, würde dies der Revision kaum nützen; denn dann drängt sich die Überlegung auf, daß der Kläger nicht zur Ableistung der Übung hätte herangezogen werden dürfen*