BGH · III ZR 18/64
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Die vorliegende Restitutionsklage, die am 5» Januar 1961 bei dem Oberlandesgericht (§ 584 Abs» 1 ZPO) eingereicht und am 14» März 1961 zugestellt worden ist, richtet sich gegen das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 28» April I960 - III ZR 176/59 -? Juli 1957 den angeblichen Vorschlag, den Vorstand der Volksbank BflHMP (unter Ausschluß des Klägers) anders zu besetzen, nicht gekannt und habe die Bankerlaubnis für ein Kreditinstitut unter seiner, des Klägers, Leitung - wie in dem ursprünglichen Anträge vom 31® Oktober 1955 vorgesehen -erteilen wollen und erteilt® Der Kläger hat beantragt, das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 28® April I960 hinsichtlich des Betrages von 2®500®— DM aufzuheben und den beklagten Freistaat zur Zahlung dieses Betrages nebst 4 $ Prozeßzinsen zu verurteilen® Dem Anträge des Beklagten entsprechend hat der 1® Zivilsenat des Oberlandesgerichts die Klage mit Urteil vom 18® Mai 1961 als unzulässig abgewiesen, weil ein Restitutionsgrund nicht gegeben sei® Auf die Revision des Klägers hat der Bundesgerichtshof mit Urteil vom 4® Juni 1962 - III ZR 194/61 - das angefochtene Urteil aufgehoben und die Sache zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung an den 5® Zivilsenat des Oberlandesgerichts zurückverwiesen o In dem jetzt angefochtenen Urteil vom 3® Dezember 1963 ist das Öberlandeagericht - wenngleich nunmehr aus dem Grunde, die Prozeßfähigkeit des Klägers sei nicht nachgewiesen, - wieder zu dem früheren Ergebnis gelangt® Mit der Revision beantragt der Kläger, das Urteil des Oberlandesgerichts aufzuheben und die Sache zur erneuten Io lo) Dem Oberlandesgericht, das nach der Zuruckverweisung der Sache zunächst sachlich über den Restitutionsgrund verhandelte, wurde bekannt, daß ein medizinisches Gutachten in einem Strafverfahren wegen Beleidigung und Bedrohung gegen den Kläger dessen strafrechtliche Ver~ antwortlichkeit verneint habe0 Die daraufhin herangezogenen gutachtlichen Äußerungen des Landgerichtsarztes beim Landgericht Bamberg, Regierungs-Medizinaldirektor Lro Eisen, vom 20 November 1962 - erstattet in der Strafsache 3 c Ms 53/59 -9 vom 16» April 1963 - erstattet in der Strafsache 4 c Ja 533/61 - mit Ergänzung vom 12o Juni 1963 sprachen sich dahin aus, daß der Kläger seit Jahren einer pathologisch zu wertenden paranoiden Entwicklung unterliege, die eine auf den Inhalt der Querulanz begrenzte Geschäftsunfähigkeit und Zurechnungsunfähigkeit zur Folge habe» Mit der vorbereitenden Verfügung vom 19» Juni 1963 wies der Vorsitzende des 5o Zivilsenats des Oberlandesgerichts die Prozeßparteien darauf hin, daß auch für den Senat begründete Zweifel an der Geschäftsfähigkeit und Prozeßfähigkeit des Klägers beständen, und gab dem Kläger - unter Hinweis darauf, daß Unklarheiten zu seinen Lasten gehen und zur Prozeßabweisung führen könnten, - anheim, bis zu dem 21o September 1963 Beweis für seine Prozeßfähigkeit zu erbringeno Auf diese Verfügung, die für den Kläger in prozessual zulässiger Weise (§ 87 Abs» 1 ZPO; HGJW 1932p 109) dem Rechtsanwalt zugestellt wurde* Der Vorsitzende habe prozeßleitend den Kläger auf die Bedenken des Senats hingewiesen und ihm zur Beweisführung eine angemessene Frist bis zu dem 21» September 1963 gesetzt» Diese Verfügung sei für den Kläger dem Rechtsanwalt H||HH zugestellt worden , dem der Kläger zwar schon am 22» April 1963 das Mandat entzogen habe; jedoch sei die Zustellung prozessual wirksam erfolgt, weil