BGH · III ZR 48/64
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Streit der Parteien geht um die Entschädigung dafür, daß dom klagenden Energieversorgungsunternehmen im Rahmen eines Enteignungsverfahrens das Recht verliehen worden ist, dem Beklagten gehörende Grundstücke mit einer Freileitung zu überspannen«, 111, 54, 53, 128 und 131« Die Freileitung mündet etwa Sitzung dos Beklagten von Nordwesten nach Südosten durchschneidet , in den Schutzstreifen der RWE-Leitung ein und wird nach Osten auf dem 40 m breiten nördlichen Toil dieses Schutzstreifens weitergeführt„ Demgegenüber macht die Klägerin mit der Begründung, daß der Regierungspräsident den weitaus überwiegenden Teil der betroffenen Grundstücke zu Unrecht als Rohbauland und werdendes Bauland angesehen habe, folgende Berechnung aufs lo) Hur 3 620 qm der Parzelle 115 könnten für den Zeitpunkt der Besitzeinweisung als Rohbauland angesehen werdenDer Vorkehrswert betrage insoweit 2 DM je qm, 20) Die restlichen 1 800 qm des Schutzstreifens im Bereich der Parzelle 115 seien äußerstenfalls als Hofraum und Hausgarten zu qualifizieren, für die ein Entschädigungssatz von ~,10 DM jo qm, mithin insgesamt angemessen sei. 53» 128, 131 und 54 mit Ausnahme des jetzt forstwirtschaftlich genutzten feiles) handele es sich um ein ausschließlich landwirtschaftlich nutzbares Gelände, das durch die Anlage der Klägerin keine Wertminderung erfahre, so daß lediglich eine Anerkennungsgebühr von -,02 DM je qm, insgesamt also gerechtfertigt seien.. Dementsprechend hat die Klägerin diesen Betrag bezahlt und Klage erhöhen mit dem Antrag, den Beschluß des Regierungspräsidenten vom 16, September 1959 aufzuheben und die Entschädigung anderweit auf 5 677 >50 DM festzusetzen. Auf die Widerklage wird die Klägerin verurteilt, über den durch Entschädigungsfeststellungsbeschluß des Regierungspräsidenten in Arnsberg vom 16« September 1959 (13 II 1757) zuerkannten Betrag von 15 228,50 DM nebst 4 Zinsen seit dem 2. Mit ihrer Revision verfolgt die Klägerin ihren Klageantrag und den Antrag auf Abweisung der Widerklage weiter« Der Beklagte bittet um Zurückweisung des Rechtsmittels« Das westlich des Gerlingser Weges gelegene, von der Freileitung betroffene Gelände in der Größe von insgesamt 5 475 qm sei schon am 2» Mai 1957 werdendes Bauland gewesen, mit.dessen baldiger Bebauung mit großer Wahrscheinlichkeit zu rechnen gewesen sei» Der Verkehrswert dieses Geländes - mit Ausnahme der 55 qm großen Wegeparzelle -sei für den genannten Zeitpunkt mit 3>50 DM je qm anzu-nehmen» Die Wertminderung werde auf 50 f> geschätzt, so daß sich ein Brtechädigungsbetrag von (5 420 x 1,75 =) 9 485 DM ergebeo Für die ostwärts des Gerlingser Weges gelegenen Grundstücke komme insoweit eine Entschädigung nicht in Frage, als der Schutzstreifen der Klägerin sich mit dem der RWE decke, da für diese Parzelle dem Beklagten ein meßbarer Vermögensnachteil durch die Dienstbarkeit zugunsten der Klägerin nicht entstanden sei» Wegen der übrigen 9 940 qm sei der Senat nach dem an Ort und Stelle gewonnenen Eindruck der Auffassung, daß der Verkehrswert angesichts der geringeren Bauerwartung etwa auf die Hälfte dos Wertes der westlich des Weges gelegenen Grundstücke, mithin auf 1,75 DM je qm, anzusetzen sei» Dio Errichtung der Freileitung habe den Verkehrswert erheblich, und zwar auf den für Ackerland üblichen Preis von 1 Dil je qm gemindert» ergäben, also über den vom Landgex'icht zuerkannten Betrag von 17 698,— DM hinausgingen, habe die Berufung der Klägerin zurückgewiesen werden müssen, ohne daß es einer näheren Prüfung und Entscheidung bedurft hätte , ob die von der Rechtsprechung entwickelten Grundsätze über die Festsetzung der Entschädigung in Zeiten schwankender Preise auch auf die Belastung eines Grundstücks mit einer Dienstbarkeit (§ 12 PrEnteignG) entsprechend anzuwenden seien« Die Zinspflicht in Höhe von 4 $ seit dem Zeitpunkt der vorläufigen Besitzeinweisung (2. Die Revision vertritt demgegenüber die Meinung, das