BGH · III ZR 43/67
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Auf die Zinsen aus der Enteignungsentschädigung für ein Grundstück, die dem Enteigncten zustohen, ist die Nutzungsentschädigung anzurechnen, die dem Enteigneten für dieselbe Zeit zu dem Ausgleich des Verlustes der normalen Nutzung des Grundstücks gezahlt worden ist (entschieden für den Fall einer sogen* Altrequisition - §§ 17, 38, 64 L3G) * Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil des 5o Zivilsenats in Freiburg des Oberlandesgerichts Karlsruhe vom 16* Februar 1967 teilweise aufgehoben und in Ziffer 1 und 2 neu gefaßt ; Am 30« September 1957 beantragte die Beklagte bei der Stadt Rastatt als Enteignungsbehörde die Enteignung des beschlagnahmten Grundstücks« In diesem Verfahren einigten sich die Parteien am 21« März 1962 dahin, daß das Eigentum an dem Grundstück auf die Beklagte übergehen und die Enteignungsentschädigung im weiteren Verfahren festgesetzt werden solle« Mit einem der Klägerin am 1« Oktober 1962 zugestellten Beschluß vom 26« September 1962 setzte die Stadt Rastatt die der Klägerin zustehende Entschädigung auf 75 584 DM fest; auf die Verzinsung sollte die der Klägerin von der Beklagten gezahlte Benutzungsvergütung angerechnet werden« Den Hauptbetrag nebst 24 626,64 DM Zinsen (32 598,75 DM Zinsen abzüglich 7 972,11 DM bereits bezahlter Nutzungsentschädigung) hat die Beklagte am 6« März 1963 an die Klägerin bezahlt„ Mit ihrer am 30» November 1962 erhobenen Klage hat die Klägerin eine höhere Entschädigung geforderte Das Landgericht hat die Beklagte verurteilt, als Entschädigung für den Wert des enteigneton Grundstücks, den Minderwert des verbliebenen Grundstücksteiles, die bereits aufgewendeten Erschließungskosten und Anliegerbeiträge, einschließlich gewisser Zuschläge wegen der inzwischen gestiegenen Grundstückspreise, insgesamt 116 676,30 DM nebst 6 i Zinsen hieraus seit Mai 1955 abzüglich am 6o März 1963 bezahlter 75 584 DM zu bezahlen0 Die Berufung der Beklagten ist erfolglos geblieben o Auf die Berufung der Klägerin hat das Berufungsgericht die Beklagte verurteilt, an die Klägerin weitere 46 669926 DM zu bezahlen nebst 6 $ Zinsen aus 83 500 DM vom 5« Mai 1955 bis 4» Mai 1958? Mit ihrer - zugelassenen - Revision verfolgt die Beklagte ihren Klageabweisungsantrag nur noch insofern weiter, als sie geltend macht, das Berufungsgericht habe die NutzungsentSchädigung, die der Klägerin in Höhe von 7 972,11 DM zugeflossen ist, zu Unrecht nicht auf die aus der Enteignungsentschädigung zu zahlenden Zinsen angerechnet0 Io Das Berufungsgericht hat hinsichtlich der Nutzungsentschädigung ausgeführt: Die Beklagte sei nicht berechtigt, von dem nach Abzug gezahlter Zinsen von 24 626,64 DM verbleibenden Zinsbetrag die aufgrund der ursprünglichen Beschlagnahme des Grundstücks gezahlte Nutzungsentschädigung in Höhe von 7 972,11 DM (gezahlt für die Zeit vom 5» Mai 1955 bis 8» März 1963) abzusetzen o Denn die Zinsen stellten keinen Ausgleich für die entzogene Nutzung des Grundstücks dar. Nach dem Landbeschaffungsgesetz (LBG) erhalte der Betroffene für den Verlust des Eigentums an dem Grundstück eine Enteignungsentschädigung (§ 17 LBG)» Der Besitz und damit die Nutzungsmöglichkeit werde dem Betroffenen in der Regel erst dann entzogen, wenn das vorausgegangene Ent-eignungsverfahren abgeschlossen, der Enteignungsbeschluß unanfechtbar und die Geldentschädigung gezahlt worden sei« Im Palle einer vorzeitigen Einweisung des Begünstigten (§§ 36 ff LBG) sei dem Betroffenen eine einmalige oder wiederkehrende Besitzeinweisungsentschädigung zu leisten (§ 38 AbSo 4 LBG)o Entsprechendes gelte für die Altrequisitionen (§ 64 LBG), bei denen eine Inanspruchnahme ab 5<> Mai 1955 als vorzeitige Besitzeinweisung 3, 64 