der Kläger erst am 30. Denn selbst wenn Zweifel an der Prozeßfähigkeit des Klägers bestehen - diese Zweifel mögen sich gegenüber dem Sachstande bei Erlaß des angefochtenen Urteils durch die inzwischen erstatteten Gutachten des Direktors der Universitäts-Nervenklinik in vom 21. Das entspricht allgemeiner Rechtsanschauung (vergib RG Warn Rspr» 1908, Kr«, 182, 241; RG JW 1917, 295, 297; BGHZ 18, 184, 189; Rosenberg, Lehrbuch, 9* Aufl» § 43 III 4 So 189; Wiec-zorek ZPO zu § 56 Anm» A II b; Sydow-Busch ZPO 22• Auflo zu § 56 Anm» 2) 0 Allerdings hat der Kläger selbst in der mündlichen Verhandlung vor dem erkennenden Senat vorgetragen, das Amtsgericht in Bamberg habe in dem dort anhängigen Entmündigungsverfahren 3 E 6/64 kürzlich seine Entmündigung wegen Geistesschwäche beschlossene Der Kläger hat jedoch behauptet - ohne daß der Vertreter des beklagten Preistaats hierzu eine Erklärung abgeben konnte der die Entmündigung aussprechende Beschluß sei ihm bislang nicht zugestellt worden» Insoweit handelt es sich um neuen Tatsachenvertrag, der auch im Revisionsrechtszug bei der Prüfung der Prozeß- und Rechtsmittelvoraussetzungen zu beachten ist (l»M zu ZPO § 56 Nr. 1 )o Jedoch besagt auch die Berücksichtigung dieses neuen Vertrages nichts gegen die Zulässigkeit der Klage oder der Revision0 Denn die Entmündigung wegen Geistesschwäche tritt erst mit der Zustellung des Beschlusses an den Entmündigten in Wirksamkeit (§ 661 Abs» 2 ZPO)» teils in jeder Lage des Verfahrens von Amts wegen zu berücksichtigen (§ 56 ZPO)o Dieser Prüfung war das Oberlandesgericht nicht deshalb enthoben, weil der erkennende Senat in seinem Urteil vom 4« Juni 1962 - III ZR 194/61 -ausgeführt hatte, er habe durch die persönliche Anhörung des Klägers die Überzeugung gewonnen, daß der Kläger "gegenwärtig" Vorhaltungen zugänglich sei und sich vernünftigen Erwägungen nicht verschließe0 Denn abgesehen davon, daß diese Ausführungen nicht unmittelbar zu der für das weitere Verfahren bindenden rechtlichen Würdigung gehören, welche der Aufhebung des damals angefochtenen Urteils zu Grunde liegt (§ 565 Abs» 2 ZPO), hat der Senat - wie aus der Passung deutlich hervorgeht - die Prozeßfähigkeit, die damals nicht in Streit war, lediglich aufgrund der damals gegebenen Prozeßlage erörtert« Eine Änderung der tatsächlichen Grundlagen mußte im weiteren Verfahren allen zur Entscheidung berufenen Gerichten und damit auch dem Berufungsgericht Veranlassung geben, die unverzichtbare Prozeßvoraussetzung der Prozeßfähigkeit erneut zu prüfen (vergl* BGHZ 22, 570; LM zu KRG 2 Nr. 2K Hinreichender Anlaß hierfür waren die dem Oberlandesgericht im Ergebnis bekannt gewordenen und dann herangezogenen gutachtlichen Äußerungen des Landgerichtsarztes in Bamberg, deren Verwertung im Rahmen des Preibeweises (vergl<> LM zu ZPO § 56 Nr» 1) unbedenklich isto Das verkennt die Rüge der Revision, es fehle überhaupt an einem Sachverstandi-genböweich im Sinne der §§ 402 ff ZPO» Fehlt es hiernach an einer Bindung des Oberlandesgerichts in der Frage der Prozeßfähigkeit, so liegt auch eine Rückbindung des erkennenden Senats - sei es nach § 516 ZPO oder entsprechend § 565 AbSo 2 ZPO - nicht vor» 189)o Ergeben sich jedoch ernstliche Zweifel an der Prozeßfähigkeit einer Partei, so darf das Gericht dem Rechtsstreit, soweit er auf den Erlaß einer Sachentscheidung gerichtet ist, nicht Fortgang geben, sondern muß zunächst die Frage der Prozeßfähigkeit als Voraussetzung für die Zulässigkeit einer Sachentscheidung von Amts wegen prüfen (LM zu ZPO § 56 Kr* 