BGH · III ZR 192/56
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Bedienstete einer 'Umtauschstelle für Invaliden-Quittungskarten, der wahrheitswidrig behauptet, er habe keine neuen Quittungskarten vorrätig, und den Versicherten ausdrücklich auffordert, zur Vermeidung des Erlöschens der Versicherung nicht auf Quittungskarten aufgeklebte, nichtentwertete Beitragsmarken der Umtauschstelle zu übergeben, verletzt die ihm dem Versicherten gegenüber obliegende Pflicht, diesen beim Umtausch der Quittungskarten zu betreuen. Er wollte von der gesetzlich eingeräumten Möglichkeit, das Versäumnis nachzuholen und damit die Anwartschaft aus der Versicherung zu erhalten, innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Prist (31* Dezember 1952) Gebrauch machen» Ende des Jahres 1952 versuchte er in den Diensträumen der beklagten Innungskrankenkasse bei dem hierfür zuständigen Verwaltungssekretär St^HBI, einem Beamten der beklagten Kasse, seine alte Quittungskarte gegen eine neue umzutauschen erklärte ihm wahrheitswidrig, es seien neue Quittungskarten wegen der starken Nachfrage nach solchen nicht mehr vorrätig; er legte dem Kläger nahe, die von diesem mitgebrachten Beitragsmarken im Werte von 1 038 DLI der beklagten Kasse zu treuen Händen in Verwahrung zu geben, damit bei dem Eintreffen neuer Quittungskarten die Marken sofort nachgeklebt werden könnten und die Nachversicherungsfrist gewahrt würde. Die Landesversicherungsanstalt teilte dem Kläger mit, daß der von veruntreute Betrag nicht als ordnungsmäßige Leistung auf die freiwillige Versicherung des Klägers angerechneb werden könnte. Der Kläger verlangt von der Beklagten Schadensersatz für die von unterschlagenen Beitragsmarken im Werte von 1 038 DH, Die Beklagte beantragt Klagabweisung, Sie ist der Auffassung, daß StBHB* der nicht zur Entgegennahme von Geld und losen Versicherungsmarken berechtigt gewesen sei, bei der Annahme dieser Versicherungsmarken nicht in Ausübung einer ihm dem Kläger gegenüber obliegenden Amtspflicht gehandelt habe, sondern daß nur ein äußerer, aber kein innerer Zusammenhang zwischen dem Dienste des StBHB und der von diesem begangenen schädigenden Handlung bestanden habe« 1«) Das Berufungsgericht hat Ansprüche aus § 839 BGB in Verbindung mit Art-34 GG gegen die beklagte Innungskrankenlasse bejaht und ist dabei davon ausgegangen, daß der Ver-waltungssckretär S'NIHHBder Beklagten als Beamter im Sinne des Art«34 GG anzusehen ist, und daß ihm Amtspflichten dem Kläger gegenüber anläßlich der der beklagten Innungskrankenkasse zugewiesenen Einziehung alter und der Ausstellung neuer Versicherungskarten obliegen. Diese Auffassung, gegen die von der Bevision Bedenken nicht geltend gemacht werden, deckt sich mit der auch vom Beichsgericht (BGZ 156, 220 [229/30]; 165, 91 [99]) vertretenen Ansicht, daß die Bediensteten einer Innungskrankenkasse, soweit sie innerhalb des eigentlichen öffentlichrechtlichen Aufgabenkreises tätig 2.) Bas Berufungsgericht nimmt an, daß die von Straeter entfaltete Tätigkeit in einem inneren Zusammenhang mit dem dienstlichen Aufgabenbereich gestanden hat und damit äuch der innere Zusammenhang zwischen der beanstandeten Handlung (der Unterschlagung der vom Kläger an Straeter übergebenen Versicherungsmarken) und dem dienstlichen Aufgabenbereich des StflHHl (Einziehung alter und Ausgabe neuer Versicherungskarten) gegeben sei. Bas Berufungsgericht hat dazu festgestellt, der Beamte der Krankenkasse, habe dem Kläger vorgespiegelt, es seien keine Quittungskarten mehr vorhanden und er sei zur Annahme der losen Marken zwecks Wahrung der Nachversicherungsfrist berechtigt. vom Versicherten mit Versicherungsmarken beklebten Quittungskarten wiederum entgegenzunehmen und eine Bescheinigung d&ituber zu erteilen, Bas im vorliegenden Palle von dem Beamten der Krankenkasse eingeschlagene Verfahren sollte gerade der angeblichen Erfüllung dieser ihm obliegenden Pflichten dienen, die er vorgab, mangels Vorrätigseins neuer Quittungskalten nicht ohne weiteres erfüllen zu können * Es handelt sich also nicht, wie die Revision meint, um die unzulässige Entgegennahme von losen Versicherungsmarken durch den Beamten der Krankenkasse, die allerdings mit der der Krankenkasse übertragenen Aufgabe des Umtausches von Quittungskarten nicht in einem inneren Zusammenhang stand. Vielmehr wurde hier von < dem Beamten der Krankenkässe durch seine (unrichtige) Behauptung, neue Quittungskarten seien nicht vorhanden, er könne daher zur Zeit einen Umtausch von Quittungskarten nicht vornehmen - eine Erklärung, die unbestreitbar im inneren Zusammenhang mit seinem Bienst stand, weil sie sich unmittelbar auf die Erfüllung der ihm obliegenden Umtauschpflichten bezüg - auch die Verbindung zur Übergabe der losen Versicherungsmarken an ihn hergestellt. Der von dem