BGH · III ZR 35/66
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Hauptursache sei das Fahren mit großer Geschwindigkeit, hinzu kämen Windböen bei Seitenwind; die Fahrbahn müßte abgestumpft werden, mindestens sollten weitere Schilder aufgestellt werden» In der daraufhin durchgeführten Verkehrsbesprechung mit Ortsbesich-tigung am 2» Dezember I960 vertrat der Vertreter des Landesstraßenbauamtes, Bauinspektor KrfliB, die Auffassung, daß von einer glatten Fahrbahn "keine Rede sein könne1' und ein Aufrauhen "nicht vertretbar" sei» Daraufhin wurde beschlossen, weitere Schilder anzubringen» Diese Schilder wurden am 20» April 1961 aufgestellt, so daß Frau ^er Nnfallfahrt in ihrer Fahrtrichtung vom Beginn der Rechtskurve bei km 48,4 bis zur Unfallstelle bei km 46,2 folgende Schilder vorfandi zunächst ein Schild "Schleudergefahr" mit dem Zusatz "4 km", nach etwa 200 m ein Schild "allgemeine Gefahrenstelle" mit dem Zusatz "Seitenwind", nach etwa 1»200 m ein weiteres Schild "Schleudergefahr" und nach weiteren 1o000 m ein drittes Schild "Schleudergefahr"» Hach dem Unfall von Frau KöfBHHV wurde eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der gerade verlaufenden Strecke von 70 km und vor der Kurve auf 50 km an-geordneto Im Spätsommer 1961 ließ die Beklagte die Fahrbahn durch Finwalzen von Diabas-Edelsplitt aufrauhen und im Jahre 1962 noch einen Rauhbelag auf-tragen» Die Firma S^Hfll führte diese Arbeiten kostenlos auf Grund des früheren Vertrages aus» Nunmehr ließen die Unfälle nach» Der Ausbau der Straße sei durch eine namhafte und zuverlässige Straßenbaufirma erfolgt und entspreche den anerkannten Regeln der Straßenbaukunst <> Die Überfettung der Straßendecke durch Herausdringen des Bindemittels aus der unteren Schicht sei erst im Laufe der Zeit unter der starken Verkehrsbelastung aufge-treten und nicht sogleich als Ursache der häufigen Unfälle erkennbar gewesene Durch die Yternschilder sei ausreichend vor der nur bei Nässe auftretenden Schleudergefahr gewarnt worden, insbesondere durch die auffallende Häufung von Schildern seit April 1961« Die späteren Maßnahmen seien das Ergebnis weiterer Erfahrungen gewesen. Selbst wenn in der Besprechung vom Dezember i960 eine Aufrauhung bereits beschlossen worden wäre, hätte sie nicht vor Beginn des Sommerwetters 1961 vorgenommen werden können, weil derartige Arbeiten nur bei warmen Wetter möglich seien0 Das Fehlen einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 km sei nicht ursächlich gewesen, weil Frau schnei- Die Beweisaufnahme habe ergeben, daß das neu ausgehaute Straßenstück im Bereich der Unfallstelle bei Regennasse in ungewöhnlichem Maße glatt gewesen sei und eine besondere Gefahrenstelle für den Fahrzeugverkehr dargestellt habe« Die Ursache dieser Glätte habe nicht in einem fehlerhaften Ausbau der Strasse gelogen« Nach dem Gutachten des Sachverständigen Br« 3®BBhahe die Straße in ^eder Weise den anerkannten Regeln der Baukunst entsprochen; die Oberfläche habe auch keinen Überschuß an Bindemitteln enthalten« Die Ursache der Glätte habe in Teerflecken auf der Fahrbahndecke beruht, weil zur Bindung verwandter Teeranstrich im Laufe der Zeit durch die Deckschicht an die Oberfläche heraufgedrückt worden sei« Der Ver- Der Beklagte sei kraft seiner Verkehrssiche-rungspflicht allerdings gehalten gewesen* nach Auftreten und Feststellung dieser Teerflecken die geeigneten Maßnahmen zu treffen» Eine schuldhafte Verletzung dieser Pflicht sei jedoch nicht nachgewie-sen» Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme seien die-se Teerflecke erst im Spätsommer I960 feststellbar gewesen» Der Beklagte habe hinreichende Kenntnis von der gefährlichen Glätte erst durch das Schreiben der Kreispolizeibehörde vom 18» November i960 erhalten* worauf am 2» Dezember I960 eine Orts^esichtigung und Besprechung durchgeführt worden sei» Es sei dem Beklagten nicht zur Last zu legen, daß er nun die Aufrauhung der Fahrbahn nicht sofort durchgeführt ha>>e» Denn es hätte