BGH · III ZR 195/59 vom 27.08.1959
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Kläger.M&acht nunmehr geltend, sofort nach seiner Ankunft im Lager in Bocholx habe er unter Hinweis darauf, er sei krank und lagerunfähig, den Lagerleiter Hf^um Einweisung nach Dortmund gebeten; dieser habe ihm zugesichert, das dafür Notwendige zu veranlassen, habe jedoch pflichtwidrig in dieser Beziehung nichts unternommen, auch im übrigen nicht irgendwie für die Entlassung des Klägers aus dem Lager und die Überweisung in eine Aufnahmegemeinde gesorgt; als Folge davon habe der Kläger an seiner Gesundheit weiteren Schaden erlitten und die verlangte Probezeichnung nicht anfertigen können,-wodurch sich seine Einstellung um neun Monate verzögert habe. 3-000 DM nebst Zinsen von dem beklagten Land, das nach seiner Meinung für die behauptete Pflichtwidrigkeit des Lagerleiters einstehen muß» Bas Berufungsgericht stellt darauf ab, ob der .Lagerleiter Bj^fP schuldhaft pflichtwidrig dem Kläger dadurch einen Schaden zugefügt hat, daß er ihn nicht früher der Stadt Dortmund zugewiesen hat* Dies verneint es mit einer Begründung, die den Rügen der Revision nicht standhält• Soweit das Berufungsgericht allerdings annimmt, eine vorzeitige Einweisung des Klägers nach Dortmund sei daran gescheitert, daß der Kläger nicht zu dem bevorzugt zu überweisenden Personenkreis gehört und die Stadt Dortmund ihr Übernahmesoll an Flüchtlingen bereits erfüllt gehabt habe, wird das angefochtene Urteil von der Revision nicht beanstandet und ist ein vom Revisionsgericht zu beachtender rechtserheblicher Irrtum nicht ersichtlich* Das angefochte-ne Urteil sagt aber weiter: Es habe die Möglichkeit bestanden, den Kläger außerhalb des Übernahmesolls der Stadt Dortmund zu überweisen, nämlich dann, wenn der Kläger eine Einwilligungserklärung der Stadt beigebracht hätte; darauf habe der Lagerleiter H^P den Kläger nicht hinge-wiesen; das könne ihm indessen nicht zu dem Vorwurf gemacht werden, denn ein solches Verfahren sei "erst im Jahre 1954 eingeführt”, dem Lagerleiter H^j^"nicht offiziell mitgeteilt ” worden und ”ihm möglicherweise überhaupt nicht bekannt” gewesen« Da diese Ausführungen nicht dahin verstanden werden können, es sei nicht feststellbar, ob der Lagerleiter von jener Überweisungsmöglichkeit Kenntnis gehabt habe, sondern dahin aufzufassen sind, daß sie eine Kenntniserlangung offenlassen, muß das Revisionsgericht zugunsten des Klägers davon ausgehen, daß Hoff von dieser Überweisungsmöglichkeit, mag sie ihm auch "nicht offiziell mitgeteilt” worden sein, gewußt hat. Damit stellt sich die Frage, ob der Lagerleiter gegenüber dem Kläger verpflichtet war, ihn auf diese Binweisungsmöglichkeit hinzuweisen, eine Frage, deren Beantwortung bei Hinzutreten der übrigen gesetzlichen Voraussetzung eine Haftung des beklagten Landes aus § 839 BGB, Arto 34 GG, auszulösen geeignet ist. Im Sinne dieser Rechtsprechung liegt die Annahme, daß ein Lagerleiter jedenfalls dann einem Flüchtling gegenüber verpflichtet ist, ihn im Interesse einer Verkürzung der La-gerzeit Uber die Möglichkeiten einer Einweisung, insbesondere Uber die Beibringung einer Einwilligungserklärung der Aufnahmegemeinde zu belehren, wenn dieser dem Lagerleben gesundheitlich nicht gewachsen ist, den Lagerleiter um eine alsbaldige Überweisung angeht, und wenn der Lagerleiter, wohin der Klagevortrag weiter zu gehen scheint, darum weiß, daß der Flüchtling, wie dies der Kläger von sich behauptet, eine Vorbedingung für seine berufliche Anstellung, hier die Anfertigung einer Probe Zeichnung, ln dem betreffenden Lager - anders als bei einer Oberweisung - nicht erfüllen kann» Freilich weist das angefochtene Urteil darauf hin, der Lagerleiter sei von jenem besonderen Einweisungsverfahren offiziell nicht unterrichtet worden» Daraus kann aber weder ohne weiteres geschlossen werden, daß das Verfahren nicht hätte dem Kläger bekanntgegeben werden, noch daß'der Lager-leiter hätte annehmen dürfen, er könne von einer Bekanntgabe Abstand nehmen. Gegen einen solchen-Schluß spricht das Schreiben, das ivon dem Arbeita- und Sozialminister des beklagten Landes am 6».August 1954 an den Kläger gerichtet worden ist und einen Hinweis auf eins Einweisungsmöglichkeit nach Beibringung der' städtischen Einwi 11 igungserklärung gibt. An der nach dem bisher Gesagten unumgänglichen Zurückverweisung der Sache an den Tatrichter ändert auch die vom Berufungsgericht des weiteren angestellte Brwägung nichts, es fehle an jedem Anhalt dafürV daß der Kläger bei einer früheren Überweisung nach Dortmund eine seiner Gesundheit zuträglichere Umgebung gefunden und rascher seinen Arbeitsplatz erlangt hätte» Das Berufungsgericht meint hierzu unter Heranziehung von Erklärungen, die der Kläger in dem der Klage vorangegangenen Armenrechts verfahren abgegeben hat, der Kläger hätte auch in Dortmund nur ein Unterkommen in einem Lager und keinen für die Anfertigung der verlangten Probezeichnung geeigneten Raum gefunden. Hach dem Tatbestand des Berufungsurteils hat der Kläger tatsächlich die Probezeichnung während seiner Lagerzeit in Dortmund fertiggestellt. mit einem anderen Flüchtling auf der Stuhe gelegen und die nötige Ruhe zur Arbeit gefunden» Zwar ist es grundsätzlich Sache des Tatrichters, ob er dieser oder der Sachdarstellung des Klägers im Armenrechts verfahren den Vorzug gibt» Wenn er sich aber in einem Falle wie hier über die eine Darstellung überhaupt nicht ausspricht, auch dem nicht Rechnung trägt, daß der tatsächliche Verlauf der Dinge (Einreichung der Probearbeit während der JLagerzeit in Dortmund) für diese Darstellung sprechen möchte, so ist seitens des Revisionsgerichts nicht auszuschließen, daß dem Tatrichter diese Darstellung entgangen ist und eine Bachentsprechende umfassende Beurteilung des Klagevorträges, die den Tatrichter möglicherweise zu einem der Klagepartei günstigeren Ergebnis hätte führen können, nicht stattgefunden hat» Das angefochtene Urteil wird daher von seiner Begründung nicht getragen» Bei dem gegenwärtigen Sachstand kann die Klage auch aus einem anderen Grunde nicht abgewiesen werden* ebensowenig läßt sich überblicken, wann die oben erwähnte besondere Überweisungsmöglichkeit eingerichtet worden und dem Lagerleiter bekannt geworden ist.