Beamten der Krankenkasse den Kläger erteilte Bat war aber unstreitig falsch, denn er führte nicht dazu, daß die landesversi-cherungsanstalt sich diese in Marken überreichten Werte ohne weiteres als Beiträge auf die Invalidenversicherung des Klägers anrechnen lassen mußte; diese Wirkung konnte vielmehr erst dann eintreten, wenn die Märken ordnungsmäßig verwendet wurden, ein Pall, der nicht eintrat, weil der Beamte der Krankenkasse die Marken unterschlug. Die von der Ee-vision aufgeworfene Präge, ob die Annahme der Versicherungs-marken im vorliegenden Palle nur in einem äußeren oder auch in einem inneren Zusammenhang mit dem Amte steht, taucht hier also überhaupt nicht auf; vielmehr hat der Beamte der Krankenkasse seine ihm dem Kläger gegenüber obliegenden Amtspflichten durch Erteilung einer (bewußt) falschen Auskunft vorsätzlich verletzt. 3«) Schließlich rügt die Bevision Verletzung des § 254 BGB; sie führt aus, der Kläger habe gewußt oder er habe mindestens wissen müssen, daß er Versicherungsinaxken nur in Quittungskarten eingeklebt und entwertet dem Bediensteten der Krankenkasse habe übergeben dürfen* Biese Kenntnis oder dieses Kennenmüssen des Klägers hat das Berufungsgericht aber nicht übersehen« Es hebt.vielmehr ausdrücklich hervor, daß das Verhalten des Klägers als mitwirkendes Verschulden anzusehen sei (Urteil S«15)> Bie Bevision verkennt, wie sie ausdrücklich hervorhebc, nicht, daß die Schuldverteilung nach § 254 BGB an sich Sache des Tatrichters ist« Sie meint aber, das Berufungsgericht habe bei der Schuldabwägung nicht genügend berücksichtigt, daß die mit dem Umtausch der Invalidenkarten beauftragten Kassen sich nach der ganzen Organisation des Einzuges der Versicherungsbeiträge gerade dadurch vor Unterschlagung seitens ihrer Bediensteten hätten schützen wollen, daß angeordnet gewesen sei, nur eingeklebte und entwertete Marken dürften bei den ümtauschstellen abgeliefert werden; der Kläger habe gerade diese Organisation, die die Versicherung zur Vermeidung der Unterschlagung von Bargeld oder Versichenmgs-marken mit jener Vorschrift eingerichtet habe, durch sein Verhalten unwirksam gemacht und habe daher den Schaden überwiegend selbst verursacht« Bie Bevision hat dazu in der mündlichen Verhandlung noch ausgeführts Bie Anordnung, daß die Umtauschstellen nur entwertete, auf Quittungskarten aufgeklebte Marken annehmen dürften, solle der Versicherungsanstalt gerade die kassenmäßige Überwachung und Überprüfung der zahlreichen Umtauschstellen ersparen; das Versicherungsverhältnis beruhe auf gegenseitigen Leistungen und deshalb würde im Interesse der Vexwaltungsvereinfachung und der Vermeidung der Unterschlagung von Bargeld und nicht-entwerteten Marlcen dem Versicherten die Pflicht zu dem Aufkleben der Mar- Werde die Nichterfüllung dieser Pflichten des Versicherten nicht zu dessen Nachteil berücksichtigt, so bedeute das eine unzulässige Nichtberücksichtigung des Verwaltungsaufbaus der Versicherungsorganisation und enthalte einen Verstoß gegen die dem Versicherten mit Vorbedacht auferlegten Pflichten• Diese Erwägungen mögen zwar für den Begelfall zutreffen, bei dem der Versicherte entgegen der ihm auferlegten Pflicht vernachlässigt, die Marken auf die Quittungskarten zu kleben und zu entwerten und kein Bargeld und keine nicht-entwerte-ten Marken bei den Umtauschstellen abzuliefern» Sie greifen jedoch bei dem Sonderfall nicht durch, der nach den Feststellungen des Berufungsgerichts hier vorliegt, wonach der Bedienstete der beklagten Kasse den Kläger Uber das Vorhandensein neuer Quittungskarten getäuscht und ihn dadurch veranlaßt hat,.nicht eingeklebte und entwertete Versicherungsmarken der Umtauschstelle, also der beklagten Krankenkasse, zur Aufbewahrung bis zur Beschaffung neuer Quittungskarten zu übergeben, und damit eine vorsätzliche AmtspflichtVerletzung begangen hat. Wenn das Berufungsgericht daraus die Folgerung zieht, es widerspreche der Billigkeit, wenn die beklagte Kasse sich trotz vorsätzlicher Amtspflichtverlet-zung ihres Bediensteten auf die Fahrlässigkeit des Klägers berufe, so entspricht diese Erwägung dem allgemein anerkennten Grundsatz, daß gegenüber vorsätzlicher Handlung ein Mitverschulden des Geschädigten in der Hegel nicht dazu führen kann, den Geschädigten einen Teil des Schadens selbst tragen zu lassen. Sr verlangt vielmehr von der beklagten Ia~ nungskrankenkasse nur Ersatz für die durch deren Bedienste- j ten unterschlagenen Versicherungsmarken im Verte von 1 038 DMj Für diesen Anspruch ist es aber unerheblich, ob das Versi- I cherungsverhältnis des Klägers gegen die Angestelltenvcrsi- i cherung zur Zeit der Übergabe der Versicherungsmarken an den Bediensteten der Beklagten und zur Zeit der Unterschlagung dieser Marken durch diesen Bediensteten bereits erloschen war oder nicht.