zunächst die Ursache für das Auftreten der Teerflecke erforscht und dann eine wirksame Abhilfe gesucht werden müssen» Die einzige wirksame und mögliche Gegenmaßnahme, nämlich Absplitten mit Diabas-Edelsplitt oder Aufbringen eines Oberflä-chenanstrichs (Hauhbelag) wäre mit Erfolg nur während der Sommerzeit bei warmen Wetter um 20 Grad möglich» Für die Übergangszeit bis zu dem Sommer 1961 sei der Beklagte in ausreichendem Maße seiner Verkehrssicherungspflicht durch die Häufung auffallender Warnungsschilder nachgekommen, weil damit jedem ii lichkeit eines Unfalls auch dann nahelegt, wenn der Verkehrsteilnehmer bei zweckgerechter Benutzung eine vorhandene Gefahr nicht oder nicht rechtzeitig erkennen kann, sich also auf sie nicht ohne weiteres einzustellen oder einzurichten vermag« Dabei ist eine Häufung von Unfällen ein wichtiges Anzeichen für das Vorhandensein einer Gefahr„ Wird eine solche Gefahr festgestellt, dann muß der Träger der Verkehrssicherungspflicht die erforderlichen Maßnahmen zur Beseitigung der Gefahr ergreifen« Der Pflichtige muß also den Verkehrsteilnehmer vor den von der Straße ausgehenden Gefahren nicht nur warnen, sondern schützen« Dazu muß er grundsätzlich die erforderlichen baulichen Maßnahmen ergreifen und dafür sorgen, daß sich die Straße für die Zukunft in einem dem regelmäßigen Verkehrsbedürfnis genügenden Zustand befindet (BGH Urteil vom 3o Mai 1962 - III ZR 168/60 = VersR 1962, 665 = BGH Warn 1962 Nr« 107; Urteil vom 28« Mai 1962 - Ill ZR 38/61 = BGHZ 37, 165}- Der Pflichtige darf sich mit der Anbringung von Schildern und Warnungszeichen nur ausnahmsweise begnügen, wenn dadurch die Gefahr wirklich beseitigt wird« Falls der Pflichtige den gefährlichen Zustand durch bauliche Maßnahmen aus tatsächlichen oder rechtlichen Gründen nicht alsbald beseitigen kann, ist er jedoch verpflichtet, bis dahin Warnungsschilder anzubringen (BGH Urteil vom 8« April 1957 - III ZR 66/65 = DM BGB § 623 Ea Kr. 8; Urteil vom 7» Januar I960 - III ZR 58/59 = VersR I960, 237; Urteil vom 11« Juli 1960 gchilder müssen inhaltlich richtig und eindeutig sowie äußerlich schnell faßbar sein;, so daß ihre Bedeutung durch einen beiläufigen Blick erkannt wird, also ein aufmerksamer mit den Verkehrsregeln vertrauter Kraftfahrer trotz schnellen Fahrens diese Schilder mit einem beiläufigen Blick erfaßt, um seine Fahrweise vor der Gefahrenstelle noch rechtzeitig darauf einstellen zu können (BGH Urteil vom 17. Dio Angriffe der Revision hiergegen bleiben ohne Erfolg« Sie hat nicht auf zeigen können , warum der Beklagte schon früher diese Kenntnis von der besonderen Gefährlichkeit und ihrer Ursache haben konnte oder haben mußte« Der Beklagte hatte Kontrollfahrten durchgeführt, ohne daß nachgewiesen ist, er habe die Mängel, die nur bei Regen in Erscheinung traten, erkennen müssen« Dann liegt darin, daß er nichts unternahm, bis die Polizei auf Grund ihrer Verkehrsüberwachung und der Auswertung von Unfallanzeigen sie auf Gefahrenstellen aufmerksam machte, keine schuldhafte Amts-Pflichtverletzung« Die Behauptung der Revision, zwischen November I960 und Mai 1961 sei Zeit genug gewesen, um die nur zwei Tage benötigende Aufrauhung vorzunehmen, ist gegenüber den gegenteiligen Feststellungen des Berufungsgerichts unerheblich, weil die Revision Verfahrensrügen insoweit nicht erhoben hat« Die ungewöhnliche Glätte stand entweder hei der Verkehrshesprechung am 2* Dezember I960 fest oder hätte wegen der zahlreichen zu dieser Zeit dem Beklagten bekanntgewordenen Unfälle auf dieser Straße jedenfalls festgestellt werden können und müssen«, Die Revision rügt mit Recht für diesen Zeitpunkt eine Sorgfaltsverletzung des Beklagten* weil der Beauftragte des Landesstraßenbauamtes * der Inspektor Kr^^* in dieser Besprechung trotz des Berichtes der Polizei und einer örtsbesichti-gung noch zu dem Ergebnis kam, eine Glätte liege überhaupt nicht vor und eine Aufrauhung sei nichtr*vertretbar” 0 Die Kostenfrage* an die der Beamte dabei möglicherweise