BGH · III ZR 49/56
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Eine beamtete Lehrkraft in einer ländlichen Gegend kann sich, wenn auf dem Schulhof eine Brückenwaage aufgestellt ist und ein Schulkind in,der von der Lehrkraft beaufsichtigten Pause an der Waage infolge der Beweglichkeit der Plattform verunglückt, nicht damit entschuldigen, sie habe die Beweglichkeit der, Waage-Plattform nicht gekannt„ Das Landgericht hat festgestellt, daß das beklagte Land der Klägerin 3/4 des entstandenen und noch entstehenden Unfallscha-dens sowie 3/4 der Kosten des Armenrechtsverfahrens zu ersetzen habe, und hat das beklagte Land verurteilt, ein Schmerzensgeld in Hohe von 1 500 DM zu zahlena "Im übrigen" hat es die Klage abgewiesen und die Kosten des ersten Rechtszuges mit der Erwägung, die Klägerin sei mit ihrem Schmerzensgeldansprüch nicht unterlegen, zu 1/5 der Klägerin, zu 4/5 dem beklagten Land auf-erlegto Das Oberlandesgericht hat die Berufung des beklagten Landes zurückgewiesent Dieses verfolgt mit der Revision seinen Antrag auf völlige Klagabwe i sung weitere Die Klägerin bitte l um Zurückweisung der Revision., Auch von seiner das Ersturteii billigenden Auffassung aus hätte das Berufungsgericht Anlaß nehmen sollen, einen Rechtsfehler dieses Urteils richtigzustellen0 Wenn nämlich 'wie hier die Klage auf die Verurteilung der Gegenpartei zur Zahlung eines Schmerzensgeldes geht, das das Gericht nach seinem Ermessen festsetsen soll/tso wird,3wenn wegen eines die Klagepartei treffenden Mitverschuldens sich die Ersatzpflicht des in Anspruch Genommenen mindert, der vom Gericht für angemessen erachtete Betrag nicht, wie es die Klage will, in voller Höhe, sondern nur gekürzt um den der Mitschuld entsprechenden Betrag zugesprocheni Mit der/insÖweit /unberechtigten Mehr- . Es habe daher am ünfalltage nicht noch eine eigene Lehrkraft eingeteilt werden -müssen* um die an diesem Tag auf der Waage befindlichen Kinder zu oeaufsichtigen, Auch sei es nicht zu beanstanden? der Klägerin eine fahrlässige Pfliohtversäumnis zu dem Vorwurf*Es führt hierzu aus; Die Brückenwaage sei als solche in verkehrssicherem Zustand und ungefährlich gewesene Die Gemeinde TP^p^-PP habe daher? Aber-die Lehrkräfte, an die in dieser Beziehung höhere Anforderungen zu stellen seien, wüßten aus dein ständigen Umgang mit Kindern um deren Hang, jede sich bietende Gelegenheit zur Beschäftigung oder zu dem Spiel auszunutzen, und hätten sich nicht auf den verkehrssicheren Zustand der Waage verlassen dürfen,, sondern hätten auch ein unvernünftiges Verhalten der Schulkinder in unmittelbarer ITähe der Waage oder auf dieser selbst in Rechnung stellen müssen; dies sei umso mehr geboten gewesenj als die Schulkinder am Unfalltag in der Pause auf einem verhältnismäßig engen Raum zusammengedrängt und mehr als sonst in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt gewesen seien. Lehrerin der Klägerin, die sich in unmittelbarer Nähe der Waage - an anderer Stelle sagt das Urteils nahe bei der Waage -aufgehalten habe, hätte sich vor Augen halten sollen, daß die Kinder ihrer Klasse, die sich in dem Raum u.m die 'Waage aufgehalten hätten, sich irgendwie an der Waage zu schaffen machen würden, und hätte, zu demindest auf Grund der Bewegungen und dem Verhalten der auf der Plattform stehenden Kinder, selbst aus grösserer Entfernung wahrnehmen müssen, daß eine Anzahl von Kindern die Plattform der Waage in Schwingungen versetze, von denen unterstellt werden könne, daß sie geringfügig, höchstens 3,6 cm gewesen seien. -•©erogegenuber fuhrt .die erste