Abs« 3 LBG-)« Der einheitliche Enteignungsentschädigungsbetrag sei der Gegenwert für das enteignete Grundstück und trete an dessen Stelle« Das Grundstück und sein Wert würden gewissermaßen gegeneinander ausgetauscht« Deshalb sei auch der Entschädigungsbetrag im Hegelfalle vom Zeitpunkt des Erlasses des Enteignungsbeschlusses an zu verzinsen« Erfolge eine vorzeitige 3e-sitzüberlassung, würden mithin dem Eigentümer Besitz und Nutzung entzogen, ohne daß er alsbald in den Genuß dos Gegenwertes für das Grundstück gelange, dann habe die Verzinsung bereits von der Besitzüberlassung an zu erfolgen« Diese stelle die Entschädigung für die Nutzungen dar, die dadurch entgingen, daß trotz teilweiser Entziehung der Grundstückssubstanz der Gegenwert in Form der Enteignungsentschädigung noch nicht an den Betroffenen gezahlt worden sei und daher von ihm noch nicht anstelle der ihm insoweit bereits entzogenen Grundstückssubstanz genutzt werden könne. Die Zinsen stellten somit keinen Ersatz für den verlorenen Besitz des Grundstücks dar, sondern seien ein Ausgleich dafür, daß der Betroffene die_^tschädigi^ssumme nicht nutzen könne« entgangene Nutzung des Grundstücks doppelt entschädigt werden* Das verstieße gegen den Grundsatz der Vorteilsausgleichung, der im Schadensersatz- und Ent schädigungsrecht allgemein Anwendung findet und insbesondere dann nicht außer Betracht bleiben kann, wenn es um die Gewährung eines billigen Ausgleichs für einen erlittenen Nachteil geht, wie das bei der Entschädigung von Ent-oignungsmaßnahmen der Fall ist* Dementsprechend ist der Grundsatz der Vorteilsausgleichung gerade in neueren Gesetzen, die sich mit Enteignungstatbeständen befassen, regelmäßig besonders hervorgehoben, so in § 32 Abs* 1 BLG, § 93 Abs« 3 BBauG, aber auch im Landbeschaffungsgesetz selbst (§ 17 Abs« 2)« Es kann dahinstehen, ob die letztgenannte Bestimmung den vorliegenden Fall unmittelbar trifft oder nur solche Vorteile im Auge hat, die dem Entschädigungsberechtigten durch die Enteignung selbst und nicht durch die Gewährung einer Teilentschädigung entstehen, wie sio die Nutzungsvergütung darstellt« Denn jedenfalls ist kein rechtfertigender Grund vorhanden, den Grundsatz der Vorteilsausgleichung hier außer acht zu lassen« Aus dem Wortlaut des Gesetzes ergibt sich ein solcher Grund nicht« Wohl ist bei einer sogenannten Altrequisition, wie sie hier vorliegt, nach § 64 Abs« 3j § 38, § 17 Abs« 4, 3 LBG die Geldentschädigung für den Hcchtsverlust (§ 17 Abs« 1 Nr« l) vom 5« Mai 1955 an-zu verzinsen und § 38 Abs* 4 sieht zudem vor, daß für die durch die Besitzeinweisung entstehenden Vermögensnachteile eine einmalige oder Wiederkehrende Entschädigung zu zahlen ist (Besitzeinweisungsentschädi-gung)« Indessen ist über das Verhältnis zwischen den Zinsen aus der Entschädigung für den Grundstückswert 91) zur Begründung seiner abweichenden Meinung hinweist, haben im Wortlaut des Gesetzes, auf den es ankommt, keinen hinreichenden Ausdruck gefunden; denn es ist weder über das Verhältnis zwischen den Zinsen aus der Entschädigung und der Besitzeinweisungsentschädigung etwas gesagt, v/ie bereits ausgoführt ist, noch ist über diese irgendeine nähere Bestimmung getroffen. Verlust der Möglichkeit,das Grundstück zu nutzen, erlitten hat; daß mit der Besitzeinweisungsentschädigung noch weitere Nachteile der Besitzentziehung ausgeglichen werden können, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolleo Allerdings ist nach § 17 Abs0 3, 4 DBG die Entschädigung vom Zeitpunkt des Entschädigungsheschlusses an zu verzinsen« Da der Besitzverlust später eintroton kann, erhält der Enteignete möglicherweise Zinsen für eine Zeit, in der er das Grundstück noch besitzt und nutzt» Biese Möglichkeit ist von der Rechtsprechung dos