Berufungsgericht habe seine Entschädigungsbemessung unter unrichtiger Anwendung der maßgeblichen Rechtsgrundsätze und unter Verletzung verfahrensrechtlicher Vorschriften gewonnene lo) Zu der Bemessung des Minderwertes der westlich dos Gerlingser Weges gelegenen Parzellen macht die Revision insbesondere geltend; Bas Berufungsgericht habe die in der Rechtsprechung anerkannten Rechtsgrundsätzo zur Präge, ob und unter welchen Voraussetzungen landwirtschaftlich genutztes Gelände für die Entochädigungs-bemessung seiner Qualität nach höher als reines Ackerland zu werten sei, unrichtig angewendet und nicht hinreichend berücksichtigt, daß von den tatsächlichen Verhältnissen des Grundstücksmarktes und den tatsächlich gezahlten, nachhaltig erzielten Preisen ausgegangen werden müsse und Spekulationspreise außer Betracht zu bleiben hätteno Deshalb hätten insbesondere folgende vom Berufungsgericht für die Feststellung der Qualitätu der Grundstücke zugunsten des Beklagten herangezogenen Umstände keine entscheidende Berücksichtigung finden dürfen; die unter dem Einfluß dieser Umstände etwa bewirkten Preiserhöhungen könnten nämlich lediglich spekulativen Charakter haben; Der im Jahre 1955 erfolgte Erwerb des noch außerhalb des Gemeindegebietes gelegenen Hofes Kremerskothen, der sich nordwestlich an die Bändereien des Beklagten anschließe, als uReservebaulandu durch die Stadt Iserlohnj ferner die Eingemeindung des Gebietes von Gerlingsen zu dem lo Oktober 1956 und auch der vom Berufungsgericht erwähnte “Leitplanentvvurfu der Stadt von dem nicht einmal der Zeitpunkt der Erstellung angegeben sei« Darauf, ob - wie das Berufungsgericht angenommen habe - mit der Erteilung von Baugenehmigungen spätestens innerhalb einer Frist von zwei Jahren habe gerechnet werden können, komme es nicht entscheidend an* Zudem sei diese Feststellung verfahrensrechtlich nicht einwandfrei getroffen worden« Dem Umstand, daß eine Siedlungsgesell-schaft inzwischen umfangreiche Grundflächen von dem Beklagten in Erbpacht übernommen habe und dabei für die Errechnung des Erbbauzinses zwischen überspannten und freien Flächen kein Unterschied gemacht worden sei, habe das Berufungsgericht zu Unrecht keine entscheidende Bedeutung beigelegto Wenn das Berufungsgericht zur Begründung gesagt habe, es sei “durchaus möglich11, daß die Baube— Schränkung im Bereich des Schutzstreifens bei der Festsetzung des einheitlichen Erbbauzinses angemessen berücksichtigt worden sei, so habe es damit seine Entscheidung unter Verletzung des § 287 ZPO auf eine bloße Möglichkeit begründet« Mit dieser Möglichkeit aber hätte sich der Berufungsrichter nicht zufriedengeben dürfen, sondern gegebenenfalls vom richterlichen Fragerecht Gebrauch machen müssen« Die Klägerin würde alsdann vorgetragen und durch die Zeugenbenennung der Vorstandsmitglieder der Siedlungogeselischaft unter Beweis gestellt haben, daß diese im Rahmen des ’‘einheitlichen Vertrages“ für alle Parzellen den gleichen Erbbauzins auch dann geboten haben würde, wenn dio Freileitung nicht vorhanden gewesen wäre« Damit würde erwiesen worden sein, daß die Freileitung den Verkehrswert der Grundstücke nicht gemindert habe« in eingehenden Ausführungen unter Heranziehung einer ganzen Reihe von ihm in diesem Zusammenhang bedeutsam erscheinenden Umständen begründete Daß der Berufungsrichter dabei die insoweit maßgeblichen Grundsätze, wie sie vom erkennenden Senat insbesondere in der - vom Berufungsrichter ausdrücklich herangezogenen - Entscheidung in BGHZ 39, 198 ff (= NJW 1963, 1492) niedergelegt sind (vgl» auch NJW 1964, 229), oder verfahrensrechtliche Vorschriften verletzt habe, kann der Revision nicht zugestanden werden« Der Berufungsrichter hat die in Betracht kommenden Umstände - insbesondere Planungen, Eingemeindungen, landkäufe durch die Stadt uew« - keineswegs in ihrer Vereinzelung überbewertet, sondern sie unter Berücksichtigung ferner der verkehrsmäßig günstigen und landschaftlich reizvollen I-ago der Grundstücke und auf Grund eigener