von-der Revision erhobene Rüge5 das Berufungsgericht verlange zu Unrecht von der Lehrkraft eine höhere Einsicht über die aus der Waage und der Beweglichkeit ihrer Plattform sich ergebenden Gefahren als von den technischen Beamten der Stadt*, darauf* daß das Berufungsgericht bei der Würdigung des Unfallgeschehens von teilweise unrichtigen Vorstellungen ausgeht„ Wenn'das' Berufungsgericht eine Verantwortlichkeit der Gemeinde für den Unfall deswegen ablehnt* weil die Brückenwaage an sich verkehrssicher gewesen sei und daher keine besonderen Schutzvorrichtungen erfordert habe* so legt es an das Verhalten der Gemeinde unzu- andere werden« Die Gemeinde durfte sich daher nicht mit der Erwägung begnügen* die Brückenwaage sei technisch einwandfrei und der Wiegevorgang ungefährlich; sie hatte vielmehr zu erwägen* ob nicht mit der Aufstellung der Waage*, weil diese zu demindest den Schulkindern zugänglich werde* eine Gefährdung für die Schuljugend verbunden sei oder nicht„ Sie hatte dabei auch damit zu rechnen* daß Schulkinder in der Freizeit und ausserhalb der beaufsichtigten Pause sich an der Waage zu schaffen machen werden* zu demal wenn der Abstand der Waage von dem Schulgebäude nicht groß gewesen ist« Eine genaue Feststellung hierüber enthält das Berufungsurteil allerdings nicht* wie es auch in anderen Beziehungen eindeutige Eest-stellungen nicht trifft« So soll sich die Klassenlehrerin ":i.n der Waage"•aufgehalten haben;.die Schulkinder sollen am Uh-, falltag auf "einem ■ verhältnismäßig engen Raum" zusammenge-drängt gewesen sein?-das zu dem Unfall führende Tun der Klägerin soll sich über einen-"gewissen Zeitraum", "Über eine Sekundenschnelle hinaus" erstreckt haben? Die die Gemeind e treffende und weit er; als dies das Berufungsgericht getan hat>;'zur ziehende Verantwortung für die Brückenwaage nahm aber den an der Volksschule hu tätigen Lehrkräften nicht jede eigene Verantwortung ab* Plattformen von Brückenwaagen sind nun einmal beweglich und können bei den meisten Waagen mangels einer Peststellvorrichtung von einer Person - auch von Kindern - in Schwingungen versetzt werden* soweit' dies der Raum zwischen Plattform und Umrandung der Waage zuläßt0 Dem hatten die zur Pausenaufsicht auf dem Schulhof eingeteilten Lehrkräfte bei-gegebenen Umständen Rechnung zu' tragen^ Wenn sie* wie das Berufungsurteil zu ihren Gunsten anninimt, ein solches Wissen bezüglich der auf dem Schulhof ■■ ■ angebrachten.. Die betreffende Brückenwaage war bereits Monate vor dem Unfall-• tag auf dem Schulhof aufgestellt worden; Schulkinder, denen Sie zugänglich war, konnten sich' an ihr- - erlaubt oder unerlaubt - zu schaffen 'machen^ Rach den Geboteh'der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt (§ 276.BGB) mußte daher die Klassenlehrerin sich von der Waage,, die sozusagen eine Einrichtung des Schulhofes geworden war, und von deren Beschaffenheit zu demindest in großen Zügen ein Bild machen, wobei ihr die in auch wenn sie technisch einwandfrei sei, zu einer Gefahr, für Kinder werden, die sich unvorsichtig an ihr zu schaffen machen* In dem einen oder anderen' Pall wäre die Lehrerin dazu geführt worden, dem Tun und Treiben der Kinder aüf oder an der Waage ihre besondere Aufmerksamkeit zu widineiio Las Maß der erforderlichen Sorgfalt kann nämlich die Lehrerin auch dann eingehalten haben, wenn sie nicht beobachtete, daß die Klägerin sich in gebückter Haltung an der Waage zu schaffen machte und Sisstückchen zwischen die von anderen Kindern in.Schwingungen:gebrachte Plattform und die Umrandung der Waage steckte cd Lie