BGH · III ZR 216/66
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Dor III, Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung von 14 o Juli 1969 unter Mitwirkung des Senatspräoidentcn Dr« Pagendarm sowie der Bundesrichter Dr« Kreft, Dr. Arndt, Dr, Beyer und Keßler für Recht erkannt: Die Revision der Beklagten gegen das Urteil des 3« Zivilsenats des Oberlandesgeriehts in Köln - als Schiffahrtsobergericht - vom 28« Januar 1966 wird zurückgowiesen« Sie stützt den Klageanopruch in erster Linie auf § 22 Abs» 2 des Y/asscrhauohalt3gesetzes vom 27* Juli 1957 (BGBl I 1110 ff) - WHG - und behauptet, durch das ausgelaufene öl sei das Wasser des Kanals nicht nur erheblich verschmutzt, sondern auch physikalisch und biologisch verändert worden» Dadurch sei die Betriebssicherheit der Schlcuoenanlagcn und die Sicherheit der Schiffe gefährdet worden; beim Anoaugen von Kühlwasser habe öl in die Schiffsmotoren gelangen und Explosionsgefahr entstehen können» 2ur Abwendung dieser vielseitigen Gefahren habe die Wasserstraßcnverwaltung die fraglichen Maßnahmen treffen müssen« Die Beklagte sei alo Eigentümerin des Tankkahns , der eine Anlage zur Beförderung wassergefährdendor Stoffe im Sinne des Gesetzes darstelle, verpflichtet, der Klägerin für die durch ihre Maßnahmen entstandenen Kosten Schadensersatz zu leisten» Hilfsweise wird die Klage auch auf ungerechtfertigte Bereicherung und Geschäftsführung ohne Auftrag gestützt mit der Behauptung, die Beklagte sei sowohl gemäß § 1004 BGB wegen der von ihrem Eigentum ausgegangenen Störung alo auch gemäß § 20 des Preußischen Polizeiverwaltungsgesetzes verpflichtet gewesen, das ausgelaufene Öl zu beseitigen und die seitens der Klägerin an ihrer Stelle getroffenen Maßnahmen zu dem Schutze der Schleuse und der Schiffahrt durchzuführen» Bafür spricht einmal der Schutzzv/eck des § 22 Abs. 2 WHG, mit dem es nicht zu vereinbaren wäre, nur für die Schäden Ersatz zu gewähren, die von ortsfesten Anlagen ausgehen, und den Ersatz gleichartiger Schäden auszuschlicßen, die durch nicht ortsfeste Einrichtungen, insbesondere Transportmittel, verursacht werden, obwohl hier die Gefahr eines Schadens schwerlich geringer, eher größer ist als bei ortsfesten Anlagen. Wenn sie gleichwohl meint, aus § 14 sei nichts für die Frage zu entnehmen, ob Tankschiffe als Anlagen anzusehen sind, weil die Bestimmung den Begriff “Anlage11 nur auf die jeweiligen Behälter und Tanks anwondc, nicht aber auf die Fahrzeuge selbst, so ist das nicht verständlich. Auch aus dem Wasser-haushaltsgesctz selbst ergibt sich, daß der Gesetzgeber unter "Anlagen" nicht nur ortsgebundene Einrichtungen versteht. 1 das Einbringen und Einlciten von Stoffen in Küstengewässer behandelt, wenn diese Stoffo 0 o , aus Anlagen, die in Küstengewäocern nicht nur vorübergehend errichtet oder festgemacht sind, eingebracht oder eingeleitet werden,, Eine vorübergehend fest-gemachte Anlage ist offenbar keine unbewegliche, Aus den Bestimmungen der §§ 19 a, 26, 34 und 38 WHO können entgegen der Ansicht der Revision gegenteilige Schlüsse nicht gezogen worden* Insbesondere gestatten dies die Bestimmungen der §§ 26 Abs, 2 Satz 2 und 38 Abs, 1 Ziff, 2 nicht, auf die die Revision besonders abhebt, weil sie besondere Tatbestände regeln und Rückschlüsse auf den Umfang des Begriffes ’’Anlage1' nicht gestatten, Der Meinung, eine physikalische Veränderung des V/assers komme nicht in Betracht, v/oil das öl nur auf dessen Oberfläche schwimme, ohne sich mit dem Wasser zu verbinden, kann nicht gefolgt werden. Wie das Berufungsgericht zutreffend