gedacht hat* spielte keine Rolle„ Denn der Beklagte hat unstreitig später von der Bau-firma eine kostenlose Aufrauhung erreicht. Der Pflichtige* der eine Gefahrenstelle* also hier eine auffallende Glätte bei Nässe feststellt* muß allerdings zunächst den Ursachen dieser Gefahrenstelle nachgeheno Wenn der Inspektor Kr||D zu dieser Peststellung nicht in der Lage war* hätten sachkundige Vertreter zu der Besprechung entsandt oder alsbald weitere Ermittlungen angestellt werden müssen« Gewiß darf bei dieser Prüfungspflicht nicht ein für wissenschaftliches Arbeiten üblicher Maßstab angelegt werden* jedoch müssen bei auffallenden Besonderheiten erforderlichenfalls sachkundige Personen für die Feststellung zugezogen werden* ob der Zustand eine Gefahr bedeutet (BGH Urteil vom 28« Februar 1966 - III ZR 168/64 = BGH Warn 1966 Nr. 51 -VersR 1966* 583)« Dieselbe sorgsame Prüfung ist Es ist nicht festgestellt, oh hei der Besprechung der Hergang der 13 Unfälle aus der Zeit vom Io Januar bis 30* September I960 im einzelnen erörtert wurde und warum man nicht für die vorangegangene Zeit die weiteren Unfälle ermittelt hat0 Es hätte weiter nahegelegen, anhand aller polizeilichen Unfallakten die Verletzten zu befragen, soweit sie schnell erreichbar waren„ Es drängte sich ferner auf, die Anlieger des gefährlichen Straßenstücks anzuhören« Dann hätten die Teilnehmer der Besprechung bereits damals die auffallenden Bekundungen der Anwohner dieser Kurve und insbesondere die Aussage de3 sachkundigen Zeugen RiflB zur Kenntnis nehmen können, der unmittelbar an der gefährlichen Kurve wohnt und im Straßenbau erfahren ist0 Er hatte u0a0 bekundet, daß er seit Sommer i960 das an die Oberfläche getretene Bindemittel bemerkt habe; die Straße sei bei Nässe infolgedessen so ungewöhnlich glatt gewesen, daß er auch als Fußgänger einmal ausgerutscht und gestürzt sei; bei Nässe hätte man höchstens mit 30/40 km fahren dürfen; er als Fachmann habe zwar die ungewöhnliche Glätte erkannt, ein 1-aie habe sie aber nicht erkennen können0 Sein Sohn habe in dieser Kurve insgesamt 54 Unfälle gezählte Hinzu kam, daß es sich um eine neue, vorzügliche und “breit ausgehaute Straße handelte, die zu dem schnellen Pahren verleitete» Bas Berufungsgericht mußte dann weiter feststellen, wann dem Beklagten bei Anstellung dieser sachgemäßen Ermittlungen die Ursache der Glätte hätte erkennbar sein können, und welche Sofortmaßnahmen nötig waren, um die Gefahr zu beseitigen, die durch das Hochdringen von Teer und der dadurch verursachten besonderen Glätte bei Nässe entstand» Zwar mußte die auffallende Häufung der Warnungszeichen seit dem 20» April 1961 durch vier schnell folgende Schilder auf zwei Kilometer an einer geraden und breiten neuen Straße jeden Kraftfahrer auf eine besondere Gefahr aufmerksam machen» Der Revision ist aber zuzugeben, daß diese Warnungszeichen teilweise ungenau waren» Benn das zweite Schild durfte unbeachtet bleiben, wenn kein Seitenwind war; er lenkte sogar von der wirklichen Gefahr ab» Bie drei Schilder mit dem Hinweis auf Schleudergefahr ließen nicht erkennen, wie stark die Schleudergefahr war und wann sie auftrat» Bas Berufungsgericht mußte zu klären versuchen, welche Geschwindigkeit ein Kraftfahrer einhalten mußte, um bei dem damaligen Zustand die Kurve bei Nässe gefahrlos zu durchfahren» Benn nur danach konnte sich die zulässige Geschwindigkeit richten» Palls die Auffassung des Zeugen Rifll zutraf, daß ein Kraftfahrer hier eine Geschwindigkeit von 30 bis 40 Ion Jedenfalls durfte das Berufungsgericht ein Verschulden der Bediensteten des Beklagten noch nicht verneinen, bevor nicht festgestellt war, ob vor dem Io Mai 1961 dem Beklagten die genaue Ursache der Glätte hätte bekannt sein müssen, welche Sofortmaßnahmen zur wirksamen Abwehr dieser Gefahren bis zur Aufrauhung der Strecke nötig waren und welche Wirkungen diese Maßnahmen gehabt hätten, ob also der Unfall vom Io Mai 1961 durch diese zu demutbaren Maßnahmen verhindert worden wäre»