7)» Rechtlich bedenkenfrei konnte das Öberlandesgericht Anlaß hierzu in den gutachtlichen Äußerungen des Landgerichtsarztes in Bamberg finden» Daraus ergab sich für cas Oberlandesgericht die Notwendigkeit, die der Parteidisposition entzogene Frage der Prozeßfähigkeit (§ 295 Abs» 2 ZPO) zu prüfen, zu erörtern (§ 139 ZPO) und sich vor seiner Entscheidung - auf jede mögliche Weise ohne Bindung an prozessuale Beweisvorschriften (verglo Rosenberg, Lehrbuch, 9° Aufl» § 43 III 3 So 188) - die Überzeugung zu bilden, ob Prozeßfähigkeit zu bejahen oder zu verneinen sei (Stein-Jonas-Schönke ZPO 18o Auflo Vorbemo III 4 c vor § 128)» Dieser Bildung einer Überzeugung bedarf es - ohne daß damit die Frage der Beweislast angesprochen wäre -, weil das Gericht im Falle der Prozeßfähigkeit (oder des Vorliegens einer sonstigen streitigen Prozeßvoraussetzung) eine Sachentscheidung nicht verweigern, im Falle ihres Mangels aber eine Sachentscheidung nicht treffen darfo Das angefochtene Urteil läßt nicht erkennen, ob das Oberlandesgericht sich dieser Notwendigkeit vollen Um- fanges bewußt war» Die Entscheidungsgründe beginnen damit, daß das Gericht nach dem Gutachten des Landgerichtsarztes, Medizinaldirektor Dr» Eisen, uernstliche Bedenken” gegen die Prozeßfähigkeit des Klägers habe, sie führen weiter an, daß der Kläger - trotz der vorbereitenden Ver-füguhg vom 19 o Juni 1963 und des Hinweises des Vorsitzenden in der letzten mündlichen Verhandlung - Beweisangebote nicht nachgeholt und fachärztliche Gutachten nicht vorgelegt habe, und schließen damit, daß dem Kläger der Beweis seiner Prozeßfähigkeit nicht gelungen sei» Im Zusammenhang gelesen, ergeben die Entscheidungsgründe, die weder die gutachtlichen Äußerungen von Dr» Eisen, noch das Prozeßverhalten des Klägers inhaltlich würdigen, auch nicht erkennen lassen, ob das Oberlandesgericht sich der Begutachtung von Dr» Eisen anschließt oder nicht, daß das Oberlandesgericht Zweifel an der Prozeßfähigkeit des Klägers habe und der Kläger diese Zweifel nicht ausgeräumt habej sie begründen damit nicht eine Überzeugung des Gerichts vom Pehlen der Prozeßfähigkeit, sondern lassen letzten Endes die Frage, ob der Kläger prozeßfähig ist oder nicht, unentschiedene Der Obersatz und rechtliche Ausgangspunkt, den das angefochtene Urteil (Bio 5 der Urteilsausfertigung) seiner Prüfung voranstelltt “Bleibt die Frage der Prozeßfähigkeit unentschieden, so geht dies zu Lasten des Klägers“, ist unrichtig, wenigstens mißverständlichj er findet auch in der vom Oberlandesgericht angeführten Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGHZ 18, 184) keine Stütze» Der Leitsatz 2 dieser Entscheidung lautet: In den Gründen dieser Entscheidung (a„a.O. So 189) heißt es allerdings, es gehe zu Lasten der ein Sachur-teil begehrenden Partei, regelmäßig des Klägers, wenn über die Präge der Prozeßfähigkeit "keine Gewißheit zu erzielen sei“ ; jedoch setzt diese Beweisregel - wie auf der folgenden Seite (aoUoOo So 190) ausgeführt ist -voraus, daß sich "auch nach der Erschöpfung aller Beweismöglichkeiten" nicht klären läßt, ob die Partei prozeßfähig isto Die Entscheidung in IM zu ZPO § 56 Nr0 7 spricht im gleichen Zusammenhänge von einer "Erschöpfung aller erschließbaren Erkenntnismöglichkeiten"ö Liese Voraussetzungen lagen hier nicht vor0 Selbst wenn das Oberlandesgericht sich nicht veranlaßt sah, von der in sein Ermessen gestellten Möglichkeit des § 144 ZPO Gebrauch zu machen, hätte es sich schlüssig werden müssen, ob die im Freibeweis verwertbaren zugänglichen