Anschauung in ihrer Gesamtheit gewertet im Rahmen der Präge, wie das Gelände im maßgeblichen Zeitpunkt (Mai 1957) ganz allgemein qualitativ eingeschätzt wurde« Br hat in diesem Zusammenhang auch der - aus dem Ergebnis der Beweisaufnahme, insbesondere den Bekundungen des Stadtplaners gewonnenen - Annahme, daß "mit der Erteilung von Baugenehmigungen spätestens innerhalb einer 'Frist von zwei fahren gerechnet werden konnte", nicht für sich allein eine entscheidende Bedeutung beigemessen, sondern lediglich im Zusammenhang mit den anderen Umständen in durchaus zulässiger Weise darauf seine Überzeugung gegründet, daß die Bauerwartung damals bereits erheblich gewesen sei« Ein Rechtsverstoß des Berufungsgerichts in der Richtung daß es im Rahnen der Preisermittlung, insbesondere bei der Bemessung der Wertminderung, dem später zwischen dem Beklagten und einer Siedlungsgesellschaft geschlossenen Erbbaurechtsvertrag nicht die erforderliche Bedeutung zugemessen habe, ist ebenfalls nicht ersichtlich® Baß bei Einräumung eines Erbbaurechts auf einem größeren, teilweise jedoch in einen Schutzstreifen mit Bauverbot fallenden Gelände das Vorhandensein derartiger von einer Bebauung ausgeschlossener Grundstücksteile preismindernd wirkt und bei Festlegung eines einheitlichen Erbbauzinses zu einem “Kischpreis“ führt, liegt so nahe, daß es aus diesem Grunde dem Berufungsgericht - im Rahmen dos § 287 ZPO - nicht als Rechtsverstoß angelastet werden kann, wenn es aus dem Vertrag nicht den Schluß gezogen hat, den die Klägerin daraus ziehen will? ein auf einem Teil der von*dem Vertrag erfaßten Parzellen beruhendes Bauverbot sich in keiner V/eise auf den Preis mindernd ausgewirkt habe und der Beklagte auch ohne das Vorhandensein der Freileitung und der damit zusammenhängenden Bauverbote einen höheren als den tatsächlich vereinbarten Erbbauzins nicht erzielt haben würde, dann hätte sie das von sich aus tun müssen» Deshalb kann darin, daß das Berufungsgericht zu** Ausübung des Fragerechts Anlaß nicht genommen hat, ein Hechtsverstoß nicht gesehen werdeno 2o) Gegenüber der Qualifizierung und Bewertung der ostwärts des Gerlingser Weges gelegenen Grundstücke durch das Berufungsgericht rügt die Revision ebenfalls, daß die Maßstäbe des gesunden Grundstücksverkehra nicht zugrundegelegt worden seien» Insbesondere habe das Berufungsgericht folgendes nicht hinreichend berücksichtigt; Die Stadt habe nach Erwerb von Kremerskothen über erhebliches eigenes Baugelände verfügt und sei bemüht gewesen, zunächst in diesem Gebiet die siedlungsmäßige AufSchließung voranzutreiben« Sin Teil des Geländes sei zudem in einer feuchten hiederung gelegen» Auch habe die bereits vorhandene Hochspannungsleitung der RWE das Interesse der Bauwilligen zunächst auf das höher liegende Gelände konzentriert» Ferner sei bei der Verlegung der Trasse für zwei Bundesstießen gerade auch das hier interessierende Gelände vorgesehen gewesen» Schließlich sei nicht berücksichtigt, daß die streitige Fläche bis 1959 Wasserschutzgebiet gewesen sei» Wenn das Berufungsgericht schon selbst davon aus-gehe, daß der Verkehr damals nur bereit gewesen sei, für die Grundstücke lediglich -,75 DU jo qm Uber den Preis reinen Ackerlandes hinaus aufzuwenden, so soi das insbesondere bei Mitberücksichtigung der zuvor genannten Auch mit diesen Erwägungen hat die Revision keinen Erfolgo Das Berufungsgericht hat sich zwar mit dem Vortrag, daß die Grundstücke - zürn Teil - in einem Wasserschutzgebiet gelegen seien, nicht ausdrücklich auseinandergesetzt 0 Seine Ausführungen lassen aber erkennen, daß es das Vorbringen der Klägerin insgesamt durchaus berücksichtigt und einer Würdigung unterzögen hat (vglo BGHZ 3? - zu dem Ergebnis gelangt ist, es habe bereits 1957 nicht zweifelhaft sein können, daß auch das gesamte Gebiet ostwärts des Weges in absehbarer Zeit in die Bebauung einbezogen werden würde, so läßt sich das aus Rechtsgründen nicht beanstanden,) Insbesondere konnten die Bemühungen der Stadt um eine Ver-