hervorhebt, bezeichnet Abs, 2 des § 19 a V/HG, oingefügt durch das zweite Änderungsgesetz zu dem Y/HG vom 6, August 1964 (BGBl I 611), Rohöle, Benzine, Diesel-Kraftstoffe und Heizöle, zu denen das Gasöl zu rechnen ist, als wasser-gefährdendc Stoffo, die geeignet sind, Gewässer zu vorun- reinigen oder sonst in ihren Eigenschaften nachteilig zu verändern,, Een Umstand, daß die genannten Öle leichter sind als V/asser und auf diesem schwimmen, sieht der Gesetzgeber offensichtlich nicht als geeignet an, ihre schädliche Wirkung auf das V/asscr aussu3chließen0 § 22 Abs» 1 und 2 WHG stellt allerdings lediglich auf die Voränderung und nicht, wie § 19 a WHG, auch auf die Verunreinigung des Y/asscrs ab; der Unterschied ist jedoch in seiner praktischen Bedeutung gering, weil eine erhebliche Verschmutzung regelmäßig das Wasser auch in seiner physikalischen, chemischen oder biologischen Beschaffenheit veränderte Mit Recht hat deshalb das Berufungsgericht aus § 19 Q WHG ein Anzeichen für seine Ansicht entnommen, das ausgelaufene Gasöl sei geeignet gewesen, die physikalische Beschaffenheit dos Wassers zu verändern* Es bedarf keiner Erörterung, ob e3 nicht der Schutz-zv/eck des § 2 7*IIG gebietet, schon dann das Vorlicgen einer schädlichen Veränderung des Wassers anzunchmen, wenn entweder in ein Gewässer eine schwerere Flüssigkeit cindringt und dos Y/asser verdrängt oder aber eine leichtere Flüssigkeit, insbesondere Öl, die Oberfläche eines Gewässers in erheblichem Umfang überlagert„ Denn regelmäßig wird bei einem solchen Vorgang das Y/asser selbst nicht nur verdrängt oder bedeckt, sondern auch in seinen physikalischen, chemischen oder biologischen Eigenschaften verändert* Die Revision geht zu Unrecht davon aus, das leichtere öl habe sich mit dem schwereren V/asser nicht vermischen können* Es ist eine Erfahrungstatsache, die allgemein bekannt und daher auch vom Revisionsgericht zu berücksichtigen ist, daß schon sehr geringe Mengen Mineralöl einer vielfachen Monge Y/asser den ölgoschmack mitzuteilcn vermögen, daß also das geringere Gewicht des Öls einen schädlichen Einfluß auf das Y/asser nicht ausschließt* Abgesehen von der Frage, ob nicht wenig- stens Tolle des schwimmenden Öls durch Losung oder Diffusion, das ist die selbsttätige gegenseitige Durchdringung von Gasen oder Flüssigkeiten, die auch entgegen dem Gesotz der Schwere stottfindet, in das V/asser übergehen, tritt jedenfalls in gewissem Umfang eine mechanische Vermischung von öl und Wasser durch die natürliche Bewegung des Wassers wie durch die Schiffahrt, insbesondere die Bewegungen der Schiffsschrauben ein» Die Klägerin hot unwidersprochen vorgotragen, beim Ansaugen von Kühlwasser hätte Öl in die Schiffsmotoren gelangen und Explosionsgefahr entstehen können«, Unter diesen Umständen wäre es, wie das Berufungsgericht zutreffend ausführt, eine formale und dom Zweck dos Gesetzes nicht entsprechende Auslegung, wenn man annähme, die weitgehende Bedeckung des Kanalwassers mit aue-geflossenen öl stelle nicht auch eine - teils bereits cin-gotrotenc, teils ohne Gegenmaßnahmen mit Sicherheit sich verstärkende - schädliche Veränderung des Kanalwassers selbst dar«. 