BGH · III ZR 30/64
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Ein vor dem Inkrafttreten des Gesetzes Inpfgeschädigter kann für die Zeit nach dem Inkrafttreten des Gesetzes Entschädigungsansprüche sowohl nach Uaßgabo dieses Gesetzes, also insbecondcro mit der Bcweiserleichtcrung des § 2 und unter Einhaltung der in § 10 vorgesehenen Prist, als auch einen Anspruch aus den allgemeinen Auf-cpfcrungsrecht des § 75 Einl.Preiiß.AIR geltend machen, letzteren Anspruch, ohne daß ihn die Bewcioerleichlerjrs, zur Gelte stünde, aber auch ohne eine Anmeldefrist cin-ha'iton zu müssen. Mai 1949 im Gebiet de3 beklagten Landes im Alter von 16 Monaten zu dem ersten Mal gegen Pockon geimpfto Nachdem sich wenige Tage nach der Impfung bei dem Kläger erhebliche Krämpfe, hohes Fieber, in der Folgezeit Gleichgewichtsstörungen eingestellt hatten, die eine dauernde ärztliche Behandlung und Überwachung erforderlich machten, blieb der Kläger körperlich und geistig deutlich hinter gleichaltrigen Kindern zurück, mußte zweimal von der Einschulung zurückgestellt werden und wurde schließlich im Jahre 1956 in eine Sonderschule aufgenommen, auf der er bis zur Schulentlassung Ostern 1962 blieb« Heute entspricht der Kläger in seiner geistigen Entwicklung etwa einem siebenjährigen Kind, kann selbst als Hilfsarbeiter nur in 3ohr beschränktem Umfang eingesetzt werden und ist nicht in der Lago, einen Beruf zu erlernen« Diese Entwicklungsschäden gehen auf dio Impfung zurück. Oktober 1959 mit der Begründung abgelehnt, die Anmeldefrist dos § 10 des nordrhein-westfälischen Impfachädengesetzes vom 10. Io Der Kläger ist an 12 „ Mai 1949 und damit inr'sinem Zeitpunkt geimpft worden, als das beklagte land bereits, gebildet, das von ihm erlassene Impfsohldengeset2 vom 10, Februar 1953 (G-VB1 S° 166), erst reoht. «Juli 1961 noch nicht in Kraft gssotzf' war:, Dasselbe gilt für den Zeitpunkt, in dem bei dem Kläger die Impfschaden aufgetreten sind<> Bas Berufungsgericht hat danach zutreffend nicht das Bundes-Seuchengesetz vom 180 li 1961 angewendeto ; :'Dieses Bundesgesetz, das in seinem § 51 einen Anspruch auf KntSchädigung demjenigengewährt,.der durch eine wange-ordnete oder;empfohlene Schutzimpfung einen überdas übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinauegehenden üesendheits*: schaden "erleidetH, läßt, nach Wortlaut und Sinn aus ammenhang; nicht, erkennen, daß es bereits vor:,;:seinem. können,, als das Gesotz die Galt end mac hung der Ansprüche vie-gon Impföchäden an Fristen knüpft (§ 56) und sich damit„ insbesondere für die Bundesländer, in denen ein Anspruch wegen Impfschaden bisher aus dem allgemeinen Aufopferungsrecht abgeleitet worden und an keine Frist geknüpft viar, dio Frage .aufdrängt, ob und welche Frist bei früheren l'mpf-schadensfällen zu wahren wäre. Januar 1963, das in seinem § 1 Nr. 3 durch Einfügung von § 51 Aba. 4 in das Bundeo-Seuchongesotz unter bestimmten Voraussetzungen Entschädigungsansprüche auch einer anderen als der geimpften Person zuerkennt, hat zwar in § 3 ausdrücklich den erwähnten § 51 Abs.4 auch für anwendbar erklärt, wenn die Impfung vor dem Inkrafttreten des Änderungsgesotzes stattgefunden hat, jedoch ohno insoweit eine Regelung hinsichtlich der Wahrung der Fristen dos § 56 des Bundes-Beuchengesetzes zu bringen; aus diosor nachträglich/zusätzlich unvollständigen Regolung kann keinesfalls hergeleitet werden, daß das Bunde3-Seuehon-gosetz hinsichtlich der Ansprüche der Impflinge auf Impfungen angewandt werden kann, die vor seinem Inkrafttreten