erkennenden Senats (BGHZ 31, 235, 237) für den Geltungsbereich des - inzwischen aufgehobenen (§ 186 Abs. 1 Nr. 20 BBauG) - Baulandbeschaffungsgesetzes eingeräumt worden. Daher könnte aus der Möglichkeit, daß der Enteignete nach § 17 Abs. 3, 4 LBG gleichzeitig Grundstück und Entschädigung nebeneinander nutzt, nicht entnommen werden, er könne auch eine doppelte Entschädigung in Form der Nutzungsentschädigung und der Zinsen aus der Entschädigung für das Grundstück beanspruchen. Das muß um so mehr gelten, als der Zweck des Landbeschaffungsgesetzes, den Landbedarf für Verteidigungszwecke sicherzustellen, meist zu einem raschen Übergang des Besitzes an den benötigten Grundstücken, notfalls im Wege der vorläufigen Besitzeinweisung (§ 36 LBG), führt; die Möglichkeit, daß der Enteignete für einen Zeitraum Zinsen aus der Enteignungsentschädigung erhält, in dom er das Grundstück noch nutzt, ist daher von geringer praktischer Bedeutung; für den hier in Hede stehenden Fall der Altrequisitionen kommt sic überhaupt nicht in Betracht. Schon aus diesem Grunde kann auch nicht angenommen werden, der Gesetzgeber habe hier, um den für die Verteidigung notwendigen Landbedarf leichter befriedigen zu können, den Grundstückseigentümern einen besonderen Vorteil zuwenden und ihnen deshalb NutzungsentSchädigung und Zinsen aus der GrundStücksentSchädigung für denselben Zeitraum nebeneinander gewähren wollen. Aus dieser Regelung kann nicht geschlossen werden » der Gesetzgeber habe den Grundstückseigentümern auch - entgegen den Grundsätzen des Enteignungsrechts - den weiteren Vorteil zukommen lassen wollen» den der Bezug von Nutzung sent Schädigung und Zinsen aus der GrundStücksentSchädigung nebeneinander darstellen würde. Im übrigen sind die von v* Sohalberg hervor gehobenen Bedenken» die sich bei der Abfassung des Gesetzes aufgrund der Bestimmung dos für die Entschädigung maßgebenden Stichtags ergaben, insofern überholt, als die Rechtsprechung des erkennenden Senats, von der dap Berufungsgericht zutreffend ausgeht, auch im Geltungsbereich des Landbeschaffungsgesetzos das Schwanken, d.h. für die hier in Betracht kommende Zeit das Steigen der Grundstücksprei-so berücksichtigt (BGH TM LBG Nr. 9)« Weiter ist zu bedenken: Greift ein Enteigneter den Enteignungsbeschluß mit Klage an, weil er die Enteignung nicht für rechtmäßig hält» so kann er - falls nicht eine vorzeitige Besitzeinweisung erfolgt - das Grundstück nach der Erlassung des Enteig-nungsboschlusses möglicherweise noch lange Zeit nutzen* Auf die Rechtsprechung und das Schrifttum, abgesehen von der Ansicht v« Schalbergs, kann das Berufungsgericht seine Ansicht nicht stützen» In seinem Urteil vom 30« April 1964 - III ZR 55/63 S. Von den Erläuterungswerken zu dem Landb e schaffungs-gosetz betont Danckelmann den Grundsatz der Vorteilsauegleichung; er sieht in der Gewährung von Nutzung sent Schädigung und von Zinsen aus der Entschädigungssumme nebeneinander eine unzulässige Doppelentschädigung (vgl« § 17 Anm« 6; § 38 Anm« 5; § 64 Anm« 5)« Auf Bauch-Schmidt, Landbeschaffungsgesetz und Schutzbereichsgesetz, Anm« 8 zu § 17 LBG, beruft sich das Oberlandesgoricht zu Unrecht; dort ist der hier zu beurteilende Fall des Zusammentreffens von Nutzungsentschädigung und Zinsen nicht erörtert, auch nicht an anderen Stellen dos Werkes« Ebensowenig ist bei v« Hausen - von der Heide Landbeschaffungsgesetz § 64 Anm« V 2 zu der hier vorliegenden speziellen Frage etwas gesagt« Eindeutig für die Anrechenbarkeit der Nutzungsentschädigung hat sich neuerdings- Die Klägerin muß sich auf die Zinsen aus der Entschädigung, die für die Zeit ab 5» Mai 1955 zu zahlen sind, die - niedriger^ NutzungsentSchädigung für die entsprechende Zeit im Betrage von 7 972,11 DM anrechnen lassen.