3» Wie das Berufungsgericht zutro'ffond ausführt, begründet § 22 WHG eine Gefährdungshaftunga Die Haftung der Beklagten entfällt nicht, wie die Revision meint, deshalb, weil das Öl ohne jedes Zutun der Beklagten ausgeflossen sei» Andoro als im Falle des § 22 Abs» 1 WIIG tritt die Haftung nach dessen Absatz 2 auch dann ein, wenn die schädlichen Stoffe nicht in das V/asser oingebracht oder einge-leitet werden, sondern sonstwie hinoingclangen«, Das folgt aus dem klaren Wortlaut der Bestimmung (vgl« Sieder-Zcitlcr Y/HGr § 22 Anm, 53)o Die Haftung entfällt lediglich dann, wenn der Schaden durch höhere Gewalt verursacht ist (§22 Abs, 2 Satz 2 WHG), Daß der Zusammenstoß auf höherer Gewalt beruht habe, macht auch die Revision nicht geltend; er stellt kein außergewöhnliches Ereignis dar, wie es Voraussetzung für das Vorliegen höherer Gewalt ist (BGHZ 1, 17, 20; 7, 338, 339; 47, 1, 8; Laronz VcrsR 1963, 593, Da der Gesetzgeber gleichwohl die Haftung aus § 22 Abs, 2 WHG nur für den Pall der höheren Gewalt auscchließt, würde der an das Gesetz gebundene Richter seine Befugnisse überschreiten, wenn er entgegen dem klaren Geootzeswortlaut unabwendbaren Zufall zu dem Ausschluß der Haftung genügen ließe. auo dem Grunde, um zu verhindern, daß statt Hasser ein Y/asscr-Öl-Gemicch angesaugt ' wurde und Explosionsgefahr entstand» Soweit die Maßnahmen dem Zwecke dienten, Sperrvorrichtungen aufzustellcn und das von anderer Seite durchgeführtc Aufsaugen des Öls zu ermöglichen, gilt nichts anderes» Bio durch § 22 HHG begründete Pflicht, durch die Änderung der Y/asserbeschaffcnhoit verursachte Schäden zu ersetzen, umfaßt auch die Verpflichtung, für die Aufwendungen aufzukommen, die die Klägerin zur Abwehr solcher Schaden gemacht hat» Ihr obliegt gemäß § 1 Abs» 1 Ziffer 2 des Gesetzes über die Aufgaben des Bundes auf dem Gebiete der Binnenschiffahrt vom 15« Februar 1956 (BGBl II 317) die Abwehr von Gefahren für die Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs auf den Bundeswasserstraßen, auch auf dem Rhcin-Hernc-Kanal» Ihre Aufwendungen sind daher, wie das Berufungsgericht zu Recht ausführt und in der Zwischenzeit für einen ähnlichen Fall in dem bereits angeführten Urteil BGHZ 47, 1 anerkannt worden ist, eine adäquate Folge des von der Beklagten zu vertretenden Schadons-ereignisses» Inwiefern sich aus dem Erläuterungswerk von Y/itzel Y/HG § 22 Anm» 1 etwas Abweichendes ergeben soll, wie die Revision meint, ist nicht ersichtlich» Mit Recht hat daher das Berufungsgericht die Beklagte verurteilt, diese Aufwendungen zu ersetzen» Das Berufungsgericht lehnt die Ansicht der Beklagten ab, sie hafte auf Grund der Bestimmungen des Binnenschiffahrtsgesetzes nur beschränkto Es hält eine entsprechende Anwendung des § 4 BinnSchG, nach dem der Schiffseigner gegenüber bestimmten Ansprüchen nicht persönlich, sondern nur mit Schiff und Pracht (dinglich) haftet, auf die Ersatzansprüche aus § 22 WHG nicht für angängig und gelangt infolgedessen zu dem Ergebnis, auch die Anwendung des § 114 BinnSchG, nach dem den Schiffseigner unter bestimmten Voraussetzungen neben der dinglichen eine beschränkte persönliche Haftung trifft, komme nicht in Betracht» Bio Revision meint unter Hinweis insbesondere auf BGH3. Wert, don das Schiff beim Antritt der Reise hatte, unter die Schiffsgläubiger nach der gesetzlichen Rangordnung (§§ 102 - 109 BinnSchG) verteilt worden wäre; dabei wäre bis zun Beweis des Gegenteils anzunehnen, daß die Klägerin bei dieser Verteilung ihre vollständige Befriedigung erlangt hätte (§ 114 Abs» 2 BinnSchG) o Hier kann es keinen vernünftigen Zweifel unterliegen, daß der Wert der "OSHjjHfe" in maßgebenden Zeitpunkt den Anspruch der Klägerin weit überstieg; es ist nicht das Geringste dafür vorgetragen, daß die Beschränkung der persönlichen Haftung der Beklagten sich irgendwie auswirkon würde« Es ist daher davon auszugehen, daß die Beklagte für den eingeklagten Betrag in jedem Palle in voller Höhe persönlich haftet.