statt-gefundon haben. Juni 1961 (NJW 1961, 2277) beschritten und angenommen, die Ansprüche des Klägers würden durch die Aua-Schlußwirkung, die das Landesgesetz der Nichtwahrung der in ihm vorgesehenen Anmeldefristen beilegt, deswegen nicht betroffen, weil die Anspruchsvoraussetzungen zweifelsfrei gegeben seien. AIR begründen, und damit geht, weil dieser Anspruch nicht wio der Entschädigungsanspruch nach dem Landesgesetz einer Anmolde-und Ausschlußfrist unterliegt, der Streit der Parteien darüber, ob dor Kläger die Klageforderung wegen Versäumung der Anmeldefristen des Landesgesetzes verloren hat, sowio der Vortrag der Revision, der diese Frage bejaht sehen will, ins Leere. Nachdem jedoch das Landgericht der Klago auf Grund des Bundes-SeuchengesetzeB stattgegeben und das beklagte Land mit seiner Berufung geltend gemacht hatto, für den Anspruch aus dem genannten Landesgesetz sei der ordentliche Rechtsweg nicht gegeben, auch habe der Kläger dio Anmeldefrist dieses Gesetzes versäumt, hat der Kläger als Klagegrund nicht nur das Landesgesetz herangezogen, sondern zu dem Ausdruck gebracht, daß er, wie dies die Regel ist, sein Klagebegehren unter allen in Betracht kommenden rechtlichen Gesichtspunkten gewürdigt wissen wolle. Was nun die Anwendbarkeit den allgemeinen Aufopferungs-rechto auf den gegenwärtigen Fall anlangt, so ist davon aus-augohen, daß nach § 10 Abs« 1 Satz 1 des Gesetzes vom 10. Februar 1953 Ansprüche nach diesem Gesetz auch geltend gemacht werden "können" (nicht "müssen") für Impfschädon, die vor dem Inkrafttreten des Gesetzes (1. Wie in dem Urteil weiter ausgeführt ist, hatte der Landosgosetz-geber keinen Anlaß, frühere ImpfSchadensfälle abschließend und erschöpfend zu regeln, weil so sich um verhältnismäßig wenige Fälle handelte und eine Regelung der Verbindlichkeiten Preußene, aus dessen Teilgebieten das beklagte Land hervor-gegangen ist, in absehbarer Zeit zu erwarten war (vgl. Februar 1953 III ZR 208/51 (BGHZ 9, 83) noch nicht ergangen war und die Rechtsprechung der Zubilligung eines solchen Anspruchs im Anschluß an die ständige reichsgerichtlicho Rechtsprechung im allgemeinen ablehnend gegenüberstand; es ging darum, angesichts jener Rechtsprechung den Impfgeschädigten von Gesetzes Wögen au 'helfen (vglo hierzu' lament lieh', Landtag Leiürhein— Westfalen 2« Wahlperiode,,, Drucksache Rr« 7405 Irotokolle 'V des Sozialausschusses vom 4= Juli 1952 - 75« Sitzungj von .19« September 1952 - 82« Sitzung5 vom 3« Oktober 1952 - 83« Sitzung 1 vom 7« lovember 1952 - 18, Sitzung} liedereehTiftop über die 1« Lesung des Impfschädengesetze3 im Landtag51« Sitzung .vom 12« Mai 1952 ~ und 2„ Losung - 68« Sitzung v033 3o Dezember. : schädengeset zes gleichsam' als Ob era atz Ansprüche für Impf--, Schäden, die Vor dem Inkrafttreten des Gesetzes eingetreten sind, gewährt, ged0eh nicht für die Vergangenheit (Satz 2); or hat aber nicht, vveder für die Vergangenholt noch für dio . Gesetzes , also insbesondere mit der Be— weiserleichterung des § 2 und unter Einhaltung der in § 10 .vorgesehenen Frist, als auch einen Anspruch aus dem allgemeinen Aufopferungsrecht des § 75 Einlolreuio ALR geltend machen, letzteren Anspruch, ohne daß ihm die Beweiserleichip* rung zur Seite stünde, aber auch ohne eine Anmeldefrist Ist aber dem Kläger ein Aufopferungsanspruch nach § 75 JEinloPreußoAIE erwachsen und steht ihm dieser, wie ausgo-führt, noch heute zu, dann kann das Revisionsgericht aus dieser Überlegung das verurteilende Ergebnis des Berufungsgerichts als gerechtfertigt bezeichnen.