Anforderungen an die' Ums ich die eine Lehrkraft bezüglich eines einzelnen Schulkindes aufbringen muß, dürfen nicht überspannt werden» Am Unfall-tage' hatten auf dem Schulhof: anscheinend fünf Lehrkrafte über mindestens zweihundert■: Schulkinder, im besonderen die 'Klassenlehrerin über alle Kinder ihrer Klasse, die Aufsicht : zu führen» Lie Lehrerin war daher in ihrer Aufmerksamkeit schon weitgehend durch das Ächtgeben darauf in Anspruch genommen, daß die Kinder, die sich ja in einer Pause Bett e gu ng v ei- s chaffen1- sollen,.' schlechthin zu dem Vorwurf, wenn sie ~ in unmittelbarer "Nähe oder nahe dabei stehend -.die Klägerin,'als diese sich buchte und möglicherweise durch andere Schulkinder ihren Blicken entzogen wurde, nicht sogleich bei deren Tun bemerkte. Das Berufungsurteil sagt lediglich, das Tun der Klägerin habe sich in einem gewissen Zeitraum abgespielt und grenzt die Zeitspanne nur insoweit ab, als sie über Sekunden hinausgegangen sei „ Aber wenn es auch mehr als einige Sekunden waren, so braucht deswegen die fragliche Zeitspanne nicht so groß gewesen sein, daß die Lehrerin bei Berücksichtigung ihrer übrigen Aufsichtspflichten ein gefahrdrohendes Tun der Klägerin hätte wahrnehmen müssen« Es bedarf daher, wenn in der aufgezeigten Richtung eine für den Unfall ursächliche Fahrlässigkeit der Lehrerin bejaht werden soll, genauerer Feststellungen, die es ermöglichen, das Vorhandensein eines für eine entsprechende Wahrnehmung ausreichenden Zeitraumes, als gegeben anzusehen« Es kann daher eine für den Unfall ursächliche Fahrlässigkeit auf:Seiten der Lehrkraft auch dann Vorgelegen haben, wenn die Lehrerin nicht gerade das Tun und Treiben der Klägerin, wohl aber ein einzelne Kinder gefährdendes Verhalten von Schülern und Schülerinnen auf oder an der Waage hätte wahrnehmen müssen und dagegen noch hätte einschreiten können« Auch insoweit läßt sich nicht überblicken, ob der Lehrerin hierfür ge- f nügend Zeit zur Verfügung stand« Hierbei ist wiederum zu bedenken, daß es ihr noch .nicht als Verschulden anzurechnen ast, wenn sie nicht jede Bewegung der Kinder ■die sich int der Pause Bewegung verschaffen sollen — auf der'Waage verfolgte und nicht in jeder Bewegung Unheil witterte, Der kritische Zeitraum läßt sich vielleicht dadurch näher bestimmen, daß geklärt wird, wie lange damals die Schulpause dauerte und ob die Kinder alsbald oder erst gegen Ende der Pause die Waage : in Schwingungen versetzten,. Der Klägerin ist das .Armenrecht für eine Klage gegen die Gemeinde . Im Zeitpunkt der Erhebung dieser Klage, auch, falls es darauf anzu.kommen hätte, im Zeitpunkt der letzten Tatsachenverhandlung, konnte die Klägerin wegen der Versagung des Arraenrechts nicht ander-weit von der Gemeinde Ersatz erlangen, Die Sache muß daher unter Aufhebung des Berufungsurteils zur heuen Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurückverwiesen werden» Damit wird die Rüge der Revision gegenstandslos,, das Berufungsgericht sei im Hinblick auf die Mitwirkung eines Hilfsrichters nicht ordnungsgemäß besetzt gewesen. Berufungsgericht Vorbehalten-werden,, sich nötigenfalls bei der erneuten Entscheidung mit den Erwägungen su befassen, die die Revision gegen die.im angefochtenen urteil vorgenommene Bemessung des 'Schmerzensgeldes und die Abwägung einer Schuld der Lehrerin und einer Mitschuld der Klägerin angestellt hat, Bemerkt sei nur, - daß von dem Standpunkt aus» den das Berufungsgericht bisher bezüglich' des die Klassenlehrerin treffenden Verschuldens eingenommen hat, die Schuldabwägung aus Rechtsgründen 'nicht zu.