Unterlagen (verglo LM zu ZPO § 56 NrQ 1) - die gutachtlichen Äußerungen von Lrö Eisen, weiter aber auch die in der Hauptverhandlung des Strafverfahrens 3 c Ms 53/59 erstatteten Gutachten Br« Gerloff und Lr» Eisen, auf die der Kläger •zv.er in einer privatechriftlichen Eingabe, im lahmen des Preibeweises und der Pflicht des Gerichtes, allen Anregungen, woher sie auch kommen mögen, nachzugehen, jedoch zu berücksichtigenden Art hingewiesen hatte, das Prozeß-verhalten des Klägers und seine aus zahlreichen persönlichen Eingaben ersichtliche Geisteshaltung, schließlich der im Urteil des erkennenden Senats vom 4» Juni 1962 - Ill ZR 194/61 - niedergelegte persönliche Eindruck -, abgewogen an dem Erfahrungssatz, daß der nicht entmündigte Erwachsene regelmäßig geschäftsfähig ist (BAG NJVY 1958, 1699; Rosenberg, Beweislast, 3° Aufl» § 32 III 1 c So 388), die Bildung einer Überzeugung ermöglichten, also ausreichen könnten, die Prozeßfähigkeit zu bejahen oder zu verneinen, oder ob gleichwohl ernstliche und begründete Zweifel bestehen blieben„ Bas angefochtene Urteil läßt nicht erkennen, daß das Oberlandesgericht diese Notwendigkeit erkannt und eine solche Würdigung vorgenommen hätte« Es hat die Gutachten von Ir» Eisen nicht inhaltlich gewürdigt und sich nicht zu eigen gemacht, sondern begründet lediglich aus der Tatsache, daß Dro Eisen im Strafverfahren ein Gutachten dahin erstattet hatte, der Kläger leide an einem die Verantwortlichkeit im Komplex ’’Volksbank Bamberg” ausschlics-senden Querulantenwahn, die Entstehung von Bedenken gegen die Prozeßfähigkeit des Klägers» Sein Standpunkt, es sei ausschließlich Sache des Klägers gewesen, die entstandenen Zweifel auszuräumen, verkennt einmal die Aufgaben des Gerichts nach § 56 ZPO, zu dem anderen aber den Grundsatz, daß die Frage der Beweislast nur dort entstehen kann, wo die vorhandenen Erkenntnisquellen nach gewissenhafter Prüfung zur Bildung einer Überzeugung nicht ausreichen» Keinesfalls durfte das Berufungsgericht die Frage der Prozeßfähigkeit ’’unentschieden” lassen, also von einer Würdigung der zugänglichen Unterlagen absehen, und zu Lasten des Klägers eine Beweis-lastregel anwenden, deren Voraussetzungen nicht gegeben waren, solange die zugänglichen Erkenntnisquellen nicht erschöpft waren« 282); es ist erforderlichenfalls zur eigenen Beweiserhebung im Wege des Freibeweises befugt und auch der erkennende Senat hat von dieser Befugnis schon Gebrauch gemacht (Urteile vom 3° Oktober I960 - Ill ZR 60/59 und III ZR 61/59 - sowie vom 28„ Februar 1963 - III ZR 157/61 ~) <> Jedoch besteht eine prozessuale Pflicht des Revisionsgerichts in dieser Hinsicht nicht; es kann vielmehr, falls für die Feststellung der Prozeß-fähigkeit ausreichende tatsächliche Unterlagen fehlen oder diese Feststellung eine umfangreiche, rein tatrich-terliche Abwägung erforderlich machen wurde, die Sache zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung an das Be-rufungsgericht zurückverweisen (vglo RG Urteil vom 5o Juli 1922 - V 392/22 - Nachschlagewerk zu ZPO § 565 Nro 49)o Das ist hier angebrachte Seit dem Erlaß des angefochtenen Urteils ist eine Reihe von Unterlagen erwach-sen und zugänglich geworden, an denen die Entscheidung über die Prozeßfähigkeit nicht Vorbeigehen kann® Es sind dies gung ausreicht oder ob es - das ist in erster Linie das Anliegen der Revision - weiterer Begutachtung bedarf9 setzt eine umfangreiche tatricht erliche Prüfung voraus 9 die nicht Sache des Revisionsgericht sein und diesem hier umso weniger zufallen kann, als mit;.